[= Autobiographien, Bd. 16], 2003, ca. 300 S., zahlr. Dokumente und Fotos, ISBN 3-89626-392-7, 29,80 EUR
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Einleitung
1. In den 50er Jahren war Berlin ein zentraler und gefährlicher Schauplatz des Kalten Krieges, der den Frieden bedrohte. Die Stellung und Situation Berlins veränderte sich in den 60er Jahren, vor allem im Ergebnis von Maßnahmen der wiederholt totgesagten DDR. Ausdruck dieser Verhandlungen waren die Passierschein-Verhandlungen und die 68er-Bewegung, die sich insbesondere gegen den Vietnam-Krieg der USA und die totalitären Strukturen an den Universitäten richteten. Diese von Studenten und jungen Menschen getragene Massenbewegung forderte demokratische und soziale Reformen in der Bundesrepublik und Westberlin. Monatelang herrschte in Westberlin ein Ausnahmezustand. Der Regierende Bürgermeister der Stadt, Heinrich Albertz, der Innensenator und der Polizeipräsident wurden zum Rücktritt gezwungen.
Der Außenminister der BRD, Willi Brandt, befürchtete, daß Westberlin zu einer Achillesferse des Westens werden könnte. Um die Krise zu bannen, wurden Notstandsgesetze verabschiedet. Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Klaus Schütz, wurde Ende 1967 als Regierender Bürgermeister eingesetzt. Mit drastischen Maßnahmen wurde gegen die oppositionellen Kräfte vorgegangen. Es zeichnete sich ein Zusammenwirken maßgeblicher Kräfte der Sowjetunion mit den Westmächten und der BRD ab, das seinen sichtbaren Ausdruck in der Aufnahme von Verhandlungen der Signatarmächte des Potsdamer Abkommens über Berlin fand, von denen die DDR ausgeschlossen wurde.
In der vorliegenden Arbeit wende ich mich hauptsächlich der Entwicklung der Berlin-Problematik Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre bis zum sogenannten Mauerfall zu, die ich nicht nur als Zeitzeuge erlebt habe.
2.
Zu Beginn der 70er Jahre war viel von Entspannung und kollektiver
Sicherheit in Europa die Rede, wobei die Bedeutung des Abkommens vom 3.
September 1971 hervorgehoben wurde. Westliche Politiker erklärten übereinstimmend,
daß der erzielte Kompromiß zugunsten des Westens war und daß es nunmehr keine
Berlin-Krisen mehr geben werde. Auch in der DDR wurde die erzielte Übereinkunft
anfangs als Viermächte-Abkommen bezeichnet. Doch das galt nur für eine kurze
Zeit, dann folgte Honecker der sowjetischen Empfehlung und fortan wurde die
Bezeichnung Vierseitiges Abkommen verwandt. Damit sollte offenkundig der
Eindruck erweckt werden, als wäre die DDR zumindest indirekt durch
Konsultationen mit der sowjetischen Seite am Zustandekommen des Abkommens
beteiligt gewesen und die Verhandlungen hätten sich nur mit Westberlin befaßt,
was nicht der Wahrheit entsprach. Darauf werde ich in der Arbeit detailliert
eingehen.
Vier Monate vor dem Abschluß des Abkommens vom 3. September 1971 und
unmittelbar vor dem VIII. Parteitag der SED wurde Walter Ulbricht durch eine von
Breschnew organisierte Fronde gestürzt, weil er sich gegen das ohne und gegen
die DDR ausgehandelte Scheinabkommen gewandt und es abgelehnt hatte. Ulbricht
ging davon aus, daß es ureigenste Angelegenheit der DDR ist, mit der BRD und
Westberlin eine Vereinbarung über den Transit- und Reiseverkehr auf der
Grundlage des Völkerrechts zu treffen, ohne Einschaltung der Vier Mächte,
deren Verhandlungen ich in den Hauptzügen darstelle.
4.
Nach 1990 sind zahlreiche Publikationen über die Verhandlungen der
DDR mit der BRD und Westberlin erschienen, in denen über die Tätigkeit des
Sicherheitsdienstes (MfS) geschrieben wurde. Dabei unterstütze ich den
Standpunkt von Autoren, die anhand konkreter Fakten nachweisen, daß die
Mitarbeiter der zuständigen Ministerien viel getan haben für die Realisierung
der deutsch-deutschen Vereinbarungen, was auch vom Senat Westberlins wiederholt
in den internen Unterredungen anerkannt wurde.
Über die Tätigkeit der Geheimdienste der BRD und anderer NATO-Staaten liegen
keine Dokumente vor, da deren Archiv auch heute noch geschlossen sind.
Hinsichtlich der ehemaligen sowjetischen Dienste (KGB) trat nach 1994/95 eine
gewisse Veränderung dadurch ein, daß ein ehemaliger General des KGB in einer
umfänglichen Veröffentlichung wesentliche Aspekte der Zusammenarbeit des KGB
mit der Regierung der BRD mittels eines geheimen Kanals bei der Gestaltung der
Bonner Ostpolitik und den Viermächte-Verhandlungen über Berlin enthüllte, was
sich hinter dem Rücken der DDR und auf ihre Kosten ab 1968 vollzog.
Ein Anliegen meiner Arbeit ist es, die Auswirkungen des 1968/69 zwischen Bonn
und Moskau geschaffenen geheimen Kanals auf die Viermächte-Verhandlungen zu
zeigen, die nach dem 12. August 1970 weitgehend von der BRD und den USA
dominiert wurden. Die sowjetische Führung übernahm immer mehr die Rolle eines
Erfüllungsgehilfen der Bundesrepublik in der Hoffnung, mit deren ökonomischer
und finanzieller Hilfe die eigene Industrie entwickeln und die Naturreichtümer
Sibiriens erschließen zu können.
Nach der Unterzeichnung des Viermächte-Abkommens nahmen die Regierung der BRD
und der Senat mit der Regierung der DDR erstmals offizielle Verhandlungen auf.
Dabei berief sich die BRD-Seite auf einen Beschluß ihrer Regierung, der Senat
auf einen Befehl der Militärregierung in Westberlin.
Die von Michael Kohl und Günter Kohrt geleiteten Verhandlungsdelegationen
beriefen sich ihrerseits auf Entscheidungen der DDR-Regierung, nicht auf das
Viermächte-Abkommen. Im Verlauf weniger Monate setzten die Delegationen der BRD
und des Senats mit Unterstützung Breschnews weitgehend ihren Standpunkt durch,
wonach die deutsch-deutschen Vereinbarungen lediglich das Viermächte-Abkommen
ergänzende Vereinbarungen seien. Das fand seinen Niederschlag in den Abkommen,
die am 20. Dezember 1971 von M. Kohl mit E. Bahr und G. Kohrt mit U. Müller
unterzeichnet wurden.
Nach dem Inkrafttreten der von Bonn geforderten "befriedigenden
Berlin-Vereinbarung", dem Viermächte-Abkommen, gelang es der BRD,
innerhalb weniger Monate im Grundlagenvertrag besondere deutsch-deutsche
Beziehungen durchzusetzen, die in wesentlichen Punkten vom Völkerrecht
abwichen. Zugleich begann zwischen der DDR und Westberlin eine neue Runde in der
Auseinandersetzung, in deren Mittelpunkt das Grenzregime der DDR zu Westberlin
und die westliche Konzeption vom Berlin-Status standen. Darauf gehe ich anhand
entsprechender Dokumente ein.
Die Verwirklichung des auf dem VIII. Parteitag der SED beschlossenen
sozialpolitischen Programms überstieg die materiellen und finanziellen Möglichkeiten
der DDR. Eine Reform der Preis- und Lohnpolitik stand erneut auf der Agenda.
Honecker lehnte sie ab und suchte stattdessen den Ausweg aus den wachsenden
innenpolitischen Schwierigkeiten im Ausbau des Zentralismus, der Parteibürokratie
und in kommerziellen Beziehungen zur BRD und Westberlin. In Anlehnung an die
KGB-Praxis wurden geheime Kanäle (A. Schalck und W. Vogel) geschaffen und
Honecker ging zur gleichen Zeit dazu über, vertrauliche Unterredungen mit maßgeblichen
SPD-Politikern zu führen (H. Wehner), über deren Ergebnisse nicht einmal die
zuständigen Führungsgremien der DDR in erforderlichem Maße unterrichtet
wurden. Neue Abhängigkeiten von der BRD entstanden ebenso wie Kontroversen mit
dem sowjetischen Außenministerium.
Ende der 70er Jahre
verlor der Antikommunismus bei Wahlen in Westberlin seine Magnetwirkung und die
SPD ihr Regierungsmonopol in der Stadt, wozu Skandale der Mißwirtschaft und
Korruption nicht unwesentlich beitrugen. Andererseits verschärften sich die
internationalen Spannungen und damit auch die inneren Widersprüche der DDR,
wozu nicht zuletzt die 1981 erfolgte dritte Reduzierung der sowjetischen Erdöllieferungen
beitrug.
Auch die insbesondere von Westberlin ausgehenden Geld- und Warenspekulationen
belasteten zunehmend den DDR-Staatshaushalt, der durch die Milliarden-Kredite
(Schalck - Strauß) stabilisiert werden sollte. Das kurz danach erfolgte
Geheimtreffen Honecker - H.-J. Vogel führte zu einem dramatischen Anstieg der
Ausreiseanträge von DDR-Bürgern.
Dem von Richard von Weizsäcker (CDU) geführten Senat Westberlins gelang es,
mit aktiver Unterstützung der von Dr. Helmut Kohl geführten Bundesregierung
und der hinter ihr stehenden Konzernkräfte Westberlin in den 80er Jahren zu
einem Wirtschafts-, Tourismus- und Kongreßzentrum auszubauen. Das hatte
Auswirkungen auf bestimmte Kreise der DDR-Bevölkerung. Auch in Westberlin
entstanden neue sozialökonomische Probleme, insbesondere die Arbeitslosigkeit,
worunter besonders die in Westberlin nach 1961 angesiedelten Türken, Griechen,
Jugoslawen und andere zu leiden hatten, was sich im Ergebnis der Wahlen 1989
widerspiegelte.
Die DDR-Führung verlor in der zweiten Hälfte der 80er Jahre immer mehr den
Sinn für Realitäten und die notwendige Handlungsfähigkeit zur Lösung der
sich stauenden innenpolitischen Probleme. Mit der im Juni 1989 erfolgten Öffnung
der ungarisch-österreichischen Grenze wurde das Ende der DDR eingeleitet. Zu
dieser Zeit verhandelte Honecker mit dem Überraschungssieger der 89ger Wahlen
zum Abgeordnetenhaus Walter Momper (SPD), dem ich einige Monate später als
letzten Regierenden Bürgermeister Westberlins in London begegnete.
9. Eine objektive Betrachtung der Berlin-Problematik erfordert natürlich auch die Analyse der Ereignisse des 17. Juni 1953, seiner nationalen und internationale Hintergründe. Hierauf gehe ich in dem einleitenden Kapitel ein.
Inhaltsverzeichnis
Zu meiner „geheimnisvollen“ Herkunft
Einleitung
Kap. I
W. Semjonow und die Übergabe der DDR
Die Berlin-Abkommen von 1944/45
Neuer Kurs in Moskau und Berlin
Die Berlin Note der UdSSR vom 27. November 1958
Bonn kündigt das Handelsabkommen
Winzer und die Filzlatschen-Politik
Kap. II
Reise nach Barwicha
Non-paper für Breshnew
Berlin als Brücke für die UdSSR und USA
Breshnew dreht am Ölhahn
Ende der Katzentisch-Diplomatie?
Der geheime Kanal Moskaus arbeitet
Konzertierte Berlin-Aktion
Abrassimow im Kontrollrat
Komplott gegen Ulbricht
Entmachtung Ulbrichts mit Waffengewalt
Kap.
III
Mit Pauken und Trompeten
Karneval im Senat
Hiobsbotschaft
Brandt-Schutzwochen
Das Abkommen vom 3.9.71 am seidenen Faden
Neue Disparitäten
Folgenschwere Entscheidungen
Ölpipeline Schwedt – Berlin (West)
Folgen des Geheimtreffens Honecker – Wehner
Klagegesang für Cetin
Bonn testet das Vierseitige Abkommen
Trouble mit Moskau
Aide memoire für den Senat
Ein US-General beschwert sich
In Hubertusstock
Steigendes S-Bahn Defizit
Marzahn/Hellersdorf und der Berlin-Status
Die SPD verliert Regierungsmonopol
Kap. IV
Kekkonen in Kienbaum
2. Geheimtreffen in der Schorfheide
Mauer gegen Tamilen
Westberlin Als Forschungs- und Kongreßzentrum
Die vertane letzte Chance
Mit dem britischen Außenminister in Leipzig und Berlin
Wahlsieger Momper in Aktion
Ibrahim for president
Abrechnung mit der DDR
Schlußbemerkungen
Kap. V
Dokumentation
Literaturverzeichnis
Personenregister
Anmerkungen
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