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Gerhard Branstner 

Das Spruchsäckel. Sprüche, Sprichwörter, Sentenzen

[= Werkauswahl, Band 8], trafo verlag 2005, 82 S., ISBN (10) 3-89626-448-6, ISBN (13) 978-3-89626-448-0, 7,80 EUR

Vorbemerkung zum "Spruchsäckel" 

Nun sind wir, lieber Leser, 

 

schon eine schöne Strecke miteinander gegangen und können uns Klartext leisten. Du weißt, Furzen auf Kommando ist eine große Kunst, die nur wenige beherrschen. Du kennst vermutlich nicht einen. Ich hatte das Glück, einen zu kennen. Es war der eine halbe Generation ältere Nachbarssohn. In der "Plebejade" habe ich ihm ein Denkmal gesetzt. Als seine Schwester nach 50 Jahren das las (er hatte längst den letzten Marsch geblasen), war sie nicht, wie ich erwartet hatte, stolz darauf, daß ihr Bruder in die Weltliteratur eingegangen war, sondern fürchterlich entsetzt. Sie sah darin eine öffentliche Schande, weil vor der ganzen Welt bloßgestellt. Dabei hatte ich diese seltene Fähigkeit dem Küster Jeremias angedichtet, so daß ihr Bruder nicht habhaft gemacht werden konnte.  

 

Weshalb, lieber Leser, erzähle ich Dir das? Weil das Sprücheschreiben eine noch größere Kunst ist. Genauer gesagt, eine einmalige. Lichtenberg und Goethe haben in ihrem ganzen Leben höchstens sechs, sieben Sprüche zustande gebracht, und das aus Versehen, also nicht auf Kommando. Sprüche werden nicht von einem Dichter geschrieben, sondern gesammelt. Da mir dauernd Sprüche entschlüpfen und sie in den verschiedensten Büchern herumgeistern, z.B. in der "Ochsenwette", in der "Plebejade" und in den Tierfabeln, machte der Verlagsleiter vom Buchverlag Der Morgen den Vorschlag, sie in einem Extrabuch zusammenzufassen. Und schließlich kam er auf die Idee, die Sammlung durch einige neue Sprüche zu bereichern. Da habe ich auf Kommando in einer Woche 50 neue geschrieben. So ist das Spruchsäckel entstanden. Es ist eine absolute Rarität. 

 

Von den Miniformen der Literatur gibt es einen ganzen Haufen. Neben dem Spruch das Sprichwort, den Aphorismus, die Sentenz, das Bonmot. Von ihnen allen können allein der Spruch und das Sprichwort nicht geschrieben werden, und schon gar nicht auf Kommando. Ich schreibe auch Sprichwörter auf Kommando. Spruch und Sprichwort unterscheiden sich durch ihre Adresse. "Schuster bleib bei deinem Leisten" gilt ja nicht nur für den Schuster. Obwohl es einer der blödesten Sprüche ist, denn er ist von Oben gegen Unten gerichtet. "Manche Frauen glauben nur deshalb an Gott, weil er ein Mann ist" gilt hingegen nur für manche Frauen. Der Spruch ist offenbar genauer in der Adresse, oft auch philosophischer. Und meine Sprüche sind im Allgemeinen frecher. "Wer ein hohes Amt begleitet, mitunter an den Sinnen leidet", "Dummheit auf der Leiter, klettert immer weiter" und" Auch hohe Tiere müssen mal aufs Örtchen, nur tun sie oft, als schissen sie ein Törtchen" sind nicht nur genau in der Adresse. sondern auch "staatsgefährdend". Solche Sprüche, alle vor der Wende geschrieben, setzten radikale Kritik des "realen Sozialismus" voraus. Deshalb stimmen sie auch gegen den Kapitalismus. 

 

Zum Rostocker Buchbasar wurde am Ende immer ein gemütliches Beisammensein veranstaltet. In fortgeschrittener Stunde kam Kritik am "realen Sozialismus" auf. Da sie mir zu zahm war, rief ich unüberhörbar in den Saal: "Das Politbüro ist eine Verbrecherbande und Honecker ist der Hauptverbrecher!". Ich wurde nicht verhaftet und hatte auch nie Angst davor, auch nicht vor der Stasi. Ich hatte Kontakt zur Stasi und konnte sie einigermaßen einschätzen. Von der Stasi verfolgte Dissidenten waren keine Kritiker von vorn, sondern von der Seite, ich war es von vorn. Wie will man mich wegen Vergehen am Sozialismus belangen, wenn ich Verbrecher am Sozialismus bloßstelle? 

 

Ich bin zwar der streitbarste Philosoph, aber ob ich mutig bin, weiß ich nicht, Als ich aus französischer Gefangenschaft geflüchtet bin, war das vielleicht mutig, denn alle 25 vor mir aus dem gleichen Lager ausgebrochenen Gefangenen waren "auf der Flucht" erschossen worden. Für mich war es nur ein lustiger und listiger Coup. 

 

Im Allgemeinen schaffe ich mir, wenn möglich, die Bedingungen, wo ich keine Angst haben muß. Keine Angst zu haben oder haben zu müssen ist vielleicht besser als Mut. Ich weiß es nicht. Vielleicht kannst Du, lieber Leser, es entscheiden. 

Meine Honeckerbeschimpfung hatte aber noch ein eklatantes Nachspiel. Nach 3 Monaten offenbarte mir ein Kollege, übrigens ein bekannter Schriftsteller, daß ihm der "Hauptverbrecher Honecker" derart in die Glieder gefahren sei, daß er in der Nacht nicht aufgepaßt und ein Kind gezeugt habe. Das war mir eine ungeheure Genugtuung. Daß meine Honeckerschelte die Entstehung eines Menschen verursacht hat, ist gewiß ein kurioser Zusammenhang. 

Als letztes eine Anekdote, die zeigt, daß ich doch etwas mit Mut zu tun habe. Während einer Lesung in einem großem Werk in Eberswalde sprang einer der Höhrer dauernd auf, wogegen der neben ihm sitzende Kollege ihn jedesmal wieder herunterzog. In der anschließenden Diskussion fragte ich den Kollegen, weshalb sein Nebenmann dauernd aufgesprungen sei. "Der wollte zum Abteilungsleiter und ihm endlich mal die Meinung sagen. Ihr Vortrag hat ihm richtig Mut gemacht." Und weshalb, wollte ich wissen, haben Sie ihn daran gehindert? "Weil längst Feierabend ist." 

Der mutig Gewordene mußte also seinen Mut bis zum nächsten Morgen frisch halten. Übrigens ist das Mutmachen durchaus meine Absicht, wenn auch nicht hauptsächlich direkt. Die ästhetische Schwerelosigkeit ist ja eine höhere Instanz, von der aus der Mut der Souveränität möglich ist. Und hinter allem steckt schließlich die unbotmäßige Heiterkeit: Na also! 

 

Und Dir, lieber Leser, wünsche ich, daß Du mir treu bleibst, wenigstens bis zum nächsten Buch, den "Utopischen Lügengeschichten". 

 

Dein 

Gerhard Branstner