Ranft, Werner

 

“Blick unter's Glanzpapier. Eine Familiensaga aus Sachsen”

 

2003, TB, 160 S., ISBN 3-89626-421-4, 12,80 EUR

 

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Die Zeit der arbeitsfreien Jahre wird hierzulande im Normalfall mit dem Rentenbescheid attestiert.

Der Normalfall ist der Eckrentner. Ich erhielt den Bescheid etwas früher.

Schwankungsbreite im Zeitkorridor.

Die Sammlung und das Ordnen der Papiere für den Antrag warfen Fragen auf, weckten Erinnerungen, entkoppelten mich von der Oberfläche, führten zurück unter’s Glanzpapier

Ich fand Antworten in den Lebenswegen von vier Generationen. Formte sie zu Geschichten ...

 

 

Leseprobe (S. 22-30)

 

Die Jahre jener lärmenden Skatrunden läuteten den letzten Abschnitt im Leben des Vaters ein. Er war kein geschlagener, wohl aber ausgezehrter, man könnte fast sagen völlig erschöpfter Mann, den nur seine Zähigkeit noch nicht freigab. Den mörderischen Launen dieses Jahrhunderts mehr als sieben Jahrzehnte ausgesetzt, hat er Überlebenskünste entwickelt, deren Ausübung heute manchen Profi auf eine harte Probe stellen würde. Bei etwas milder Zensur ist durchaus zu bescheinigen, daß Curt Ranft, so hieß dieser skatspielende Anekdotenerzähler, überwiegend aufrecht seine Wegstrecke absolvierte. Die kartenhaltend mit am Tisch in der Kantine saßen, hatten den gleich großen Vorrat an Geschichte gesammelt. Sie hätten stockender erzählt. Wenn die Möglichkeit bestanden hätte ihre Schnurrpfeifereien zu mauern oder zu fräsen, die Achterbahnen ihres Lebens so gegenständlich zu machen, wäre Curt ohne Chancen geblieben, die Lacher auf seiner Seite zu sehen. So aber, machte man schon aus ganz rationalen Gründen die gängige Art der Konversation: Erzählen und Zuhören. Und da hatte Curt die besseren Karten. Sie spielen nicht mehr und es hörte sich schon etwas exotisch an, wenn ihre das Spiel begleitenden Worte heute zu hören wären. Den Gegner im Spiel befeuernd, hieß es mutig: "Raus mit der Zieche auf den Deichdamm!". Oder gar: "Neublau mit Duppen (Tupfen)", wenn der andere einer Farbe die Führung verlieh, die den Gegenspielern wenig Hoffnung ließ. Ein wahres Kauderwelsch befremdlicher Wortverbindungen schirmte die Runde ab und hing wie ein unsichtbarer Hinweis über dem Kantinentisch: "Hier wird Skat gespielt". Sie haben ausgespielt für immer und sind noch da.

Jedenfalls Werner hat sie im Auge und die Anekdoten des Vaters im Ohr. Ihre Struktur war immer die gleiche: listig, lustig, luftig. Der Vater des Vaters, dessen Ehefrau, deren Kinder, alle spazieren als kleine Sieger durch den Erzählfluß, der so viel Erstaunen und zugleich unterstreichende Zustimmung hervorrief, dass die Skatbrüder Zeit fanden, ihr Spiel ruhen zu lassen.

Da wurde Paul Ranft lebendig, Schuhmacher seines Zeichens, und wenn man das Erwachsenenmärchen etwas frei übersetzt, soll es zumindest äußerlich Ähnlichkeiten mit Kalinin gegeben haben. Randloser Kneifer, verschmitzter Blick, kleinschlanke Statur, keinen Pfennig in der Tasche. Was ihn unterschied von diesem Staatenlenker war ein Glasauge. Paul trug eins im Gesicht. Paul war der Vorstand und Ida seine Frau, er ließ das Waisenhaus hinter sich und sie das Erzgebirge, sie erschufen 12 Kinder und brachten sechs durch. Doch Curtchen, so nannten ihn die mit ihm überlebenden Geschwister, ließ es mit derlei dürren Angaben zur Person nicht bewenden. Verfeinernd bemalte er seine Rohmuster liebevoll mit schier unerschöpflichen Farben, Farbtupfern, Farbnuancen. Die Familie und ihre Zeit wurden wieder lebendig. Doch ihre ausgestellte Fröhlichkeit hob sich nun im neuen Raster viel deutlicher vom Hintergrund der Jahre ab. Curtchen führte die Akteure so, als hätten sie nichts lieber getan, als gerade unter diesen Verhältnissen zu existieren, als sei ihr Dasein Spiel gewesen, Ringelreihen sich neckender Gestalten. Curtchen sorgte schon dafür, daß es keine Verlierer gab.

"Montags, regelmäßig montags war Pauls großer Tag" so begann eine seiner Geschichten, die Curtchen je nach Stimmung variierte. Er setzte fort, nach dem eine kleine Menge "Kappler Extra" seine Kehle befeuchtet hatte. "Er ging zur ELG der Schuhmacher nach Chemnitz, dort wo die Industrieschule steht." Doch weiter kam Curtchen nicht. Lehmann’s Adel der Steinesetzer unterbrach ihn mit dem Zwischenruf: "Ja, ich weeß, dort sin de Gräber von de Franzosen" und Rudolf, der Dritte im Bunde setzte nach: "Da ham se späder de Handelskammer hingesedzd". Curtchen stimmte beiden zu, nicht auf Genauigkeit, auf Tempo achtend, er wollte erzählen. Aber die beiden Skatbrüder wollten mitwirken. Es ging so Strophe für Strophe, die Anekdote formte sich zum Protokoll, es wurde, wie so oft, eine lange Sitzung. Der Handlungsfaden jener Schöpfung läßt dennoch eine anschauliche Verkürzung zu.

Curt’s Vater, Werners einer Großvater, nahm sich montags seinen freien Tag, um, wie er vorgab, Lunte zu riechen und Material zu Lieferanfrage bei der Handwerkervereinigung der Schuhmacher in Chemnitz. Paul wollte Stadtluft schnuppern und im Geschäft bleiben. Vielleicht hatte er auch das Bedürfnis aus seiner Behausung, von seiner rackernden Frau und den lärmenden Kinder zu fliehen, Erbauung suchend im Markttrubel der nahen Metropole des Erzgebirges. Wer weiß das schon, keiner folgte seinen Spuren. Die Familie hatte den freien Tag hingenommen.

Mit schöner Regelmäßigkeit vollzog sich das Ende seiner Schnuppertour. In den Abendstunden kehrte Paul wieder heim. Den Weg wohl kennend, wirkte sein Gang ein wenig unsicher, man könnte fast sagen, Paul schwankte. Sein Bemühen die Balance zu halten war anerkennenswert aber nicht überzeugend. Gemessen am Grad der Schwankungsbreite, mußte er größere geschäftliche Verabredungen getroffen haben. Auch sein Hut schien sich, ob der in Chemnitz erworbenen Kenntnisse, auf dem rasierten Haupt nicht mehr sicher zu fühlen. Die Krempe fand mühsam Halt in schräger Lage dort, wo sich die Augenbrauen wölben. Der Hut schützte so nicht nur die Glatze sondern auch das linke Auge vor allerlei Gefahren. Etwas großzügigen Gestaltungswillen unterstellt, ist es legitim einen Vergleich anzuführen: Das Double Egons aus der Olsenbande erreichte in der Dämmerung Haus und Hof. Haus und Hof, diese Addition, verführt zu der Annahme Paul wäre Eigner gewesen, könnte beides vorweisen. Das ist irrig. Haus und Hof deutet denn mehr auf eine Ortsbestimmung hin und meint nicht Besitzaneignung. Paul besaß sein Leben, ein paar Werkzeuge für die Schuhe, Spitzen, Absätze, manchmal Sohlen. Paul besaß, so sein Verständnis, seine Ida und alle weiteren Freiheiten. Paul war ein armer Schlucker, kein reicher Fresser, obwohl einer guten Mahlzeit nicht abgeneigt und, Paul war fürsorglich.

Sein Montagsfluchten bescherten auch den auf Zeit Verlassenen Gewinn. Paul hatte ihn in die Jackentaschen verstaut und unversehrt nach Helbersdorf transportiert. Nun, angekommen, ließ er sich die Taschen leeren. Links die Tüte mit dem Schokoladenbruch und rechts ein junger Hund. Es ist wohl eingängig was mit der Füllung der Tüte geschah, der Verbleib des Vierbeiners jedoch wirft Fragen auf. Mit großer Sicherheit ist der Schluß falsch, Paul hätte, sozusagen als Nebenerwerb, Schusterei und Zwingerei verbindend, eine Zucht betrieben. Auch die Zuneigung zu seiner sechsköpfigen Rasselbande begründet nicht hinreichend den Aufenthalt Ronies, so hieß das junge Tier von unbestimmter Rasse, in der rechten Tasche. Fürsorge und Vorsorge bezeichnen den Grund für die Mitnahme und Ankunft des Hundes schon treffend. Bis zum Weihnachtsfest bot sich für Ronie Unterkunft und Pflege, auch Geselligkeit. Am Heiligabend fand er Auferstehung. Paul und die seinen verzehrten den in der Pfanne bereiteten Leib. Das ging nicht ohne Tränen ab. Besonders Rudolf, einer der sechs Durchgebrachten, hatte Ronie sehr gemocht. Hatte ihm Männchen beigebracht und gelernt, pflichtgemäß zu reagieren auf die Rufe: "Bei Fuß!" und "Sitz!". Nun lag das Fell in der Abfallgrube und der Vorderlauf auf seinem Teller. Rudolf verzichtete, obwohl ihm der Magen knurrte. Der vordere Lauf wanderte auf einen anderen Teller am 1. Weihnachtsfeiertag.

Paul war ein Sünder, sie alle waren Sünder und luden zu Ihrer Mahlzeit keine Gäste ein.

Öfter im Verlauf der Jahre, meist an den Januarmontagen, war bei der Heimkehr Pauls die rechte Jackentasche gefüllt.

Es gab auch andere Nachrichten aus Helbersdorf.

Die ganze christliche Menschheit, vor allem der Papst, von den Medien ganz zu schweigen, hätten in unseren Zeitläuften moralische Hochkonjunktur produziert. So aber befand sich das kleine Helbersdorf zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Anfang des 20. in versteckter und zurückgebliebener Lage außer Reichweite. Dieser Fluchtpunkt bewahrte die Ranfts, möglicherweise auch andere, vor peinlichen Befragungen, gar Prozessen und Verurteilungen.

Das Garn aus Halbsätzen, flüsternden Bemerkungen, versteckten Seufzern und bedeutungsvollen Blicken spann sich auf der Ebene der zahlreichen Zusammenkünfte des entfalteten Clans der Ranfts, in gehörigen Abständen von den Ereignissen und bei Überschreitung der Verjährungsfrist.

Die Spur führt zu den häufigen Begegnungen von Ida und Paul, in denen sie sich erkannten, weil sie sich mochten, wärmten, stützten und dabei versanken. Die Schöpfungsakte der beiden gebaren kleine Wunder, zu viele für die Behausung und den Brotkorb. Für drei der Wunderkinder schuf die Vorsehung natürliche Bedingungen, die die radikale Verkürzung des Wegs zu den Engeln erleichterte. Irdische Schwäche blies die Flämmchen aus. Die anderen Däumlinge verirrten sich, anders als Hänsel und Gretel, ohne Wiederkehr. Sechsmal standen Ida und Paul sich bei den Händen haltend auf dem Gottesacker und entboten als dreifache Engelsmacher den Würmchen hilflose Grüße für die Reise. Es gab keine Zeugen. Die Hebamme und die Bestatterin verrichteten ihr Handwerk, der protestantische Pfarrer, Hausherr des Totenfelds, störte ihre Andacht nicht. Vermutlich schlug er das Kreuz im Nachhinein. Die Hügelchen der sechs sind längst eingeebnet. Heute, nach fast einhundert Jahren, gäbe es in Helbersdorf für schnelle Kindesfahrten in den Himmel auch kaum Voraussetzungen. Die anderen sechs, darunter Curtchen, erhielten von Paul und Ida so viel Mitgift, daß sie ansehnliche und ausreichend lange Biographien vorweisen konnten.

Diese Begebenheiten gehörten, wie bereits angedeutet, nicht zum Anekdotenschatz des Vaters. Es spricht viel dafür, das Aussparungen dieser Art mehr als nützliche Verdrängung reflektieren. Curtchen brachte den beiden, Ida und Paul, achtungsvolle Liebe entgegen, die er bewahrte. Dafür gibt es Indizien.

Nur ein einziges Mal führte Curt seinen Sohn Werner zu Idas Grab am Kappler Berg. Er hielt ihn für alt genug, jenen anderen Zustand, den Lebende einnehmen, am Grab der Mutter anzuzeigen. Es bot sich Gelegenheit, weil die Frist für das letzte Ruheplätzchen der Ida Ranft abgelaufen war und steinerne Erinnerung verschwand.

Der Vater erzählte von der Mutter. Sorgsam haushälterisch sei sie gewesen und sehr schwach. Ihr Lebensfaden, schon immer sehr rissig, habe frühzeitig den Lasten nicht mehr standgehalten.

Werner könnte noch heute, sechzig Jahre nach dieser Begegnung, zu jenem Ort zurückfinden, am Kappler Berg, nördlich der Kappler Drehe, in Chemnitz.

Curtchen hielt auch Paul den Schuhmacher in Ehren, verschmitzt und wenig respektierlich. Ein Aquarell vermittelt Andenken: Drei fröhliche Landstreicher, nicht zur rechten Gottes, sondern auf den hölzernen Balken einer Koppel sitzend.

Werner mag, wie sein Vater, solch unschuldige Bilder.

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