[= Umbruch – Beiträge zur sozialen
Transformation in den alten und neuen Bundesländern, Band 19], trafo verlag
2005, 97 S., zahlr. Abb. und Tab., ISBN 3-89626-502-4, 9,80 EUR
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1 Einleitung 7
2 Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer/innen in Ostdeutschland - Ausgrenzung durch Arbeitslosigkeit 13
2.1 Erwerbsarbeit von Bürgern ab 50. Lebensjahr -Entwicklung und Strukturen 13
2.1.1 Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit für ältere Bürger in den neuen Bundesländern 18
2.1.2 Erwerbspotenziale und Erwerbsbeteiligung 21
2.1.3 Erwerbsstrukturen älterer Arbeitnehmer/innen 25
2.2 Arbeitslosigkeit - Entwicklung und Strukturen 32
2.2.1 Arbeitsmarkt neue Bundesländer 32
2.2.2 Unterbeschäftigung 33
2.2.3 Strukturen von Arbeitslosigkeit 35
3 Einkommenslage älterer Arbeitnehmer/innen in den neuen Bundesländern 37
3.1 Einkommenssituation älterer Arbeitnehmer/innen 37
3.2 Individuelle Nettoeinkommen älterer Arbeitnehmer/innen 47
3.3 Rente als Einkommen von 50- bis 64-Jährigen 57
4 Subjektive Befindlichkeiten älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern 67
4.1 Werte und deren Differenzierung 67
4.2 Teilhabe am Erwerbsleben - Handlungsoptionen zwischen Anpassungsdruck und Flexibilität 73
4.3 Bewertung der eigenen wirtschaftlichen Lage und des sozialen Status 84
Anhang 87
Einleitung (Auszug)
Die Lebenssituation älterer Arbeitnehmer/innen in Deutschland wird wesentlich bestimmt von den Umbrüchen in den Wirtschafts-, sozialen Sicherungs- und Erwerbssystemen. Vor allem ältere Arbeitnehmer/innen werden mit einem grundlegenden Wandel ihrer unmittelbaren Arbeits- und Lebenswelt konfrontiert. Als Gruppe der älteren Arbeitnehmer/innen werden hier die Altersjahrgänge zwischen dem 50. und dem 65. Lebensjahr verstanden. Die Lebensverhältnisse - sowohl die soziale Lage als auch die subjektiven Befindlichkeiten - von 50- bis 65-Jährigen werden bundesweit wesentlich geprägt durch:
• den immer enger werdenden Arbeitsmarkt für ältere Arbeitnehmer/innen,
• die gesetzlichen Veränderungen in den Rentenzugangsbedingungen seit 1996/1997,
• die drastische Einschränkung der arbeitsmarktpolitischen Förderung von Beschäftigung,
• die gegenüber Westdeutschland geringeren Möglichkeiten zur Inanspruchnahme von Altersteilzeit als Pfad des Ausstiegs aus der Erwerbstätigkeit.
Diese die Lebenssituation älterer Arbeitnehmer/innen sowohl in Ost- wie Westdeutschland prägenden Einflussfaktoren wurden und werden in Ostdeutschland
verstärkt durch
• die rationalisierungsbedingte drastische Verringerung der Arbeitsplätze, die massenhaft ältere Arbeitnehmer/innen aus dem Erwerbsleben in die Arbeitslosigkeit entfernte und noch immer entfernt und gegenüber Westdeutschland in höherem Maße zu Frühverrentung veranlasst,
• die Deindustrialisierung im Zuge der wirtschaftlichen Transformation und die darauf reagierende breit angelegte gesetzliche Vorruhestandsregelung/Altersübergangsgeldregelung von 1989 bis 1992 .
Vor allem bezogen auf die soziale Lage und die subjektiven Befindlichkeiten älterer Arbeitnehmer/innen in den neuen Bundesländern erweisen sich die genannten bundesweiten und die spezifisch ostdeutschen Entwicklungen als bestimmende Einflussfaktoren.
Die Überleitung der Wirtschaft in marktwirtschaftliche Strukturen und die Abwicklung großer Teile der öffentlichen Verwaltungen und Einrichtungen auf dem Gebiet von Kultur und Wissenschaft waren in Ostdeutschland in den Jahren 1990 bis 1993 mit drastischen Arbeitsplatzverlusten verbunden, in deren Gefolge die Erwerbstätigkeit insgesamt um 2,3 Millionen von
8,9 Millionen im Jahre 1990 auf 6,6 Millionen im Jahre 1993 zurückging.
Insbesondere die Stilllegung ganzer Industriezweige und -bereiche führte nicht nur zum Verlust von Produktions- und Beschäftigungskapazitäten, sondern auch zur massenhaften Entwertung von beruflichen Qualifikationen. Die unmittelbare Konfrontation älterer Arbeitnehmer/innen mit Arbeitslosigkeit, Dequalifizierung und Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt bestärkte in dieser sozialen Gruppe die soziale Verunsicherung und Beeinträchtigung der individuellen Lebensqualität.
Infolge von Strukturveränderungen, ganze Industriezweige betreffenden Rationalisierungswellen, konjunkturbedingten Produktionsrückläufen bzw. Betriebsschließungen setzte sich der Trend der Arbeitsplatzverluste bis 1997 fort. Das widerspiegelte sich im Rückgang der Erwerbstätigkeit in Wirtschaftszweigen und -regionen sowie vor allem der Entberuflichung älterer
Arbeitnehmer/innen. Seit 1997 hat die Zahl der Erwerbstätigen in Ostdeutschland um weitere 0,280 Millionen abgenommen und betrug im Jahre 2003 noch 6,325 Millionen. Der Trend, ältere Arbeitnehmer/innen aus dem Erwerbsleben auszugliedern, setzt sich dennoch weiter fort. Im Zuge dieser Entwicklung haben Unternehmen und Einrichtungen eine strikte
Verjüngung der Beschäftigten zum Preis von Entlassungen, Abfindungen oder Frühverrentung älterer Arbeitnehmer/innen (über 50 Jahre) durchgesetzt.
Entgegen diesem Trend und im Vergleich zu Westdeutschland belegen die relativ hohen Erwerbsquoten dieser Gruppe in Ostdeutschland (z.B. im Jahre 2002 - 55- bis 60-jährige Männer - 82,5 % [West = 77,9 %], Frauen - 76,9 % [West = 53,5 %]) trotz rückläufiger Erwerbsbeteiligung vor allem die hohe Erwerbsorientierung von ab 50-jährigen Arbeitslosen.
Hingegen verlief der Anstieg des Anteils dieser Altersgruppe an den Arbeitslosen in Ostdeutschland von 1992 bis 1999 von 22,4 % auf 31,5 % dramatisch (Westdeutschland 1992 = 31,5 %; 1999 = 34,7 %), zeigt seit dem ein nur allmählich rückläufiges Niveau (2002 Ostdeutschland 25,6 %; Westdeutschland 27,1 %) und wird durch einen großen Anteil von Langzeitarbeitslosen aus dieser Gruppe charakterisiert. Wurde insbesondere der Arbeitslosigkeit älterer Arbeitnehmer/innen durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen (ABM, SAM, Aktion 55+ usw.) entgegengewirkt, werden seit dem Jahre 1999 öffentlich geförderte Beschäftigungen drastisch reduziert (bis 2002 - Ostdeutschland um 49,1 %; Westdeutschland um 41 % 5 ). Für ältere Arbeitslose sinkt damit die Chance einer weiteren, selbst unterbezahlten Beschäftigung ab. Arbeitslosigkeit ist für ältere Arbeitnehmer/innen in Ostdeutschland nur mit geringen Chancen auf einen Wiedereinstieg auf dem 1. Arbeitsmarkt verbunden. Ein solcher Wiedereinstieg wird nicht nur durch den Mangel an Arbeitsplätzen erschwert, sondern - wie entsprechende Studien hinlänglich belegen 6 - durch Vorbehalte seitens der Personalverantwortlichen (Ältere wären nicht leistungsfähig, zu oft krank, zu teuer, nicht flexibel ein-setzbar...)
mit zusätzlichen Hindernissen eingeschränkt.
Der vorgezogene Renteneintritt bleibt für viele ältere Arbeitnehmer/innen die einzige Chance ihrer materiellen Existenzsicherung. Der seit 1996 gesetzlich neu geöffnete Pfad zum Wechsel aus der Erwerbstätigkeit in die Altersrente nach Altersteilzeit ermöglicht bislang eine gegenüber der Regelaltersgrenze vorzeitige Berentung.
Angesichts der Wirtschaftsentwicklung in den neuen Bundesländern ist einerseits aufgrund der geringen Wirtschaftskraft der Mehrheit der Unternehmen eine praktische Realisierung der Anforderungen an die Altersteilzeitarbeit dort kaum realisierbar und andererseits können viele ältere Arbeitnehmer/innen aufgrund von Beschäftigungsunterbrechungen durch Arbeitslosigkeit die Bedingungen für eine Rente nach Altersteilzeit nicht erfüllen. Darüber hinaus schränkt die geringe tarifvertragliche Absicherung der Arbeitsverhältnisse in der privaten Wirtschaft in Ostdeutschland diese Möglichkeit ein (2002 unterlagen nur 24 % der Betriebe der Tarifbindung).
Altersteilzeitangebote bestehen hier (2002 = 12.580 geförderte Leistungsempfänger) hauptsächlich im öffentlichen Dienst (Verwaltung, Gesundheitswesen, Unterricht und Erziehung) und in den wenigen vorhandenen Großbetrieben.
Seit 1996 wurden vom jeweiligen Gesetzgeber insgesamt zwölf direkt und indirekt rentenmindernde, die Renten von der Lohnentwicklung abkoppelnde, das Rentenniveau senkende bzw. die Rentenzahlbeträge verringernde Maßnahmen durchgesetzt.
Insbesondere mit der Anhebung der Altersgrenze für den Zugang zu einzelnen Rentenarten seit 1997 10 und der neuerlich geplanten Anhebung des Zugangsalters zu Renten wegen Arbeitslosigkeit und nach Altersteilzeit ab 2006 von 60 auf 63 Jahre (RV-Nachhaltigkeitsgesetz) wird dem Wechsel älterer Arbeitnehmer/innen vom Erwerbsleben in die gesetzliche Altersrente vor Vollendung des 65. Lebensjahres entgegengesteuert, ohne dass der Arbeitsmarkt dafür eine Alternative bietet. Der den Betroffenen offene Weg ist der vorzeitige Rentenbezug unter Hinnahme von Abschlägen.
Die soziale Lage von älteren Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen wird wesentlich bestimmt durch ihre Einkommenslage. Für Erwerbstätige unter ihnen schlägt sich das in hohem Maße in untertariflicher Entlohnung nieder. Ein hoher Anteil ist auf Arbeitslosengeld bzw. Arbeitslosenhilfe angewiesen. Für die Mehrheit der ab 60-Jährigen in Ostdeutschland bedeutet
dies, dass die Renten bzw. die vorgezogenen Renten aus der gesetzlichen Rentenversicherung die Haupteinkommensquelle darstellen. Zusätzliche Einkünfte aus Betriebsrenten (27 % - Ostdeutschland; 35 % - Westdeutschland) und aus privater Altersvorsorge sind nur im geringen Maße vorhanden bzw. zu erwarten.
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