[= BzG – Kleine Reihe Biographien, Bd. 7], trafo verlag 2004, 164 S., zahlr. Dok. u. Fotos, ISBN 3-89626-473-7, 12,80 EUR
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Die Familie Suniza stammt, so die Überlieferung, aus dem Gouvernement
Tschernigow, das um 1800 zur Ukraine gehörte. Sie lebte in ärmlichen Verhältnissen. Der Großvater von Ljew Borissowitsch
Suniza, Pawel Suniza, stieg bis zum Gutsverwalter auf, wurde aber nach der
ungenehmigten Heirat mit einer Leibeigenen mit 25 Jahren Militärdienst
bestraft und nach Sibirien verbannt. |
Das Verhältnis Vater-Sohn zwischen uns war etwas ungewöhnlich, abnormal. Vater war von Ende 1913 bis November 1918 russischer Emigrant in Wien und wurde nach der österreichischen Revolution am 12. November 1918 von der neuen sozialdemokratisch-christlich-sozialen Regierung aus Österreich als lästiger Ausländer ausgewiesen. Ich kam am 28. Mai 1919 auf die Welt und zwar in Wien, in Österreich. Wie aus den weiteren Ausführungen hervorgeht, hatte mein Vater lange Zeit keine ständige Adresse. Die Großmutter Anna Maché hatte zwar selbst einen außerehelichen Sohn, den Franz Mara, aber nach meiner Geburt warf sie uns aus der gemeinsamen Wohnung hinaus. Zwischen meiner Mutter und meinem Vater gab es lange Zeit keine schriftliche Verbindung. Nachdem sich die Lage in Russland beruhigt hatte, stellte ein Freund meines Vaters aus dem Wiener Aufenthalt, der Russe Iossif Winokur, den Kontakt zwischen meinem Vater und meiner Mutter her und teilte meinem Vater auch meine Existenz mit. Ich war in der Zwischenzeit ein "vaterloses Kind", Ersatzvater war zuerst der Schwager meiner Mutter Josef Schestak, mit dem wir in der gleichen Wohnung zusammenlebten, später mein Volksschullehrer Hans Sailer. 1925 erhielt ich von meinem Vater die erste Ansichtskarte mit dem Mausoleum, noch in alter Ausführung aus Holz, hinter der Kremlmauer ein Gebäude, und bei einem Fenster im dritten Stock ein kleines Kreuz und in dem von ihm geschriebenen Text auf der Karte die Mitteilung, dass in dem Zimmer hinter dem Kreuzerl er bei Lenin war und ihm über Österreich berichtet hatte. Lenin war ein Jahr vor 1925 gestorben und mir 6-jährigem Buben war klar, dass es sich dabei um den Führer der russischen Revolution gehandelt hatte. Ich war furchtbar stolz auf meinen Vater. Im September 1931 sah ich meinen Vater zum ersten Mal. Und obwohl wir nicht mit ihm zusammen gelebt hatten, trafen wir uns regelmäßig, fast jeden Sonntag. In einem Brief an seine Schwester schrieb er einmal, als ihm meine Mutter Vorhalte deswegen machte, er wolle mir nur seine Erfahrungen aus seiner revolutionären Tätigkeit übertragen. Auch die Ferien verbrachte ich mit meinem Vater, 1932 in dem nordwestlich von Leningrad nahe der finnischen Grenze gelegenen Sestrorezk, 1933 in einer deutschen Kollektivwirtschaft im Gebiet Busuluk-Sorotschinsk (Orenburger Region), wo mein Vater von der Partei zur Kontrolle der Getreideablieferung an den Staat eingesetzt war und 1934 in dem Erholungsheim der Internationalen Leninschule in Nowy Torschok in der Region von Twer, fast auf halbem Weg von Moskau nach Leningrad. Ein paar Jahre später wurde die Stadt auf Kalinin umbenannt und heißt seit der Wende wieder Twer. Dies war unser letzter gemeinsamer Urlaub. Im April 1935 wurde mein Vater verhaftet. Die gemeinsam mit mir verbrachte Zeit war aber für den Vater die schwerste Zeit seines Lebens. Er hatte zwar mehrere schwierige Abschnitte: Als er sechzehn Jahre alt war, wurde sein Vater ermordet und kurze Zeit darauf beging seine Mutter Selbstmord, er wurde Vollwaise. Vom 18. bis zum 20. Lebensjahr lebte er illegal in Moskau als Berufsrevolutionär. Mit 21 inskribierte er an der Moskauer Universität und leitete anschließend eine Gruppe revolutionärer Studenten. Ende 1913 emigrierte er nach Österreich und wurde zu Beginn des Krieges interniert. Aber der schwierigste Abschnitt seines Lebens war der Zeitraum von 1929 bis 1935 und natürlich danach.
Einleitung 7
Vorfahren 10
Geschwister 13
Revolution 1905 16
Student an der Moskauer Universität 22
In der Redaktion der Zeitung "Nasch putj", "Unser Weg" 24
Tätigkeit in Wien 27
Trotzkis Zeitschrift "Borjba" 28
Der erste Weltkrieg 30
Lebensunterhalt während des Krieges 32
Politische Tätigkeit im Krieg 33
Nach der Oktoberrevolution 35
Gründung der KPDÖ 37
Wieder in Moskau 38
Als Gast bei Lenin 41
Aus dem Land einer "in der Geschichte beispiellosen Revolution" 48
Bei der Roten Armee 57
Diskussionsbeitrag Sunizas zum Parteiprogramm bei dem 8. Parteitag der KPdSU(B) 60
Nach der Roten Armee 71
Internationale Leninschule 74
Das Jahr 1929 75
Die Entwicklung der Landwirtschaft 77
Probleme mit der Konsumgüterproduktion 79
Die Versorgungskrise 82
Kosaken 84
Nowotscherkassk, Rostow am Don 86
Zurück in die Leninschule 87
Schwierige Zeiten 89
Im Erholungsheim der Leninschule.
Diskussion mit Segal 99
Das letzte Kapitel des lebenden Suniza 110
Der Brief Sunizas von der Kolyma an seine Frau 115
DieWeltkraftkonferenz 1956 in Wien 126
Der lebende Tote 130
Die Quellen für diesen Lebenslauf 136
Die Nachfolgegeneration 140
Quellen 143
Abbildungen 145
Über Leo Maché-Suniza 163