[= Medizin und Gesellschaft, Band 48/49/A], Berlin 2004, 121 S., zahlr. Abb. u. Dok., ISBN 3-89626-489-3, 15,80 EUR
Eröffnung und Begrüßung von W. Binus
Seit dem 12. Dezember 1991 kann die Interessengemeinschaft
Medizin und Gesellschaft e. V. auf ein mehr als zehnjähriges Bestehen zurückblicken.
In diesem Zeitraum hat sich die linksorientierte
Vereinigung von Ärzten, Medizinwissenschaftlern und Mitarbeitern des Gesundheitswesens
im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten bemüht, die Wissenschaft zu unterstützen,
in monatlichen Veranstaltungen medizinische und medizinrelevante Themen der
Natur- und Gesellschaftswissenschaften zu besprechen sowie einen Beitrag in
der aktuellen Auseinandersetzung mit der Gesundheitspolitik in der BRD zu
leisten.
Ein besonderes Anliegen bestand darin, sachlich-kritisch
und wissenschaftlich fundiert, zur Geschichte des Gesundheits- und Sozialwesens
der DDR Stellung zu nehmen und aus der Sicht von Zeitzeugen Bewahrenswertes für
das Gesundheitswesen der Bundesrepublik herauszuarbeiten und zu dokumentieren.
Diesem Ziel dient auch die heutige Veranstaltung, die sich
nahtlos an die neun bisherigen Wissenschaftlichen Arbeitstagungen seit 1993
anschließt.
Bereits auf der 1. Wissenschaftlichen Arbeitstagung unseres
Vereins 1994 hat Herbert Kreibich völlig zu Recht herausgestellt, dass die DDR
sicher nicht an ihrem Gesundheits- und Sozialwesen zu Grunde gegangen ist. Das
wurde 1997 indirekt auch durch den damaligen Vizepräsidenten der Bundesärztekammer
Prof. Walter Brandstädter bestätigt, wenn er in einem Artikel über die
Entwicklung der Ärzteschaft in der ehemaligen DDR nach der Wende ausführte,
dass das Gesundheitswesen der DDR zu einem Teilbereich gehörte, „der relativ
gut funktionierte". Und zugleich muss er in seinem Artikel (der übrigens
vor massiven Verleumdungen gegenüber dem DDR-Gesundheitswesen nur so strotzt),
auch zugeben, „dass der Umstieg auf ein anderes, vorwiegend materiell
orientiertes Wertemodell der Gesellschaft nur wenigen Ostdeutschen wirklich
gelungen ist.
In der DDR wurde bekanntlich an die Traditionen der
Weimarer Republik und die Forderungen der Arbeiterbewegung angeknüpft, deren
wichtigste Ziele der unentgeltliche Zugang der Bürger zur medizinischen
Versorgung und die Entkommerzialisierung des Gesundheitswesens waren.
Auch in der Bundesrepublik gab es nach dem 2. Weltkrieg
einen Rückgriff auf die Traditionen der Weimarer Republik. Gleichzeitig stützte
man sich aber auf Strukturen, die während des Nationalsozialismus gefestigt
worden waren und auf einer starken Stellung der Ärzteschaft und ihrer Körperschaften
beruhten.
Dabei soll nicht übersehen werden, dass bis in die späten
achtziger Jahre hinein in den alten Bundesländern die Auseinandersetzung darüber
geführt wurde, ob die Zuständigkeit für die Gesundheitsvorsorge eher bei den
niedergelassenen Ärzten oder dem Öffentlichen Gesundheitsdienst bzw.
staatlichen Einrichtungen liegen sollte.
Bei der Eingliederung des DDR-Gesundheitswesens in das
Gesundheitssystem der Bundesrepublik wurde bewusst unterlassen, die positiven
Aspekte beider Systeme unter den neuen Bedingungen über einen längeren
Zeitraum miteinander zu vergleichen. Die übereilte Abwicklung von Polikliniken
und Ambulatorien und ihr Ersatz durch ein überholtes und kostenträchtiges
Versorgungssystem in Einzelpraxen niedergelassener Ärzte sind ein beredtes
Beispiel dafür.
Auch wenn am 12. November 2003 der Vorsitzende der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung und Chef der Berliner Kassenärzte Manfred Richter-Reichheim
anlässlich des achtzigjährigen Bestehens des „Hauses der Gesundheit" in
Berlin zugab, dass angestellte und freiberuflich tätige Ärzte nebeneinander
existieren können und die Ministerin Ulla Schmidt auf dieser Veranstaltung die
anwesenden Mediziner, Standespolitiker sowie
Nach 1990 wurden im sogenannten Beitrittsgebiet die
Strukturen des DDR-Gesundheitswesens mit Vehemenz zerschlagen und das
westdeutsche Gesundheitssystem auch für die neuen Länder vorbehaltlos übernommen.
Wie das im Einzelnen geschah, werden wir in den Sitzungen heute und am morgigen
Tag erfahren und beraten.
Ich freue mich, dass unsere heutige Arbeitstagung bereits
im Vorfeld auf großes Interesse gestoßen ist. Dafür spricht, dass es den
Organisatoren gelungen ist, sachverständige Kenner des Verhandlungsgegenstandes
aus Vergangenheit und Gegenwart zusammenzuführen. Die 10. Wissenschaftliche
Arbeitstagung der IG Medizin und Gesellschaft hat das Ziel, zum gemeinsamen
Gedankenaustausch anzuregen, nicht nur um die bei der Abwicklung des DDR
Gesundheitswesens vergebenen Chancen aufzuzeigen. Wir haben allen Grund, auch
weiterhin in die aktuellen Diskussionen um die Zukunft des Gesundheitswesens
aktiv einzugreifen und reale Perspektiven zu entwickeln.
In diesem Sinne wünsche ich unserer Tagung interessante
Diskussionen, Erfolg und ein gutes Gelingen.
Prof. Dr. Werner Binus: Eröffnung und Begrüßung 5
Prof. DR. Siegfried Prokop: Die deutsche Vereinigung in der Form der Eingliederung der DDR in die Bundesrepublik - Probleme und Folgen 7
Prof. Dr. Horst Spaar: Die Verdrängung gesundheitspolitisch progressiver Prinzipien und Strukturen durch ein traditionell konservatives Gesundheitssystem 20
Prof. Dr. Klaus Thielmann: Versuch einer demokratischen Alternative für das Gesundheits- und Sozialwesen der DDR 33
Dr. Ernst-August Jeske: War die alte Bundesrepublik nach der Wende willens und fähig, Elemente des DDR-Gesundheitswesens in ihr Gesundheitssystem zu integrieren? 46
Prof. Dr. Hans-Ullrich Deppe: Vergebene Chance bei der Vereinigung für eine neue Qualität des bundesdeutschen Gesundheitssystems - aktuelle Nachwirkungen und Gefahren 60
Prof. Dr. Arno Hecht: Die Abwicklung des DDR - Gesundheitswesens nach dem Anschluss der DDR und ihre Konsequenzen für die medizinische Praxis und Wissenschaft 67
Prof. Dr. Günter Ewert: Die Gruppe „Demokratie für Gesundheit" - ein basisdemokratischer Versuch zur Mitgestaltung des Gesundheitswesens im Einigungsprozess 80
Prof. Dr. Jürgen Großer: Die Stellung der Akademie für ärztliche Fortbildung der DDR in der Übergangszeit - Bemühungen und Illusionen bei ihrer Erhaltung 95
Prof. Dr. Heinz David: Die medizinische Wissenschaft und Forschung 1989–1990 sowie Situation und Beurteilung danach 102