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Branstner, Gerhard

Wie Fritz den Teufel erschlug. Kleine Anekdotenbibliothek

[= Werkauswahl Gerhard Branstner in 10 Bänden, Bd. 2], trafo verlag 2003, 298 S., Tb, ISBN (10) 3-89626-442-7, ISBN (13) 978-3-89626-442-8, 16,80 EUR

 

Vorbemerkung zu " Wie der Fritz den Teufel erschlug" 

Lieber Leser, 

die Anekdote hat es, wie du gleich merken wirst, in sich, denn sie hat mehr als alle anderen Literaturformen hinter sich: Mehr als zweitausend Jahre und den ganzen Erdball. Sie reicht von Japan bis an den oberen Nil, von Südfrankreich bis zu den Indianern Nordamerikas, von den Eskimo bis zu den Pygmäen. Weltreisende, die sich bei den Naturvölkern aufgehalten haben, berichten von dem unbändigen Gelächter, das in der Anekdoten zum Besten gebenden abendlichen Runde zu erleben war. Eines ist unbestritten: Die Anekdote hat drei wunderbare Eigenschaften. Das sind die Weisheit, die Heiterkeit und die Geselligkeit. Darin kommt ihr keine andere Kunst gleich. Was Wunder, daß ihr meine große Liebe gehört. Und ein langes Vorwort. 

Ob sie vom professionellen Rapsoden oder in der fröhlichen Runde vorgetragen wird, allemal hat sie mehr Geist und Witz als die angestrengten Späße, mit der die Moderatoren in unseren Breitengraden das Publikum malträtieren. Da ich dem Publikum Gelegenheit geben wollte, eine innige Neigung für diese Kunstform zu gewinnen, habe ich 4 der wichtigsten Anekdotenformen produziert. Die erste ist die Anekdote, die ich in der orientalischen Manier geschrieben habe. Die orientalische Anekdote hat ihren eigenen Reiz. Sie ist von sinnlicher Sprache, hat eine gut gebaute Geschichte und eine witzige Pointe. Wobei der Witz oft eine demokratische Eigenschaft besitzt: Der arme Schlucker offeriert dem Herrscher einen verblüffenden Spaß, wofür der ihm die Strafe erläßt. Das mag in der Wirklichkeit seltener vorkommen als in der Anekdote, immerhin wird es durch sie dem armen Schlucker wohler. 

 

Die orientalische Anekdote verdankt ihren Reichtum und ihre Geltung den regen Handelsverbindungen ihrer Zeit und der damit verbundenen Höhe der Kultur. Allein Bagdad hatte zur Zeit seiner Blüte (10. und 11. Jahrh.) etwa 12 000 Mühlen, 12 000 Karawansereien, 100 000 Moscheen, 60 000 Bäder und 80 000 Bazare. Zugleich gab es aber noch keinen Buchdruck. Also mußte eine literarische Form gefunden werden, die vom Gedächtnis aufbewahrt und mit dem Mund weitergegeben werden konnte. Und da war keine besser als die Anekdote. Das ist nicht das einzige Mal, wo ein eklatanter Mangel, auch wenn er gar nicht empfunden wird, ein exzellentes Produkt hervorbringt. Allerdings nur, wenn dem Mangel ein Überfluß entgegensteht (dem noch nicht erfundenen Buchdruck ein ungeheurer Reichtum an Erzählgut). Zum Schluß der Betrachtung über die orientalische Anekdote soll gesagt sein, was über sie hinaus das Wichtigste an ihr ist: die gehobene gesprochene Sprache. Zweifellos muß wirkliche Literatur gehobene Sprache sein, aber doch nicht gewollte, gedrechselte, gestelzte, selbst wenn sie die gediegene Schönheit der Sprache Thomas Manns hat. Die Lösung liegt allein darin, gehobene gesprochene Sprache zu sein. Diese ist weniger anstrengend, dafür sinnfälliger, geselliger, menschenfreundlicher. Diese Sprache war stets das absolute Ziel meiner literarischen Arbeit. 

Wer genauer wissen will, wie sich meine Anekdoten von den originalen Vorgaben unterscheiden, kann sich in der Bibliothek das Buch "Die Ochsenwette" besorgen. Bei der Gelegenheit kommt er auch in den Genuß der wunderschönen Zeichnungen von Renate Totzke-Israel. 

Die Anekdoten in der Art der Kalendergeschichte kann in dieser Weise nur ein Thüringer schreiben, nämlich wenn er in der Rudolstädter Gegend zu Hause ist. Dort werden Anekdoten, oder Schnurren und Schnärzchen, wie sie da heißen, nicht erzählt, sie werden erst einmal vollbracht. Was dem einen in seiner Dussligkeit oder Gutgläubigkeit widerfährt oder dem anderen zum Schabernack mitgespielt wurde, wird des abends in der Kneipe zum besten gegeben, oft noch ausgeschmückt oder schlüssiger gemacht, bis es die gültige, endgültige Form erhalten hat. Wer in dieser thüringischen Tradition großgeworden ist, kann gar nicht anders, als sein Leben lang Schnurren und Schnärzchen vollbringen und erzählen. 

In meinen Kalendergeschichten werden gut ein Dutzend Anekdoten erzählt, die in meiner engeren Heimat geschehen sind. Der magenkranke Straßenarbeiter in "Warum Wilhelm sich stets mit zwei Fingern an die Schläfe tippte" und der Bibelforscher in "Wenn die Gefahr ..." ist beidemal mein Vater. Und die Alte in "Von Gespenstern -und wie ein Junge nicht an sie glaubte" ist meine eigene Mutter, in Wirklichkeit eine bildschöne, hochbegabte Frau, aber dem Gespensterglauben verfallen. Ihre Freundin war Kartenlegerin und hatte ihr geweissagt, daß sie an meiner Geburt sterben werde, weshalb sie zum Leidwesen meines Vaters peinlichst aufpaßte. Aber einmal muß ihr doch vor Lust die Vorsicht vergangen sein, und ich kam zustande. Ich bin folglich ein reines Versehen. Ich bitte den Leser, das Kuriosum meiner Existenz gebührend zu würdigen. 

Ich produziere keine Literaturgattung, ohne ihre Geschichte von Anfang bis Ende gesichtet, ihre Höhepunkte studiert und ihre besten Vertreter zum Maß genommen zu haben. Nicht, um ihnen nachzufolgen, sondern um sie zu übertreffen. Meine Ahnen in der Kalendergeschichte sind vor allem Jörg Wickram mit seinem Rollwagenbüchlein, der Till Eulenspiegel natürlich und Johann Peter Hebel mit dem Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Hebel vor allem ist mir sehr nahe.

Nicht Kleist, sondern Hebel ist in Wahrheit der echte deutsche Anekdotendichter. Ihn interessiert nicht das Holzbein, das einem invaliden Marketender in einem der preußischen Kriege weggeschossen wurde und das er, obwohl er seine Initialen in es geschnitzt hatte, in dem Kampfgetümmel nicht wiederfinden konnte. Als blinder Passagier nach Argentinien verschlagen, erhält er als erste Nahrung eine dünne Suppe und dazu einen aus Holz geschnitzten Löffel gereicht. Und was sieht er auf dem Löffel? Die Initialen seines Holzbeines. So konnte er die Suppe doch wenigstens mit dem Rest seines eigenen Holzbeines löffeln. Dergleichen Anekdoten, deren Sinn auf einem irrwitzigen Zufall beruht, sind nicht die Sache Hebels. Statt auf dem Witz des Zufalls beruht bei ihm der Sinn auf dem Witz der handelnden Personen. Vor allem aber ist es das Gemüt, die Gemütsart, der fast betuliche Humanismus Hebels, dem ich mich verpflichte. 

Ich wünsche dem Leser, daß er einen Genuß an dieser Gemütsart hat.

 

Die Nepomuks zu schreiben war unvermeidlich. Ihre logische und philosophische Eigenart sind neben meiner sprudelnden Phantasie wesentliche Triebkräfte meiner Produktion. Ich hatte etwa 15 Nepomuks geschrieben, als mir die Geschichten vom Herrn Keuner von Bertolt Brecht begegneten, von deren Existenz ich bis dahin nichts gewußt hatte. Erfreut begrüßte ich einen exzellenten Partner und Konkurrenten. Das ist eine merkwürdige Eigenschaft von mir: ich freue mich, wenn ich nicht allein gut bin. Ich sehne mich geradezu nach mindestens gleichguten Partnern. Daher bedauere ich es, daß Peter Hacks dazu nicht taugt. Zwar ist er ein großartiges Genie und hat auf vielen verschiedenen Gebieten Hervorragendes geleistet, doch auf dem Gebiet der Politik und Geschichtsphilosophie ist er eine brillante Null. Wie könnte der Massenmörder Stalin, lebte er noch, den Kapitalismus verhindert haben, wo der Stalinismus doch wesentliche Ursache der Kapitalisierung des Sozialismus war? Da steht die historische Kausalität Kopf.  

Meine Fähigkeit, einen Konkurrenten neidlos als Mitstreiter anzuerkennen, ist identisch mit anderen Anerkennungen. Meine Lieblingsfarbe ist nicht, wie man meinen sollte, rot, sondern bunt, anders wäre ich kein Kommunist. Aber wenn es schon eine bestimmte Farbe sein muß, dann lila. Mein Lieblingstier ist nicht der deutsche Schäferhund, ich mag alle Tiere, aber wenn es schon ein bestimmtes sein muß, dann der Regenwurm. Ich mag alle Blumen, aber wenn es schon eine bestimmte sein muß, dann nicht die Rose, sondern die Primel. Ich gewinne nicht gern im Spiel, weil mir der Verlierer leid tut, obwohl der schlechte Verlierer nicht so schlecht ist wie der schlechte Gewinner. Gute Gewinner sind eine Rarität. Ich mag alle Rassen, wenn es aber eine bestimmte sein muß, dann nicht der blonde Recke, sondern der stets lustige Pygmäe. Dieses Gemüt, diese Weisheit, diese Menschlichkeit mögen die Nepomuks Dir lieber Leser vermitteln. 

Trotz allem darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Nepomuks dreimal besser sind als Brechts Geschichten vom Herrn Keuner. Das sind sie zunächst in ihrer literarischen Qualität. Keuner ist keine literarische Figur, sondern ein abstraktes Sprachrohr des Autors, während Nepomuk ein Charakter ist, der nach eigenem Bekunden sich körperlich kaum unter die Schulter geht, sich geistig also weit überragt. Auch sprachlich sind die Nepomuks deutlich besser. Zweitens ist die Originalität der thematischen Einfälle, der Witz der Geschichten den Keunergeschichten weit überlegen. Und drittens ist die haushohe Überlegenheit, welche die Nepomuks in ihrem philosophischen Gehalt haben, unübersehbar. Die Voraussetzung dafür ist in der Vorbemerkung zur Werkauswahl genügend charakterisiert. 

Gewiß war Brecht als Dichter ein bedeutendes Genie. Ich habe ein sechswöchiges Praktikum bei ihm gemacht und ihn als genialen Regisseur erlebt. Und in Maßen (wenn er sich auf die Begründung seiner Schreibweise beschränkte) war er auch ein theoretisches Genie. Daß er menschlich nicht ohne Fehl und Tadel war, ist eine andere Sache. Ich konnte erleben, wie er sich leutselig mit einem Hofarbeiter unterhielt und nach dem Befinden von dessen Kindern erkundigte. Nach seinem Weggang fragte ein Kollege den Hofarbeiter, weshalb er nicht gesagt habe, daß er ohne Kinder sei. Ich will doch nicht entlassen werden, war die Antwort. Tatsächlich war Brecht ein Übelnehmer, wie es die meisten eitlen Leute sind. "Ist ein Mensch nicht einfach, so nimm ihn eben zweifach" ist einer meiner bewährten Sprüche. 

Trotzdem bewundere ich Brecht unendlich. Und als er starb, habe ich das erste und einzige Mal in meinem Leben geweint. 

Für den Fall, daß sich der Leser für das Zustandekommen der Nepomuks interessiert, seien hier zwei der häufigsten Quellen genannt. Die eine ist der "grüne Tisch". Die mir eigenen dialektischen Gegensätze Phantasie und Logik sind ja keine ruhenden Potenzen, sondern unruhige Kinder, die nicht zu bändigen sind und ständig auf unerwartete Ideen kommen. Die andere Quelle ist natürlich die Wirklichkeit, auch die längst vergangene. Beispielsweise der Friedensschluß von Brest-Litowsk. Die Bolschewiki waren gerade an die Macht gelangt und mußten sie sichern, was gegen den deutschen Imperialismus, der zwar ziemlich am Ende war, der sich auflösenden russischen Armee aber leicht den Rest geben konnte, problematisch war, noch dazu er den Sowjets unglaubliche Friedensbedingungen abverlangte. Trotzki, der Verhandlungsführer, wollte keinen Fußbreit Sowjetboden hergeben, und Bucharin wollte gar den heiligen Krieg gegen den deutschen Imperialismus ausrufen. Lenin hatte einen ungeheuer schweren Stand mit seiner Auffassung, daß die Revolution nur durch den schnellsten Friedensschluß zu retten sei, gleich unter welchen Bedingungen. Trotzki hat später begriffen, daß Lenin recht hatte. Bucharin hat wohl nie etwas begriffen. Die resolute, kurzentschlossene Entscheidung Lenins war mir immer als Beispiel gegenwärtig, zu einer Geschichte wurde sie aber erst durch ein völlig anderes Ereignis. Ich gucke aus dem Fenster meiner Wohnung in der Berliner Friedrichstraße und sehe eine Frau auf der anderen Seite, in die ich im Augenblick verschossen war. Ihre natürliche Schönheit und Grazie nahmen mich absolut gefangen. Nur stimmte etwas nicht, sie hinkte schrecklich. In der Sommerhitze hatte sie keine Strümpfe an und die feuchten Füße schmerzten in den engen Schuhen. Kaum hatte ich das gedacht, schon zog die Frau die Schuhe aus und schritt nun wie eine Königin dahin. Eine wunderschöne Frau barfuß auf der Friedrichstraße. Lenin zog die Hosen aus und die Frau die Schuhe. Und beide gingen nun ruhig ihres Weges. Fertig war die Nepomukanekdote. Nun soll natürlich keiner diese Geschichte in ihrer Herkunft entschlüsseln, vielmehr soll er begreifen, daß man manchmal die Hosen ausziehen muß, um den Arsch zu retten. 

 

Was die utopische Anekdote betrifft, so ist nur zu sagen, daß sie, um sie zu erfinden, eine souveräne Zukunftsphantasie voraussetzt, um die Dummheiten unserer Gegenwart bloßzustellen. Wenn der Antikommunist Honecker seinem antikommunistischen Busenfreund Breshnew beim Empfang auf dem Flughafen als erstes die Gewehrläufe der Ehrenkompanie unter die Nase hält, wie in "Der ehrenvolle Empfang" veralbert, so waren beide eifrig und erfolgreich mit der Vernichtung des Sozialismus beschäftigt. Der Spaß an der Zukunft ist zugleich der große Spaß über die Gegenwart. Und daß diese voller Bananen mit Reißverschluß ist, läßt sich nicht bestreiten. Und das ist noch eines ihrer harmlosen Übel. 

Am Ende noch drei Anmerkungen zur Anekdote. Zum einen ist sie die wanderfreudigste Literaturform. Der Roman, das Theaterstück ist häufig außerhalb ihres Entstehungsortes nur gemindert oder gar nicht genießbar. Anders die Anekdote. Die orientalische beispielsweise bereitet in der ganzen Welt Genuß. Obwohl sie oder weil sie in den unterschiedlichsten Zeiten und Ländern selbständig in fast identischer Form entsteht. Die gleichen gesellschaftlichen Verhältnisse bringen die gleichen Anekdoten hervor, darin ist sie authentischer Ausdruck ihrer Verhältnisse. Zum zweiten hat sie die natürlichste literarisch gehobene Sprache. Sie kann als einziges Genre gleichermaßen hervorragend gelesen und gesprochen werden. Und schließlich ist der hier gegebene Band Anekdoten ein Kompendium von Weisheit, wie es in keinem anderen Buch zu finden ist. Ob Goethes "Faust" oder Tolstois "Krieg und Frieden", Shakespeares "HamIet" oder Thomas Manns "Zauberberg", sie alle und auch alle zusammen kommen dem Anekdotenband an Weisheit nicht mal in etwa nahe. Und diesen Anekdotenband, dieses Büchlein hast Du, lieber Leser, in der Hand. Nutze es. Nicht mit Ehrfurcht, wohl aber mit Vergnügen. 

 

Dein Gerhard Branstner

 

 

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung 17

 

Die Ochsenwette
Anekdoten in der orientalischen Manier 27

 

 

Neulichkeiten

Anekdoten in Art der Kalendergeschichte 87

 

 

Nepomuks

Philosophische Kurzanekdoten 189

 

 

Der astronomische Dieb

Utopische Anekdoten um den erfindungsreichen Mechanikus Fränki und seinen ihm anhängenden Freund Joschka 225