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Gerhard Branstner

Vom Himmel hoch. Utopische Lügengeschichten

[= Werkauswahl, Band 9], trafo verlag 2005, 160 S., ISBN (10) 3-89626-449-4, ISBN (13) 978-3-89626-449-7, 11,80 EUR

Vorbemerkung 

 

Es geht, lieber Leser, aufs Ende zu. Du hast den vorletzten Band in der Hand. Das Wort Vorletzter hat das Letzte als Bestandteil schon an sich.

Und daß Du bis hierher, bis zum vorletzten Band mitgegangen bist, soll Dir auch besonders gedankt sein, nämlich mit einer literarischen Delikatesse. Utopische Lügengeschichten gibt es nur wenige, und die wenigen taugen nicht viel, mit einer Ausnahme. Na, Du kannst Dir schon denken, wer die Ausnahme ist.

Du mußt aber erst einmal meine utopischen Lügengeschichten von den Münchauseniaden unterscheiden. Erstens fliegt der Held in der utopischen Lügengeschichte nicht auf der Kanonenkugel, sondern in der Rakete. Aber die scheinbar realere Rakete ist noch unglaublicher als die Kanonenkugel, weil schneller als das Licht. Zweitens sind in der utopischen Lügengeschichte Schwindel und Wahrheit nicht ohne weiteres auseinanderzuhalten. Bei Münchhausen ist im Allgemeinen alles sofort als Schwindel erkennbar, bei mir nicht. Und wenn es Dir, lieber Leser, gelingt, bist Du klüger als ich, ich kann es nämlich meistens selber nicht auseinander halten. Beispielsweise wenn einer jünger auf die Erde zurückkommt, als er losgeflogen ist. Ich widerlege diese physikalische Lebensverlängerung damit, daß die biologische Bezugsebene nicht von der physikalischen außer Kraft gesetzt werden kann. Und überdies mit dem Mutterwitz, daß der Faden nicht länger wird, wenn ich hinten abschneide, was ich vorne anknüpfe. Mit der Lichtgeschwindigkeit gehe ich sehr unbedenklich um, so daß ich am Ende selber nicht weiß. ob diese Geschwindigkeit eine absolute Konstante hat oder nicht. Und drittens sind die Lügengeschichten deutlich philosophischer als die des Lügenbarons, oder anders gesagt, sie enthalten ihre eigene Weisheit. Die muß nicht vordergründig sein. In Oranienburg habe ich den "Eisernen Schildknappen" gelesen. Am Ende rannen einer Oma die Tränen über das Gesicht. Ich ging zu ihr hin und habe sie gestreichelt. Sowas ist ganz und gar nicht üblich in der utopischen Literatur. Da geht es normalerweise unwirtlich zu und nicht rührend. Und in der Lügengeschichte, wie können einem da Tränen kommen?

Aber ich sagte ja, in der ästhetischen Schwerelosigkeit wird beides stärker empfunden, die Wirklichkeit und die Unwirklichkeit. Das ist dem Schwebezustand des Ballonfahrers vergleichbar, der auch beides deutlicher wahrnimmt, den Himmel über sich und die Erde unter sich.

Das ist für diesmal genug der Vorbemerkung. Ich wünsche Dir, lieber Leser, rührendes Vergnügen, das können auch Tränen des Lachens sein.  

 

Dein

Gerhard Branstner