Domurath, Brigitte / Gerlinghoff, Inge (Hrsg.)

Die getötete Kindheit. Erinnerungen ehemaliger Kinderhäftlinge in faschistischen Konzentrationslagern

herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Inge Gerlinghoff und Brigitte Domurath, [= Autobiographien, Bd. 15], trafo verlag 2003, 150 S., Abb., ISBN 3-89626-452-4, 14,80 EUR

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Geehrte deutsche Leser und Leserinnen!

Wahrscheinlich wird es Ihnen nicht leichtfallen, die Erinnerungen der ehemaligen minderjährigen Häftlinge der nazistischen Konzentrationslager zu lesen, die jetzt in Sankt Petersburg und Umgebung leben. Auch wenn das Ende des II. Weltkrieges mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt, ist der Krieg von uns und von Ihnen nicht vergessen. Über den vergangenen Krieg, den schrecklichsten Krieg des 20. Jahrhunderts, ist nicht wenig geschrieben und gesagt worden. Allerdings besteht ein wesentlicher Unterschied darin, wie Erwachsene bzw. Kinder die Schrecken erlebt und verarbeitet haben, auch wie sie darüber berichten. Die Erwachsenen waren im Stande, die Ereignisse zu analysieren, sie konnten die Ursachen dessen, was sie sahen, verstehen. Kindern aber, besonders denjenigen, die nicht einmal zehn Jahre alt waren, blieb alles so unvermittelt in der Erinnerung haften, wie sie es erlebt hatten, es prägte sich ihnen ein wie auf einem fotografischem Film, ohne die Vorfälle zu reflektieren oder zu analysieren, meist konnten sie die Ursachen der von ihnen durchlebten Hölle nicht verstehen.

Wir Kinderhäftlinge können uns oft nicht an das genaue Datum eines Vorfalles erinnern, wir erinnern uns vielleicht nicht mehr an den Namen irgendeiner Person oder eines Ort, dafür haben wir aber kein Körnchen menschlicher Güte und Anteilnahme vergessen. Ebenso wenig können wir die Schrecken, die Angst und Erniedrigung vergessen, die wir erleiden mussten. Auch nach dem Sieg und noch viele Jahre später ließ man uns all dies nicht vergessen.

Schon bald nach Beginn des Großen Vaterländischen Krieges, im Juli 1941, ist von dem Hauptbefehlshaber der Roten Armee, J. Stalin, ein Erlass herausgekommen, demzufolge alle Soldaten und Offiziere, die in deutsche Gefangenschaft gerieten, als Landesverräter galten. Auch ihre Angehörigen galten als unzuverlässig. Sie wurden ebenfalls als Verräter angesehen. Wenig später wurden automatisch all diejenigen wie Verräter behandelt, die sich in den besetzten Gebieten verblieben waren, Häftlinge in faschistischen Lagern waren, sich in Ghettos oder Gefängnissen befanden, die Zwangsarbeit in Betrieben oder bei Bauern in den besetzten Ländern leisten mussten. All diese Menschen galten als Landesverräter, sogar die kleinen Kinder.

Nach der Befreiung, als wir wieder in unsere Heimat zurückkehrten, bekamen viele von uns die Auswirkungen dieses berüchtigten Erlasses zu spüren. Wie viele erwachsene Häftlinge, vor allem diejenigen, die in Gefangenschaft geraten waren, sind aus den faschistischen Konzentrationslagern unmittelbar in stalinistische gekommen – für 10 Jahre! Die ehemaligen Kinderhäftlinge, sogar solche, die in der Gefangenschaft geboren worden waren, wurden in ihren Rechten beschnitten. Wir durften nicht lernen und arbeiten, wo wir wollten, wir hatten kaum Zugang zu angesehenen Berufen und verantwortungsvollen Aufgaben. Viele von denen, die vor dem Kriege 12 bis 14 Jahre alt waren, durften die Schule nicht weiter besuchen und blieben Halbanalphabeten. Nur drei Prozent de ehemaligen Kinderhäftlinge auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion ist es gelungen, eine höhere Bildung zu erlangen.

Viele Jahre lang hielt man uns für nicht vertrauenswürdig. Das heißt, wir waren Menschen zweiter Klasse, obwohl wir uns unserem Vaterland gegenüber nichts zu schulden kommen ließen. Vorzuweisen hatten wir nur unsere zerstörte Kindheit. Wir mussten dazu auch noch schweigen und die Ablehnung ertragen. Wir mussten nicht nur um uns selbst fürchten, sondern auch um unsere Kinder. Man ließ uns das Gewesene nicht vergessen. Wir wurden daran erinnert, auch wenn wir selbst es vergessen wollten. So war es, so war es wirklich... 

Dann kam für uns der unvergessliche Tag. Am 22. Juni 1988 organisierte das Leninsche Sowjetische Kinderkomitee in Kiew ein Treffen der Kinderhäftlinge, an dem ungefähr 800 Menschen teilnahmen. Zum ersten Mal vernahmen wir in all den vielen Nachkriegsjahren landesweit aufrichtige Worte der Wahrheit, des Mitleids und der Schuld gegenüber den ehemaligen Kinderhäftlingen. Der Schriftsteller Albert Lichanow fragte als Vorsitzender des Kinderkomitees mit Erstaunen und bewegter Stimme: „Wo waren wir, wo war unsere ganze Gesellschaft diese 43 Jahre lang seit dem Tage des Sieges? Warum wollen und können wir erst jetzt, 47 Jahre nach Kriegsbeginn, im Namen unseres Staates und unserer Gesellschaft das Wort „Verzeiht!" aussprechen? Frauen und Männer, Brüder und Schwestern, verzeiht uns! Auch wenn ihr längst keine Kinder mehr seid, ist es eine heilige Pflicht des Kinderkomitees, eure Interessen wahrzunehmen und zu verteidigen."

Damit begann eine neue Ära im Leben der Kinderhäftlinge. Obwohl sich nicht alles sofort änderte. Es ist ja nicht so leicht, die langjährigen Stereotypen in den Köpfen Hunderttausender Menschen zu verändern. Wir als die letzten Zeugen des fernen und zugleich so nahen vergangenen Krieges berichten über ihn nicht, um Mitleid für uns zu erwecken oder um jemandem Schmerz zuzufügen, nein! An unserer Stelle könnten andere Kinder stehen, vielleicht auch Ihre. Wir erinnern uns und hoffen, dass Menschen, die über den Krieg mit all seinen hässlichen und schrecklichen Seiten die Wahrheit erfahren, alles tun werden, was in ihren Kräften steht, damit ihre Kinder und Enkel niemals diese Schrecken, die unserer Generation zum Schicksal wurden, erleben müssen.

Sankt Petersburg, im April 2003

Stella Nikiforowa, ehemaliger Kinderhäftling im KZ Ravensbrück

 


Inhaltsverzeichnis

Stella Nikiforowa: Vorwort zur deutschen Ausgabe

Irena Lasari: Kinder im Lager

Tamara Aleksejenko: Ich wollte mit meinem Schrei die Angst überwinden

Walentina Kasjanowa (Bojzowa): Das schreckliche Wort Krieg

Anna Grigorjewa: Ich wollte nicht mehr leben

Stella Nikiforowa: Glaubt mir, so etwas ist schrecklich!

Nina Sokolowa (Moskalez): Auch unsere Seelen krampften sich zusammen

Nikolaj Zyganow: Ich lernte, den Menschen wieder in die Augen zu schauen

Nina Wlassowa (Aleksejewa): Das Soldatenschicksal teilend...

Walentin Rjabow: Wir wurden schnell erwachsen

Lew Tokarjew: Als ich vierzehn war

Isolda Iwanowa: Elisa – ein Kind des Krieges

Anmerkungen der Übersetzerinnen

Inge Gerlinghoff: Nachwort

 

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