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Spaar, Horst

“Dokumentation zur Geschichte des Gesundheitswesens der DDR. Teil V: Das Gesundheitswesen der DDR in der Periode der weiteren Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft und unter dem Kurs der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik (1971–1981). Teil A”, 

[= Medizin und Gesellschaft, Bd. 37/38/A], 136 S., zahlr. Abb., ISBN 3-89626-383-8

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort 3

Historischer Rahmen 6

Gesundheitspolitik als Teil des sozialpolitischen Programms 25

Leitende staatliche Organe des Gesundheitswesens und die Verantwortung für die Gesundheitspolitik im ZK der SED 46

Medizinische Wissenschaft und Forschung 54

Medizinisch-wissenschaftliche Gesellschaften 76

Anlagen zum Teil A 89

 

Aus dem Vorwort

In der Geschichtsschreibung über die DDR wurden häufig die siebziger Jahre als ihre Erfolgreichsten dargestellt. Für eine solche Beurteilung gibt es viele gute Gründe, die sich auch in der Entwicklung des Gesundheits- und Sozialwesens widerspiegelten. Ausgehend vom VIII. Parteitag der SED wurde sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch ein neuer Kurs eingeschlagen, der sich im Vergleich zu vorangegangenen Perioden viel versprechend anließ und den Menschen im täglichen Leben den Sinn des Sozialismus zu verwirklichen schien. Hinzu kam, dass in der ersten Hälfte der siebziger Jahre die DDR international eine weltweite Anerkennung erfuhr, was dem Gesundheitswesen neben der Aufnahme in die WHO zahlreiche neue Wirkungsmöglichkeiten eröffnete. Für die meisten Bürger der DDR war dieser Werdegang eine Bestätigung der Zukunftsfähigkeit des zweiten deutschen Staates, zumal die Bundesrepublik Deutschland in diesen Jahren erstmals seit ihrem Bestehen mit Krisenerscheinungen konfrontiert war, die ihrer weiteren sozialstaatlichen Entwicklung Grenzen auferlegten.

Dagegen konnte die DDR-Führung mit dem Sozialpolitischen Programm, das in Wechselbeziehung zur wirtschaftlichen Entwicklung zunehmend als eine Politik der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik verstanden wurde, nicht nur viele angestaute Bedürfnisse befriedigen, sondern auch den Anschein erwecken, dass unter den gegebenen Voraussetzungen auf der Grundlage eines hohen Entwicklungstempos der Produktion und des Wachstums der Arbeitsproduktivität eine kontinuierliche Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes gesichert werden könnte. Bis 1975/76 erlebte die DDR

nachweisbar ihre erfolgreichste Entwicklungsperiode. Das galt in spezifischer und besonderer Weise auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik, die in Verbindung mit dem Sozialpolitischen Programm und unter Berücksichtigung der Lehren aus der Vergangenheit, einen bedeutend höheren Stellenwert erlangte. In keiner Periode zuvor wurde dem Gesundheits- und Sozialwesen so viel Aufmerksamkeit gewidmet wie in diesen Jahren. Seine Kulmination fand dies im Gemeinsamen Beschluss des Politbüros des ZK der SED, des Ministerrates der DDR und des Bundesvorstandes des FDGB vom 25. September 1973, der auch in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre die Entwicklung maßgeblich weiter beeinflusste.

Für viele der anstehenden Aufgaben bedurfte es jedoch eines längeren Zeitraumes, um sie in der medizinischen und sozialen Betreuung versorgungswirksam zu machen. Dazu gehörten neben den Zielstellungen in der Aus-und Weiterbildung vor allem auch die im Vergleich zu früher umfangreicheren Investitionen, deren Realisierung von der Bereitstellung der erforderlichen Baukapazität sowie spezifischer technischer Erzeugnisse, einschließlich devisenaufwändiger Importe, abhängig war. Trotz mancher Verzögerungen bei der Fertigstellung von Krankenhäusern und der Errichtung von Provisorien an Stelle geplanter Polikliniken, erlebte das DDR-Gesundheitswesen in dieser Periode sein größtes Investitionsgeschehen. Zur Durchführung der kurz- und längerfristigen Maßnahmen wurde daher der gesundheitspolitischen Strategie ein Zweistufenprogramm zu Grunde gelegt, in dessen Vordergrund die medizinische Grundbetreuung der Bevölkerung stand, deren Schwergewicht sich von der zunächst vor allem ambulanten, später auf die ambulante und stationäre Betreuung verlagerte.

Auf der Grundlage dieser differenzierten gesundheitspolitischen Strategie war es durchaus nicht abwegig, in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre die Qualitätsfrage in der medizinischen Betreuung weiter in den Vordergrund zu rücken und sie, statt der beschränkenden Bindung nur an die Effektivität, mit der umfassenderen Kategorie der Wirksamkeit zu verknüpfen, die dem Ergebnis der medizinischen Arbeit besser Rechnung trug. Diese Entscheidung wäre für ein sozialistisches Gesundheitswesen durchaus vertretbar gewesen, wenn alle Aspekte, an denen das Ergebnis der Arbeit zu messen war, die notwendige Berücksichtigung hätten finden können. Dem waren jedoch trotz aller günstigen gesellschaftlichen Voraussetzungen Grenzen gesetzt, die unterschiedliche Ursachen hatten.

Ein Hauptgrund waren zweifellos die knappen materiell-technischen Ressorcen und die daraus resultierende Mangelsituation auf vielen Gebieten, die sich gegen Ende der Periode eher noch zuspitzte. Damit in Verbindung bestand ein weiterer Grund in der fehlenden materiellen Stimulierung für die Mitarbeiter. Mit den mehrfach beschlossenen lohnpolitischen Maßnahmen konnte zwar bei bestimmten Berufsgruppen vorübergehend akuter Personalmangel beseitigt werden, aber ein größerer individueller Leistungsanreiz wurde damit nicht erreicht. Auch andere Maßnahmen, die der Stabilisierung der Arbeitskräftelage dienten, hatten darauf kaum Einfluss und konnten bestenfalls die wachsende Diskrepanz gegenüber anderen Bereichen abmildern. Insgesamt blieben die Vergütungsfragen im Gesundheits- und Sozialwesen auch in dieser Periode ein schwelendes Problem. Mit der verstärkten Orientierung auf die Ausschöpfung subjektiver Faktoren, die neben der fachlichen Weiterbildung vorwiegend mit ideologischen Mitteln betrieben wurde, konnten die fehlenden materiellen Voraussetzungen nicht ausgeglichen werden. Ihre z. T. doktrinäre Anwendung führte dazu, dass die qualitätsfördernden Wirkungen von unproduktiven Effekten überlagert wurden.

Die wachsenden ökonomischen Schwierigkeiten, denen die DDR auf Grund äußerer und innerer Entwicklungsprozesse in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre ausgesetzt war, führten zu Widersprüchen, die das Verhältnis von Wirtschafts- und Sozialpolitik beein-flussten und somit auch die Realisierbarkeit

der gesundheitspolitischen Strategie in Frage stellten. Einerseits wurde immer erkennbarer, dass die vom Sozialpolitischen Programm erwarteten Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung nicht eintraten, andererseits konnte und wollte die Partei- und Staatsführung den eingeschlagenen Kurs nicht zurücknehmen und so wurde versucht, mit partiellen Abstrichen und einem umfangreichen propagandistischen Aufwand die Politik fortzusetzen. Da die Volkswirtschaft der DDR den wachsenden Bedarf des Gesundheits- und Sozialwesens immer weniger befriedigen konnte, entstand bei führenden Ökonomen der Vorwurf, dass dieser Bereich Verbraucher von Nationaleinkommen sei, ohne einen hinreichenden Beitrag zur Steigerung der Arbeitsproduktivität zu leisten. Erscheinungen wie der anhaltend hohe Krankenstand wurden einseitig dem Gesundheitswesen angelastet. Unter diesen Bedingungen setzten sich am Ende der Periode die ökonomischen Interessen im und gegenüber dem Gesundheitswesen wieder stärker durch.

Wenn auch die Zielstellungen der Gesundheitspolitik unter den gegebenen Umständen nicht vollständig erreicht werden konnten und z. T. beträchtliche Rückstände und Diskrepanzen für die achtziger Jahre zurück blieben, so muss die in diesem Dokumentationsteil beschriebene Periode in Anlehnung an das Sozialpolitische Programm für das Gesundheits- und Sozialwesen als die erfolgreichste Entwicklungsetappe in der DDR bewertet werden. In dieser Zeit hatte das Gesundheits- und Sozialwesen nicht nur die größte kapazitäre Erweiterung zu verzeichnen, sondern in ihr wurden auch bedeutende programmatische Weichen gestellt und effektive Strukturen entwickelt, die das spätere System bis zu seiner Auflösung geprägt haben. Darunter befinden sich zahlreiche bewahrens-werte Elemente, die bei einer vorurteilsfreien Betrachtung auch für reformpolitische Überlegungen zur künftigen Gestaltung des Gesundheitssystems in der Bundesrepublik Deutschland von Bedeutung sein könnten.

Es war daher den Autoren der vorliegenden

Dokumentation ein besonderes Anliegen, die Ergebnisse der Gesundheitspolitik in dieser Periode unter Berücksichtigung der subjektiven und objektiven Einflussfaktoren einer kritischen Analyse zu unterziehen, um nachfolgenden Generationen und interessierten Lesern aus dem Zeitgeschehen heraus sowohl Hemmendes als auch Bewahrenswertes sichtbar zu machen.

Der inhaltliche Umfang war Veranlassung, die Herausgabe dieses Doppelheftes aus technischen Gründen in zwei Teilen vorzunehmen.

Berlin im Februar 2002