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Thea Sternheim

Sackgassen

Sackgassen", hrsg. von Monika Melchert, mit einem Nachwort von Regula Wyss, [= Spurensuche. Vergessene Autorinnen wiederentdeckt, Bd. 5], trafo verlag 2005, 310 S., Abb., ISBN (10) 3-89626-498-2, ISBN (13) 978-3-89626-498-5, 39,80 EUR

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Zu den Rezensionen

 

  Thea Sternheim mit Tochter Mopsa um 1912

Ingeborg Bachmann 1952 in einer Besprechung des Romans „Sackgassen“ in „Wort und Wahrheit“, in: I. Bachmann, Kritische Schriften, Piper Verlag München, Zürich 2005, S. 16:

"Die 'Sackgassen’ haben – und das läßt sich nur von wenigen deutschen Romanen der letzten Jahre behaupten – europäisches Format. Himmel und Hölle sind in diesem Buch; im ‚Fegefeuer der Erfahrung’ steht die Generation, der heute die Schuld an zwei großen Kriegen zugeschrieben wird. Ihr geistiges, religiöses und politisches Abenteuer wird sichtbar und macht das Folgende verständlich.
Bestimmt und kritisch steht Thea Sternheim über ihrem Werk, aber sie ist auch mitten drin, erlebend, erleidend und suchend. Sie hat sich mit allem Wissen und Glauben verirrt, aber sie hat den Mut zum Irrtum und zum Bekennen, in äußerlicher Ehrlichkeit. Sie entscheidet sich für das 'Im Dunkel leben, im Dunkel tun, was wir können’, weil ihre Fragen unbeantwortet bleiben müssen und Gott hier mit abgewendetem Gesicht spricht. Die Kreise, die sie, aus dem Dunkel heraus, beschreibt, berühren eine Lichtung, schließen sich aber – im Leben, im Fragwürdigen, dem legitimen Gegenstand des Erzählens."

 

Nachwort

"Glücklich allein. Mir gehören zu dürfen. Ich bedarf zu Zeiten der Sammlung, der Einkehr. Wie gehn meine Gedanken? Wünsche, viele Wünsche, ungeordnete Wünsche. [...] Warum bin ich nicht imstande ein Kunstwerk zu schaffen? Wie oft packt mich eine unwiderstehliche Sehnsucht nach Äußerung! Ich bin wie einer, der das Feuer an seinen Fersen fühlt, und dem die Stimme verschlägt, zu schreien."

Diese Sätze notiert Thea Sternheim in ihrem Tagebuch am 27. Februar 1911. Sie ist 28 Jahre alt, lebt mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem dreijährigen Sohn Klaus in ihrem Haus "Bellemaison", einem schloßartigen Anwesen in Höllriegelskreuth bei München. Sternheim verfaßt in diesen Jahren die Komödien aus dem bürgerlichen Heldenleben, die auf deutschen Bühnen erfolgreich sein werden; seine Frau unterstützt ihn dabei als Muse, Mäzenin und Beraterin. Der Lebensstil der Sternheims ist äußerst aufwendig, häufig empfangen sie Gäste, etwa den Schriftsteller Franz Blei und seine Frau Maria, den Maler Ernesto di Fiori, den Theaterregisseur Max Reinhardt und immer wieder Verwandte vor allem von Carl Sternheim. Thea Sternheim besorgt zusammen mit ihren Dienstboten das Hauswesen, ist gewandte Gastgeberin und nimmt am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teil – allerdings scheint in ihrem Tagebuch immer wieder das Bedürfnis nach einem intimeren Familienleben in einfacheren Verhältnissen auf, nach Ruhe und Rückzug. Dies wären die Voraussetzungen, um schöpferisch tätig sein zu können, und der Wunsch "Schaffen dürfen! schaffen können!" (TB, 12.11.1912) bleibt während Jahrzehnten ein bedeutendes Leitmotiv in ihren Aufzeichnungen.

Am 25. November 1883 wird Thea als drittes Kind ihrer Eltern Agnes und Georg Bauer in Neuss geboren und auf die Vornamen Olga Maria Theresia Gustava getauft. Die Familie ist sehr wohlhabend, der Vater zusammen mit Christian Schaurte Inhaber der rheinischen "Schrauben- und Mutternfabrik Bauer und Schaurte". Thea wächst mit zwei Brüdern auf, Richard ist sechs, Theodor drei Jahre älter als sie. Vor dem Vater, der in Militärkreisen verkehrt, scheint sich das Mädchen gefürchtet zu haben. Zwar bevorzugt er sie als einzige Tochter, kann es aber nicht lassen, sie bei jeder Gelegenheit zu maßregeln und zu belehren. Die Erinnerungen an die Mutter in dieser frühen Zeit sind weniger deutlich. Die Stimmung im Haus ist oft gedrückt, die Mutter leidet unter der Untreue ihres Mannes. Schon früh macht das Kind die Erfahrung, daß das gutbürgerliche, wohlanständige Leben oft nur Fassade ist. Drei Tanten sind geschieden, ein Onkel in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Ihre Großmutter mütterlicherseits wurde von ihrem Ehemann verlassen und hat ihre Kinder allein erzogen. Sie ist die positivste Figur in Theas Kindheit; das Mädchen erlebt sie als eine warmherzige und ausgeglichene Frau, die trotz familiärer und finanzieller Schwierigkeiten ihre Heiterkeit bewahrt hat.

1888 übersiedelt die Familie Bauer nach Köln in ein Haus am Hansaring. Thea liest Reclamheftchen mit klassischen Dramen von Lessing, Goethe und Schiller. Schon bald weiß sie ganze Szenen auswendig und beginnt in kindlichem Eifer selbst Theaterstücke zu verfassen. Theas Familie ist katholisch, und das Mädchen fühlt sich von dieser Vorstellungswelt, vom Ritus sehr angezogen; trotzdem ist der Katholizismus die erste Autorität, die Thea zu untergraben beginnt. Etlichen Kindern wird der Umgang mit ihr verboten. Rückblickend, als alte Frau, hat Thea Sternheim ihre Kölner Kindheit mit der Formel "Anarchie und Frommsein" (TB, 31.8.1960) charakterisiert. Dieser Ausdruck trifft wohl nicht nur auf ihre jungen Jahre zu: Ihre kritische, hinterfragende Haltung den kirchlichen und den weltlichen Autoritäten gegenüber wird Thea auch als erwachsene Frau bewahren.

Im Frühjahr 1896 tritt Thea in das Pensionat der Schwestern Josefine und Anna Meurin in Bonn ein. Sie lernt dort Eugenie Hauth, die spätere erste Frau Carl Sternheims, kennen. In Bonn, schreibt Thea Sternheim in ihren "Erinnerungen"1, sei sie weder froh noch traurig gewesen. Die Zeit habe sie als langweilig, ohne große Höhe- und Tiefpunkte, erlebt. Die strenge Disziplin im Pensionat empfindet sie als Freiheitsberaubung und ist empört, daß die Briefe von den Pensionatsleiterinnen geöffnet und gelesen werden. Krankheitshalber kann sie sich oft dem Unterricht entziehen und schreibt in einem Zug ein Drama mit fünf Akten: "Johannes Hus". Dieses Stück widerspiegelt ihre antiautoritäre und antiklerikale Einstellung: Papst und Kaiser werden als Gauner, der Ketzer Johannes Hus als edler Märtyrer dargestellt. Das junge Mädchen malt sich eine Zukunft als Theaterregisseurin und Bühnenbildnerin aus, die ihre eigenen Theaterstücke inszeniert und frei und ungebunden lebt, ohne Ehemann und ohne Kinder.

Nach zwei Jahren verläßt Thea das Bonner Pensionat ohne Bedauern und wird von den Eltern in ein Mädcheninstitut in Brüssel geschickt. Diese Jahre sind für sie prägend und bleiben ihr in bester Erinnerung: Sie lernt Mädchen aus verschiedensten Ländern kennen, der Unterricht vermag sie zu fesseln. Vor allem entdeckt sie die frankophone Literatur sowie die Geschichte und Kulturgeschichte. In der Geschichte, etwa der niederländischen, fasziniert sie jede Art der Auflehnung gegen Gewaltherrschaft. In den Museen von Brüssel, Antwerpen, Brügge und Gent sieht sie erstmals die Bilder Jan van Eycks, Rogier van der Weydens, Hugo van der Goes’, Hans Memlings und anderer, die ihr zeitlebens bedeutsam bleiben. Die Bücher Maurice Maeterlincks erschüttern sie derart, daß sie dem Autor schreibt. Am 29.10.1926 notiert Thea Sternheim in ihr Tagebuch: "Noch heute entsinne ich mich des inneren Aufruhrs, den ich mit Maeterlincks Antwortschreiben auf meinen an ihn gerichteten Brief empfand. Überhaupt war die in Brüssel verlebte Zeit mit Verlaine, Pascal, Verhaeren und Maeterlinck unbedingt die an musischen Eindrücken reichste meiner Jugend; die, wo ich mein natürliches Ich selbstverständlich leben durfte, die mir gemäße Stellung einnahm, den meinen ähnlichen Interessen vielfach bei anderen begegnete. Das Geschlechtliche war noch ausgeschaltet, keine Enttäuschung hatte meinen Enthusiasmus geknickt."

In ihrem Roman "Sackgassen" wird Thea Sternheim auf ihre Erinnerungen an die Zeit im Brüsseler Institut zurückgreifen: Begegnungen mit Lehrerinnen und mit Gleichaltrigen, die Begeisterung für Lektüren, die Reflexion über Kultur und Kunst sind in diesem Werk zentrale Themen.

Während der Sommerferien lernt Thea Bauer in Köln einen Bekannten ihres Bruders, den angehenden Rechtsanwalt Arthur Löwenstein, kennen. Sie unterhält sich gern mit ihm, dem Musikliebhaber, über künstlerische Dinge und schätzt seine galanten Umgangsformen. Sie verlieben sich, treffen sich heimlich und verloben sich vor ihrer Rückkehr ins Institut. Thea ist zu diesem Zeitpunkt fünfzehn, Arthur Löwenstein fünfundzwanzig Jahre alt. Rückblickend fragt sich Thea Sternheim in ihren "Erinnerungen", ob sie Arthur je geliebt habe, und kommt zum Schluß, sie habe sich wohl eingebildet, Arthur zu lieben, weil sie so viel von Liebeshändeln gelesen oder im Theater gesehen habe. Thea reist zurück nach Brüssel, und die beiden beginnen einen regen Briefwechsel, den Thea später "pathetisch" nennen wird. Als Theas Vater davon erfährt, kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen; er verbietet der Tochter jede Korrespondenz mit Löwenstein. Dieser wolle sie nur des Geldes wegen heiraten. Die ablehnende Haltung des Vaters weckt den Widerspruchsgeist der Tochter: Den Briefwechsel führt sie fort; sie trifft Arthur weiterhin heimlich und entschließt sich, ihn aus Trotz zu heiraten. Nach einem handgreiflichen Streit mit den Eltern schmieden Thea und Arthur Fluchtpläne. Sie schreibt ihren Eltern einen dezidierten und schonungslosen Brief, in dem sie deren antisemitische Einstellung, gegen die sie schon bei früheren Gelegenheiten revoltiert hat, anprangert. Sie wolle auf ihr Erbe verzichten und mit ihrem Elternhaus endgültig brechen. Thea Bauer und Arthur Löwenstein reisen nach England, am 10. November 1901 lassen sich die beiden heimlich in London trauen. Die Flitterwochen erlebt die erotisch unerfahrene junge Frau als desillusionierend. Schon bald beginnt sie sich gegen Arthur aufzulehnen, der sie bevormundet und kontrolliert. Das Ehepaar zieht nach Düsseldorf Obercassel; im alltäglichen Zusammenleben wird deutlich, daß die Ehepartner sehr unterschiedliche Interessen haben. Thea Löwenstein zieht sich zurück, entdeckt die Werke russischer Autoren, vor allem Tolstoj, Dostojewski und Gogol, die sie zeitlebens schätzen wird. Sie denkt über den Brief an ihre Eltern nach, findet ihn rückblickend unnatürlich, brutal, verlogen. Reuig schreibt sie dem Vater und bittet ihn um Verzeihung. Es kommt zu einer Annäherung, als sich das Paar bereit erklärt, sich kirchlich trauen zu lassen und die Kinder später katholisch zu erziehen. Am Abend des 3. Dezember 1902 wird Theas erstes Kind, Agnes, geboren. Doch die Ehepartner entfremden sich zunehmend voneinander; er interessiert sich vor allem für seine Arbeit und sein Violinspiel, sie wendet sich dem Kind und ihren Lektüren zu.

In dieser Situation kommt es im Frühjahr 1903 zur ersten Begegnung mit dem jungen Schriftsteller Carl Sternheim, der mit Eugenie Hauth, der ehemaligen Mitschülerin aus dem Bonner Pensionat, verheiratet ist. Zu Beginn fühlt sich Thea Löwenstein von Sternheims exzentrischer, großsprecherischer Art gleichzeitig abgestoßen und angezogen. Die Lektüre seines Dramas "Judas Ischarioth" (1901) beeindruckt sie jedoch, und sie beginnt eine Korrespondenz mit ihm. Im Jahr 1904 kommt es zu einigen heimlichen Treffen, und Thea Löwenstein verliebt sich leidenschaftlich in Carl Sternheim. Sie ist fasziniert von ihm als dem schöpferischen Mann, sie bewundert seine Kreativität. Schon in ihren frühen Briefen erklärt sie sich bereit, Sternheim in seiner Arbeit gerne und tatkräftig zu unterstützen.

Am 10. Januar 1905 kommt ihre und Carl Sternheims Tochter Dorothea (Moiby, später Mopsa) mit dem Namen Löwenstein zur Welt. Der erste genau datierte Eintrag in Thea Löwensteins Tagebuch, das sie bis kurz vor ihrem Tod am 5. Juli 1971 in Basel führen wird, trägt das Datum 5. Januar 1905. Nun beginnen für die junge Frau bewegte Zeiten, die bis zu Beginn der 30er Jahre mit vielen Ortswechseln verbunden sind.

Mit Sternheim führt sie zunächst einen heimlichen Briefwechsel, und ihre Beziehung zu Carl gibt immer wieder Anlaß für Spannungen zwischen Thea und Arthur Löwenstein. Sternheim ist zu dieser Zeit häufig auf Reisen und lebt zeitweise mit einer anderen Frau, Rahel Hermann, zusammen. Thea Löwenstein verbringt viel Zeit mit ihren Kindern. Nach einem heftigen Streit verläßt sie ihren Ehemann im Dezember 1906, weil sie mit Carl Sternheim zusammenleben will. "In jener Nacht, als ich meine Kinder verließ, las ich die Bovary. Hinter der Beschreibung einer Episode, die gerade in jenen Tagen eher geeignet war mich ganz zu zerrütten, fand ich die Erkenntnisse eines erhabenen Herzens", notiert Thea Sternheim in ihrem Tagebuch am 13. April 1912. Gustave Flaubert wird sie ihr Leben lang wie einen Heiligen verehren. Die beiden Töchter Agnes und Moiby bleiben bei Löwenstein zurück und werden ihm nach der Scheidung (April 1907) zugesprochen. Im Mai 1906 ist Thea Löwensteins Vater gestorben und hat ihr sowie ihren beiden Brüdern ein Vermögen von gegen sechs Millionen Mark hinterlassen. Carl Sternheim heiratet am 13. Juli 1907 eine sehr reiche Frau; sie hat die Mittel, in der Nähe von München ein schloßartiges Anwesen, "Bellemaison", bauen zu lassen.

Vor dem Einzug, von Juni 1907 bis Ende Mai 1908, leben Thea und Carl Sternheim in einem Haus in Pullach bei München. Hier wird am 2. Januar 1908 ihr zweites gemeinsames Kind Klaus (Agnes Franz Nikolaus) geboren. Wie eingangs erwähnt, führen sie in "Bellemaison" ein prunkvolles Leben und pflegen Kontakte zu Künstlern, Schriftstellern, Theaterleuten. Im Jahr 1908 beginnen Sternheims mit dem Aufbau einer wertvollen Bildersammlung. Am Anfang sind es Werke Renoirs und van Goghs, zu dessen ersten Sammlern in Deutschland sie gehören.

Als Carl Sternheims Vater, Teilhaber einer Bank in Berlin, wegen Unregelmäßigkeiten in seiner Geschäftsführung in Schwierigkeiten gerät, kann die kostspielige Lebensführung nicht länger aufrechterhalten werden. Denn auch Thea Sternheim muß einen Teil der Schulden übernehmen. Nach dem Verkauf von "Bellemaison" ziehen Sternheims im August 1912 nach Belgien, zunächst nach Westende und ab 30. Juni 1913 nach La Hulpe in der Nähe von Brüssel. In Belgien, in der Gegend von Groenendael, die auch in ihrem Roman "Sackgassen" eine wichtige Rolle spielt, fühlt sich Thea Sternheim seit ihrer Jugendzeit heimisch. Sie liebt diese Landschaft, die sie mit dem flämischen Mystiker Johannes von Ruysbroek (1293–1381) in Verbindung bringt. Die Tochter Moiby lebt dank Thea Sternheims Anwalt und Verehrer Siegfried Adler seit August 1912 bei Sternheims. Thea verbringt viel Zeit mit ihren Kindern, zu denen sie ein inniges Verhältnis hat, und unterrichtet sie zum Teil selber. In Belgien lernen Sternheims den expressionistischen Dichter und Literaturwissenschaftler Ernst Stadler kennen und schätzen, sie befreunden sich mit dem Malerpaar Degouve de Nunques und mit dem Schriftsteller Emile Verhaeren. Thea Sternheim richtet sich ein Fotolabor ein, porträtiert Bekannte, Freundinnen und Freunde, Prominente und die Familienmitglieder. Sie versucht, ein möglichst eigenständiges Leben zu führen; die Illusionen über ihre Ehe hat sie längst verloren. Carl Sternheim hat seit Jahren zahlreiche außereheliche Liebesverhältnisse, und Thea weiß, daß er sich nicht ändern wird. Und immer wieder formuliert sie in ihrem Tagebuch den Wunsch, schöpferisch tätig zu sein und Großes zu schaffen: "Denn in mir liegen kolossale Energien brach. Ich bin für die Leidenschaft, für die große Arbeit geschaffen, so körperlich, so geistig. Die schönsten Tage sind die, an denen keine Stunde übrig bleibt. Nie ist mir Freude am gesellschaftlichen Zusammensein zuteil geworden. Ich habe nicht den Drang, Erschautes, Erlauschtes, Erlebtes zu genießen, sondern will es verwerten. Die Verwertung zu neuer Tat. Zu einer schönen Tat vielleicht. Und wenn ich nur dazu taugte, das Überkommene, ohne es zu mindern, weiterzugeben!", notiert sie am 24. November 1913.

Am 4. August 1914 muß die Familie nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien überstürzt fliehen und kommt zunächst bei Verwandten in Deutschland unter. Ab Ende August 1914 bis Ende März 1915 wohnt sie in Bad Harzburg, anschließend in Königstein/Taunus, wo Sternheim zeitweise aus Furcht vor der bevorstehenden Musterung in einem Sanatorium lebt. Der Kriegsausbruch, den Thea Sternheim noch 1930 als fürchterlichen Riß in ihrem Leben bezeichnet, hat sie erschüttert, gleichzeitig aber auch ihr politisches Bewußtsein geschärft. Ernst Stadler fällt, 31jährig, am 30. Oktober 1914 bei Ypern. Freundschaften zu Belgiern und Belgierinnen gehen in die Brüche oder sind schwer belastet. Fassungslos und entsetzt verfolgt Thea Sternheim das Kriegsgeschehen, sie klebt zunehmend Zeitungsartikel in ihr Tagebuch ein und hält ihre Reflexionen fest. Dezidiert lehnt sie jede Art von Nationalismus und Militarismus ab, nicht nur den deutschen, und beginnt sich mit Pazifismus und Sozialismus auseinanderzusetzen. Von wachsender Bedeutung wird in diesen Jahren auch die Auseinandersetzung mit religiösen Fragen und Büchern religiösen Inhalts. Die Lektüre von Tolstojs Werken, den sie verehrt, erhält im Krieg eine neue Brisanz. Nach intensivem Studium von dessen Schriften verfaßt Thea Sternheim einen Artikel über den Autor und seinen im Urchristentum fundierten Pazifismus.

"Des Staates Anrecht an eines Jeden Person, das der Christ in den Zeiten des Friedens mit seiner Erkenntnis vereinbar hielt, zwingt ihn zu qualvoller Entscheidung. An Stelle seines Gottes tritt eine andere Macht und diktiert ihm Gesetze, die den bisher als wahrhaftig erkannten zuwiderlaufen. Liebe deine Feinde, segne die, die dir fluchen, tue wohl denen die dich hassen, sagt Christus. Hasse deine Feinde, vernichte sie, sagt der Staat. Kein Dogma vermag den Abgrund zu überbrücken, der die evangelische Forderung von der heutiger Staaten trennt, kein Sakrament die Not seines Gewissens zu stillen und der reine Christ wird, ist er nicht imstande für seine Idee Gefängnisstrafe, vielleicht den Tod auf sich zu nehmen, den Krieg erleiden wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und seinen Mund nicht auftun.

Leo Tolstoi sah die Katastrophe, die jetzt über das Christentum hereingebrochen ist, voraus. Er sah, daß der Krieg für das christliche Gewissen in der Periode der allgemeinen Wehrpflicht ganz andere Entscheidungen verlangt, als zu einer Zeit, da die Staaten es dem Einzelnen noch freistellten, die Waffe zu ergreifen oder nicht. In den Schriften ‘Christentum und Vaterlandsliebe’ oder ‘Patriotismus und Regierung’ und in dem Drama ‘Das Licht leuchtet in die Finsternis’ entscheidet Tolstoi diesen Konflikt mit eindeutigen Worten."2

Im Frühjahr 1915 sollte der Artikel in der Zeitschrift "Die Aktion", herausgegeben vom linksradikalen Publizisten Franz Pfemfert, veröffentlicht werden, jedoch erhebt die Zensur Einspruch, und der Text kann erst 1917 im "Aktionsbuch" erscheinen. In der Hoffnung, Tolstojs Gedankengut verbreiten und damit etwas bewirken zu können, schickt Thea Sternheim dessen Schrift "Christentum und Vaterlandsliebe" (Berlin 1894; auch unter dem Titel "Patriotismus und Christentum") an zahlreiche Exponenten des politischen und kulturellen Lebens, wie Karl Liebknecht, Heinrich Mann, Max Reinhardt und Franz Werfel. "Immer noch, immer noch glaub ich, es könne Berge versetzen. Glaub ich, meine Pflicht ist’s, es zu verbreiten, es allen zu geben, wo ich auch nur den Atom eines guten Willens weiß." (TB, 16.4.1915).

Die Kriegsbegeisterung in Deutschland, auch in ihrer nächsten Umgebung und Familie, bestärkt Thea Sternheim in ihrem Entschluß, dieses Land zu verlassen und nach Belgien zurückzukehren.

Von Mitte Mai 1916 bis Januar 1919 (Carl Sternheim und die Kinder bis zum Kriegsende im Oktober 1918) lebt die Familie wieder in La Hulpe, zunächst in der Villa Piccola, dann in einem neu erbauten Haus, das ihn Anlehnung an Tolstojs Haus "Jasnaja Poljana" den Namen "Clairecolline" erhält: "Jasnaja heißt: Die klare, die helle Heide", notiert Thea Sternheim am 6. März 1917 in ihrem Tagebuch. "Wir haben schon so lange nach einem Namen für dies Haus gesucht: nun drängt er sich wie von selbst auf. La claire colline. Claire colline. Karl ist auch gleich einverstanden."

Tagelang klirren die Fensterscheiben vom Kanonendonner, der von der nahen Front zu hören ist. Sternheims nehmen Vertriebene bei sich auf und versuchen auch sonst, Not zu lindern. So setzen sie sich beispielsweise erfolgreich für die Freilassung des belgischen Physikers Georges Hostelet ein, der zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert worden ist.

Am 2. Februar 1916 erwähnt Thea Sternheim in ihrem Tagebuch erstmals ihre Novelle "Anna": "Ich lache mit Karl: Ich schreibe auch eine Erzählung. Setze mich hin und schreibe die ersten Seiten von Annas Kinderleben. Und lese sie abends mit rotem Kopf und bebender Stimme Karl vor, der sie gut findet und mich lobt." Sie wird unter dem Namen Carl Sternheims zusammen mit dessen Erzählungen "Geschwister Stork" und "Meta" in einem Band mit dem Titel "Mädchen", mit vierzehn Lithographien des expressionistischen Malers und Graphikers Ottomar Starke, 1917 veröffentlicht. Daß Carl Sternheim nicht der Verfasser von "Anna" ist, wird der Autor erst im Nachwort zu seiner "Ulrike" (1918) offen legen. Bis zum Erscheinungstermin des Bandes "Mädchen" im Februar 1917 arbeitet Thea Sternheim, wie sie im Tagebuch meist nur knapp erwähnt, immer wieder an ihrer Erzählung. Deren Erfolg ermutigt sie schließlich, weiter zu schreiben; ab 1919 äußert sie den Wunsch, den Stoff zu überarbeiten und in eine neue Form zu bringen. Sie spricht in diesem Zusammenhang jeweils vom "zweiten Teil Anna". So schreibt sie etwa am 23. November 1919: "Fast in Trans schreibe ich das zweite Kapitel zum zweiten Teil Anna. Bis in die Nacht dauert Hochflut der Folgerungen, daß ich bis zum Morgen schlaflos liege. In seiner Handlung trag ich das ganze Büchlein fertig in mir. Aber der Ausdruck! Werde ich Geduld zur Formulierung haben und vor allem die Möglichkeit, das, was mir so am Herzen liegt, mitzuteilen?" Die Erzählung "Anna" ist Grundlage von Thea Sternheims Roman "Sackgassen", der erst Jahrzehnte später, 1952, dank der Vermittlung Gottfried Benns im Limes-Verlag erscheinen wird. Benn ist während des Ersten Weltkriegs in Belgien als Militärarzt stationiert; Thea Sternheim lernt ihn im Februar 1917 persönlich kennen. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt und von Benns Gedichten tief beeindruckt. Die erste Begegnung mit dem Dichter hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck: "Abends (der Zug hatte mehr als eine Stunde Verspätung) kommt Karl mit dem Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn. Ein blonder schlanker, typisch preußisch aussehender Mensch, in der Art der jungen Bredows und Unruhs. Er macht Verbeugungen beim Herein- und Hinausgehn. Verbeugungen, reicht man ihm eine Hand.

Man spricht über Literatur. Ohne besondere Relation zu den Jungen schätzt er einiges von Werfel, einiges von Mann, Sternheim. Vorliebe für Hölderlin. Geringe Beziehung zum Westen, scheint mir. Entwicklung auf naturwissenschaftlicher Basis aufgebaut. Wie kommt sein Wortschatz so ins Blühen?

Der Sohn eines protestantischen Pastors in der Mark, seine Mutter Genferin, Calvinistin. Unter Begriffen wie Gottes Zorn, Vaterland, Bereitschaft für den Staat zu sterben aufgewachsen, fragt er nicht: Wie konnte dieser schreckliche Krieg möglich werden, sondern antwortet: Da er einmal da ist, muß er ausgekämpft werden. Milde ist in keiner Hinsicht am Platze.

Unter anderen war Benn einer jener Leute, die den Verhandlungen des Cavellschen Prozesses, der Erschießung der Cavell und des Ingenieurs Boog beiwohnten. [...] Benn erzählt diesen Vorfall mit der erschreckenden Sachlichkeit eines Arztes, der einen Leichnam seziert. Alles andere, die Vorkommnisse in Louvain, in Dinant, die Fortführung und Mißhandlung der Chomeurs findet er ebenfalls richtig. [...] Ist es nicht ganz richtig, daß man Leute, die einem schaden wollen, einsperrt? Jede Verständigung ist aussichtslos. Man rennt mit dem Kopf gegen eine Mauer." (TB, 3.2.1917). Trotz der großen Differenzen in politischen Fragen und der konträren Einstellung zum Krieg entwickelt und festigt sich allmählich eine freundschaftliche Beziehung, die auf gemeinsamen geistigen und literarischen Interessen basiert.

Nachdem Deutschland den Krieg verloren hat, ist es wegen des erbitterten Hasses der Belgier auf Deutsche unmöglich, weiterhin in Belgien zu leben. Carl Sternheim und die Kinder reisen Ende Oktober 1918 nach Holland aus, während Thea Sternheim noch in La Hulpe bleibt, um den Wegzug zu organisieren. Ein Teil des Vermögens der Sternheims wird von den belgischen Behörden beschlagnahmt. Erst Mitte Februar 1919 trifft auch Thea Sternheim in Scheveningen ein. Sie muß einen Teil ihrer Bildersammlung in einer Auktion in Amsterdam verkaufen, um damit den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Sternheims wollen und können nicht in Holland bleiben und beschließen, sich in der Schweiz niederzulassen.

Vom April bis Juli 1919 leben sie zunächst in Thun, anschließend bis im Februar 1920 in St. Moritz, bis sie sich schließlich in Uttwil am Bodensee niederlassen. Diese Jahre sind überschattet durch ehelichen Zwist und familiäre Spannungen. Sternheim bewacht seine Tochter Mopsa eifersüchtig und stellt ihr nach. Durch seine zunehmende Egomanie zermürbt, immer wieder verletzt durch seine Liebschaften, unternimmt Thea Sternheim im Oktober 1920 einen Selbstmordversuch. Kurze Zeit später trifft sie in Montreux Nikolaj Aleksandrowitsch Rubakin, den russischen Schriftsteller und Vertrauten Tolstojs, der die Freigabe der in Belgien beschlagnahmten Bibliothek erwirken kann.

Eine weitere wichtige Begegnung im Dezember desselben Jahres erwähnt Thea Sternheim in ihrem Tagebucheintrag vom 14.12.1920: Sie entdeckt das "Stundenbuch" des belgischen Holzschneiders und Malers Frans Masereel ("Mon Livre d’Heure", Genève 1919). Jahre später wird sie in ihren "Erinnerungen" festhalten: "Den Eindruck dieser naiven, ohne Ichwahn, ohne Sadismus durchsetzten, dem Mitleid, aber auch der Mitfreude gleichmäßig geöffneten Menschlichkeit auf mein schwer enttäuschtes Herz zu beschreiben, reichen in der Tat keine Worte. Wie das beglückt, daß es in dieser cynischen, entblätterten Welt noch so etwas gibt! Nichts scheint mir natürlicher, als dem Verkünder der Botschaft meinen Dank zu schreiben."3 Dies ist der Auftakt einer Korrespondenz mit Frans Masereel, der seit 1916 in Genf lebt und als Graphiker für pazifistische Zeitschriften arbeitet. Zu einer ersten persönlichen Begegnung kommt es im März 1921 in Lausanne, wo Thea Sternheim erstmals eine Ausstellung mit Werken des flämischen Künstlers besucht: "Die ersten Gemälde, die ich von ihm sehe. Neue Folgen Holzschnitte, Zeichnungen, immer intensivere Rebellion, umfangendere Brüderlichkeit. Ach, wie bejahe ich dieses Mannes Feststellung unbedingt! " (TB, 9.3.1921).

Wiederum ist Thea Sternheim fasziniert von einem schöpferischen Mann, zusätzlich von dessen menschlicher Integrität. Eine intensive, komplizierte und wechselhafte Beziehung beginnt, die über Jahre dauern wird. Im Herbst 1921 schreibt sie einen Artikel über Frans Masereel für die Zeitschrift "Der Querschnitt" des Galeristen und Kunsthändlers Alfred Flechtheim, in dem sie das Gesamtwerk des Künstlers würdigt.4 Im folgenden Jahr veröffentlicht Franz Pfemfert in seiner "Aktion" einen Aufsatz Thea Sternheims über den engagierten pazifistischen Künstler. Mit diesem fühlt sie sich seelenverwandt, sein Einsatz für Frieden und Völkerverständigung erscheint ihr avantgardistisch und weitsichtig: "Unsere Pazifisten sahen nicht ein, daß es Unsinn ist, Frieden zu predigen, solange noch irgendein kriegerisches Ideal ihre Vorstellung besitzt. Will man mit Foch und Ludendorff aufräumen, muß man bei Leonidas anfangen und sich nicht scheuen, die Jungfrau von Orléans, Napoleon und den Alten Fritz unter derselben Einstellung als frères und cochons zu betrachten. Denn nur so können auf Ausflügen durch die Geschichte Entdeckungen von ähnlicher Tragweite gemacht werden, wie von Tolstoi, [...]."5

Wegen der fortschreitenden Entwertung der deutschen Währung können Sternheims ihr Leben in der Schweiz nicht mehr finanzieren und müssen sich nach einem Wohnsitz in Deutschland umsehen. Thea Sternheim fällt der Wegzug schwer. Von Juni 1922 bis Oktober 1924 lebt die Familie in "Waldhof" in der Nähe von Dresden. Diese Jahre sind durch Sternheims schlechte gesundheitliche Verfassung, seine überreizte Nervosität für die ganze Familie belastend. "Immer nur Gedanken an den Haushalt, an Karls Wohlbefinden.", notiert Thea Sternheim in ihrem Tagebuch am 15. Juli 1922. "Früher, wo unsere Mittel reichlich waren, eine Menge Dienstboten zur Verfügung, geschah seinen Forderungen leichter Genüge als heute, wo ich alles mit einem Mädchen besorgen muss." Trotz alledem unterstützt sie ihren Mann weiterhin kritisch und als Mitarbeiterin in seinem literarischen Schaffen, indem sie Quellen studiert, gemeinsam mit Sternheim Ideen entwickelt, einzelne Szenen seiner dramatischen Werke schreibt. Gleichzeitig arbeitet sie unbeirrbar, wenn auch mit Unterbrechungen, an ihrem Roman. "Ich schreibe auf der Maschine ‘Anna’ ins Reine. Und liebe das Werdende, wie man ein Kind liebt. Alles ist visionär schon in mir vollendet. Es ist nur noch auszutragen. Dabei bin ich ungeduldig, immer angstvoll, ob auch der Ausdruck gelingt. Karl danke ich seine Geduld, mit der er mein oft unbeholfenes Deutsch, meine nicht abzuwerfenden Rheinlandismen in vernünftige Sprache ändert.", lautet der Tagebucheintrag vom 19. Dezember 1922. Und ein gutes Jahr später, am 7. Dezember 1923, notiert Thea Sternheim: "Ich tu wenig und tue viel. In ‘Anna’ gelesen und über ‘Anna’ nachgedacht. Ein allzu intensives inneres Erleben ist schuld daran, daß mein Ausdruck gefesselt bleibt; Anschlag vollzieht sich mit solcher Vehemenz, daß, habe ich ihn entgegengenommen, keine Kraft mehr übrig ist, ihn auszunützen. Dabei bin ich mir tief bewußt, daß neben der Tatsache des Gebets die Auflösung ins Kunstwerk die einzige Möglichkeit wäre, die aufgewühlten Meere des inneren Erlebens zu besänftigen. Schließlich bin ich demütig genug, keine Entschlüsse mehr zu fassen, aber mein Herz mit all seinem Empfinden, Gott anheimzugeben."

In "Waldhof" pflegen Sternheims engen Kontakt zum Maler Conrad Felixmüller und dessen Familie sowie zum kommunistischen Pädagogen Otto Rühle und dessen Frau, der Schriftstellerin und Psychologin Alice Rühle-Gerstel. Auch der Publizist und Herausgeber der "Aktion", Franz Pfemfert, ist häufig zu Gast. Von Thea Sternheim erlernt er das Fotografieren, und er wird ihr ein teurer Freund. Die Tochter Mopsa, künstlerisch und zeichnerisch außerordentlich begabt, besucht die Dresdener Kunstakademie, um sich zur Bühnenausstatterin ausbilden zu lassen. Die Kinder versuchen einen ersten Schritt in die Selbständigkeit: Mopsa kann beim Bühnenbildner Theodor Caspar Pilartz als Ausstattungs-Assistentin arbeiten, und auch Klaus verläßt das Elternhaus, um in England seine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Agnes, Thea Sternheims Tochter aus erster Ehe, steht ihr in den zwanziger Jahren am nächsten von allen Familienangehörigen. Mit ihr, die als einzige den "Eindruck eines beruhigten Menschen" (TB, 1.2.1924) macht, unternimmt sie 1925 eine Reise nach Assisi.

In Sachsen hat sich Thea Sternheim nie zu Hause gefühlt. Im Spätsommer 1924 verkaufen Sternheims den "Waldhof" und übersiedeln zurück in die Schweiz, nach Uttwil am Bodensee. Im Oktober ziehen sie zunächst in die bescheidene "Hütte", im August 1925 in ein komfortables Haus, das Thea Sternheim selbst entworfen hat.

Immer wieder geht aus den Tagebucheinträgen hervor, wie eminent wichtig es für sie ist, ihr Werk vollenden zu können. Dabei bleibt sie hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Selbstzweifeln: "Morgens schrieb ich im Hochgefühl, unter klopfendem Herzen zwei Seiten weiter an ‘Anna’. Nichts Definitives, nur der Versuch einer Weiterführung. Ich fühle mich maßlos [Wort geschwärzt] bewegt, immer noch hoffend, daß es mir vergönnt sein wird dies Buch trotz der Hemmungen meiner Natur und der äußeren Umstände einmal vollenden zu können. Denn dies Buch und der Gedanke an den Tod scheinen mir in meinem Dasein noch die einzigen Tatsachen von wirklicher Wichtigkeit." (TB, 22.1.1926). Thea Sternheim empfindet die Arbeit an ihrem Roman als ihre heilige Pflicht, der sie sich nicht entziehen dürfe (TB, 13.2.1927). Mit ihrem Buch möchte sie dem Lesepublikum ihre Gedankenwelt, ihre Erfahrungen und Erkenntnisse nahebringen. Bisweilen kommt es deswegen zu Streitigkeiten mit Carl: "Der Auftritt am Nachmittag mit Karl, der mir früher Aufgeschriebenes durchsieht, mich brutal abkanzelt und doch durch seine Argumente mir nichts beweist. Ich wäre die letzte starrköpfig auf eine falsche Fortentwicklung meines Buchs zu verharren: aber da ich doch das Buch schreibe, kann es doch kein récit à la Maupassant werden; ich kann nur das Tiefempfundene, Erlittene, das was ich aus meiner begrenzten Erfahrung weiß, geben." (TB, 1.2.1926).

In den Jahren 1925 bis 1927 übersetzt Thea Sternheim verschiedene Werke von französischen Autoren wie Henri Ghéon, André Maurois und André Gide. Sie verhandelt mit Verlegern wegen der Übersetzungen, empfiehlt Theaterstücke deutschen Regisseuren zur Aufführung. Vor allem Gide verehrt Thea Sternheim wie keinen anderen zeitgenössischen Schriftsteller. Im Januar 1927 lernt sie ihn in Paris persönlich kennen und zeichnet bei dieser Gelegenheit ein anschauliches Porträt des Autors: "Die Zusammenkunft mit André Gide kommt nun doch zustande: Wir holen Gide, der uns warten, wie ich vermute absichtlich warten läßt, im Quint’schen Auto beim Verlag der Nouvelle Revue française ab.

Das also ist der von mir so sehr verehrte Dichter, sage ich mir, als ein reichlich verbrauchter, keineswegs schön aussehender Mann, eine Mischung zwischen Einstein und Blei mit leicht chinesischem Typus auf mich zutritt, im Auto, später bei Cazenave neben mir sitzt.

Daß zwischen Gide und Karl keine Beziehung möglich ist, steht in der ersten halben Stunde des Gesprächs, das sich anfangs um Walter Rathenau dreht, fest, aber es ist auch gewiß, daß ich einen anderen Mann, als den stark posierenden, in seinen Äußerungen vorsichtigen und zur Mystifikation neigenden Menschen erwartete. Plötzlich taucht der Eindruck, den ich nach der ersten Lektüre der Faux Monnayeurs hatte im verstärkten Maß wieder auf: ich wittere auch hier, wenn auch unendlich vergeistigt und geschmackvoll abgebogen eine Tendenz, die mir in anderer Fassung aus den Männern meiner Generation so schrecklich entgegenkam: die Sucht des alternden Mannes nach dem noch kindhaften Geschöpf, Mangel an Keuschheit und Verantwortung. [...] Also bin ich eher abgestoßen als angezogen, obwohl er besonders in der Unterhaltung mit mir liebenswürdig, oft sogar warm wird. Immer wieder stelle ich einige abstoßende Äußerlichkeiten fest: den kahlen Kopf, ein Büschelchen Haar, das aus seinem Nasenloch wächst, ein schlaues braunes unerhört lebhaftes Auge, vor allem die seinerseits mindestens fünfmal gemachte Erwähnung seines Outsidertums. Gleichzeitig weiß ich wohl, daß diese Zugaben seinem Werk, das ich als Begriff und Vollendung verehre, keinen Abbruch tun können, es sogar lächerlich ist, dergleichen bei einem Komplex wie Gide überhaupt zu erwähnen. Vielleicht ist diese Feststellung überhaupt nur ein Kompensationsbedürfnis: meine Hoffnung auf sichtbar gewordene Würde ist unerfüllt geblieben." (TB, 5.1.1927). Ihr Treffen mit André Gide hinterläßt zunächst einen ambivalenten Eindruck; es folgen weitere Begegnungen und ein ausgedehnter Briefwechsel sowie zahlreiche Gespräche. Die gemeinsamen literarischen Interessen und der geistige Austausch haben auch hier mehr Gewicht als alles Trennende. Die Freundschaft zu André Gide wird bis zu dessen Tod 1951 für Thea Sternheim sehr wichtig bleiben.

Nach jahrelangen Demütigungen faßt Thea Sternheim nach einem beleidigenden Vorfall an ihrem 44. Geburtstag, dem 25.11.1927, den Entschluß, sich von Sternheim scheiden zu lassen. Bereits am 16. Dezember findet das Gerichtsverfahren statt. Thea Sternheim fühlt sich in erster Linie erleichtert, daß die Zeit der "grässlichen Anpassung" an Carl vorbei ist. Am Vorabend der Scheidung schreibt Carl Sternheim folgenden Brief an Thea:

"Berlin W. Hotel Adlon. 15.12.1927.

Am Vorabend des Tages, da durch Deinen Entschluß unsere zwanzigjährige Ehe nach drei Jahren eines überirdischen jungen Liebesglücks geschieden wird, habe ich das Recht, Dir zu sagen, wie Du mir ein Vierteljahrhundert Start, Weg und Ziel eines nicht gewöhnlichen Lebens unvergeßlich und unvergleichlich nicht nur für mich gewesen bist. Carl Sternheims Werk ist ohne Deine Existenz undenkbar und Deine frauliche Ergebenheit und menschliche Güte waren in diesem Jahrhundert ohne Beispiel groß und seltsam produktiv. Du warst Brigitte vor allem und viel mehr und vergiß bitte nicht, daß ich, als Mensch nicht angenehm, auch Dir auf meine Weise Freude bereitete.

Du bist in diesem Augenblick, da ich mich zu einem völlig einsamen Leben im Sinn eines genialen Fossils entschließe, in Uttwil eine exemplarische Einsamkeit antrete, nicht weniger mein Idol, als Du es in der tiefsten Tiefe meines Herzens immer gewesen bist, und ich erwarte fern von der Welt und völlig frei von der Hoffnung auf Menschen, über Dich hinaus von Zeit zu Zeit Deine guten Grüße und menschliches Mitleiden. Ich bin so – und Du wirst über neues Erleben und Feststellen ein sicheres Bild und von Zeit zu Zeit eine liebende Regung dennoch nicht versagen können dem, den du in Deiner süßen Sprache nanntest – Hünni." (TB, 18.12.1927).

Thea Sternheim zieht im Januar 1928 nach Berlin, wo auch ihre Kinder Mopsa und Klaus leben. Freundschaftliche Beziehungen pflegt sie dort zu den französischen Autoren René Crevel und André Gide, dem sie im Juli 1931 Gottfried Benn persönlich vorstellt, der Schauspielerin Tilla Durieux und anderen. Im Oktober 1929 tritt Herman de Cunsel, ein junger belgischer Maler, durch Vermittlung André Gides in Thea Sternheims Leben. Er wird bis zu ihrem Tod ihr vertrautester Freund sein. Eine weitere wichtige Bezugsperson in ihrer Berliner Zeit ist der Dominikanerpater und Pazifist Pater Franziskus Maria Stratmann, der sie in ihrem Vorhaben, sich scheiden zu lassen, unterstützt hat. Thea Sternheim verkehrt in den Kreisen der katholischen Friedensbewegung, schließt neue Freundschaften, genießt aber auch die Möglichkeit des Alleinseins. Große Sorge bereiten ihr die "Sternheim-Kinder" Mopsa und Klaus, beide drogensüchtig, die in ihren Versuchen, beruflich Fuß zu fassen, immer wieder scheitern. Aufreibend sind die finanziellen Auseinandersetzungen infolge der Scheidung, die Streitigkeiten um das Vermögen und die Kunstsammlung. Sternheim lebt seit dem Wegzug seiner Frau mit Pamela Wedekind in Uttwil zusammen; seine erfolgreichste Zeit als Dramatiker ist längst vorbei. Er erleidet 1928 einen Nervenzusammenbruch und muß in das Sanatorium "Bellevue" in Kreuzlingen verbracht werden.

Sein Bruder Felix Sternheim veranlaßt im Juni 1929 die Überführung Carls von Kreuzlingen nach Berlin ins Westend Sanatorium. Als sich herausstellt, daß Thea Sternheim als Einzige einen mildernden Einfluß auf seine Wahnsinnsanfälle hat, kümmert sie sich aufopfernd um ihn. Es kostet sie viel Kraft, sich nicht noch einmal vereinnahmen zu lassen. Schließlich vermittelt sie ihm eine Wohnung an der Düsseldorferstraße in Berlin-Wilmersdorf, wo sie selbst auch lebt. In dieser Zeit ist Gottfried Benn eine der wichtigsten Vertrauenspersonen Thea Sternheims. Er betreut zudem als Arzt Carl Sternheim. Als sich dieser wider Erwarten einigermaßen erholt, begibt er sich zur ihrer großen Erleichterung auf Reisen mit Pamela Wedekind und beschließt, Berlin zu verlassen. Im April 1930 heiratet Sternheim Pamela Wedekind in dritter Ehe und zieht nach Brüssel, wo er bis zu seinem Tod (1942) leben wird.

In den dreißiger Jahren distanziert sich Thea Sternheim zusehends von einigen ihrer Berliner Bekannten, die offen mit dem Nationalsozialismus sympathisieren. Jüdische Bekannte werden auf der Straße angepöbelt und haben Angst. Die Deutschen nimmt Thea Sternheim als ein "national tollwütiges Geschlecht" (TB, 8.11.1931), Deutschland als "eine Gefängniszelle par excellence" (TB, 11.12.1931) wahr. In diesen bedrückenden Zeiten stockt wiederum die Arbeit an ihrem Roman: "Mein Leben verfließt. Versäumte Pflicht. Wie an ein Kind, das ich auszutragen vergaß, denke ich mit Wehmut an ‘Anna’" (TB, 14.10.1931). Noch vor der Machtergreifung entschließt sich Thea Sternheim, Deutschland zu verlassen und nach Frankreich zu emigrieren.

Ab 1. April 1932 lebt sie – wie auch ihre Kinder Mopsa und Klaus – in Paris, zunächst in Hotels, ab Ende Oktober 1933 bis im Mai 1963 in einer Wohnung im 14. Arrondissement. Nach ihrer Auswanderung nehmen die finanziellen Sorgen zu; die in Deutschland verbliebenen Vermögenswerte für sich und die Kinder ins Ausland zu transferieren, erweist sich als schwierig. Die Labilität der beiden Sternheimkinder und deren Morphiumsucht bereiten Thea Sternheim größte Sorgen. In Paris pflegt sie Kontakte zu deutschen Emigrantinnen und Emigranten und findet als eine der ganz wenigen emigrierten Deutschen Zugang zu französischen Intellektuellenkreisen; vor allem hat sie Kontakt mit André Gide, Anne und Julien Green, mit Frans und Pauline Masereel und Max Ernst.

Im Tagebuch der dreißiger Jahre sind die politische Entwicklung in Deutschland und ganz Europa, die sie mit fast hellseherischer Klarsicht erkennt, sowie die Emigration zentrale Themen. Nach dem Überfall deutscher Truppen auf Belgien Ende Mai 1940 wird sie, wie alle in Frankreich lebenden Deutschen, inhaftiert und in das Frauenlager Gurs in den Pyrenäen gebracht. Sie erkrankt an der Ruhr, dank den Bemühungen von französischen Freunden wird sie nach knapp zwei Monaten entlassen. Sie reist nach Nizza zu Simon Bussy und dessen Frau Dorothy Bussy, der Übersetzerin von Werken André Gides. Im Herbst 1940 kehrt sie nach Paris zurück. Dort erlebt sie, wie die bis dahin republikanische Stimmung in Frankreich ins Reaktionäre und militant Antisemitische umschlägt. So wird sie ohnmächtige Zeugin der beginnenden Judenverfolgung und -deportation in Paris. Viele Freundinnen und Freunde, etwa Annette Kolb, Julien Green und Max Ernst, emigrieren in die USA. André Gide zieht nach Nordafrika. Aber trotz zunehmender Isolierung bleibt Thea Sternheim während des ganzen Krieges gut informiert. Sie erfährt beispielsweise schon im Herbst 1941, also noch vor der Wannseekonferenz, von den Judendeportationen in Berlin und von Gerüchten, daß die Deportierten in Polen ermordet würden. Wie bereits während des Ersten Weltkriegs bringt die Autorin auch jetzt in ihrem Tagebuch ihren Abscheu gegen den Krieg und Nationalismus zum Ausdruck: Der deutsche, der französische, der englische Chauvinismus sind ihr gleichermaßen widerwärtig.

Klaus Sternheim emigriert zu Kriegsbeginn nach Mexiko, der Kontakt zu ihm bricht ab. Als einen der schmerzlichsten Schicksalsschläge ihres Lebens erlebt Thea Sternheim den Tod ihres geliebten Sohnes, der im März 1946 in Mexiko stirbt. Mopsa wird im Februar 1944 wegen ihrer Zugehörigkeit zur Résistance – von der die Mutter nichts weiß – ins KZ Ravensbrück deportiert und kehrt im Juni 1945 krank nach Paris zurück. Die Befreiung von Paris und das Kriegsende führen noch lange nicht zur erhofften politischen und wirtschaftlichen Entspannung. Thea Sternheim ist mittlerweile zu sparsamster Lebensführung gezwungen. Die geistige Situation nach dem Krieg, die sie als Marasmus erlebt, sowie der allgegenwärtige französische Nationalismus stürzen sie in Depressionen und verhindern lange den ersehnten Abschluß ihres Romans. "Ich bete. Und habe acht, nichts von der abgründigen Schwermut durchsickern zu lassen, die mich in diesen Tagen besitzt. Nur noch den einen Wunsch für dies Leben: Mein Buch beenden!", notiert Thea Sternheim am 19. Juli 1949 in ihr Tagebuch.

In den fünfziger Jahren lebt sie, nun in den Siebzigern stehend, zurückgezogen in Paris. Vom einstigen fast unermeßlichen Reichtum ist nichts übrig geblieben, die letzten Bilder ihrer Sammlung hat sie bereits in den vierziger Jahren verkaufen müssen. Zentrale Ereignisse in diesem Jahrzehnt sind der lange ersehnte Abschluß und die Publikation des Romans "Sackgassen". Nach 16 Jahren des Schweigens nimmt Thea Sternheim im Juni 1949 über den Verlag der Zeitschrift "Merkur" wieder Verbindung zu Gottfried Benn auf. Benns Engagement für den Nationalsozialismus in den Jahren 1933/34 hatte zu einer Entfremdung geführt und Thea Sternheim den Kontakt abbrechen lassen. In ihrem ersten ausführlichen Brief an ihn im August 1949 erzählt sie ihm unter anderem über ihre Arbeit an ihren "Sackgassen", ihrem roman-fleuve, den sie schon vor Jahrzehnten begonnen habe. Benn bekundet lebhaftes Interesse und setzt sich beim Verleger des Limes-Verlages, Max Niedermayer, für die Publikation des Buches ein. Für diese tatkräftige Unterstützung wird Thea Sternheim dem Schriftsteller, den sie "Protektor meines Wälzers"6 nennt, ihr Leben lang dankbar sein. Im Januar 1951 schickt die Autorin das Manuskript an den Verlag. Der Verleger ist nach der Lektüre von 150 Seiten beeindruckt: "Eine interessante Frau, eine bedeutende Frau, was muß sie Alles erlebt haben und wie viel sie weiß …", sagt Niedermayer in einem Telefongespräch zu Benn.7 Und auch dieser vertieft sich in das Buch und schreibt in seinem Brief vom 8. Februar 1951 an Thea Sternheim: "Beeile mich Ihnen zu sagen, daß ich aufs Äußerste gefesselt bin, sehr beeindruckt. Eine reife, spannende Sache! Weit, weit über ‘Anna’ in ‘Mädchen’ herausgewachsen. Bin äußerst gespannt auf den Fortgang. Ich lese langsam u werde sicher eine Woche brauchen, ehe ich fertig bin."8 Und am 10. Juni 1952 notiert er auf einer Karte: "Meine Teure, das Buch ist so schön, daß man nicht auf einer Postkarte darüber schreiben sollte. Ich nähere mich dem Ende, habe vieles angestrichen, viele Notizen gemacht, habe Einwände gegen Einiges, bin aber immer von neuem hingerissen. Hoffentlich werden das viele bei uns sein." (TB, 13.6.1952). Diese Hoffnung scheint sich jedoch nicht zu erfüllen. Im Juli 1952 kommt der Roman in den Buchhandel. Eine erste Besprechung von Friedrich Sieburg erscheint in der Zeitschrift "Die Gegenwart"9, eine weitere von Helmut Uhlig in "Der Monat"10. Thea Sternheim nimmt trotz der positiven Kritik ein Schweigen um ihre "Sackgassen" wahr und beginnt an einen Mißerfolg zu glauben. Mitte Januar 1953 berichtet der Verleger Max Niedermayer über den bisherigen Verkauf: 240 Bücher. Sie solle sich über diese mäßigen Verkaufszahlen nicht betrüben, schreibt er an Thea Sternheim. Immerhin sei doch der literarische Erfolg beachtlich und erfreulich gewesen. Ganz allgemein würden zur Zeit in Deutschland weit mehr Bücher produziert, als das Publikum aufnehmen könne, und besonders Romane, gerade die anspruchsvollen, könnten sich nur langsam oder überhaupt nicht durchsetzen. Obwohl das Buch nie zum Bestseller wird, bleibt Niedermayer optimistisch und ist weiterhin überzeugt von der literarischen Qualität des Romans. Auch Bekannte, Freundinnen und Freunde, Schriftsteller wie Wolf Bergmann und Kasimir Edschmid äußern sich zustimmend, Max Ernst geradezu begeistert über die "Sackgassen". Die Töchter jedoch, Agnes und Mopsa, reagieren skeptisch, ja ablehnend dem Buch gegenüber. Am 20. Februar 1953 schreibt Thea Sternheim in ihr Tagebuch: "Denke über den trotz günstiger Kritik Misserfolg meines Buchs. Trotz der Betrübnis meine tiefliegenden Finanzen nicht aufbessern, Niedermayer sein in mich investiertes Geld nicht großzügig hereinbringen zu können – ist mein Herz ohne Bitterkeit. Andere, Bessere als mich hat das Publikum ebenfalls abgelehnt. Gewiß lähmt diese Gleichgültigkeit meine Lust, noch etwas auszusagen. Aber was tut’s schon? Blicken wir auf die Sterne!" Thea Sternheim versucht noch, Kontakte mit verschiedenen französischen Verlagen zu knüpfen wegen einer Übersetzung. Jedoch bleiben diese Bemühungen umsonst

1954 stirbt Mopsa qualvoll an einem Krebsleiden – damit endet eine Mutter-Tochter-Beziehung, die zeitweise sehr innig, aber auch immer wieder konfliktreich war. Als letzte Familienangehörige bleibt ihr somit Agnes, ihre Tochter aus erster Ehe, die mit dem Lorca-Übersetzer Heinrich Enrique Beck verheiratet ist und in Basel lebt. Thea Sternheim hat in diesen Jahren mit Krankheiten zu kämpfen, die ihr schwer zu schaffen machen, bis eine Gallenoperation 1957 die Beschwerden beseitigt.

Ihr Freundes- und Bekanntenkreis wird kleiner: André Gide ist 1951 gestorben, Masereels sind nach Südfrankreich gezogen, andere, wie Max Ernst, nach Amerika emigriert. Am 7. Juli 1956 stirbt Gottfried Benn in Berlin. "Wie bei Mopsas Tod vor 22 Monaten fällt auch der seine in die Zeit der Gladiolen. Mit ihm erlischt ein schwer wiegender Teil meines Lebens. Wie freundschaftlich war er zur Zeit von Sternheims Krankheit, wie freundschaftlich war er mit mir bei Herausbringung der ‘Sackgassen’. Die an sich schon so leergewordene Welt wird immer leerer." (TB, 9.7.1956). Und noch elf Jahre später, am 10. November 1967, schreibt Thea Sternheim über diese für sie so bedeutende Freundschaft: "In diesen besonders schweigsamen Tagen habe ich öfters an Benn gedacht als denjenigen, der von allen, mit denen ich in Beziehung kam, am besten erfaßt hat, was mich am innigsten bewegte. Ich kann mich keiner anderen Freude entsinnen die mich in ähnlicher Weise beglückt hätte als die Jasage zu meinem Roman. Vermutlich wird die Rolle, die ein anderer in unserem Leben spielt, von den eigenen Sehnsüchten bedingt. Jedenfalls zog mich die schöpferische Begabung im Anderen am elementarsten an." (TB, 10.11.1967).

Während sie Freunde verliert, welche die vergangenen Jahrzehnte geprägt haben, knüpft Thea Sternheim in den fünfziger und sechziger Jahren jedoch auch neue Bekanntschaften mit jungen Literaturwissenschaftlern und Sternheimforschern sowie Archivaren des Deutschen Literaturarchivs in Marbach.

Ihr Verhältnis zu Deutschland ist ambivalent: Einerseits ist sie stolz auf ihren Status als Staatenlose (seit 1944) und will daran nichts ändern, andererseits ist sie begierig auf Nachrichten aus Deutschland. Die politischen Vorgänge in Frankreich (Algerienkrieg), in Europa und in der ganzen Welt beobachtet sie mit nicht nachlassendem Interesse und bleibender Sorge. Konstant bleibt dabei ihre strikte Ablehnung jeder Art des Nationalismus und ein tiefes Mißtrauen gegen Machthaber jeder Couleur. Den Kommunismus mit seiner verordneten Parteigläubigkeit lehnt sie ebenso ab wie dessen Gegenstück, den fanatischen Antikommunismus eines McCarthy.

In früheren Jahren ist die explizite Auseinandersetzung mit religiösen Fragen zentral gewesen, nun tritt diese in den Hintergrund und weicht einer unorthodoxen, jetzt ganz außerkirchlichen Religiosität. Die Vorgänge in der katholischen Kirche verfolgt Thea Sternheim seit deren Versagen vor der Judenverfolgung mit zunehmender Distanz: Eine Kirche, der das sechste Gebot wichtiger ist als das Eintreten für Frieden und menschenwürdige Verhältnisse, nimmt sie nicht mehr ernst.

Bis ins hohe Alter bleibt Thea Sternheim geistig äußerst wach, sie beschäftigt sich eingehend mit Literatur und Kunst. Auch ihre eigene schriftstellerische Arbeit ist nach der Publikation ihrer "Sackgassen" nicht zu Ende. So nimmt sie die viel früher begonnene Arbeit an ihren "Erinnerungen" wieder auf; diese werden erst Jahrzehnte später, nämlich 1995, publiziert und umfassen die Jahre der Kindheit und Jugend, ihrer beiden Ehen, der Mitwirkung an Carl Sternheims Werk bis zur Scheidung von Sternheim und ihrem Entschluß, ein Leben in Selbstbestimmung und Autonomie zu führen. Sie überarbeitet zudem die schon in den Jahren 1931/32 mit Herman de Cunsel erstellte Übersetzung von Sternheims "Kassette". Aus finanziellen Gründen übersetzt sie Werke von Gabriel Marcel und Pierre Jean Jouve. Gleichzeitig setzt sie sich für die Edition des Gesamtwerks Sternheims ein, indem sie den Herausgeber Wilhelm Emrich durch das minutiöse Ordnen des Nachlasses unterstützt.

Nachdem Thea Sternheim dreißig Jahre in Paris gelebt hat, entschließt sie sich 1963, mit achtzig Jahren, aus gesundheitlichen Gründen nach Basel zu ziehen, wo ihre Tochter Agnes lebt. Diese trägt den Künstlerinnennamen Inés Leuwen-Beck und ist Sängerin und Dozentin an der Freiburger Hochschule für Musik. Thea Sternheim hofft, durch diesen Umzug weitgehend selbstständig bleiben zu können, denn vor nichts hat sie so sehr Angst wie vor Abhängigkeit. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter verschlechtert sich allerdings zunehmend, besonders wegen deren Ehemann Heinrich Enrique Beck, gegen den Thea Sternheim eine tiefe, von diesem erwiderte Abneigung hegt. Ihre Einsamkeit nimmt zu, doch knüpft Thea Sternheim wie schon in Berlin und Paris auch hier bald Kontakt zu jungen Männern, mit denen sie sich über kulturelle und politische Ereignisse, über religiöse und private Probleme austauschen kann. Mit den Sternheimforschern Wolfgang Wendler, Wilhelm Emrich, Manfred Linke und Rudolf Billetta sowie mit den Archivaren von Marbach pflegt sie zum Teil regelmäßigen Umgang; kurz vor ihrem Tod übergibt sie ihre Tagebücher, Briefe und Bücher, oft Widmungsexemplare, dem Deutschen Literaturarchiv.

Sie verfolgt weiterhin politische Ereignisse im Fernsehen, nimmt Anteil an der Sternheim-Renaissance im deutschsprachigen Theater der sechziger Jahre und geht wie früher häufig ins Kino. Mindestens so ausgeprägt wie das Bedürfnis nach Austausch aber ist ihre Sehnsucht nach Stille und Sammlung, die sie schon in jüngeren Jahren hatte und die im hohen Alter noch zunimmt. Thea Sternheim wird müde; in den letzten Jahren werden die Einträge in ihrem Tagebuch kürzer und lückenhafter. Nach einigen Wochen zunehmender Ermattung stirbt Thea Sternheim am 5. Juli 1971 im 88. Altersjahr.

Sowohl das Tagebuch Thea Sternheims als auch ihr Roman können im wörtlichen Sinne als Lebenswerke der Autorin bezeichnet werden, deren Niederschrift sie während Jahrzehnten beschäftigt und Herzblut gekostet hat. Im Bezug auf den Roman spricht Gottfried Benn in seinem Aufsatz "Die Sackgassen" von der "Summa ihrer Produktion".11 Es sei "ein in sich geschlossenes Buch mit zahlreichen Figuren, ein ausgereiftes Objekt, eine durchgegliederte Epik von hohem Rang."12 Thea Sternheim schrieb in ihrem Tagebuch am 1. Februar 1926, sie könne nur das tief Empfundene, das selbst Erlittene, das, was sie aus ihrer eigenen begrenzten Erfahrung wisse, in ihrem Buch wiedergeben. Die "Sackgassen" können bestimmt nicht als autobiographischer Roman bezeichnet werden. Trotzdem widerspiegeln die ungewöhnlichen Charaktere, die "merkwürdigen Seelen"13 in Thea Sternheims Werk ihre Menschenkenntnis, die sie in ungezählten Begegnungen erworben hat. Einige ihrer Romanfiguren verkörpern Ideale und Wertvorstellungen, welche die Autorin mit ihrem Buch zu vermitteln sucht. "Für Thea Sternheim ist der europäische Westen, in Paris und Wien kulminierend, von Jugend an das formende Element gewesen, das ihr bewegtes Leben in allen seinen Phasen entscheidend bestimmt hat", schrieb Helmut Uhlig in seiner Rezension." Und weiter: "Auch Thea Sternheims Werk ist ein postumer Ausdruck dieses alten Europa. Es ist ein Bekenntnis zu seinem Individualismus, zu seiner freimütigen Liberalität. […] Es ist ein Stück europäischer Analyse, das den Übergang aus der ‘belle époque’ bürgerlicher Saturiertheit in die Kriegs- und Nachkriegssituation, die Auflösung der alten, innerlich längst brüchigen Formen individualpsychologisch beleuchtet."14

Es ist eine anspruchsvolle, keine einfache Lektüre, wie alle Rezensenten übereinstimmend festhalten. Zu hoffen bleibt, daß dieser lebendige und spannende, teils ernste, teils heitere, dieser kritische und visionäre Zeitroman heute wieder ein Lesepublikum findet.

Regula Wyss

© trafo verlag 2005

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