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Gerhard Branstner 

Der Sternenkavalier. Phantastischer Reiseroman

 [= Werkauswahl Gerhard Branstner, Band 7], trafo verlag 2005, 176 S., ISBN (10) 3-89626-447-8, ISBN (13) 978-3-89626-447-3, 11,80 EUR

Vorbemerkung zum "Sternenkavalier" 

 

Lieber Leser, 

nun sind wir bei der Sieben angelangt. In der Ehe ist das siebente Jahr das verflixte. Den siebenten Band der Werkauswahl zu besitzen ist das Gegenteil von verflixt. Da Du es so weit mit mir ausgehalten hast, kann Dir nichts mehr passieren. Die "Bommelanten", die utopischen Anekdoten in "Wie Fritz den Teufel erschlug", die "Plebejade" und der "Sternenkavalier" stellen im Verein mit den "Utopischen Lügengeschichten" (dem 9. Band) eine ganz eigene Welt dar. Wenn Du alle 5 Bücher in Ruhe hintereinander liest, wird Dir etwas ganz eigenes geschehen: Du trittest in eine Welt der Beschwingtheit ein. Das mag Dir schon bei dem einen oder anderen einzelnen Buche geschehen sein. Aber alle zusammen verschaffen Dir diese Beschwingtheit mit Sicherheit. Und auf intensivere Weise. Ich nenne das den Zustand der ästhetischen Schwerelosigkeit. Das findest Du bei anderen Autoren überhaupt nicht oder nur in schwachem Anflug, beispielsweise bei Stanislaw Lems "Sterntagebüchern". 

Die ästhetische Schwerelosigkeit ist eine Eigenart, die von mir in die Literatur eingeführt wurde, wie Franz Kafka die "Traumlogik" (Thomas Mann) eingeführt hat. Während es aber bei Kafka auf die ausweglose Befangenheit in der Verwaltung des Menschen durch den Menschen (siehe 4. Band) hinausläuft, ist die ästhetische Schwerelosigkeit im Gegenteil der poetische Abschied von der Welt der Befangenheit. Und überdies ist sie wie in der psychischen Welt auch in der Naturwissenschaft der Gipfel- und Endpunkt. Die Schwerelosigkeit ist in der Physik die Erfüllung der Grundsehnsucht des Menschen, Fliegen zu können wie der Vogel. In der wirklichen Welt ist sie die Erfüllung der humanistischen Grundsehnsucht des Menschen, leben zu können wie ein Mensch. 

Die fünf genannten Bücher stellen das auf verschiedenen Ebenen des Phantastischen dar. Das ist auch einmalig in der Literatur. Die Schwierigkeit war es, einmal die 5 Ebenen jeweils in ihrer Eigenart genau und originell zu finden und zum anderen auf ihnen zu bleiben. 

Du wirst, lieber Leser, längst bemerkt haben, daß ich nicht zu den bescheidenen Autoren gehöre, denn in meiner Selbstbewertung bin ich absolut. Dabei bin ich in meinen persönlichen Ansprüchen mehr als bescheiden. Ich habe kein Arbeitszimmer, nicht einmal einen Schreibtisch. Aber das Weinregal ist immer gut gefüllt, so daß die Gäste binnen kurzem nicht mehr sehen, was mir an Wohlsituiertheit fehlt. 

Die ästhetische Schwerelosigkeit, die eigenartige Vermischung von Ernst und Heiterkeit, von Realität und Phantasie, von Wirklichkeit und Unwirklichkeit, von beharrender Wirklichkeit und elastischer Möglichkeit hat auch in meinen anderen Gattungen statt. 

Eine weitere Eigenart ist die Personage. Sie ist immer eine Gesellschaft, zu der der Leser sich gerne zugesellt. Ich beerbe ja nicht nur Gattungen oder bestimmte Bücher, wie "Gullivers Reisen" mit den "Bommelanten" oder den "Gargantua" mit der "Plebejade", ich beerbe auch publikumswirksame Personengruppierungen. Im "Sternenkavalier" sind das Don Chichote und Sancho Pansa. Eto Schick und As Nap haben nicht nur das Verhältnis ihrer Vorgänger zu einander geerbt, sie ähneln ihnen auch im Einzelnen. Eto Schick ist der weltblinde, auf Höheres gerichtete Don Chichote und As Rap ist die treue Seele, die jedesmal die Prügel empfängt. Die Gattung selber hat dagegen nichts mit dem Buch von Cervantes zu tun. 

Als letzte Eigenart ist zu vermerken, daß alle meine Bücher, nicht nur der "Sternenkavalier" Reiseromane, Wanderliteratur sind. Das nun erklärt sich sehr einfach. Mein Urgroßvater, mein Großvater und mein Vater waren Landstreicher. Ihr Leben lang oder einen Teil davon. Und immer unter einem ehrenhaften Vorwand. Der Urgroßvater als Spaßmacher und Stadtoriginal in Pößneck, der Großvater als Verkäufer von Bildern und Büchern, die er in einem Holzgestell auf dem Rücken durch die Lande trug und der Vater als Straßenmusikant. Von den 180 Branstners, die es auf der Welt gibt, sind nur 60 in Deutschland geblieben, während 120 nach Amerika ausgewandert sind. Das Wandern ist der Branstners Lust. Wenn nicht anders, dann mit dem Finger auf der Landkarte. Oder aber, wie ich, in der grenzenlosen Dimension des Buches. Daher auch die utopisch- phantastische Literatur. 

 

Zum Schluß sei noch bekundet, daß ich der größte Klauer unter den Schriftstellern bin. Ich klaue nicht nur am meisten, sondern auch am gekonntesten. Wenn ich sage: Kultur ist Sammeln, Aufbewahren, Pflegen, Verbessern, Weitergeben, dann ist meine Art des Klauens beste Kultur. 

Fast hätte ich es vergesen. Den "Sternenkavalier" habe ich aus einem einzigen Grunde geschrieben: Um das Lob der Verläßlichkeit zu singen. 

Und wenn ich es auch erst ziemlich am Ende singe und einen ganze Roman deswegen geschrieben habe, bleibt es Dir, lieber Leser, so hoffe ich, für immer im Gemüte hängen. 

Bis zum nächsten Band.   

 

Dein Gerhard Branstner