Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages

   => Lieferanfrage

 

Gerhard Branstner

Die Weisheit des Humors

(Bibel der Weltweisheit, ein Hausbuch)

[= Werkauswahl, Band 10], trafo verlag 2005, 309 S., ISBN (10) 3-89626-450-8, ISBN (13) 978-3-89626-450-3, 18,80 EUR

 

 

Vorbemerkung 

Mein lieber, treuer Leser,

wenn Du es wirklich geschafft hast, die ersten neun Bände zu lesen, ob im Widerstreit mit mir oder in Übereinstimmung, hast Du den Ertrag dieser gewaltigen Leistung verdient. Und der Ertrag ist, daß Du ein schönes, großes Stück Leben gewonnen hast. 

Bevor ich mich über den Inhalt dieses letzten Bandes der Werkauswahl hermache, wollen wir das Ärgerliche hinter uns bringen, nämlich die genauere Charakterisierung der dauernden Ablehnungen meiner literarischen und philosophischen Produktion. Vor etwa zwanzig Jahren hatte der Schriftstellerverband der DDR wissen wollen, in welchem Maße seine Mitglieder von Ablehnungen betroffen wurden. Ich kam auf über 130. Inzwischen sind es über 200. Ich rechne nur Bücher und Bühnenstücke. Nicht die Ablehnungen vom Fernsehen, Film, Rundfunk, Zeitschriften und Zeitungen. Ich gehöre zweifelsfrei ins Guinessbuch der Rekorde. Allein dieser zehnte Band, den ich der Auswahl als Test vorausgeschickt habe, ist von 9 Verlagen abgelehnt worden. Das waren der Verlag Neues Leben, der Aufbau Verlag, der Kay Homilius Verlag, Schwarzkopf und Schwarzkopf, Klaus Wagenbach (alle Berlin); Hinstorff Rostock, R. Fischer und der Eschborn Verlag, beide Frankfurt/Main und Faber und Faber, Leipzig. Die Gründe zu ermitteln ist nicht einfach. Vordergründig waren es politische, d.h. meine politische Unverfrorenheit, aber ebenso die politische Ängstlichkeit auf der anderen Seite. Ein weiterer Grund war, daß ich nicht den gewünschten eindeutigen Gegenwartsroman lieferte. Der dritte Grund ist der interessanteste: Die eigenartige, eigene Qualität meiner Schriftstellerei. Das ist die merkwürdige Mischung von Ernst und Heiterkeit. Ich nehme alles, ob es komisch oder tragisch ist, ob es ernst oder heiter ist, ernst und heiter zugleich. Beispielsweise habe ich ein heiteres Lied über den amerikanischen massenhaften Bombenmord während des Vietnamkrieges geschrieben. Es wurde massenhaft abgelehnt. Als ich es einem Verlagskollektiv vortrug, meinten die Hörer, daß es ihnen kalt über den Rücken gelaufen sei. Meine Vertonung verstärkt diese Wirkung: in ihr wird die Heiterkeit vom Ernst gekontert und umgekehrt. 

Die Mischung von Ernst und Heiterkeit, die dialektische Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit bedeutet aber auch die Aufhebung der Wirklichkeit in Unwirklichkeit. Das geht nun doch zu weit! Das geht nun wirklich nicht! Die "Plebejade" z.B. aber ging nur deshalb, sie ging nur so. Da ich die Heiterkeit als Form und Funktion der Freiheit verstehe, hat sie logischerweise einen historischen Inhalt, sie mißt die Wirklichkeit an dem historisch Möglichen. Das aber relativiert die Wirklichkeit, verunsichert sie, macht sie nichtig, unmöglich, unwirklich. Ich mache die verunsicherte Wirklichkeit und die Möglichkeit zur heiteren Position der respektlosen Kritik der Wirklichkeit. Das ist eine weitere Beschreibung der ästhetischen Schwerelosigkeit. Das ist moderne Kunst. Und das wirklich Moderne hat es schon immer schwer gehabt. 

Damit geht es mir nach der Wende nicht besser als vorher. Im Gegenteil. Ich werde heute noch häufiger abgelehnt als gestern. Das ist die Freiheit des Wortes! Dabei gelingt es mir gar nicht immer, meinem eigenen Anspruch zu genügen. Es gibt aber noch einen vierten Grund der Ablehnung: Die Dummheit. Der Leser kann nicht glauben, in welchem Maße in so intelligenten Institutionen wie den Verlagen und Theatern die Dummheit grassiert. Beispielsweise schrieb mir Faber & Faber, daß jedes Buch seine Zeit habe, weshalb er die "Weisheit..." ablehnte. Und Satire bringe er ohnehin nicht. Herr Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, lehnte ein Gespräch mit mir schlankweg ab, obwohl ich ihm unmißverständlich bedeutete, daß er doch gar nicht wisse, wen er vor der Tür stehen läßt. Das ist die Arroganz der Dummheit. Und der Eschborn Verlag lehnte die "Weisheit...", ohne auch nur einen Blick in das Buch getan zu haben, mit einem Schemabrief ab, worin ich als Kollegin und Kollege angesprochen werde. 

Beispiele dieser Dummheit könnte ich endlos geben. In Summa: Über 200 Ablehnungen. Das ist die Realität der Meinungsfreiheit. 

Bezeichnend ist, daß alle abgelehnten Bücher, wenn auch mit Verspätung, schließlich erschienen sind. Die Werkauswahl ist das schönste Beispiel.

Noch ein Wort zum Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit. Die Möglichkeit ist in diesem Verhältnis der edlere Partner. In ihr äußert sich der Mensch mit seiner Phantasie, seinen humanistischen Illusionen, seinem beseren Wollen, wogegen die Wirklichkeit gewöhnlich nur das dürftige Überbleibsel ist, abgenagt von den vermeindlichen oder wirklichen 

Zwängen des Machbaren. Die Wirklichkeit aus dieser Verarmung und Erstarrung zu befreien ist höherer Zweck der Kunst, speziell der Literatur. Und wenn das Spiel mit der Wirklichkeit das beste Mittel ist, sie aus der Erstarrung zu befreien, dann muß die Kunst dieses Spiel vorahmen. Vorahmung des Spiels mit der Wirklichkeit ist die höchste Funktion der Kunst. Um des Möglichen willen. Aber: Ohne das Unmögliche zu wollen, ist das Mögliche nicht zu erlangen. 

Wenn Brecht darstellt, um das Dargestellte der Kritik auszuliefern, stelle ich dar, um das Dargestellte dem Spiel zu überantworten. Ein kleines Beispiel: Als ich für einige Zeit Berater von Schönemann am Landestheater Halle war, inszenierte Schönemann "Der Widerspenstigen Zähmung". In der Rahmenhandlung soll ein Kesselflicker von adligen Spaßvögeln betrunken gemacht werden und schließlich glauben, daß er ein Adliger ist. Schönemann verlangte, daß der Schauspieler mit dem Brustton der Überzeugung protestiert: "Ich bin Kesselflicker! ". Das sollte proletarischen Effekt machen. Nach der Probe meinte ich zu Schönemann und Wolfram, dem Intendanten, daß es schöner wäre, wenn der Kesselflicker sich so blöd stellen würde, wie die adligen Spaßvögel glaubten, daß er es sei und an der Stelle, wo ihm gesagt wird, daß er als Adliger bei der Jagd über eine Hundemeute verfügt laut "Wauwau!" kläfft, um zu zeigen, daß er weiß, was eine Hundemeute ist. Da die Adligen darauf hereinfallen und sich köstlich amüsieren, erweist sich der Kesselflicker als der Überlegene, der Schauspieler hat was zu spielen und die Zuschauer freuen sich, indem sie das Spiel durchschauen. Das auch als Beispiel, wie Shakespeare modern gespielt werden kann. Ich gab den beiden noch einige andere Beispiele für diese Inszenierungsweise. Wolfram war ziemlich konsterniert und meinte, daß die Proben eigentlich noch mal von vorn beginnen müßten, nämlich nach meinen Vorstellungen. Was der Terminplan natürlich nicht erlaubte. 

Die "Weisheit..." ist eine Auswahl, ein Resümee aus den vorigen Büchern, um Dir, lieber Leser, als Vortragsbuch zu dienen. Leider ist der Brauch, bei guter Gelegenheit Literatur vorzutragen, zunehmend verlorengegangen. 

Und die Literatur kommt dem auch noch entgegen und wird immer weniger vortragsfähig. 

Damit Du nicht alle meine Bücher mit Dir herumschleppen mußt, habe ich das zehnte angefertigt, in dem alles für den Vortrag Geeignete enthalten ist. Probiere es aus, und Du wirst es mir danken. 

Ein letztes Wort. Nimm es mir, lieber Leser, nicht übel, daß ich nirgends das Entstehungs- oder Erscheinungsdatum angegeben habe. Ich weiß es 

nämlich meistens selber nicht, da ich mir das nicht notiere oder merke. Vor allem ist ja die Differenz zwischen der Entstehung und dem Erscheinen interessant, aber um das herauszufinden, wäre ich völlig überfordert. 

Damit, lieber, geneigter Leser, verabschiede ich mich von Dir und hoffe, daß meine Bücher Dir Dein Leben lang vergnügliche und nützliche Begleiter sind. 

 

Auf immer, Dein

Gerhard Branstner