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Branstner, Gerhard

Die Zweite Menschwerdung. Überlebensphilosophie

[= Werkauswahl Gerhard Branstner in 10 Bänden, Bd. 4], trafo verlag 2003, 495 S., Tb, ISBN (10) 3-89626-444-3, ISBN (13) 978-3-89626-444-2, 25,80 EUR

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Inhalt

Vorbemerkung 7

 

Acht Wissenschaftsbegründungen 11

I. Das Naturgesetz des Menschen 11

II. Die soziologische Transfermatik 33

III. Die Gegenwelt 61

    1. Die Irrungen der Geschichte 62

    2. Der "reale Sozialismus" 66

    3. Der Kapitalismus 83

    4. Die soziale Vererbung 92

    5. Die historische Vorahmung 110

    6. Die zwei Stufen des Sozialismus 116

    7. Der Urkommunismus 134

    8. Der Kommunismus 142

IV. Das Spiel als Wesen des historisch erwachsenen Menschen 156

V. Das Prinzip Gleichheit 162

VI. Das System Heiterkeit 176

VII. Die Lebenskunst 212

VIII. Die Kunst 244

 

Essays 285

 

Glossen und Briefe 441

 

 

Vorwort

Sehr geehrter Leser, da ich diesmal hochwissenschaftlich komme, muß ich auch förmlich kommen. Ich bitte, das Folgende mit dem nötigen Ernst zu genießen.

I. Der Holzbaukasten ist eine großartige Erfindung. Ich baue einen Turm, werfe ihn um und baue mit den gleichen Steinen eine Brücke. Was aber, wenn ich aus den Steinen eines Essays einen anderen Essay baue? Da moniert man die Wiederholung. Dabei ist die Sache hier doch viel schwieriger, denn jeder Stein ist, im Unterschied zum Holzbaukasten, ein eigener, individueller, einzigartiger, der im ersten Essay seinen bestimmten Platz hat. Wie kann er im anderen Essay wieder seinen bestimmten Platz haben? Eben das ist die Kunst in der Wissenschaft, die Literatur in der Philosophie. Da ich diesen Band aus zehn verschiedenen Büchern zusammengebaut habe, holpert es allerdings manchmal.

Und Wiederholungen waren nicht immer vermeidbar.

Mein Denken und Tun kreist nur um ein Thema. Das ist der Übergang von der Klassengesellschaft zur klassenlosen Gesellschaft, anders gesagt der Übergang von der Vorgeschichte der Menschheit zu ihrer eigentlichen Geschichte. Dieser Übergang ist mir zum Sinn meines Lebens geworden. All meine Gedanken, ob sie zu den Naturvölkern gehen oder zu Napoleon, zu den Konzentrationslagern oder nach Irak, nach Israel oder zum Stalinismus, all meine Gedanken haben ihren Sinn und Zweck doch nur darin, den Übergang zu begreifen, als richtig und unvermeidlich zu erkennen, zu ermöglichen, zu befördern. Das erklärt die innere Verbindung und Gebundenheit, die Einheit der Verschiedenheit meiner geistigen Unternehmungen.

Wenn wir nicht wissen, wohin wir gehen, wissen wir nicht, woher wir kommen, und jeder redet nur Unsinn über das Woher, und jeder einen anderen. Wenn ich aber weiß, wohin wir gehen, läuft alles auf den gleichen Sinn hinaus.

Das erklärt die wiederholte Verwendung und Verwendbarkeit der Bausteine meines Denkens aber nur zur Hälfte.

Die andere Voraussetzung ist, daß ich zitierbar schreibe. Aphorismen, Sentenzen, Sprüche sind die Bausteine meiner Essays, Traktate und Glossen. Zitate sind aber eigenständige Wesen. Sie sind nicht von einer bestimmten Beziehung abhängig, können aber in den verschiedenen Beziehungen eine spezifische Bedeutung gewinnen. Das ist die Kunst und das Geheimnis meiner Schreibart. Aber nun ist es kein Geheimnis mehr.

II. Marx ist zweifellos der bedeutendste Denker der Menschheit. Wer auf seinen Schultern steht, selbst wenn er ein Zwerg ist, steht ziemlich hoch und sieht ziemlich weit. Und seine erste Pflicht ist, diesen ausgezeichneten Standort zu nutzen. Um mit Marx über Marx hinaus zu blicken. Anders gesagt: Die Fortsetzung des Marxismus ist seine konsequenteste Kritik, was aber nur mit Marx geht, nicht gegen ihn.

Wenn Marx die gesellschaftliche Entwicklung in Vorgeschichte und eigentliche Geschichte schied, in Urgesellschaft und Klassengesellschaft zum einen und klassenlose Gesellschaft zum anderen, so markierte er den schmerzlichsten, schwierigsten und tiefstgehenden Wandel im Schicksal der Menschheit.

Der gedanklichen Bewältigung dieses Vorgangs war Marx nicht gewachsen. Ihm fehlten zwei Voraussetzungen. Die eine war der Untergang des "realen Sozialismus". Ohne diese Erfahrung kann kein Mensch die Bedingung des erfolgreichen Sozialismus erfassen. Welche die 3 Quellen des Marxismus sind, ist allgemein bekannt. Will einer wissen, welche Quellen Marx nicht hatte, so weiß er jetzt eine. Eben deshalb war der "reale Sozialismus" bei aller Verpfuschtheit eine historische Notwendigkeit.

Die andere Voraussetzung ist die absolute Unbefangenheit gegenüber dem Marxismus. Diese Unbefangenheit sich selber, dem eigenen Werk gegenüber war selbst einem Marx nicht gegeben.

Die Wiener Schule der Mathematik weiß, daß man ein System nur von außen, vom nächst höheren System aus schließen kann. Das trifft auch auf den Marxismus zu. Er kann nur als fortgesetzter geschlossen, eine Stufe höher gehoben werden.

III. Wie die Klassengesellschaft kann auch der Kapitalismus nicht abgeschafft werden. Die Klassengesellschaft stirbt ab. Und die eigentliche Geschichte kann nicht durch einen revolutionären Akt geschaffen werden. Sie entsteht als historischer Prozeß. Revolutionen sind in beiden Fällen Todes oder Geburtswehen. Der historische Charakter dieses Prozesses erklärt sich aus einem bisher ungekannten historischen Dilemma, nämlich aus der ungeheuren Diskrepanz zwischen Voraussetzung und Aufgabe, zwischen der miserablen Verfassung der Menschheit einerseits und den ungeahnten Dimensionen der zu verwirklichenden Zukunft andererseits.

Der Übergang zur eigentlichen Geschichte ist folglich grundsätzlich anders, als die Klassiker des Marxismus ihn sich vorstellten, soweit sie ihn sich überhaupt vorgestellt haben. Von dieser kümmerlichen und naiven Vorstellung müssen wir Abschied nehmen.

Als Ausgleich erhalten Sie, verehrter Leser, acht Wissenschaftsbegründungen geboten. Sie reichen von der Beziehung des Menschen zur Natur bis zu seiner Beziehung zur Kunst. Womit er in allen seinen wesentlichen Seiten erfaßt ist. Das hat es auch noch nicht gegeben.

 

Ich wünsche Ihnen ein akademisches Vergnügen.

Ihr Doktor phil. Gerhard Branstner