Michael Eckardt

Medientheorie vor der Medientheorie. Überlegungen im Anschluß an Georg Klaus

[= e-Culture, Bd. 3], 100 S., Abb., ISBN 3-89626-393-5, 12,80 EUR

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Einleitung

Die Emergenz einer Theorie der Medien ist ungeachtet der seit Anfang der 1990er Jahre verkündeten „Informations- bzw. Mediengesellschaft" und des damit verbundenen Popularisierungsschubes des Medienbegriffes, keineswegs nur ein Phänomen der letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die theoretische Reflexion zu Formen, Ursachen und Wirkungen medial vermittelter Kommunikation läßt sich bis in die 1920er Jahre, mit dem Auftauchen der ersten Filmtheorien einhergehend, zurückverfolgen. Den Beginn der Medienwirkungsforschung im heutigen Sinne markieren die in den 1930er Jahren vorgenommenen Untersuchungen des Wählerverhaltens in den USA, bei denen auch empirisch-sozialwissenschaftlicher Methoden angewandt wurden. In Europa beschränkte sich die Publizistik lange Zeit auf die Anwendung ihrer aus der Zeitungswissenschaft  hervorgegangenen Theorien, die nur unzureichend an die modernen Formen der Massenkommunikation angepaßt wurden. Während in den frühen fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts noch die kulturkritischen Positionen die Mediendebatte beherrschen, wird später unter dem Einfluß der US-amerikanischen „Audience Research" vor allem der Mediennutzer als Konsument thematisiert. Eine theoretische Auseinandersetzung mit den sich ändernden Bedingungen der Mediennutzung beginnt mit der weiteren Verbreitung des Fernsehens in den 1960er Jahren, die vom politischen Machtkalkül des Kalten Krieges und der andauernden Systemkonfrontation gekennzeichnet waren.
Von der Konsumentenforschung weitgehend unabhängig, dafür ideologisch eingeschränkt und im Gegensatz zu der eher an traditioneller Zeitungswissenschaft orientierten bzw. von US-amerikanischer Medienwirkungsforschung beeinflußten Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Bundesrepublik Deutschland, versuchte der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Georg Klaus, eine im wesentlichen auf Kybernetik und Semiotik gegründete wissenschaftliche Fundierung für die Beschreibung von Kommunikationsprozessen
zu formulieren. Der bei Max Bense 1948 in Jena promovierte Georg Klaus lehrt dort ab 1950 an der Friedrich-Schiller-Universität, 1953 wird er auf den Lehrstuhl für Logik und Erkenntnistheorie der Humboldt-Universität zu Berlin berufen und galt neben Ernst Bloch als der prominenteste Philosoph der Deutschen Demokratischen Republik. 

Der spätere Direktor des Zentralinstitutes für Philosophie an der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin erwarb sich durch seine Forschungen und Publikationen zur Kybernetik, Logik, Semiotik, Spieltheorie, zu philosophischen Fragen der Naturwissenschaften, zu allgemeinen Methodologie der Wissenschaften sowie seinen Beiträgen zur Geschichte der Philosophie den Ruf eines Vorkämpfers und Wegbereiters für die Einführung kybernetischer und semiotischer Methoden in die Geisteswissenschaften. Er verfolgte dabei das Ziel, die damals neuartigen Theoriebereiche für die allgemeine Wissenschaftsmethodologie zu verwerten und den Nachweis zu führen, daß diese Erkenntnisse mit dem Marxismus verträglich sind und für seine Weiterentwicklung fruchtbar gemacht werden können. Besonders die Semiotik verdankte ihren Durchbruch in der DDR der Initiative von Georg Klaus, der 1963 als einer der ersten eine umfassende Arbeit zur Semiotik vom marxistischen Standpunkt aus vorlegte. Die in der DDR stattfindende Beschäftigung mit der Semiotik bildete innerhalb der „osteuropäischen" Länder eine bemerkenswerte Ausnahme, der man auch international einen angemessenen Respekt nicht verweigerte. Seine an Charles William Morris angelehnte vier-relationale Zeichenkonzeption übte nicht zuletzt durch ihre Aufnahme in das seit 1964 gemeinsam mit Manfred Buhr herausgegebene Philosophische Wörterbuch bedeutenden Einfluß in den deutschsprachigen Ländern aus. Im Zusammenhang mit der Ausarbeitung des pragmatischen Aspektes innerhalb der Semiotik wird Georg Klaus in einer Reihe mit Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas, John Austin und anderen als einer der Vorläufer der Pragma-Linguistik bezeichnet.
Georg Klaus war einer der wenigen, der sich entgegen ideologiegeleiteter Einschränkungen weitgehend vorurteilsfrei mit als „neopositivistisch", „behaviouristisch" oder „idealistisch" diffamierten Strömungen der modernen Sprachphilosophie bzw. Verhaltenspsychologie auseinandersetzte und deren positive Elemente für die wissenschaftlichen Begriffsbildung einzusetzen versuchte. Gerade dem vom marxistischen Standpunkt aus als reaktionär und tendenziell agnostizistisch bezeichneten Behaviorismus bescheinigte er, keine schlechthin unerfreuliche philosophische Anwendung des Pragmatismus auf Biologie und Psychologie zu sein, sondern das in seinem Rahmen höchst wertvolle Einzeluntersuchungen durchgeführt worden sind.
In der vorliegenden Einführung sollen seine Überlegungen zum Themenkomplex Sprache-Kommunikation-Zeichen einer eingehenden Betrachtung unterzogen werden. Dabei wird das Ziel verfolgt, die im Rahmen der allgemeinen Entwicklung einer Theorie der Medien geäußerten Gedanken von Georg Klaus zusammenzutragen und überblicksverschaffend darzustellen.
Weiter soll am Beispiel von Klaus’ Arbeiten die generelle Möglichkeit einer Theorie der Medien unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik untersucht werden.
Die Ausarbeitung umfaßt eine eher begriffsgeschichtliche als systematische Bestimmung des Medienverständnisses im ausgewählten Untersuchungszeitraum, sowie eine überblicksverschaffende Klassifikation existierender Medientheorien. Dabei liegt der Schwerpunkt der Erläuterungen auf den Schriften der Zeitspanne von 1957 bis 1974, in denen sich zeitgleich ein verändertes Begriffsverständnis des Terminus „Medien" vollzogen hat. Anschließend sollen mögliche Gegenstandsbereiche einer allgemeinen Medientheorie konzipiert werden, um mit definierten Kriterien die von Georg Klaus entworfenen Modelle prüfen zu können.
Die zentralen Kategorien bei Georg Klaus werden in eine Mikro- und eine Makroebene unterteilt. Von den zeichentheoretischen Überlegungen ausgehend, soll über das am kybernetischen Regelkreis orientierte Kommunikationsmodell zur Beschreibung des Kommunikationsvorganges übergegangen werden. Die Zielstellung der Klaus‘schen Theoriebildung soll zum Abschluß erläutert und die vorgefundenen medientheoretischen Implikationen kritisch hinterfragt werden. In einem Resümee wird auf weiterführende Fragestellungen eingegangen, die sich in Zusammenhang mit den von Georg Klaus bearbeiteten Wissenschaftsbereichen ergeben könnten.