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Leo Maché-Suniza

“Der lebende Tote. Das eigenartige Schicksal des Altbolschewiken Ljew Borissowitsch Suniza”

 [= BzG – Kleine Reihe Biographien, Bd. 7], trafo verlag 2004, 164 S., zahlr. Dok. u. Fotos, ISBN 3-89626-473-7, 12,80 EUR

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Die Familie Suniza stammt, so die Überlieferung, aus dem Gouvernement Tschernigow, das um 1800 zur Ukraine gehörte. Sie lebte in ärmlichen Verhältnissen. Der Großvater von Ljew Borissowitsch Suniza, Pawel Suniza, stieg bis zum Gutsverwalter auf, wurde aber nach der ungenehmigten Heirat mit einer Leibeigenen mit 25 Jahren Militärdienst bestraft und nach Sibirien verbannt.
1853 wurde der Vater von Ljew Suniza, Boris Pawlowitsch, als eines von 8 Kindern des Pawel Suniza geboren. Zarentreu, aber von den bestehenden Verhältnissen zutiefst enttäuscht, wird der Vater 1903 ermordet. Wenig später begeht die Mutter Selbstmord. Die drei hinterlassenen Kinder, Wladimir, Maria und Ljew Suniza, sehr liebevoll und musisch erzogen, wachsen bei Verwandten auf. 
In den politisch so dramatischen Jahren 1900 bis 1905 in Russland finden die Brüder ihren politischen Weg – Ljew schließt sich den Bolschewiki an und wird fortan Berufsrevolutionär.
Zu den zahlreichen Stationen seines Wirkens bis 1910 gehören auch die Redaktionen der Zeitungen "Unser Weg" und "Prawda".
Ende 1913 emigriert er nach Wien, wo er mit Bucharin und Trotzki, Karl Renner, Otto Bauer und Max Adler bekannt wird und zusammenarbeitet. Zu Kriegsbeginn 1914 wird er als Russe sofort interniert. Nach der erwirkten Freilassung bleibt er in Österreich, um die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung zu studieren, und nimmt auch an der Zimmerwalder Konferenz von 1915 teil.
1917 gründet Ljew Suniza die "Wiener russische kommunistische Gruppe", die wiederum später an der Gründung der KPDÖ teilnahm. 1918 wird er ausgewiesen und geht nach Moskau. 1919 bringt seine Freundin in Wien seinen Sohn Leo zur Welt – er erfährt es erst Jahre später. 1919/20 dient er in der Roten Armee, 1920/21 als Parteifunktionär in Omsk, danach arbeitet er in verschiedenen Zeitungsredaktionen mit. Ab 1923 wirkt er als Dozent für politische Ökonomie an der Jekaterinburger Universität.
1926 holt ihn Bucharin an die "Internationale Leninschule des EKKI" in Moskau. 1929 wird Suniza versetzt – als Dozent an die TH in Nowotscherkassk, wo er sich vor allem mit Fragen der Entwicklung der sowjetischen Landwirtschaft beschäftigt. 
Den stalinschen "Säuberungen" von 1933 bis 1939 entgeht auch Ljew Suniza nicht. 1935 wird er verhaftet und deportiert.
Und nun verliert sich seine Spur für viele Jahrzehnte...
Am 6. März 1957 wird Ljew Suniza vom Obersten Gericht der UdSSR rehabilitiert. Über seinen Verbleib – angeblich soll er noch bis Anfang der 70er Jahre in der UdSSR gelebt haben – gibt es keine letzte Gewißheit

 

Vorwort

 

Das Verhältnis Vater-Sohn zwischen uns war etwas ungewöhnlich, abnormal. Vater war von Ende 1913 bis November 1918 russischer Emigrant in Wien und wurde nach der österreichischen Revolution am 12. November 1918 von der neuen sozialdemokratisch-christlich-sozialen Regierung aus Österreich als lästiger Ausländer ausgewiesen. Ich kam am 28. Mai 1919 auf die Welt und zwar in Wien, in Österreich. Wie aus den weiteren Ausführungen hervorgeht, hatte mein Vater lange Zeit keine ständige Adresse. Die Großmutter Anna Maché hatte zwar selbst einen außerehelichen Sohn, den Franz Mara, aber nach meiner Geburt warf sie uns aus der gemeinsamen Wohnung hinaus. Zwischen meiner Mutter und meinem Vater gab es lange Zeit keine schriftliche Verbindung. Nachdem sich die Lage in Russland beruhigt hatte, stellte ein Freund meines Vaters aus dem Wiener Aufenthalt, der Russe Iossif Winokur, den Kontakt zwischen meinem Vater und meiner Mutter her und teilte meinem Vater auch meine Existenz mit. Ich war in der Zwischenzeit ein "vaterloses Kind", Ersatzvater war zuerst der Schwager meiner Mutter Josef Schestak, mit dem wir in der gleichen Wohnung zusammenlebten, später mein Volksschullehrer Hans Sailer. 1925 erhielt ich von meinem Vater die erste Ansichtskarte mit dem Mausoleum, noch in alter Ausführung aus Holz, hinter der Kremlmauer ein Gebäude, und bei einem Fenster im dritten Stock ein kleines Kreuz und in dem von ihm geschriebenen Text auf der Karte die Mitteilung, dass in dem Zimmer hinter dem Kreuzerl er bei Lenin war und ihm über Österreich berichtet hatte. Lenin war ein Jahr vor 1925 gestorben und mir 6-jährigem Buben war klar, dass es sich dabei um den Führer der russischen Revolution gehandelt hatte. Ich war furchtbar stolz auf meinen Vater. Im September 1931 sah ich meinen Vater zum ersten Mal. Und obwohl wir nicht mit ihm zusammen gelebt hatten, trafen wir uns regelmäßig, fast jeden Sonntag. In einem Brief an seine Schwester schrieb er einmal, als ihm meine Mutter Vorhalte deswegen machte, er wolle mir nur seine Erfahrungen aus seiner revolutionären Tätigkeit übertragen. Auch die Ferien verbrachte ich mit meinem Vater, 1932 in dem nordwestlich von Leningrad nahe der finnischen Grenze gelegenen Sestrorezk, 1933 in einer deutschen Kollektivwirtschaft im Gebiet Busuluk-Sorotschinsk (Orenburger Region), wo mein Vater von der Partei zur Kontrolle der Getreideablieferung an den Staat eingesetzt war und 1934 in dem Erholungsheim der Internationalen Leninschule in Nowy Torschok in der Region von Twer, fast auf halbem Weg von Moskau nach Leningrad. Ein paar Jahre später wurde die Stadt auf Kalinin umbenannt und heißt seit der Wende wieder Twer. Dies war unser letzter gemeinsamer Urlaub. Im April 1935 wurde mein Vater verhaftet. Die gemeinsam mit mir verbrachte Zeit war aber für den Vater die schwerste Zeit seines Lebens. Er hatte zwar mehrere schwierige Abschnitte: Als er sechzehn Jahre alt war, wurde sein Vater ermordet und kurze Zeit darauf beging seine Mutter Selbstmord, er wurde Vollwaise. Vom 18. bis zum 20. Lebensjahr lebte er illegal in Moskau als Berufsrevolutionär. Mit 21 inskribierte er an der Moskauer Universität und leitete anschließend eine Gruppe revolutionärer Studenten. Ende 1913 emigrierte er nach Österreich und wurde zu Beginn des Krieges interniert. Aber der schwierigste Abschnitt seines Lebens war der Zeitraum von 1929 bis 1935 und natürlich danach.

 

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 7

Vorfahren 10

Geschwister 13

Revolution 1905 16

Student an der Moskauer Universität 22

In der Redaktion der Zeitung "Nasch putj", "Unser Weg" 24

Tätigkeit in Wien 27

Trotzkis Zeitschrift "Borjba" 28

Der erste Weltkrieg 30

Lebensunterhalt während des Krieges 32

Politische Tätigkeit im Krieg 33

Nach der Oktoberrevolution 35

Gründung der KPDÖ 37

Wieder in Moskau 38

Als Gast bei Lenin 41

Aus dem Land einer "in der Geschichte beispiellosen Revolution" 48

Bei der Roten Armee 57

Diskussionsbeitrag Sunizas zum Parteiprogramm bei dem 8. Parteitag der KPdSU(B) 60

Nach der Roten Armee 71

Internationale Leninschule 74

Das Jahr 1929 75

Die Entwicklung der Landwirtschaft 77

Probleme mit der Konsumgüterproduktion 79

Die Versorgungskrise 82

Kosaken 84

Nowotscherkassk, Rostow am Don 86

Zurück in die Leninschule 87

Schwierige Zeiten 89

Im Erholungsheim der Leninschule.

Diskussion mit Segal 99

Das letzte Kapitel des lebenden Suniza 110

Der Brief Sunizas von der Kolyma an seine Frau 115

DieWeltkraftkonferenz 1956 in Wien 126

Der lebende Tote 130

 

Die Quellen für diesen Lebenslauf 136

Die Nachfolgegeneration 140

 

Quellen 143

Abbildungen 145

 

Über Leo Maché-Suniza 163


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