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Jeske, Ernst-August/Rohland, Lothar, Spaar, Horst (Hrsg.)

 

Zum Verlauf der Eingliederung des DDR-Gesundheitswesens in das Gesundheitssystem der BRD im Jahre 1990 und seine Folgen. Dokumentation der 10. Wissenschaftlichen Arbeitstagung (Berlin, den 15. und 16. November 2003). Vorträge, Diskussion, schriftliche Beiträge, Teil A

 

[= Medizin und Gesellschaft, Band 48/49/A], Berlin 2004, 121 S., zahlr. Abb. u. Dok.,  ISBN 3-89626-489-3, 15,80 EUR

 

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zum Band 48/49/B

 

 

Vorwort

Eröffnung und Begrüßung von W. Binus

Seit dem 12. Dezember 1991 kann die Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft e. V. auf ein mehr als zehnjähriges Bestehen zurückblicken.

In diesem Zeitraum hat sich die linksorien­tierte Vereinigung von Ärzten, Medizin­wissenschaftlern und Mitarbeitern des Ge­sundheitswesens im Rahmen ihrer begrenz­ten Möglichkeiten bemüht, die Wissenschaft zu unterstützen, in monatlichen Veranstaltun­gen medizinische und medizinrelevante The­men der Natur- und Gesellschaftswissen­schaften zu besprechen sowie einen Beitrag in der aktuellen Auseinandersetzung mit der Gesundheitspolitik in der BRD zu leisten.

Ein besonderes Anliegen bestand darin, sachlich-kritisch und wissenschaftlich fundiert, zur Geschichte des Gesundheits- und Sozial­wesens der DDR Stellung zu nehmen und aus der Sicht von Zeitzeugen Bewahrenswertes für das Gesundheitswesen der Bundesrepublik herauszuarbeiten und zu dokumentieren.

Diesem Ziel dient auch die heutige Veranstaltung, die sich nahtlos an die neun bisheri­gen Wissenschaftlichen Arbeitstagungen seit 1993 anschließt.

Bereits auf der 1. Wissenschaftlichen Arbeitstagung unseres Vereins 1994 hat Herbert Kreibich völlig zu Recht herausgestellt, dass die DDR sicher nicht an ihrem Gesundheits- und Sozialwesen zu Grunde gegangen ist. Das wurde 1997 indirekt auch durch den damaligen Vizepräsidenten der Bundesärztekammer Prof. Walter Brandstädter bestätigt, wenn er in einem Artikel über die Entwicklung der Ärzteschaft in der ehemaligen DDR nach der Wende ausführte, dass das Gesundheitswesen der DDR zu einem Teilbereich gehörte, „der relativ gut funktionierte". Und zugleich muss er in seinem Artikel (der übrigens vor massiven Verleumdungen gegenüber dem DDR-Gesundheitswesen nur so strotzt), auch zugeben, „dass der Umstieg auf ein anderes, vorwiegend materiell orientiertes Wertemodell der Gesellschaft nur wenigen Ostdeutschen wirklich gelungen ist.

In der DDR wurde bekanntlich an die Traditionen der Weimarer Republik und die Forderungen der Arbeiterbewegung angeknüpft, deren wichtigste Ziele der unentgeltliche Zugang der Bürger zur medizinischen Versorgung und die Entkommerzialisierung des Gesundheitswesens waren.

Auch in der Bundesrepublik gab es nach dem 2. Weltkrieg einen Rückgriff auf die Traditionen der Weimarer Republik. Gleichzeitig stützte man sich aber auf Strukturen, die während des Nationalsozialismus gefestigt worden waren und auf einer starken Stellung der Ärzteschaft und ihrer Körperschaften beruhten.

Dabei soll nicht übersehen werden, dass bis in die späten achtziger Jahre hinein in den alten Bundesländern die Auseinandersetzung darüber geführt wurde, ob die Zuständigkeit für die Gesundheitsvorsorge eher bei den niedergelassenen Ärzten oder dem Öffentlichen Gesundheitsdienst bzw. staatlichen Einrich­tungen liegen sollte.

Bei der Eingliederung des DDR-Gesundheitswesens in das Gesundheitssystem der Bundesrepublik wurde bewusst unterlassen, die positiven Aspekte beider Systeme unter den neuen Bedingungen über einen längeren Zeitraum miteinander zu vergleichen. Die übereilte Abwicklung von Polikliniken und Ambulatorien und ihr Ersatz durch ein überholtes und kostenträchtiges Versorgungssystem in Einzelpraxen niedergelassener Ärzte sind ein beredtes Beispiel dafür.

Auch wenn am 12. November 2003 der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und Chef der Berliner Kassenärzte Manfred Richter-Reichheim anlässlich des achtzigjährigen Bestehens des „Hauses der Gesundheit" in Berlin zugab, dass angestellte und freiberuflich tätige Ärzte nebeneinander existieren können und die Ministerin Ulla Schmidt auf dieser Veranstaltung die anwesenden Mediziner, Standespolitiker sowie Kassen- und Patientenvertreter ermunterte auf die „Osterrungenschaft" der poliklinischen Einrichtungen zu setzen, bleibt abzuwarten, ob diese Forderung tatsächlich ernst gemeint ist und wie sie sich unter den gegenwärtigen Bedingungen des Sozialabbaus überhaupt realisieren lässt.

Nach 1990 wurden im sogenannten Beitrittsgebiet die Strukturen des DDR-Gesundheitswesens mit Vehemenz zerschlagen und das westdeutsche Gesundheitssystem auch für die neuen Länder vorbehaltlos übernommen. Wie das im Einzelnen geschah, werden wir in den Sitzungen heute und am morgigen Tag erfahren und beraten.

Ich freue mich, dass unsere heutige Arbeitstagung bereits im Vorfeld auf großes Interesse gestoßen ist. Dafür spricht, dass es den Organisatoren gelungen ist, sachverständige Kenner des Verhandlungsgegenstandes aus Vergangenheit und Gegenwart zusam­menzuführen. Die 10. Wissenschaftliche Arbeitstagung der IG Medizin und Gesellschaft hat das Ziel, zum gemeinsamen Gedankenaustausch anzuregen, nicht nur um die bei der Abwicklung des DDR Gesundheitswesens vergebenen Chancen aufzuzeigen. Wir haben allen Grund, auch weiterhin in die aktuellen Diskussionen um die Zukunft des Gesund­heitswesens aktiv einzugreifen und reale Perspektiven zu entwickeln.

In diesem Sinne wünsche ich unserer Ta­gung interessante Diskussionen, Erfolg und ein gutes Gelingen.

 

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