Klaus F. Gille

Konstellationen. Gesammelte Aufsätze zur Literatur der Goethezeit

trafo verlag 2002, ISBN 3-89626-312-9, 29,80 €

 

Nach der freundlichen Aufnahme des Aufsatzbandes Zwischen Kulturrevolution und Nationalliteratur. Gesammelte Aufsätze zu Goethe und seiner Zeit (traƒo verlag, 1998)  legt der Autor nun einen weiteren Band seiner Aufsätze zur Goethezeit vor, die sich auf das Umfeld der Weimarer Klassik richten. 

 Die reiche literarische Landschaft um 1800 entfaltet sich erst, wenn man die kanonischen Fixierungen einer herkömmlichen Literaturgeschichtsschreibung aufbricht und die Protagonisten divergierender literarischer und literaturpolitischer Konzepte in ihrem Mit- und vor allem Gegeneinander ernstnimmt. Diesem Konzept ist der Titel Konstellationen (Dieter Henrich) geschuldet. So geht es bei den Auseinandersetzungen zwischen den älteren Aufklärern wie Gottfried August Bürger, Friedrich Nicolai und Johann Kaspar Friedrich Manso und den jüngeren Klassikern und Romantikern (Schiller, Friedrich Schlegel)  nur vordergründig um ästhetische Fragen; im Hintergrund steht die Wahrnehmung tiefgreifender sozialer Umbrüche und die Frage mit welchen literaturpolitischen Konzepten - z.B. denen einer literarischen Öffentlichkeit - diesen gegengesteuert werden kann. Auch von  Klassikern und Romantikern untereinander  werden solche Konzepte unter den Stichworten Remythisierung und Öffentlichkeit  als  Varianten ästhetischer Erziehung  diskutiert. Soll sich Literatur auf eine grundsätzlich egalitär gedachte Kommunikationsgemeinschaft (Zeitschrift, Salon) richten, wie die Aufklärung meinte oder auf das unvergesellschaftete Individuum, wie man in Weimar und Jena dachte? Und wenn das letztere angenommen wird, was sind dann die erkenntnistheoretischen Bedingungen, unter denen sich die Genialität des Auslegers konstituiert?  Nach der Jahrhundertwende wird dann der Begriff der Nation zum Referenzrahmen, in dem die  entstehende Germanistik Konzepte eines nationalpädagogischen Programms, z.B. anhand des Nibelungenliedes, formiliert.

Einen weiteren Schwerpunkt des Bandes bildet die monographische Lektüre einiger kanonischer Texte der deutschen Literatur von Ludwig Tieck, Adelbert von Chamisso, Georg Büchner  und Heinrich Heine.  Hier tritt  der literarische Text in eine  Konstellation mit dem modernen Leser; auch hier ist die Erfahrung von Krisen und Umbrüchen in Politik und Gesellschaft seit der Wende vom 18. zum 19, Jahrhundert konstitutiv und bestimmt  eine aktualisierende Lektüre im Lichte unserer Erfahrung. 

 

 

Inhaltsverzeichnis

(I) Schillers Rezension Über Bürgers Gedichte im Lichte der zeitgenössischen Bürgerkritik

(II) Ein angenehmer Traum eines guten Kopfs – Friedrich Nicolai und Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung, Mit einigen methodologischen Nachbemerkungen

 (III)  Johann Kaspar Friedrich Manso im Horenkampf, Zur Wirkungsgeschichte von Schillers Zeitschrift

(IV) Remythisierung und Öffentlichkeit. Pragmatische Aspekte der Diskussion ästhetischer Erziehung im Zeitalter der Französischen Revolution

(V) Die undialektische Aufklärung – Bemerkungen zu Friedrich Nicolais Vertrauten Briefen der Adelheid B**

(VI) Die Genialität des Auslegers. Zur Geschichte und Systematik des Divinationstheorems 

(VII)  Der Berg und die Seele – Überlegungen zu Tiecks Runenberg 

(VIII)  Der Schatten des Peter Schlemihl

(IX) was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur? – Zum Verhältnis von Germanistik und Nation im 19. Jahrhundert.

(X)  Das erhabenste und vollkommenste Denkmal einer so lange verdunkelten Nazionalpoesie Zur Genesis des Nibelungenliedes als deutscher Urtext

(XI)  uns ist nun die Betrachtung um so viel bequemer gemacht – Goethes Lektüre des Nibelungenliedes  

(XII) Varnhagen von Ense - Rahels Witwe und Graue Eminenz. Skizze einer literarischen Persönlichkeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

(XIII)  Büchners Danton als Ideologiekritik und Utopie 

(XIV)  Heines Atta TrollDas letzte freie Waldlied der Romantik?


Zum Autor

Klaus F. Gille ist seit 1964 in Forschung und Lehre am Deutschen Seminar der Universität Amsterdam tätig. Er promovierte 1971 an der Universität Leiden mit einer Arbeit über "Wilhelm Meister" im Urteil der Zeitgenossen. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte Goethes. Seit den siebziger Jahren veröffentlichte er, z.T. an entlegener Stelle, zahlreiche Aufsätze zur deutschen Literatur der Aufklärung und der Kunstperiode, die, methodologisch einer sozialhistorisch orientierten Konstellationsforschung verpflichtet, das literarische Werk in den Kontext von Wirkung und Widerspruch setzen. Dem Band Konstellationen. Gesammelte Aufsätze zur Literatur der Goethezeit ging 1998 der Band Zwischen Kulturrevolution und Nationalliteratur. Gesammelte Aufsätze zu Goethe und seiner Zeit voran, der ebenfalls im trafo-Verlag Berlin erschien.

Weitere Informationen zum Autor: http://www.hum.uva.nl/kgille