Klaus Kühnel

'Wer aufbegehrte, wurde dort erschossen!' Gertrud Lemmnitz (*30.10.1912)”

[= BzG – Kleine Reihe Biographien, Bd. 13], trafo verlag 2005, 78 S., ISBN 3-89626-293-9,  9,80 EUR

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Zur Entstehungsgeschichte des Buches

Schon das hätte mich stutzig machen müssen: Niemand hatte mich auf Gertrud Lemmnitz aufmerksam gemacht, weder das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer noch die Geschichtskommission der SED.

Beide nicht zu umgehenden Institutionen der DDR hatte meine Redaktion – ich war damals Redakteur für Geschichte beim Schulfunk der DDR – Anfang 1981 gebeten, mir bei der Suche nach Menschen zu helfen, die Matthias Thesen (29.04.1891/11.10.1944) gekannt hatten und bereit waren, mir etwas über diesen sonst wenig beachteten Reichstagsabgeordneten der Kommunistischen Partei ins Mikrofon zu sagen. Erst bei näherer Beschäftigung mit der Person fiel mir auf, dass der Politische Sekretär des Unterbezirks Duisburg nicht schnurstracks zur KPD gestoßen war, sondern einen Umweg über SPD und USPD genommen hatte, was nicht so recht in das vorgegebene Bild passte, weil sich die SED zwar als Heimstatt aller klassenbewussten Arbeiter gab, aber den ehemaligen Nichtkommunisten in ihren Reihen doch Irrungen und Wirrungen im Klassenkampf vorwarf. Das waren schon schlechte Karten für Matthias Thesen, den Umwegler, den Gertrud Lemmnitz von ihrer frühen Jugend her kannte. Befürchtete "man", sie würde ein falsches Zeugnis ablegen?

Dann stieß ich auf ein weiteres "unerwünschtes" Detail im Leben des Matthias Thesen: Verrat. Nein, selbstverständlich war nicht er ein Verräter und auch nicht Gertrud Lemmnitz, sondern andere Menschen mit dem gleichen Parteibuch in der Tasche wie er und sie. Durch Verrat eines seiner Genossen war der untergetauchte Funktionär in die Hände der Gestapo gefallen. Natürlich durfte nicht geschehen sein, was die Ehre der Partei beschmutzt hätte. Der Denunziant aus den eigenen Reihen wurde zum Agent provocateur erklärt, und ging als Lockvogel der Nazis, als bezahlter Polizeispitzel in die offizielle Darstellung der Biographie von Matthias Thesen ein. Damit nicht genug, geriet er indirekt durch einen weiteren Verrat erneut ins Visier der Nazis, diesmal der SS, denn der Verrat fand diesmal im Konzentrationslager Sachsenhausen statt, wohin der ehemalige Reichstagsabgeordnete mittlerweile verschleppt worden war. Dort hatte ein Kommunist in Baracke 28 einen illegalen Radioapparat gebaut und ein anderer dessen Existenz pflichteifrig der Lagerführung gemeldet, um sich dadurch einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. Die SS griff hart durch, "verhaftete" 140 verdächtige Schutzhäftlinge und erschoss am 11. Oktober 1944 ohne Gerichtsverfahren und Richterspruch achtundzwanzig von ihnen, darunter Augustin Sandtner, Ernst Schneller, Siegmund Sredzki und eben auch Matthias Thesen, den Gertrud Lemmnitz gekannt hatte, als sie noch Gertrud Pusch hieß und keine zwanzig Jahre alt war. Fürchtete "man" ihren ungeschminkten Bericht und gab sie deshalb nicht als Zeitzeugin an?

Meine Sendung sollte aus Anlass des neunzigsten Geburtstags von Matthias Thesen entstehen, in der Reihe "Unsere Schule trägt seinen Namen" ausgestrahlt werden und der Traditionspflege dienen. Mehrere Schulen waren nach Thesen benannt worden – ich erinnere mich noch, dass ich mich furchtbar darüber ärgerte, dass der Vorname Thesens einmal mit einfachem, ein anderes Mal mit doppeltem T geschrieben wurde. Das Problem Mathias oder Matthias beschäftigte mich damals offensichtlich mehr als die mir nicht empfohlene Gertrud Lemmnitz.

So sehr ich auch grüble, es fällt mir nicht mehr ein, wer mich auf die ehemalige Sekretärin des Reichstagsabgeordneten aufmerksam machte. Ich schwanke, ob es Frau Waschkowitz war, die Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Junger Historiker der Mathias-Thesen-Schule in Rostock oder eine mir namentlich nicht mehr bekannte hochrangige Persönlichkeit von der Matthias-Thesen-Volkswerft Wismar, deren Traditionskabinett ich natürlich in Vorbereitung meiner Sendung auch besuchte. Wahrscheinlich wird man mich an der Ostsee irgendwie überrascht und befremdet gefragt haben: "Was, Sie kennen nicht seine Sekretärin und wohnen in Berlin?"

Wie auch immer: Plötzlich hatte ich die Telefonnummer von Gertrud Lemmnitz, dann als Termin den 20. Februar 1981 und ihre Adresse, irgendwo im Abseits von Berlin, stille Gegend, aber vornehm.

Die Wohnung hatte wunderbare Möbel, schwere, solide Arbeit, und war übervoll mit Büchern. Während ich mein Aufnahmegerät auspackte und einer geduldig wirkenden, sehr gut frisierten Frau erklärte, weshalb ich eigentlich gekommen sei, öffnete sich die nur angelehnte Tür und ein Mann kam herein, großgewachsen, breit in den Schultern, sich seiner selbst bewusst, gab mir die Hand, sagte "Alfred Lemmnitz" und setzte sich uns gegenüber – in meiner Erinnerung auf ein breites Ledersofa. Und blieb da die ganze Zeit unseres ersten Gesprächs sitzen. Ich hatte ein ungutes Gefühl und fühlte mich beobachtet und kontrolliert. Aber wahrscheinlich galt seine Anwesenheit weniger mir als seiner Frau. Er befürchtete immer, "dass sie in ihrem grenzenlosen Vertrauen zu allen Menschen etwas Falsches sagen könnte, etwas, das der Partei und ihrem Ansehen schaden könnte." So formuliert es jedenfalls kopfschüttelnd der Sohn Klaus Lemmnitz und setzt – den Vater trotz seines Zweifelns in Schutz nehmend – sofort hinzu: "Manchmal war er eben schon ein bisschen dogmatisch der Vater, alles musste mit seinem Blick gesehen werden, weil er von seiner Ideologie so felsenfest überzeugt war, dass er keine kleinste Abweichung davon duldete. Mutter und wir hatten es nicht leicht unter ihm, jedenfalls manchmal nicht, aber es gab natürlich auch wunderbare Erlebnisse."

Später erfuhr ich, dass Alfred Lemmnitz (27.06.1905/23.09.1994), ein gelernter Schriftsetzer, der in Leipzig Volkswirtschaft studiert hatte, seit 1931 in Moers den kommunistischen Jugendverband leitete. Dort lernte er die neunzehnjährige Gertrud Pusch kennen, die für ihn jedoch kein Auge hatte. Zu alt schon und zu lehrhaft, kein Vergleich mit Matthias Thesen, der zwar noch älter war, aber ihr nicht so erschien. Nach der Machtübernahme durch die Nazis mehrfach in Schutzhaft genommen, saß Alfred Lemmnitz in den Konzentrationslagern Börgermoor und Esterwegen, bis er 1937 vom Volksgerichtshof zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Nach seiner Freilassung emigrierte er in die Niederlande, wo sich Gertrud Pusch befand, die inzwischen ihr Herz für den älteren Funktionär entdeckt hatte. Beide wurden 1941 gegen ihren Willen "heim ins Reich" geholt, weil die Wehrmacht Holland überfallen und besiegt hatte. Beide waren zwar noch immer nicht verheiratet, standen aber gemeinsam vor dem Richter und erhielten hohe Zuchthausstrafen, die er in Brandenburg-Görden verbüßte, wo er den gleichgesinnten Dachdeckergehilfen Erich Honecker wieder traf, den er von gemeinsamer politischer Arbeit kannte. Mit der Befreiung Deutschlands und dem Eintritt in die SED 1946 begann die steile Karriere des Alfred Lemmnitz, während seine ihm zu guter Letzt doch angetraute Gertrud "Ehefrau mit ständigen Ehrenämtern" war und blieb. Er hingegen wurde Lehrstellenleiter für Politische Ökonomie an der Parteihochschule, dann Dekan in Rostock, zweimal Hochschul-Rektor: erst in Potsdam-Babelsberg, später in Berlin, danach Minister für Volksbildung, bis Margot Honecker 1963 dieses Amt für sich beanspruchte und Alfred Lemmnitz als leitender Mitarbeiter zur Akademie der Wissenschaften abgeschoben wurde. Er gehörte der Ideologischen Kommission beim Politbüro des Zentralkomitees der SED an, eine Funktion, die er offensichtlich auch zu Hause nicht ablegen konnte und wurde für seine Leistungen in der DDR hoch geehrt: mit dem Nationalpreis, den verschiedenen Vaterländischen Verdienstorden, der Ehrenspange dazu, dem Karl-Marx-Orden, der höchsten Auszeichnung seines Vaterlandes, und 1985 endlich gewissermaßen als Geschenk zum 80. Geburtstag auch mit dem Stern der Völkerfreundschaft.

Vier Jahre später war die DDR verschwunden und gehörte jetzt als "Beitrittsgebiet" zur Bundesrepublik Deutschland, dem Staat des bisher von Alfred Lemmnitz so gehassten Klassenfeindes. Nicht nur für ihn brach eine Welt zusammen, auch für Gertrud Lemmnitz, die ihre ganze Kraft eingesetzt hatte, diese Welt zu erbauen und dafür bereit war, jedes Opfer auf sich zu nehmen.

Erst im Verlaufe dieses gleichsam bewachten Gespräches erkannte ich, dass Gertrud Lemmnitz selbst ein aufschreibenswürdiges Leben geführt hat – ganz unabhängig von ihren Begegnungen mit Matthias Thesen.

Ich fragte, sie erklärte sich bereit und erzählte mir später ihr Leben. Nun wurden wir zwar nicht mehr beobachtet, aber ich glaube, sie fühlte sich dennoch nicht locker, suchte behutsam nach Worten, als müsse sie abwägen, was sie sagen darf, was nicht. Manchmal zuckte sie nur mit den Schultern, sah mich nach einer Frage an und schwieg.

Wir verstanden uns trotzdem. Ich fragte nicht mehr nach.

Aber so oft ich mich an unsere nicht sehr vielen Gespräche erinnere, immer habe ich den Eindruck, Gertrud Lemmnitz litt, fühlte sich unverstanden und in nicht zu unterschätzendem Maße zurückgesetzt. Sehr bald begriff ich auch den Grund: Die aus der im Ruhrgebiet sehr bekannten und bei den Genossen hoch angesehenen Kommunistenfamilie Pusch stammende Gertrud war von der SS-Wache des Konzentrationslagers Ravensbrück zu einer entehrenden Funktion gezwungen worden: Sie musste Lagerpolizistin sein. In ihren Augen, schien mir, war sie damit zu einer Art Werkzeug geworden, zu einer Helferin der SS beim Unterdrücken, beim Ruhighalten, beim Erniedrigen ihrer Leidensgefährtinnen geworden. Aber leider eben nicht nur in ihren eigenen Augen, sondern sehr wahrscheinlich auch in denen der mitgefangenen Genossinnen, die damals das Sagen in der Arbeitsgruppe Ravensbrück des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR hatten. Auch ihnen war Gertrud Lemmnitz nicht ganz geheuer. Sie wurde geschnitten, nicht richtig zur Mitarbeit herangezogen, distanziert betrachtet. Sie sprach darüber mir gegenüber nur in zurückhaltenden Andeutungen und hätte nie gewagt, das auszusprechen oder sich gar deswegen zu beklagen. Schon gar nicht mir gegenüber, einem der ohnehin nicht zu ihnen gehörte, einem, der nicht Mitglied ihrer Partei war. Denn als Parteimitglied fühlte sie sich immer. Dazu brauchte sie keine versteckt ermahnenden Blicke eines stattlichen Mannes, der scheinbar freundlich auf einem ledernen Sofa saß.

Ob ich es damals schon richtig begriff oder erst jetzt, im Nachhinein sozusagen, erkenne: Gertrud Lemmnitz litt unter dem "Geruch", Lagerpolizistin gewesen zu sein. Es spielte anscheinend weder für sie noch die Kameradinnen von einst eine Rolle, dass sie dieses Amt nicht aus eigenem Willen, sondern unter Zwang angetreten und angenommen hatte. Sie trug daran. Sie duldete und erduldete es. Sie quälte sich. Wahrscheinlich dachte sie an Helen Ernst (10.03.1904/26.03.1948), eine Leidenskameradin aus Ravensbrück, von der SS zum "Anweisungshäftling" erst für die Kleiderkammer und danach für die Anstreicherkolonne bestimmt, eine Vorarbeiterin wider Willen also, von den einstigen Leidensgenossinnen nach der Befreiung beschuldigt, im Lager "unehrenhaft gewesen zu sein, mit der SS zusammengearbeitet und Kameradinnen verraten zu haben." Helen Ernst wurde in Schwerin nach oberflächlichen Untersuchungen von der Liste der Opfer des Faschismus gestrichen, was im Oktober 1947 den Verlust der Ehrenrente für die Kunstmalerin nach sich zog. Ihr Freund Hans Grundig schreibt eine Bürgschaft für sie, das SED-Parteischiedsgericht Schwerin prüft jetzt eingehend Für und Wider, spricht sie von allen Verdächtigungen frei und rehabilitiert sie. Zu spät: Helen Ernst stirbt im Januar 1948 an offener TBC (Der "Fall" Helen Ernst ist übrigens in der beim trafo verlag erschienenen Biographie "Ein zerbrechliches Menschenkind" von Hans Hübner ausführlich dargestellt worden).

Die äußerst fragwürdige Behandlung der Helen Ernst muss Gertrud Lemmnitz zu Tode erschreckt haben. Hat sie geglaubt, ihr könne Gleiches geschehen? Oder war ihr Mann hoch genug angesiedelt, dass ihr Derartiges nicht widerfahren konnte? Darauf kann ich keine Antwort finden, so oft ich auch darüber nachdenke. Auch Klaus Lemmnitz weiß darauf nichts Erschöpfendes zu sagen. Aber dass sie in schlaflosen Nächten an ihrer Zwangsfunktion gelitten hat, das bestätigt er – ebenso wie ihre Tagängste, die dem sehr wohl verspürten scheelen Verhalten ihrer einstigen Kameradinnen entsprangen und Gertrud Lemmnitz bis ins Alter begleiteten.

Klaus Kühnel

Berlin, 24. Februar 2006

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