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Kühnel, Klaus

Erich Sturm. (1894–1989). Politik ist die Kunst des Möglichen

[= BzG – Kleine Reihe Biographien, Bd. 4], trafo verlag 2004, 91 S., Abb., ISBN 3-89626-500-8, ISBN 3-89626-500-5, 8,80 EUR

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Zum Inhalt

Als er mir erstmals die Tür öffnete, war ich enttäuscht. Ich hatte einen strahlenden Helden erwartet, einen Hünen, der seinem Namen Ehre macht, einen Sturm eben. Aber was da im Juni 1983 auf mich zu kam, war allerhöchstens ein Lufthauch, ein Vorüberwehen. Und dann diese ungeheuer leise Stimme, unterhalb jeder männlichen Lage, fiepsig, fistlich, fast schon nicht mehr hörbar. Diese Stimme war eigentlich unbrauchbar für mich und das Radio. Von Stimmen lebt der Rundfunk. Ungeschulte Stimmen sind sein Salz in der Suppe, sie beleben ihn. Aber was mir da geboten wurde, war überhaupt keine Stimme. Innerlich hatte ich mein mitgeschlepptes Aufnahmegerät bereits wieder eingepackt, obwohl es noch gar nicht auf dem Tisch stand.

Dann reichte mir Erich Sturm seine Hand. Ihr Druck ließ mich aufblicken. Ein solches Zugreifen hatte ich nun aber wirklich nicht von einem Mann mit solch bänglicher Stimme erwartet. Kaum saßen wir, aufmerksam und gut bewirtet von Ehefrau Marianne, die immer in der Nähe war und blieb, kaum saßen wir am Kaffeetisch, als Erich Sturm auch schon zu reden begann. Aber nicht von sich, sondern vom Lauf der Zeit, von ausweichlichen und unausweichlichen Dingen, von Alltäglichkeiten sprach er in der für ihn typischen Art des Philosophierens, des Hin- und Herwiegens eines Gedankens, des Abwägens, wie weit er gehen könne dem unbekannten Reporter gegenüber.

Wie er sprach, das faszinierte mich.

Bald hatte ich seine unmögliche Stimme vergessen. Ich war in seinem Bann und hatte alle Hände voll zu tun, mein Gerät aufzubauen und gleichzeitig seinen Redefluss zu bremsen, hatte ich doch die Erfahrung gemacht: Was schon einmal ohne Mikrofon erzählt wurde, verliert beim zweiten Mal an Ursprünglichkeit und Kraft, weil der Befragte innerlich denkt: Das ist aber ein unaufmerksamer Zuhörer! Was er mich jetzt fragt, habe ich doch eben zum besten gegeben. Aber auch das war bei Erich Sturm anders. Er konnte die gleiche Sache mehrmals erzählen, ohne dass sein Bericht ermüdet wirkte. Mir fiel auf, dass er, erzählte er etwas zum wiederholten Male, nicht dieselben Worte gebrauchte. Er hatte seine Erlebnisse keineswegs bereits so oft erzählt, dass seine Worte zu Versatzstücken verkommen waren, zu Textbausteinen, die automatisch aus seinem Mund fielen, wenn ein Thema berührt wurde. Das ließ mich auf eine gute Sendung hoffen.

Unser Gesprächsgegenstand war Siegfried Rädel, ein ehemaliger Reichstagsabgeordneter aus Pirna, der in Frankreich Exil gefunden hatte, dort an der Spitze der Emigrationsleitung deutscher Kommunisten stand und dem Internationalen Beirat beim Oberkommissar des Völkerbundes für Flüchtlinge angehörte. 1939 war Rädel von den französisches Behörden interniert und später ins Lager Le Vernet gebracht worden. Von dort kam er nach Castres ins Gefängnis. Er sollte aufgepäppelt und als wohlgenährter Mann an Deutschland ausgeliefert werden. Um das zu verhindern, verlieh die Sowjetunion dem deutschen Kommunisten ihre Staatsbürgerschaft. Aber das Vichy-Regime überstellte ihn „als Geste des Guten Willens" dennoch an die Nationalsozialisten. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn zum Tode und ließ am 10. Mai 1943 das Urteil vollstrecken. Siegfried Rädel war der Freund von Erich Sturm gewesen und der Überlebende erzählte freiweg von ihm, von Mensch zu Mensch sozusagen. Von ihm erfuhr ich auch, dass Rädel in Paris seiner in Deutschland zurück gelassenen Frau „untreu" geworden war, sich eine Geliebte zugelegt hatte und mit ihr lebte. Das war selbstverständlich ein Makel auf der weißen Weste des Kommunisten: Seine Frau besuchte den Überstellten deshalb nicht im Gefängnis, die Partei verhinderte später das Bekanntwerden dieses so verständlichen Details aus dem Leben eines menschlich empfindenden Widerstandskämpfers. Auch in meiner Sendung wurde nicht erwähnt, was nicht sein durfte. Erich Sturm, erzählte mir seine Tochter Marie-Luise dieser Tage, sei sehr enttäuscht gewesen von unserm Beitrag über Rädel, aber nicht, tröstete sie sofort, weil wir den Fehltritt des Unerschrockenen verschweigen hatten, sondern weil ihr Vater bei seinem Bericht so sehr gesächselt habe. Mir war weder das Sächseln aufgefallen noch die aus dieser Mitteilung abzuleitende Eitelkeit Erich Sturms. Im Gegenteil. Er stellte sich stets in den Hintergrund, berichtete nicht von seinen Heldentaten, sondern ordnete sich stets seiner Gemeinschaft ein: Nicht Ich habe etwas vollbracht, sondern Wir, betonte er immer wieder und ich hatte dabei nicht einmal das schlechte Gewissen, das mich immer wieder beschlich, wenn ich in der DDR „Wir" hörte, ein Wir, das jede Individualität ausschloss. Benutzte Erich Sturm dieses Wort „Wir", bestand es in jeden Fall aus einer Anhäufung von einzelnen Persönlichkeiten, von „Ichs", die den anderen so respektierten, wie er war (oder sich gab oder sich geben zu müssen glaubte) und für sich in Anspruch nahmen, ein „Ich selbst" zu sein. Sein „Wir" war also weder einnehmend noch ausschließend, sein „Wir" stand allen offen, die es annehmen wollten, die sich einfügen wollten, die sich dieser Gemeinschaft anschließen wollten. Das hat mich verwundert, denn von einem solchen „Wir" habe ich sonst kaum reden hören. Gehandelt hat gar keiner danach, auch ich nicht. Für mich waren das offizielle „Wir" stets die anderen, die bei meinem privaten „Wir" immer ausgeschlossen waren. Natürlich wechselte mal die eine Person vom Kreis der eigentlich Ausgeschlossenen in den Kreis der Freunde und -viel häufiger- auch umgekehrt, aber dieses offiziell regierende „Wir" (das sich in Ämtern sehr schnell zu einem gemeinmachenden „Du" in der Anrede äußerte) schuf immer gegnerische Gruppen, die sich gegenseitig kaum den Status quo einräumten und schon gar nicht an friedlicher Koexistenz interessiert waren. All das gab es bei Erich Sturm nicht, hatte ich den Eindruck, bei seinem „Wir" konnte jeder der Mensch sein, der er sein wollte. So hat er jedem wirklich zugestanden, „nach seiner Fasson selig zu werden." Auch wenn es ihn schmerzte. „Mitunter", sagte er mir, „bin ich traurig dass, in meiner Familie nicht alles glatt gelaufen ist." Dann machte er eine Andeutung, die sich nur menschlich, nicht aber politisch „auswerten" ließ: Der Sohn aus erster Ehe konnte seine zweite Eheschließung nicht verwinden. Kein Wort der Klage über eine auch aus dieser Verbindung vorhandene Tochter, die recht zeitig die Republik verlassen hatte. Für Erich Sturm hieß das in erster Linie: ihn, den Vater, hatte die junge Frau verlassen, nicht sein Ideal von einer dem Menschen würdigen Gesellschaft, nicht seine Partei, nicht diesen Staat. Trotz meiner Nachfragen hat er sich dazu nicht weiter geäußert, ich nehme an: er wusste nicht so recht, wie ich zu diesem Problem stehe. Nicht, dass Erich Sturm nach dem Munde geredet hätte, so jemand, glaube ich, war er zu keiner Zeit seines Lebens, aber er nahm Rücksicht auf die Denkweisen anderer. Er tolerierte, wie er selbst gern toleriert sein wollte. Toleranz, denke ich, war, was man von ihm lernen konnte. Aber was hilft persönliche Toleranz in einer Gesellschaft, die für sich in Anspruch nahm, auch das private Leben ihrer Bürger zu beeinflussen, zu kontrollieren, zu bevormunden?

Erich Sturm hatte ein Mittel, seine Enttäuschungen mit Ämtern und Behörden, mit Partei und Familie zu überwinden und zu verarbeiten: die Malerei. Er verstand darunter selbstverständlich nicht nur den Umgang mit Pinsel, Farbe, Leinwand und Staffelei, sondern auch mit Linoleum, Schabmesser und Druckpresse. Wenn er sich einer Sache nicht sicher war oder den rechten Weg noch nicht kannte oder überlegen wollte, ob er richtig gehandelt hatte, setzte er sich hin und malte, schließlich hatte er sogar die berühmte Dresdener Akademie besucht. Beim Malen entspannte er sich, im wahrsten Sinne des Wortes, beim Malen fand er zu sich selbst. Aber er hielt es nicht für Selbstverwirklichung, sondern für Therapie in allen Lebenslagen. Gelegentlich kämpfte er sogar mit Bleistift und Papier gegen die Langeweile, so beim Zweiten Bundeskongress des Kulturbundes der DDR, der vom 23. bis 27. November 1949 in (Ost-)Berlin tagte. Über siebenhundert Delegierte aus allen Teilen des gerade staatlich getrennten Deutschlands nahmen daran teil, unter ihnen der hauptamtliche Kreissekretär des Kulturbundes von Pirna, Erich Sturm. Er saß dort wie immer, behauptet er, nur in der zweiten Reihe und wer den Philosophen von der Elbe kennt, der weiß, dass dies nicht wörtlich gemeint war, sondern eines seiner vielen Bilder, in denen er das Leben beschrieb. Seiner Langenweile verdanken wir hervorragende Bleistiftzeichnungen der Größen aus dem Präsidium der Fünftagesitzung. Unter den Rednern damals auch Klaus Gysi, der spätere Staatssekretär für Kirchenfragen und noch spätere Botschafter der DDR in Rom, der über die künftigen Aufgaben des Kulturbundes referierte. Leider ist es bisher nicht gelungen, alle skizzenhaft karikierte Personen dieser Serie zu identifizieren. Interessant ist auch, wen von den Prominenten Erich Sturm nicht zeichnete: Otto Grotewohl beispielsweise, den selbst aquarellierenden Ministerpräsidenten, der über das Problem Intelligenz und Nation sprach und Johannes Robert Becher, den Verfasser der gerade neu geschaffenen Nationalhymne der DDR, am 7. November 1949 erstmals aus Anlass des Staatsaktes zu Ehren der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution öffentlich aufgeführt. Auch damals schon in der Vertonung von Hanns Eisler, obwohl auch der Leipziger Komponist Ottmar Gerster eine Fassung vorgelegt hatte, die jedoch vom Kulturbund abgelehnt worden war. Selbstverständlich wurden damals noch alle Strophen der Nationalhymne gesungen. Die DDR trat zu diesem Zeitpunkt noch immer für die staatliche Einheit ein, die von Adenauer mit dem Satz „Lieber ein halbes Deutschland ganz als ein ganzes Deutschland nur halb besitzen" erbittert abgelehnt wurde, denn das wiedervereinigte Deutschland sollte, darauf bestanden die Sowjets, politisch blockfrei sein und militärisch neutral. Es gab später sogar für die in den Warschauer Vertrag aufgenommene DDR eine Sonderklausel: Sollten sich beiden deutschen Separatstaaten wieder vereinigen, kann die DDR ohne Schwierigkeit das Paktsystem verlassen. Über die Vereinigung der beiden deutschen Staaten haben Erich Sturm und ich während unserer Gespräche allerdings nicht geredet. Sie war außerhalb unserer Vorstellung und Erwartung.

Als ich Mitte März 2003 zufällig in das Telefonbuch von Pirna schaute, weil ich die vollständige Adresse einer Pension nachschlagen wollte, traf mich fast der Schlag: Da stand noch immer unter seiner Adresse von einst Erich Sturm. Sehr bald aber stellte sich heraus, dass unter dieser Nummer seine Witwe Marianne zu erreichen war. Wir verabredeten einen Termin, es war zufällig das Datum des 109. Geburtstages von Erich Sturm. Es wurde ein schöner Nachmittag, nicht zu ruhig, nicht zu turbulent, wahrscheinlich so, wie ihn Erich Sturm geliebt hat: Die Tochter Marie-Luise war aus Braunschweig gekommen. Sie hatte ihren Mann mitgebracht und die jüngste Enkeltochter des Jubilars. Von ihr erfuhr ich endlich, was ihr Vater mir verschwiegen hatte: dass er einst den Vaterländischen erhalten, aber niemals Gebrauch davon gemacht hatte, nicht einmal, als sie ihres Traumberufes wegen von den Behörden der DDR ausgelacht wurde. Plakat- und Schildermalerin wollte sie werden, ein Auslaufmodell. Plakate und Schilder wurden nicht mehr gemalt. Dass sie es dennoch geworden ist, verdankt sie der Initiative ihrer Mutter Marianne und dem eigenen unbeugsamen Willen, wahrscheinlich ein Erbgut ihres Vaters. Leider konnte sich ihr Bruder Albrecht nicht frei nehmen. Er war in der Stadt unabkömmlich, gerade an diesem Tag, aber seine Tochter schaute bei der Oma herein. Natürlich sprachen wir vor allem von Erich Sturm, dessen Bilder die Wände zierten. In der Küche hing ein Spruch, geschrieben von der Kalligraphin Marie-Luise, der, glaube ich, dem Vater sehr gefallen hätte: Man muß lachen, bevor man glücklich ist, um nicht zu sterben, bevor man gelacht hat.

 

Berlin, 29. April 2003

Klaus Kühnel

 

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