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Ursula Reinhold

 

Unwegsame Landschaften

 

 

Erzählung, trafo verlag 2004, 183 S., ISBN (10) 3-89626-474-5, ISBN (13) 978-3-89626-474-9, 13,80 EUR

 

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Das Buch

Fern sind sie sich, Bruder und Schwester. Leben durch unterschiedliche Eindrücke und Erfahrungen geprägt, in unterschiedlichen Horizonten und Zusammenhängen verbracht, gibt es für die Schwester den späten Schock, daß ihr das Leben des Bruders auf immer fremd und verschlossen bleiben wird. Und doch ist es der Bruder! Im Zentrum des Erzählten steht eine unerhörte Begebenheit, eine Brandstiftung, mit der der Bruder einen Lebensbruch herbeigeführt hat. Aus verschiedenen Sichten des familiären Umfelds wird nach möglichen Gründen und Motiven gefragt, es scheinen die Lebensfäden des Mannes auf, ohne freilich definitive Schlüsse zuzulassen. Es ist der Versuch einer Annäherung an ein Menschenleben, das manchem als verfehlt erscheinen wird.

 

 

 

Leseprobe

 

Am 18. Januar 1968 eröffnete das Kreisgericht von Königs Wusterhausen einen in der Öffentlichkeit wenig beachteten Prozeß. Nur die ortsansässige "Märkische Volksstimme" brachte auf ihrer Lokalseite an diesem Tag eine kurze Notiz mit der Mitteilung: "Wegen Brandstiftung zum Schaden von Staatseigentum wird verhandelt gegen...." Der Name des Angeklagten war mit den Initialen H. N. gekennzeichnet. Die mit der Angelegenheit befaßten Juristen wußten selbstverständlich, um wen es sich dabei handelte. Sonst waren nur Familienangehörige in die Sache eingeweiht. Einige saßen im Gerichtssaal unter den wenigen Zuhörern. Heinz Niemand war bis dahin ein wenig auffälliger Mensch gewesen. Für die Öffentlichkeit gab es keine Veranlassung, vom Leben dieses Menschen Notiz zu nehmen.

Für die, die ihn kannten, galt er als zuverlässig und arbeitsam. Er war meist schweigsam, erfüllte seine Pflichten, war bemüht, es den Kollegen und den Vorgesetzten recht zu machen. Eines Tages, völlig unerwartet, war er nicht mehr zur Arbeit erschienen. Wahrscheinlich ist er krank, dachten die Kollegen, die seinen Dienst übernehmen mußten.

Monate später erst nach seinem Verschwinden entnahmen sie der kleinen Zeitungsnotiz, die der Chef ihnen hinhielt, daß H. N. am 3. Juli des Jahres 1967 die Feldscheune eines Staatsgutes in Selchow in Brand gesetzt hatte. Das Gebäude war dabei vollständig vernichtet worden, es war erheblicher Sachschaden entstanden. Sie lasen es und schüttelten die Köpfe, sie konnten diese Nachricht nur schwer mit ihrem Kollegen in einen Zusammenhang bringen. Es war ihnen rätselhaft, wie der Mann dazu gekommen war, aber sie dachten auch nicht lange über die Sache nach. Es ging sie schließlich nichts weiter an, und sie wandten sich der Tagesordnung zu."