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Ursula Reinhold

Verblassende Spuren. Wiederannäherung an ein verlorenes Leben

Roman, trafo verlag 2005, 230 S., ISBN (10) 3-89626-329-3, ISBN (13) 978-3-89626-329-3, 14,80 EUR

Zu den Rezensionen

Verblassende Spuren ist eine Annäherung an das Schicksal einer Frau, die als Arbeitsverweigerin ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt wurde und dort mit gerade 25 Jahren umkommt.

Wenige Hinterlassenschaften bezeugen ihr Schicksal und spät erst, 60 Jahre nach ihrem Tod, sucht die Nichte nach Spuren dieses Lebens in den papiernen Unterlagen des Naziregimes. Die Autorin fragt nach Motiven von Widersetzlichkeit und danach, ob und wie eine Gefangene unter den Bedingungen der Lagerrealität, die von Sklavenarbeit, Entbehrung und tagtäglicher Todesdrohung bestimmt war, ihre Würde bewahren konnte.

 

 

 

Inhalt

 

Vorbemerkung

Nachgelassenes                      

Spurensuche                                                

Frühe Prägungen und frühes Ende                 

Die Arbeitsverweigerin                             

Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

 

Über Grenzen der Annäherung             

Krematorium                                                                                           

„Arbeit macht frei“                              

Erste Eindrücke

Vom Überlebenswillen    

Arbeitskommandos für Verfügbare

Häftlingsgesellschaft                       

Leben, wo gestorben wird  I.

Späte Botschaften                

Leben, wo gestorben wird   II.        

Industriehof/ Schneiderei                 

Ramdohr schafft Ordnung        

Bunkerhaft                              

Das Ende 

                               

Anhang                                  

 

Leseprobe

Vorbemerkung 

Es ist uns geläufig, daß der Umgang mit dem Vergangenen immer von den Interessen des gegenwärtigen Betrachters abhängt. Um Geschichte aber nicht nur als reine Fiktion im Beliebigen sich auflösen zu lassen, stellt sich die Frage nach dem angemessenen Umgang mit ihr. Wie aber kann ein angemessener Umgang mit den Geschehnissen um die Verbrechen der Nazi-Zeit aussehen? Gegenüber den Opfern, den Toten und denen, die überlebt haben. Es setzt wohl Wissen um das Geschehene voraus, es braucht das Bestreben, die politische Macht, die wirtschaftlichen Interessen und die weltanschaulichen Prämissen zu verstehen, aus denen heraus das System der Konzentrationslager organisiert wurde. Die Interessenlage der Nutznießer und Organisatoren muß offenbar und Einsicht in die Motivlage der Täter gesucht werden, um das Funktionieren des faschistischen Systems begreifen zu können. Daß es sein Vernichtungs- und Zerstörungswerk so gründlich ausüben konnte, hatte viele Gründe. Auch den, daß es nur wenige Menschen gab, die widerstanden. Viel zahlreicher waren Menschen, die mitmachten, wegsahen oder reglos duldeten, damals wie immer.

 

Ich  suche nach den Spuren einer jungen Frau, deren Schicksal weder gestern noch heute mit öffentlichem Interesse rechnen kann. Denn sie gehört nicht in die Opfergruppen, denen man sich in Vergangenheit und Gegenwart vorzugsweise widmete bzw. widmet. Sie war weder eine Widerstandskämpferin aus politischer oder religiöser Überzeugung, noch zählt sie zu den Millionen, die dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer fielen. Sie geriet wohl eher beiläufig ins Räderwerk der Vernichtung, gehört zu den vielen Toten, die ohne Aufmerksamkeit und Fürsprache blieben.

 

Nachgelassenes

 

Ein halbes Dutzend Fotos im Familienalbum, ein Brief, von ihrer Hand geschrieben; das sind die Hinterlassenschaften der Frau, die nur wenige Wochen ihren 25. Geburtstag überlebt hat. Wenn in der Familie von ihr gesprochen wurde, hieß sie Friedchen. Sie war die zwanzig Jahre jüngere Schwester meines Vaters, der noch zwei weitere Schwestern hatte, die in Abständen von je fünf Jahren nach ihm geboren wurden. Friedchen war der Nachkömmling in der Ehe meiner Großeltern, das verwöhnte Kind ihrer Mutter, der die anderen Kinder längst entwachsen waren. In Kindertagen schaute ich mir die Konterfeis der jungen Frau an, die verstreut in mehreren Alben klebten, ich fand sie schön. Putzmacherin sei sie gewesen, hörte ich sagen, alle Formen von Hüten habe sie herstellen können. Aber sie selbst trägt Hut nur auf einem der Bilder. Es ist ein wenig auffälliges Gebilde, mehr eine Kappe, dicht am Kopf sitzend. Dafür ist sie auf jeder Ablichtung mit einer anderen Frisur zu sehen. Manchmal hat sie das Haar hochgesteckt in Locken, dicht am Kopf. Zwei Porträts, aus unterschiedlichem Halbprofil aufgenommen, zeigen sie mit dieser damenhaften Frisur, wie manche Frauen sie damals trugen. Das Gesicht erscheint hierauf schmal mit geradem Nasenrücken, hell die Haare, jedenfalls sieht es auf dem schwarz-weißen Foto so aus. Es kann sein, daß sie sich die Haare hatte bleichen lassen. Auf anderen Ablichtungen ist sie der eher brünette Typ, der sie tatsächlich war, dunkles langes Haar, aus der Stirn frisiert, und mit Kämmen nach hinten gesteckt, wo es halblang in Wellen über die Schultern fällt. Dunkel auch die deutlich ausgeprägten Brauen, ein Familienerbe, das auch auf mich gekommen ist. Einem der Fotos scheint eine regelrechte Inszenierung vorausgegangen zu sein. Wer es aufgenommen hat, weiß ich nicht. Da sitzt sie mit angezogenen Knien in einer Sofaecke, einen kleinen Hund neben sich, einen Terrier. Das muß Großmutters Lumpi gewesen sein, denn von dem Hund erzählte man mir in Kindertagen. Allerdings bin ich mir unsicher darüber, ob ich ihn jemals wirklich gesehen habe. Kinderbilder und solche des heranwachsenden Mädchens gibt es nur wenige. Auf einem dieser frühen Fotos ist sie mit ihrer Mutter und der Schwester Lucie abgebildet. Das Gruppenfoto muß im Sommer aufgenommen worden sein, wahrscheinlich in Klosterfelde, wo die Eltern, einem allgemeinen Trend folgend, um 1929 ein Grundstück gekauft hatten. Lucie, die erwachsene Tochter, hat einen dunklen Badeanzug an, der zur Hälfte die Oberschenkel bedeckt. Die Mutter, vor der älteren Tochter sitzend, trägt eine ärmellose Kittelschürze. Das heranwachsende Mädchen steht splitternackt vor der Mutter, es ist schlank, mit ungelenken Gliedern, vielleicht 11 Jahre alt, ein Lebensaugenblick ist hier festgehalten, kurz bevor die Pubertät den Körper verändern wird. Das Mädchen hält sich die Hände schamhaft vor ihren unteren Leib, lacht verlegen. Man hatte ihr die Haare zu einem halblangen Bubikopf gestutzt. Noch auf der Ablichtung, die anläßlich ihrer Kommunion aufgenommen wurde, trägt sie Zöpfe, die rund um den Kopf gelegt sind. Hier präsentiert sie sich in der für solche Anlässe üblichen Aufmachung, mit Kerze, Gebetbuch, weißem Kleid und Kniestrümpfen vor Zimmerpalme stehend. Zwischen diesen beiden Aufnahmen, werden ein bis zwei Jahre gelegen haben.

Auf einem Foto steht, von meinem Vaters geschrieben, auf der Rückseite das Datum der Aufnahme: Weihnachten 1939. Es hält den Augenblick eines Familientreffens in der Neuköllner Altenbraker Straße fest. Es war das erste Jahr des Krieges! Ob über den Krieg gesprochen wurde in der Runde, oder schien er ihnen mit dem schnellen Sieg über Polen schon beendet? War ihnen bewußt, daß es erst richtig losgehen würde? Sicherlich hat mein Vater die weihnachtliche Andacht wieder mit aufstörenden Fragen beeinträchtigt, könnte ich mir vorstellen, bis die Mutter ihm Einhalt geboten hat. Aber es muß nicht so gewesen sein.

Auf dem Familienbild sitzt Friedchen mitten im Kreise aller anderen, lachend, eine junge Dame. Meine Großeltern sind zu sehen, meine Mutter mit mir als Baby auf dem Arm, mein Vater, daneben mein Bruder, alle sind um den Familientisch herum plaziert. An der Wand im Hintergrund hängt ein Kruzifix. Friedchen ganz im Vordergrund der Aufnahme, sie sitzt am Beginn der Tischreihe und schaut unmittelbar in die Linse. Da ist sie zwanzig Jahre alt, rechne ich mir aus. Auch hier wirkt sie damenhaft, trägt schwarzen Tüll an den Oberarmen und über dem Brustausschnitt. Auf manchen Ablichtungen aus der Zeit ihrer jungen Damenhaftigkeit ist das Gesicht voll und rund, und sie lacht über das ganze Antlitz. Ja, sie war recht gut beieinander, sie aß gern und war ziemlich bequem, kommentierte mein Vater die Bilder seiner jüngsten Schwester.

Auf einem der Fotos, die sie als junge Frau zeigen, ist ebenfalls die Handschrift meines Vaters zu erkennen, da steht: „Meine jüngste Schwester Friedchen, umgekommen in Ravensbrück“. Das muß das letzte Foto vor ihrer Verschickung ins Lager gewesen sein, denke ich mir. Denn auf diesem Bild wirkt sie erwachsener als auf den anderen Ablichtungen. Das Haar ist von der Stirn aus hochgeschlagen, dunkel und gewellt fällt es hinter den Ohren über den Nacken bis auf die Schultern. Auch hier hat sie ein volles Gesicht, die dichten Augenbrauen sind zu hohen Bögen ausrasiert oder gezupft, eine feine Nase über etwas aufgeworfenen Lippen, ein Erbstück der Mutter, das ich auch von meinem Vater her kenne. Sie schaut sehr ernst aus diesem Bild, anders als bei den früheren Fotos, auf denen sie lachend festgehalten ist. Die Augen sind weit offen, sie sieht den Betrachter nicht direkt an, sondern richtet den Blick rechts aus dem Bild heraus. Dieser Blick verrät einen ernsten Trotz, oder bilde ich mir das nur ein, weil von solchem Trotz erzählt wurde?  Auf dem Foto trägt sie einen gestreiften Pullover mit einem Schalkragen. Das muß wohl damals in Mode gewesen sein. Das Foto mag 1941 oder 1942 aufgenommen worden sein, wahrscheinlich lagen die kurze Haftzeit im Frauenhaus Moabit und das Amtsgerichtsverfahren schon hinter ihr.

Wahrscheinlich stammt die Porträtaufnahme mit der ernten Miene aus dem letzten Jahr, in dem sie noch in Freiheit war, bevor sie endgültig im Lager verschwand. So jedenfalls stelle ich es mir vor. In dieser Zeit ging der Krieg schon in sein drittes Jahr, und sie hat sicherlich die Punktkarte gebraucht, um sich ein solches modisches Kleidungsstück anschaffen zu können, wie sie es hier auf der Aufnahme trägt.. Sie hielt darauf, stets mit der Mode zu gehen, und wahrscheinlich hat die Mutter ihr dafür auch noch die ihrige gegeben, denn die jüngste Tochter, meine Tante Friedchen, war das ein und alles ihrer Mutter, meiner Großmutter. Mein Vater wurde nicht müde, das bei verschiedenen Gelegenheiten zu betonen. Eine junge Frau wie meine Tante wollte natürlich gut aussehen. Ja, sie hat immer großen Wert auf ihre Kleidung und ihr Aussehen gelegt, hieß es, wenn von ihr die Rede war.

 

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© trafo verlag 2005