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Scheler, Werner / Oehme, Peter

“Zwischen Arznei und Gesellschaft. Zum Leben und Wirken des Friedrich Jung”

[= Abhandlungen der Leibniz-Sozietät, Bd. 8], trafo verlag 2002, 250 S., Abb. und Dok., Register, ISBN 3-89626-345-5, 22,80 EUR

Zu den Rezensionen

 

In Friedrich Jung erscheint das Bild eines Menschen, dessen Lebensweg durch die Verwerfungen der deutschen Geschichte führt, dessen wissenschaftlicher Werdegang mit den revolutionierenden Entwicklungen der Molekularbiologie und Biomedizin verbunden ist und dessen Maxime es war, dass Erkenntnis zur Verantwortung für das menschliche Gemeinwesen zwingt.

1915 in Friedrichshafen am Bodensee geboren, die Eltern sind Lehrer, erfährt Fritz als ältester von sechs Geschwistern die Geborgenheit des katholischen Elternhauses, besucht in Ellwangen und Stuttgart das Gymnasium und schließt 1934 die Schule mit glänzendem Abitur ab. Bald nach der Machtergreifung Hitlers erhält der in der katholischen Jugendorganisation Neudeutschland engagierte Fritz Jung seine ersten Lektionen in politischer Intoleranz, erlebt die Relegation jüdischer Mitschüler. Dem Reichsarbeitsdienst folgt ein Medizinstudium in Tübingen, Königsberg und Berlin.

Bei dem Pharmakologen Wolfgang Heubner arbeitet er in den letzten Semestern als Doktorand, kommt so in eine strenge wissenschaftliche Schule. Mitten im Staatsexamen bricht im September 1939 der Krieg aus. Er wird eingezogen, an das Institut zurückkommandiert, mit der Aufklärung von Vergiftungen bei Munitionsarbeitern beauftragt. Er ist einer Ersten, der die neue Methode der Elektronenmikroskopie zur Erforschung biologischer Objekte einsetzt.

Am Institut schließt er sich einem oppositionellen Kreis um Robert Havemann und Fritz von Bergmann an, zu dem auch Waltraut Schwarzkopff, seine spätere Frau, gehört. Der Oberassistent am Institut, ein SA-Standartenführer, veranlasst wegen 'politischer Unzuverlässigkeit', Jungs Versetzung an die Front. Während seines Einsatzes auf einem Hauptverbandplatzes in Nordfinnland wird sein Freund Havemann verhaftet und zum Tode verurteilt. Er selbst schreibt an seiner Habilitationsschrift, und während eines Heimaturlaubs 1944 habilitiert er sich. In den letzten Kriegsmonaten ist er beratender Toxikologe einer Heeresgruppe an der Westfront, und wird Anfang 1945 an eine Munitionsanstalt im Allgäu abkommandiert, in der geheime Bestände von Granaten mit hochtoxischen Nervengasen lagern. Gemeinsam mit dem Kommandanten der Anstalt widersetzt er sich dem Führerbefehl zur Sprengung, und er vermittelt als Parlamentär die kampflose Übergabe an französische Truppen. So wird eine Katastrophe größten Ausmaßes für die Region verhindert.

Nach Kriegsende setzt er seinen wissenschaftlichen Weg als Dozent in Tübingen und als kommissarischer Leiter des Würzburger Pharmakologischen Instituts fort, steht mit den Brüdern Ernst und Helmut Ruska über seine elektronenmikroskopischen Arbeiten in Verbindung, entwickelt neue Versuchstechniken. Für kurze Zeit wird er als Gutachter beim Nürnberger Ärzteprozess hinzugezogen, trifft dort auf seine akademischen Lehrer, die sich wegen unmenschlicher Versuche an Gefangenen und Inhaftierten verantworten müssen. Wieder in Würzburg erfährt er, dass das vakante Ordinariat, für das ihn die Fakultät favorisiert, nicht er, sondern ein ehemaliges NSDAP-Mitglied erhält.

In dieser Phase, man schreibt das Jahr 1948, erreichen ihn Angebote aus Berlin. An der Akademie der Wissenschaften wird ein leitender Pharmakologe gesucht, und an der Humboldt-Universität ist - nach Gründung der Freien Universität - der frühere Lehrstuhl seines Lehrers Heubner neu zu besetzen. Das Institut selbst ist eine Ruine. Jung folgt beiden Rufen, leitet den Wiederaufbau des Instituts und vermag in wenigen Jahren beide Wirkungsstätten zur internationalen Geltung zu führen. Aus seiner Schule gehen mehrere Ordinarien und leitende Wissenschaftler hervor.

1972 wird er Direktor des neugegründeten Zentralinstituts für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften, das unter seiner Leitung zu einem Zentrum moderner biowissenschaftlicher Forschung auf Gebieten wie der Biophysik, der Biochemie, der Molekular- und Zellbiologie, der Gentechnik, der Wirkstoffforschung und der Biotechnologie wird.

Mit Tatkraft widmet er sich gesundheits- und wissenschaftspolitischen Aufgaben, die an ihn herangetragen werden. Er wird Mitglied und dann Vorsitzender des Zentralen Gutachterausschusses für den Arzneimittelverkehr beim Gesundheitsministerium. In dieser Funktion gelingt es ihm, für die DDR eine international vorbildliche Arzneimittelgesetzgebung auf den Weg zu bringen, ein Vorhaben, wie es schon Heubner und anderen kritischen Pharmakologen vorgeschwebt hatte. Der Sorgfalt von Jung und seinem Gremium ist es zu verdanken, dass es in der DDR zu keiner Contergan®-Tragödie kommt. Er wirkt an weiteren Stellen mit, um eine progressive Gesundheits- und Wissenschaftspolitik zu gestalten, wird als Experte zu den Genfer Verhandlungen zur Ächtung biologischer und chemischer Waffen herangezogen, wirkt in nationalen und internationalen Komitees für Frieden und Abrüstung mit.

Noch als Emeritus ist er wissenschaftlich produktiv und politisch aktiv, und er bleibt es, als 1990 die DDR zum Beitrittsgebiet der Bundesrepublik Deutschland wird. In den letzten Lebensjahren erlebt er schmerzlich die 'Abwicklung' der Akademie der Wissenschaften, die 'Säuberung' der Universitäten und Hochschulen, die 'Entsorgung' der gesundheits- und sozialpolitischen Errungenschaften der DDR, die Preisgabe seiner Regelungen für ein wissenschaftlich begründetes Regime des Arzneimittelverkehrs und anderes mehr. Doch Jung kennt keine Resignation und lässt es nicht bei Protesten. Er wird Mitbegründer der Leibniz-Sozietät, welche die Tradition der Akademie fortführt, und er ist zur Hand, wo seine Erfahrung und Rat gesucht wird. Als er sich anschickt, Notizen seines Lebens niederzulegen, entführt ihn der Tod von seinem geliebten Computer.