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Branstner, Gerhard

Das Schwitzbad. Heitere Spiele

[= Werkauswahl Gerhard Branstner in 10 Bänden, Bd. 5], trafo verlag 2003, 346 S., Tb, ISBN (10) 3-89626-445-1, ISBN (13) 978-3-89626-445-9, 19,80 EUR

 

Bemerkung zum "Schwitzbad"

 

Da wir, lieber Leser, mit dem vorigen Band den Ernst der Wissenschaft hinter uns gelassen haben, wollen wir wieder auf leichtem Fuße miteinander verkehren. 

Zunächst einige Worte zu den Theaterstücken im einzelnen. Die Veranlassung zum "Der Himmel fällt aus den Wolken" ist der verdächtige Umstand gewesen, daß erstens der Auftrag an Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern, um seine Gottestreue zu beweisen, im Traum geschah, also ohne Zeugen, und daß zweitens die Erlaubnis des Engels, statt seinen Sohn den Widder zu opfern, ebenfalls ohne Zeugen geschah. Bei einem Traum gibt es bekanntlich keine Zeugen, und vor der Opferung hatte Abraham die ihn begleitenden Knechte geheißen, zurückzubleiben. 

Da Abraham aber ein geschäftstüchtiges Schlitzohr ist, zum Beispiel hat er seine Schwester geheiratet und sie für gutes Geld als seine Schwester verkuppelt, und mit der Offenbarung, daß sie seine Frau ist, den Freiern ein gehöriges Schweigegeld abgepreßt, denn Ehebruch war seinerzeit ein schweres Verbrechen. Die Freier zahlten, und Abraham schwieg. Da lag nahe, daß die Opferung Isaaks eine Erfindung Abrahams war, um seine Gottestreue, zu beweisen und überdies die durch die Opferung des Widders geweihten Schafe gewinnbringend loszuschlagen, denn Abraham war als Schafzüchter in Absatzschwierigkeiten geraten. Ich habe das Stück einen Superintendenten zur Prüfung gegeben, und er meinte. daß er die biblischen Lücken zwar anders gefüllt hätte, meine Art der Lückenfüllung aber nicht wiederlegt werden könne und er das Stück gern auf der Bühne sehen würde. Der damalige Chefdramaturg der Volksbühne lehnte das Stück aber ab, weil es ein gutes Stück sei, und mit guten Stücken bekomme man nur Ärger. Wie gerade mit Hacksens "Moritz Tasso" geschehen. In Halle wurde das Stück von der Stadträtin für Kultur abgelehnt, weil ich darin Gott kritisiere. Da Gott der Höchste im Himmel sei und Honecker der Höchste in der DDR, könne die Kritik an Gott nur als Kritik an Honecker verstanden werden. Das genügt als Beispiel für das Schicksal dieses Stückes. 

 

"Die entzauberte Kirke" geht von Calderons "Über allem Zauber Liebe" aus, (in unserer Gegend ist Calderon nur als der Autor des "Richters von Zalamea" bekannt.) Es gab auch ein oder zwei deutsche Fassungen, die wenig Glück hatten. Bei Calderon hat mich der Bruch des Lustspiels gestört, indem es am Ende eine Tragödie wird. Vor allem aber war es mir nicht ernst und nicht heiter genug. Konzentrierter Ausdruck dieser Dialektik in meiner Fassung ist die Spitzpolka oder der gewöhnliche Rixdorfer, wo die Brutalität des Militarismus mit grotesker Komik gepaart ist. Diese Dialektik ist ein eigener Reiz der "Kirke" und zieht sich durch das ganze Stück. 

Noch eine anekdotische Fußnote. Ich hatte für die Berliner Gewerkschaft eine Kabarettoper geschrieben. Da die Staatsoper die Patenschaft hatte, übte sie auch die Zensur aus. Der Intendant Pischner war gerade von der 2. Bitterfelder Konferenz, wo Ulbricht gegen die "zornigen jungen Männer" gewettert hatte, zurückgekehrt und befand mich in seiner Senilität für solch einen Mann, womit das Stück gestorben war. Parallel hatte ich für eine Dresdner Arbeiteroper ein Stück geschrieben, das ebenfalls abgelehnt wurde. Wie ich hinter vorgehaltener Hand erfuhr, war das allein die Folge der Berliner Ablehnung, obwohl man, wie man mir gestand, den wirklichen Umstand, also Pischners Senilität, gar nicht kannte. Als Alternative habe ich ihnen die "Kirke" angeboten, die der dortigen Gewerkschaft Kunst zur Zensur vorgelegt wurde. Der Chef dieser Gewerkschaft rastete aus über dieses Machwerk, nannte mich einen bürgerlichen Nonkonformisten, was damals in der DDR ein schlimmes Schimpfwort war und wollte ein Parteiverfahren gegen mich einleiten, was wegen seiner Absurdität allerdings nicht gelang. 

 

Der "Talisman" sollte als Auftrag des Theaters Halle eine Bearbeitung werden, ist aber zu einer Neufassung geraten. Von N estroys 90 Seiten habe ich 30 Seiten ersatzlos gestrichen und 30 Seiten neugeschrieben, so daß von 90 Seiten 30 Seiten Neystroy übrigblieben, aber jetzt nicht als vergewaltigter, sondern als besserer Nestroy. Und Wilfried Schmidt hat eine wunderschöne Musik dazu geschrieben. Die Premiere war, so die einhellige Meinung, ein in Halle noch nicht erlebter Erfolg. Etwa zur gleichen Zeit lief eine Talismaninszenierung in Westberlin, die in allen Hinsichten schwächer war. Warum hat man nicht beide Inszenierungen zu den Ostberliner Theatertagen gezeigt?

 

Die "Schnaken" (ursprünglich hießen sie anders) verwenden das Motiv, wonach der König die Tochter dem verspricht, der sie zum Lachen bringt. Bei mir ist das der LPG- Vorsitzende, der im Testament bestimmt, daß derjenige, der seine Tochter nach seinem Begräbnis als erster zum Lachen bringt, sie zur Frau bekommt. Als er erfährt, daß sie heimlich schon mit dem Partei sekretär einig ist, lacht er sich zu Tode. Da die Tochter eine große Schönheit ist, kommen die Spaßmacher aus Nah und Fern und strengen sich fürchterlich an. Der Sekretär verlangt von der "Prinzessin", daß sie ernst bleibt, damit die Lachveranstaltungen so lange wie möglich weitergehen, denn endlich ist das Leben im Dorf ein Spaß und dem ernsten Nachfolger des LPG-Vorsitzenden ein dauerndes Ärgernis. Und auch der Dorf teich wird, um die "Prinzessin" zum Lachen zu bringen, zu guter letzt entschlammt. Abgelehnt wurde das Stück unter anderem mit dem Argument: " so sehen unsere Menschen nicht aus ". 

Die "Schnaken" sind aus einem Aphorismus entstanden, der hieß: Ein guter Witz ist auch beim Begräbnis am Platze. Das war mir verschenkt, und ich machte daraus die Neulichkeit "Von einem Manne, der sich zu tode lachte, nachdem er sein Testament gemacht hatte". Da mir auch damit die Idee verschenkt schien, machte ich die "Schnaken" daraus. Ein Stoff kann also nie zu klein sein, man muß ihn nur groß machen. Eine Romantrilogie daraus zu machen habe ich allerdings nicht vor. 

 

Zum "Schwitzbad" muß hier nicht viel gesagt werden, da das Wesentliche im abschließenden Vergleich steht. Wie der "Talisman" war es auch ein Auftrag des Theaters. Und von ihm ist noch weniger originaler Text übrig geblieben als vom "Talisman". Als Horst Schönemann, der es in Dresden inszenieren wollte, meine Neufassung gelesen hatte, sprang er auf, stampfte im Zimmer rum und rief mit rotem Kopf einmal ums andre: "Das ist es! Das ist es!" Das war es tatsächlich, denn ich hörte nichts mehr von ihm. Und als ich ihn endlich fragte, was los sei, sagte er, die Fassung von Majakowski ist doch besser. Das war nun nicht nur wider sein besseres Urteil, daß war eine unerklärliche Absurdität. Aber beim Theater nicht unüblich. Nach einiger Zeit bat mich Schönemann, die schwachen Stellen bei Majakowski durch die entsprechenden Stellen meiner Fassung ersetzen zu dürfen. Und nach einigen Vorstellungen gestand er mir, daß meine Stellen beim Publikum stets am besten ankämen, Ein böser Trost. 

Während der Premierenfeier sagte mir Gunter Emmerlich, der wohl gerade meine "Kantine" gelesen hatte, daß ich der Lessing der Jetztzeit sei. Das ist gewiß das Klügste, was Emmerlich je gesagt hat. 

Über allem muß gesagt werden, daß ich mit dem Theater die schlimmsten Dinge erlebte, was ich in einer Dokumentation über "Erfahrungen mit 40 Theatern der DDR" belegt habe. Im Gegensatz dazu waren die Stücke, die ausnahmsweise auf die Bühne gelangt sind, von exemplarischem Erfolg. Ich nenne nur die von Kurt Schwaen vertonte Oper "Die Morgengabe" in Frankfurt (Oder), die Posse "Du meine Tante!" im Fernsehtheater Moritzburg. (Vorher hatte ich die "Tante" spaßeshalber zugleich 25 Theatern angeboten und 25 Ablehnungen kassiert, wogegen die Moritzburg die "Tante" zur besten Produktion des Jahres kürte). Weiter den "Talisman" in Halle. Grund des Erfolges ist die Eigenschaft meiner Stücke, echtes Volkstheater zu sein, d.h. eine einsichtige, lebhafte Handlung, spielbare, deftige Rollen und die körperliche, optische Sprache. Und natürlich die exelente Ausführung dieser drei Eigenschaften. 

Eine spezielle Eigenschaft meiner Stücke besteht in der Rolle des Harlekins, einem typischen Element des Volkstheaters. Das ist der Johannes im "Himmel", der Plompe in der "Kirke", der Titus im "Talisman", der Sekretär in den "Schnaken" und der Trittfestoff im "Schwitzbad". Diese Harlekine, die besten Freunde des Publikums, sind Dolmetscher zwischen ihm und der Bühne und somit Organisator des Zusammenspiels beider Seiten, eine wichtige und heute ungekannte Theaterinstitution. 

Eben diese Eigenschaften sind, statt Grund der Annahme zu sein, Grund der Ablehnung meiner Stücke durch die Theater. Stücke müssen heutzutage, wenn sie keine abgeklapperten Klassiker sind, hochgestapelter Tiefsinn, überdreht oder unspielbar sein. Oder von der unverbindlichen Heiterkeit des Boulevardtheaters. Von der das Volkstheater auszeichnenden unbotmäßigen Heiterkeit haben die Regisseure keinen Begriff. Da müssten sie ja die Commedia deI 'arte begriffen haben. Die unbotmäßige Heiterkeit geht vom Stück aus und von der Spielweise. 

Eines meiner Stücke noch zu Lebzeiten auf der Bühne zu sehen wünscht Dir, lieber Leser

Dein Gerhard Branstner