Hermann-Ernst Schauer

“'Bleib aufrecht, mein Sohn.' Eine autobiographische Erzählung”

[= Autobiographien, Bd. 23], trafo verlag 2005, 133 S., Abb., Tb, ISBN 3-89626-276-9,  13,80 EUR

 

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REZENSIONEN

 

"Bleib aufrecht, mein Sohn" - diese Worte gibt ein Vater seinem Sohn mit auf den Weg, als dieser, 18-jährig, in den 2. Weltkrieg zieht, um, wie er meint, die "Schande von Versailles für Deutschland zu tilgen". Ist sein freiwilliger Einsatz historisch und moralisch gerechtfertigt? Zu Beginn sagt der Autor "Ja". Erste Zweifel werden in ihm nach dem wortbrüchigen Überfall auf die Sowjetunion wach, denn damit ist auch die Eröffnung eines Zweifrontenkrieges für Deutschland verbunden, vor dem sein Vater so eindringlich gewarnt hatte. Der Autor gerät in einen inneren Konflikt. Soll er mit "dem Strom der Zeit" schwimmen, wenn es jetzt um einen Vernichtungs- und Eroberungskrieg geht? Soll eine "Wiedergutmachung des Unrechts von Versailles" durch neues Unrecht abgelöst werden? In diesen Konflikt gestürzt, fragt er sich: Was heißt in dieser Situation "aufrecht bleiben". Er sucht Antwort. Bei dieser Suche will er keine Halbheiten zulassen. Seine neu gewonnenen Erkenntnisse erfordern Konsequenzen, wenn er aufrecht bleiben will. In ungewöhnlichen, ergreifenden Ereignissen und Erlebnissen schildert der Autor "seinen argen Weg der Erkenntnis", auf dem die Konturen der "Menschen auf der anderen Seite" von Tag zu Tag deutlicher werden. Der auswählende Handlungsbericht mit seinen außergewöhnlichen Ereignissen und Erlebnissen erzeugt ein hohes Maß an Spannung. Der allgegenwärtige Realitätsbezug bewirkt Objektivität. Der Leser wird herausgefordert und sein Interesse auf individuelle Entscheidungen in historischen Situationen gerichtet.

Inhaltsverzeichnis

Ein Brief aus Saretschi   

Abschied vom Elternhaus 

Ich ziehe in den Krieg         

Der Überfall    

Auf Transport 

Ankunft in Jelabuga. Begegnung mit Dr. E. Hadermann                         

Oranki – Begegnung mit den Überlebenden von Stalingrad

Krasnogorsk – Das Nationalkomitee “Freies Deutschland” wird gegründet 

Vor den Toren Moskaus – Ein Birkenwäldchen –

Julia, eine junge Russin  

Abschied von Moskau  

Auf dem Weg ins Hinterland        

Seid Ihr Deutsche?     

In den Wäldern von Rudnjansk

Auf der Suche nach neuen Mitgliedern für unsere Gruppe

Neue Aktionen            

Als Sanitäter unterwegs     

Ein Überläufer kommt in unsere Gruppe         

Der 1. Mai 1944 – und was danach geschah  

Der Gegner reagiert         

“Strafexpedition” Kormoran

Abschied     

Danach        

Wider das Vergessen    

 

 

 

 

Leseprobe

 

Krasnogorsk – Das Nationalkomitee “Freies Deutschland” wird gegründet

Stalingrad hatte auch im Lager Krasnogorsk seine Auswirkung gezeigt. Wie muss auf diese nationale Katastrophe reagiert werden? Stimmen wurden laut, die auf eine organisierte Einflussnahme von Offizieren und Mannschaften zu einer raschen Beendigung des Krieges drängten. Sie regten dazu die Bildung eines Nationalen Komitees an. Die Meinungen waren sehr unterschiedlich. Hatten Kriegsgefangene überhaupt das Recht, aktiv zu werden oder besaßen sie nicht die ethische Pflicht einzugreifen? Viele, vor allem höhere Offiziere, befürchteten eine Zersetzung der deutschen Wehrmacht. Andererseits aber gab es eine weitgehende Übereinstimmung in der Einschätzung der militärischen Lage und der Notwendigkeit, durch den Sturz Hitlers den Weg für ein freies, unabhängiges Deutschland zu ebnen. Wo lag die Hauptkraft dazu? In der Armee – das meinten fast einhellig alle Stalingrader – oder in Massenaktionen der Bevölkerung Deutschlands, wie es manche kriegsgefangenen Soldaten, unterstützt von einigen Politinstrukteuren, glaubten. Die Mehrheit sah als reale Kraft dazu allein die Armee an, denn das Volk, unterdrückt und entmachtet, war ohnmächtig.

In der Offiziersbaracke des Lagers – ich war Barackenältester – waren auch zwei Ritterkreuzträger untergebracht. Beide hatten großen Einfluss. Der eine, der Jagdflieger Assi Hahn, hatte den antifaschistischen Leutnant Augustin einen Lumpen, Verräter und Mörder genannt. In einer militärisch aussichtslosen Situation, im Kessel von Weliki Luki, hatte Augustin gemeinsam mit anderen deutschen Antifaschisten und russischen Soldaten in deutscher Uniform versucht, Truppenteile zur Einstellung der Kampfhandlungen zu bewegen. Dabei war es zu einem Schusswechsel gekommen. Major Hahn meinte: “Bruderkrieg – das wollt ihr doch, ihr Antifaschisten, um Hitler zu stürzen. Das ist Verrat an Deutschland”. Ich entgegnete: “Wer hat denn den Bruderkrieg begonnen? Hitler begann ihn mit der Ermordung aller seiner Gegner, ob Kommunist, Sozialdemokrat. Christ oder Pazifist.” Hahn fragte: “Würden Sie Ihren Vater erschießen, wenn er – wie Sie sagen, Faschist wäre?” “Nein”, antwortete ich. Hahn fuhr fort: “Und wenn Sie sich nun bewaffnet gegenüberstünden – im Krieg oder Bürgerkrieg, was dann?” “Bewusst – auf keinen Fall”, erwiderte ich. “Doch in einem solchen Fall weiß niemand, wer wen trifft.” Wir gingen ohne Annäherung auseinander.

Bei dieser Auseinandersetzung erinnerte ich mich an meinen Vater. Ich wusste, dass sein Bruder um die Jahrhundertwende nach Frankreich ausgewandert war, um dort eine Weinhandlung zu begründen. Er wurde französischer Staatsbürger und mit Beginn des Krieges zur Armee einberufen. In der Schlacht um Verdun lagen sich die beiden Brüder gegenüber – wie sie später, nach Kriegsende, feststellen mussten. Beide hatten geschossen.

Der zweite Ritterkreuzträger war der Oberst und Regimentskommandeur Luipoldt Steidle. Wir begegneten uns tagtäglich. Er war ein überzeugter Christ und stammte aus Bayern. Mir gefielen sein offenes Wesen und seine Vitalität, doch deutlich spürte ich seine Zurückhaltung mir gegenüber. Eines Tages fragte er mich: “Wie kann man nur aus der Gefangenschaft heraus mit dem Feind zusammenarbeiten”? Was rechtfertigt eine Zusammenarbeit mit Kommunisten? Suchen die Antifas im Lager nicht vorwiegend persönliche Vorteile für sich? Können Sie mir, junger Leutnant, das beantworten?” Ich sagte, dass zur Zeit Vorbereitungen zur Gründung eines Nationalkomitees liefen und diese und andere Fragen erörtert würden und fragte, ob er Interesse hätte, daran teilzunehmen. Er antwortete zurückhaltend. Da schlug ich ihm vor, doch als Gast an der Konferenz teilzunehmen. Er sagte zu, es sich zu überlegen.

Die Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland fand am 12. und 13. Juli 1943 im Gebäude des Ortssowjet von Krasnogorsk statt. Hier trafen sich Delegierte aus allen Kriegsgefangenenlagern, etwa 300 Offiziere und Mannschaften sowie deutsche Emigranten. Sie alle einte ein Ziel: Sturz Hitlers und rechtzeitiger Abschluss eines ehrenvollen Friedens. Als Gäste nahmen Oberst Steidle und Oberstleutnant Bredt. Der einst führend im Alldeutschen Verband und im Stahlhelm tätig war, teil. Aus militärischer Einsicht waren sie überzeugte Hitlergegner.

Was wird aus Deutschland? Eine Antwort auf diese Existenzfrage des deutschen Volkes zu finden, war die historische Aufgabe der Tagung.

Im Saal des Dorfsowjets hatten sich die Delegierten versammelt. Die Saalwände waren weiß gekalkt und kahl, die Stuhlreihen eng aneinander gerückt. Was aufmerken ließ, war die Farbsymbolik Schwarz-Weiß-Rot, die die Stirnseite mit der Losung: “Für ein freies, unabhängiges Deutschland” schmückte. Das waren jene Farben, in deren Zeichen 1871 das Deutsche Reich mit Otto von Bismarck als Reichskanzler gegründet wurde und dessen Existenz gegenwärtig auf das äußerste gefährdet war. Ich sehe die Empore mit dem Präsidiumstisch, dem Rednerpult und dem Mikrofon vor mir. Nur ein paar Blumen vor dem Tisch vermittelten einen Hauch von Feierlichkeit. Im Präsidium saßen: Erich Weinert, Schriftsteller, Spanienkämpfer, Emigrant; Wilhelm Pieck, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands, Emigrant; daneben Hauptmann Dr. Ernst Hadermann, Initiator der ersten antifaschistischen Offiziersgruppe in der Sowjetunion; der Soldat Max Emmendörfer, der im Raum von Leningrad 1942 zu den sowjetischen Truppen überlief; der Gefreite Heinz Zippel, ebenfalls ein Überläufer; sowie die Majore Karl Hetz und Herbert Stößlein, die der Hölle von Stalingrad entkommen waren; sowie der evangelische Pastor, Unteroffizier Matthäus Klein.

Als ersten Redner höre ich Erich Weinert. Er spricht über historische Voraussetzungen und Bedingungen, die heute zur Gründung des Nationalkomitees führen sollten, sowie über Traditionen in der deutschen Geschichte, die diese Entscheidung herausfordern. Dabei erwähnt er die Verlockungen, die Hitler mit der Eroberung “neuen Lebensraumes” für das deutsche Volk weckte und die stärker waren als sittliche Erwägungen und Bedenken. Stalingrad appellierte in letzter Stunde an das Gewissen des deutschen Volkes, den Weg des Vernichtungs- und Eroberungskrieges zu verlassen und mit Hitler zu brechen. Es gebe nur einen Befehl für Soldaten und Offiziere, das sei der Befehl des nationalen Gewissens: die Tat zur Rettung Deutschlands und seine Wiedergeburt als freie, unabhängige Nation. “Hitler ist verloren aber nicht Deutschland,” sagte Erich Weinert und entwickelte seine Gedanken weiter: “Die außergewöhnlichen Umstände, unter denen wir uns heute hier als Deutsche, fern unserer Heimat, zusammenfinden, ich als Gast, sie als Kriegsgefangene, erschweren verständlicherweise unsere Arbeit. Viele glauben, dass ein Ruf aus einem fremden Lande unvereinbar sei mit nationaler Ehre und Würde. Doch das ist nicht zutreffend. Es gibt Präzedenzien. Erinnert sei an die preußische Geschichte. Als der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. Napoleon, dem Okkupanten Deutschlands, ein großes Kontingent deutscher Soldaten für seinen Raubzug nach Russland zur Verfügung stellte, konnte sich keine Stimme im Innern des Landes dagegen erheben. Doch eine Reihe der angesehensten Deutschen emigrierten nach Russland. Es waren der Freiherr von Stein und der deutsche Dichter Ernst Moritz Arndt, die sich in Aufrufen und Gedichten an das deutsche Volk wendeten, als die deutschen Truppen gegen Moskau marschierten. Es war der hervorragende Kriegsphilosoph Clausewitz, der sogar bei den Russen Kriegsdienste nahm, um demonstrativ gegen die Haltung seines Königs zu protestieren. Und erinnert sei an die Tauroggener Neutralitätskonvention des Generals York, der eigenmächtig mit dem Krieg gegen Russland Schluss machte und seinem König den Gehorsam verweigerte. Er stellte die Verantwortung vor seinem Volk höher als den Eid auf einen Monarchen, der sein Volk verraten hatte. Hat die Geschichte nicht diesen Männern Recht gegeben?”5 fragte Erich Weinert abschließend.

Es war lange still im Raum nach dieser Rede, bevor ein lebhafter Beifall einsetzte.

Dann trat Wilhelm Pieck an das Rednerpult. Er rief auf, durch eine Einigung aller wahren Patrioten diesem verbrecherischen Krieg ein Ende zu setzen und eine Wiederholung des Jahres 1918 und des Diktates von Versailles zu verhindern. Die Gründung des Nationalkomitees könne dazu beitragen.

Dann begann die Diskussion, an der sich 21 Delegierte beteiligten.

Als erster sprach Hauptmann Dr. Ernst Hadermann. Er erklärte, “Hitler und seine ideologischen Helfer Rosenberg, Günther und die Schulungsleiter, welcher Art sie auch immer sein mögen, sie sind die Verderber und Verführer des Volkes. Sie haben sich herausgenommen, mit Bücherverbrennungen und anderen Dingen uns irre zu machen an unseren eigenen humanistischen Traditionen. Ihnen gilt unser Kampf. Um unser Volk ringen wir, auf dass es sich wiederfinde zu sich selbst.”6

Leutnant Bernd von Kügelgen brachte das Thema der Kriegsverbrechen und der Ausplünderung der besetzten Länder zur Sprache. Ein Thema, das von den meisten Offizieren gemieden wurde. Er ging von seinen eigenen Beobachtungen beim Vormarsch seiner Einheit aus. In Krakau hatte er, “untätig zusehend und vom schlechten Gewissen gepackt”, die Zerstörung des Mickiewicz-Denkmal erlebt. Warum er sich zum Nationalkomitee Freies Deutschland bekenne, begründete der eben erst in Gefangenschaft geratene Oberleutnant und Kompaniechef Hans Frankenfeld. Er hatte bei Kursk am Unternehmen “Zitadelle” teilgenommen, dem Versuch, nach Stalingrad noch einmal durch eine Offensive das Blatt zu Gunsten der Deutschen zu wenden. Er selbst stand noch völlig unter Schock über das blutige, trostlose Ende dieser Operation. Seine Kompanie hatte 2/3 ihrer Soldaten verloren. Von allen Rednern war er wohl der, der mich am stärksten beeindruckte. Er selbst war gleichsam ein Bild der Niederlage bei Kursk: Unsicher, nach Worten suchend, stand er in zerschlissener Uniform, psychisch erschüttert, vor uns.

 Am folgenden Tag erfolgte die Verabschiedung und Unterzeichnung des Dokumentes “Manifest des Nationalkomitees Freies Deutschland an die Wehrmacht und an das deutsche Volk”, ein historisches Dokument und ein eindringlicher Appell: Die Ereignisse fordern von uns Deutschen unverzüglich eine Entscheidung. In dieser Stunde höchster Gefahr für Deutschlands Bestand und Zukunft hat sich das Nationalkomitee “Freies Deutschland” gebildet… Kein äußerer Feind hat uns Deutsche jemals so tief ins Unglück gestürzt wie Hitler… Die Tatsachen beweisen: Der Krieg ist verloren. Deutschland kann ihn nur noch hinschleppen um den Preis unermesslicher Opfer und Entbehrungen. Die Weiterführung des aussichtslosen Krieges würde das Ende der Nation bedeuten. Aber Deutschland darf nicht sterben! Es geht jetzt um Sein oder Nichtsein unseres Vaterlandes… Der Kampf für ein freies Deutschland erfordert Mut, Tatkraft und Entschlossenheit. Vor allem Mut. Die Zeit drängt.”

Jetzt erfolgte die Wahl des Vorstandes des Nationalkomitees. Er zählte 38 Mitglieder, 25 von ihnen waren kriegsgefangene Offiziere und Soldaten und 13 Emigranten. Höchster Dienstgrad waren 3 Majore, Karl Hetz, Heinrich Homann und Herbert Stößlein. Die Mannschaften vertraten u.a. die Soldaten Max Emmendörfer, Heinz Zippel und Heinz Kessler; die Emigranten u.a. die Schriftsteller und Künstler Johannes R. Becher, Willi Bredel, Erich Weinert, Friedrich Wolf und Gustav von Wangenheim; und die Politiker waren vertreten durch Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Peter Florin, Anton Ackermann und Martha Arendsee. Zum Präsidenten des Nationalkomitees wurde Erich Weinert, zum Vizepräsidenten Major Karl Hetz und Leutnant Graf von Einsiedel, ein Urenkel Otto von Bismarcks, gewählt. Oberst Steidle und Oberstleutnant Bredt gaben dem Dokument und der Wahl aus Gewissensgründen keine Zustimmung.

Das Lied “Brüder, zur Sonne, zur Freiheit” beschloss die Konferenz. Das Nationalkomitee war aus der Taufe gehoben.

Es war kaum vorstellbar gewesen, welch heterogene politischen Kräfte hier zueinander fanden. Mussten einerseits manche Emigranten aus Befürchtung eines “Rechtsrucks” des Nationalkomitees und aus Berührungsängsten mit Nazioffizieren sektiererisches Verhalten überwinden, so mussten andererseits deutsch-nationale, konservative Kräfte bis hin zu ehemaligen Hitleranhängern tradierte antikommunistische Feindbilder überwinden. Doch angesichts der Gefahr einer nationalen Katastrophe hatte sich der Wille zu einem politischen Kompromiss durchgesetzt. Es war ein Sieg der Vernunft.

Mit dem bekundeten Willen zur Tat konnte die praktische politische Arbeit beginnen. Mit sowjetischer Unterstützung verbreiteten die Zeitung und der Sender “Freies Deutschland” das Manifest. Sechsmal täglich strahlte der Sender auf 12 verschiedenen Frequenzen die Nachricht über die Gründung des Nationalkomitees in alle Welt aus. Auch die zentralen Organe der sowjetischen Presse, die “Prawda” und die “Iswestija” brachten ausführlich Berichte.

Ins Lager zurückgekehrt, hatte die Debatte um die Gründungskonferenz bereits begonnen. Zwei Problemkreise standen im Vordergrund: Einmal die Einschätzung der militärischen Lage und die künftige Staatsform in Deutschland, zum anderen: der Fahneneid, an den sich viele Offiziere als höchstes Kriterium ihrer Offizierspflicht gebunden fühlten, und daraus resultierend die Frage: Wo ist die Stalingrader Generalität?

In der Einschätzung der militärischen Lager gab es durchweg Übereinstimmung mit dem Manifest. Es wurde auch begrüßt, dass als politisches Ziel nicht eine kommunistische oder sozialistische Staatsform, sondern eine parlamentarische Demokratie angestrebt wurde, dass die Orientierung auf einem freien, unabhängigen Deutschland lag. Die anderen Fragen blieben offen.

Einige Tage nach der Gründungsversammlung sprach mich Oberst Steidle an und informierte mich, dass sich eine Initiativgruppe gebildet habe, die sich damit beschäftige, einen organisatorisch und strukturell eigenständigen “Bund deutscher Offiziere” innerhalb der Bewegung “Freies Deutschland” ins Leben zu rufen. Er habe bereits zu Johannes R. Becher – wie er selber Juristensohn aus München – Verbindung aufgenommen, ebenso zu Wilhelm Pieck und dem sowjetischen Professor Arnold. Ihm sei Unterstützung zugesagt worden und er werde in Kürze ins Generallager Woikowo fahren, um für diese Idee zu werben. Sein Ziel sei es, den Einfluss auf die noch kämpfende Armee durch die Beteiligung der Generale von Stalingrad zu verstärken, um zu bewirken, dass sich die deutsche Armee geordnet auf die Reichsgrenzen zurückzieht. Das läge auch im Interesse der sowjetischen wie der deutschen Seite, um auf beiden Seiten weiteres Blutvergießen zu verhindern. Es gäbe hier eine Identität der Interessen.

“Meine Baracke” delegierte mich zur Gründungskonferenz des “Bundes deutscher Offiziere”. Sie fand am 11./12. September 1943 im Haus des Nationalkomitees in Lunowo bei Moskau statt. Hier trafen sich etwa 100 Delegierte aus 5 Offizierslagern. Das Haus – vor dem Krieg ein Erholungsheim – bot einen schmalen, langgezogenen Raum – den ehemaligen Speiseraum – als Sitzungssaal an. Die Tische waren zu zwei gradlinigen Reihen zusammen geschoben. An ihnen nahmen die Delegierten Platz. Ein Tisch für die Versammlungsleitung und ein Rednerpult standen seitlich im Raum. Er war schmucklos. Doch es wurde lebhaft miteinander diskutiert; der General mit den Emigranten, die als Gäste teilnahmen; die Soldaten, die ebenfalls als Gäste anwesend waren, mit den “höheren Chargen”.

Oberstleutnant Bredt eröffnete als Alterspräsident die Konferenz mit einem Dank an die sowjetische Regierung für die Unterstützung der heutigen Konferenz und schlug die Tagesordnung vor. Im Mittelpunkt des ersten Tages stand das Referat von Oberst Gunter van Hooven – in Stalingrad Nachrichtenführer der 6. Armee. Er begründete vier Thesen:

    Hitler hat als Feldherr diesen Krieg militärisch verloren

    Hitler hat als Staatsmann diesen Krieg politisch verloren

    Hitler hat als Wirtschaftsführer nur mit Blitzkriegen und Blitzsiegen gerechnet – er hat sie verloren

    Hitlers Krieg ist total aussichtslos geworden – sein Fazit.

Nach ihm sprach Oberst Steidle. Er erklärte: “Hitler führt einen totalen Krieg, in dem rechtliche und sittliche Normen nicht mehr zählen. Gegen solch einen Feind wie Hitler kann deshalb nur gewinnen, wer sich zum totalen Widerstand aufrafft. Fragen des Eides und des Zusammengehens mit dem Gegner dürfen dabei ebenso wenig beirren wie private und familiäre Rücksichten. Man stehe in einer wohl einmaligen Ausnahmesituation. Sie zwinge, bei Verkehrung aller Werte, umzudenken und einen falsch gewordenen Gehorsam aufzugeben. Nur mutiges und insbesondere vorbehaltsloses Handeln habe die Chance, das Ende des Reiches abzuwenden sowie dem missbrauchten Volk weitere Blutopfer zu ersparen.”7

Oberst Steidle verdeutlichte dann die ganze Schwere des Entschlusses, aktiven Widerstand gegen Hitler zu leisten und er machte bewusst, welche Gefahren das für jeden Einzelnen und für dessen Angehörige in der Heimat mit sich bringt. Doch es dürfe kein Zurück geben.

Dann war es Generalmajor Lattmann, der nach seinen Erfahrungen in Stalingrad zu der umstrittenen Frage des Eides sprach: “Wir haben unseren Eid auf die Person Adolf Hitlers geleistet, daran ist nicht zu deuteln. Und wir haben es ihm vor Gott in feierlicher Form als ein Gelöbnis gegeben. Ernst, sehr ernst ist es uns daher um die Frage: Dürfen wir diesen Eid brechen, gibt es Gründe, mit denen wir vor unserem Gewissen, vor unserem Gott und – das soll mir allerdings nicht so wichtig erscheinen – vor der Welt diesen Schritt rechtfertigen können? Lassen wir die Fragen unbeachtet, die davon ausgehen, dass der Eid von manchem nicht freiwillig geleistet war, dass es Beispiele in der Geschichte gibt, die den Eidbruch nachträglich als große rettende Tat erscheinen lassen. Auch die tief innerlich christliche Auffassung kann das Recht zum Lösen der eidlichen Bindung aus dem Gebot herleiten, nach dem der Christ Gott mehr gehorchen soll als den Menschen. Von dem Verhältnis aber zwischen Führer und Gefolgsmann, dessen Treue er sich durch den Eid versichert hat, hängt letzten Endes der sittliche Begriff der Treue ab… Denkt man diese Treue bis zu Ende, dann käme man zu dem Schluss: Und wenn Deutschland unterginge, der Fahneneid bleibt unverletzt. In dieser äußersten Konsequenz liegt die Berechtigung, die weitere Bindung an den Eid als unsittlich zu bezeichnen. Nie haben wir diesen Eid geleistet, um ihn oder uns zum “Herrn von Europa” zu machen… wir fühlen den Zwang zur Tat.”

General von Seydlitz, der die Versammlung leitete, schlug der Versammlung einen Aufruf zur Bestätigung vor, der sich an die deutschen Generale und Offiziere, an Volk und Wehrmacht, wandte: “Wir, Generale und Offiziere der 6. Armee, sind entschlossen, dem bisher sinnlosen Opfertod unserer Kameraden einen tiefen geschichtlichen Sinn zu geben. Sie sollen nicht umsonst gefallen sein. Aus der bitteren Erkenntnis von Stalingrad soll die rettende Tat hervorgehen. Wir wenden uns daher an Volk und Wehrmacht. Wir sprechen vor allem zu den Heerführern, den Generalen, den Offizieren der Wehrmacht. In Eurer Hand liegt eine große Entscheidung! Deutschland erwartet von Euch den Mut, die Wahrheit zu sehen und dem gemäß kühn und unverzüglich zu handeln.”

Erich Weinert sprach dann als Präsident des Nationalkomitees Freies Deutschland und als Gast zur Konferenz. Er begrüßte die Initiative zur Gründung des Bundes deutscher Offiziere. Der Überläufer Hans Zippel, ebenfalls Gast, überbrachte die Grüße der Mannschaften und Unteroffiziere und deren Bereitschaft zum gemeinsamen Kampf gegen Hitler. General von Seydlitz dankte ihm. Die politische Einsicht in die historische Notwendigkeit gemeinsamen Handelns hatte das ermöglicht.

Als sein Ziel sah es der Offiziersbund an, die Wehrmachtsführung zu einem rechtzeitigen Rückzug an die Grenzen zu veranlassen, ehe der Krieg deutschen Boden erreicht. Nur das könne die Hoffnung auf sofortigen Waffenstillstand und auf erträgliche Friedensverhandlungen bei Verzicht auf alle eroberten Territorien erhalten. Dazu brauche die Opposition gegen Hitler eine intakte Armee, um auch nach dem Sturz Hitlers den Interessen eines freien, unabhängigen Deutschland Gewicht geben zu können.

Am Ende der zweitägigen Konferenz wird General Walter von Seydlitz zum Präsidenten des Bundes deutscher Offiziere gewählt, Generalleutnant Edler von Daniels und die Obersten Steidle und van Hooven zu Vizepräsidenten. Gleichzeitig erklärte General von Seydlitz seine Bereitschaft, sich als Vizepräsident in das Nationalkomitee kooptieren zu lassen. Diese Personalunion sollte koordiniertes Handeln befördern. Wenige Tage später vollzog das Nationalkomitee auf einer Plenartagung diese Kooptation und stellte gleichzeitig ein neu ausgewogenes Verhältnis in der Repräsentanz der so unterschiedlichen im Komitee vertretenen Interessengruppen her. Damit erreichte es eine optimal mögliche Bündnisbreite.

Als ich die Konferenz verließ und mich gemeinsam mit anderen jüngeren Offizieren – ich erinnere mich noch gut an Leutnant Gudzent, Leutnant Krug, Oberleutnant Fey – auf den Weg zurück ins Lager machte, waren wir recht guter, vielleicht sogar ausgelassener Stimmung. Wir fühlten uns bestätigt und ermutigt.

Wieder in Krasnogorsk angekommen, überraschte mich die Nachricht des Kommissars Wagner, dass vorgeschlagen worden sei, mich zur zentralen Antifa-Schule zu delegieren. Lernen kann nicht schaden, dachte ich und sagte zu. Als ich dem russischen Prof. Nikolai Janzen als Schulleiter wiederbegegnete, war mir das angenehm. Ich hatte ihn aus meiner “Orankizeit” in bester Erinnerung. Dort hatte er die Antifa-Schule geleitet, die kurze seminarartige Lehrgänge durchführte. An einem solchen hatte ich teilgenommen. 

Die Zentralschule, die ich nun besuchte, befand sich in unmittelbarer Nähe des Lagers, sozusagen in der Straße nebenan. Unser Leben an der Schule erfolgte nach einem streng geordneten Tages- und Wochenablauf. Sechs Tage in der Woche zuweilen bis zu 10 Stunden Unterricht. Der Unterrichtstag gliederte sich in Lektionen, Seminaren, Selbststudium und Konsultationen. Außerhalb der Unterrichtstage lagen lebensnotwendige Arbeiten.

Gleich zu Beginn des Lehrganges war es Gepflogenheit, dass sich jeder vorstellen musste und seinen Lebenslauf zu erzählen hatte. Besonderer Wert wurde auf die Wiedergabe seiner Soldatenzeit auf dem Territorium der UdSSR gelegt, vor allem über seine Gedanken und Empfindungen bei Kampfhandlungen, über Reaktionen auf “Säuberungs”- und “Strafaktionen”, wenn man sie miterlebt oder von ihnen erfahren hatte. Durch meine frühe Gefangennahme war ich an Strafexpeditionen nicht beteiligt. Unvergesslich blieben mir die vier Kommissare, die ich in der Mulde gefesselt gesehen hatte. Über meine Erschütterung hatte ich stets gesprochen. Das war nicht mein Problem. Oft schon hatte ich meinen Lebenslauf schreiben müssen, beginnend beim ersten Verhör in Berdishe, dann mehrmals in Jelabuga und Oranki. Auch jetzt hatte ich einen Fragebogen ausgefüllt und wieder einen Lebenslauf geschrieben. Doch eines hatte ich bisher immer verschwiegen, dass mein Vater, Major und Standortältester für Luftschutz in Rostock, lebte und arbeitete. Ich hatte immer wieder erklärt, er sei in Frankreich gefallen. Bei meiner Gefangennahme hatte ich befürchtet, zusätzlichen Verhören und auch Repressalien ausgesetzt zu sein. Luftschutz klang militärisch von Interesse. Als ich nun begann, über mein Elternhaus zu sprechen und sagte, dass mich mein Vater mit den Worten: “Bleib aufrecht mein Sohn” verabschiedete – eine nachhaltige Mahnung für meine Entscheidungen -, wollte ich nicht mehr lügen, und es brach alles aus mir heraus, was ich vertuscht hatte. Meine Mitschüler warfen mir Unaufrichtigkeit, Täuschung und Missbrauch des in mich gesetzten Vertrauens vor, nicht wenige forderten, mich sofort von der Schule zu verweisen. Da stand Prof. Janzen auf und sagte ganz ruhig: “Wir haben jetzt heftige Verurteilungen des Schülers Hermann Schauers gehört. Denken wir nach. Damit schließe ich unsere heutige Versammlung.” Bedrückt ging ich in meinen Schlafraum. Eine unruhige Nacht folgte. Am nächsten Morgen rief mich Prof. Janzen in sein Büro, bot mir einen Platz an und sagte: “Das, was Sie gestern gesagt haben, hätten Sie früher sagen müssen. Lernen Sie daraus. Sie können jetzt gehen.”

Das Unterrichtsprogramm, das ich nun bewältigen sollte aber auch wollte, bestand aus drei großen Unterrichtskomplexen. Der erste Bereich war der der Philosophie, den Prof. Nikolai Janzen leitete. Der zweite Bereich war der der Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, den Hermann Matern und Rudolf Lindau vertraten. Der dritte Komplex umfasste aktuelle Überblickslektionen, die von unterschiedlichen Lektoren bestritten wurden. Am stärksten zog es mich zur Philosophie. Unter dem Leitspruch von Marx: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern”, eröffnete Prof. Janzen seinen Vorlesungszyklus. Er charakterisierte insbesondere die Dialektik als wissenschaftliche Methode zur Erforschung der Gesetzmäßigkeiten in der gesellschaftlichen Entwicklung. Diese Methode zu denken und zu analysieren, überzeugte mich.

Die Vorlesungen und Seminare von Prof. Janzen hatten die aufmerksamsten Zuhörer. Seine vielseitiges Wissen, seine gepflegte deutsche Sprache und die Fähigkeit, auf jede Frage sachlich zu reagieren, besaßen Anziehungs- und Überzeugungskraft. Nicht zufällig wurde er “Vater der Kriegsgefangenen” genannt.

 Mit Interesse verfolgte ich auch die Veranstaltungen zur Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung. Hier war Hermann Matern – gleichzeitig mein Klassenlehrer – der Vermittler.

Er hatte einen schweren Lebensweg hinter sich. Von jung an in der Arbeiterbewe-gung tätig, wurde er nach dreimonatiger illegaler antifaschistischer Widerstandsarbeit am 14. Juli 1933 verhaftet und in das Gestapo-Gefängnis in Stettin eingeliefert. Bei einer Verlegung gelang ihm eine abenteuerliche Flucht. Haft und Folter hatten seine Haare ergrauen lassen, ihn aber nicht verbittert. Von ihm ging menschliche Wärme aus und er konnte den Menschen zuhören. Hermann Matern spannte den Bogen seiner Vorlesungen vom Kommunistischen Manifest über die Revolution von 1848/49 und die Novemberrevolution 1918 bis in die Gegenwart bis hin zum gegenwärtigen Kampf der illegalen KPD. Seine Seminare gefielen mir, denn sie förderten den Streit, die Auseinandersetzung. So hielt ich ein Kurzreferat zum Thema: Ursachen und Verlauf der Novemberrevolution und setzte mich u.a. mit der “Dolchstoßlegende” auseinander. Ein anderer Schüler hatte das gleiche Thema, nur von einem anderen Standpunkt. Ich griff die Dolchstoßlegende an, er verteidigte sie. Hermann Matern, selbst Teilnehmer der Novemberrevolution, äußerte sich ebenfalls. Ich lernte das Streitgespräch. Dazu trugen auch die Vorlesungen der Schriftsteller Willi Bredel und Friedrich Wolf bei sowie die von Anton Ackermann, Chefredakteur des Senders des NKFD, sowie von Peter Florin, Mitarbeiter des NKFD.

Von dem dargebotenen Lehrstoff wusste ich bisher vieles nicht. Für Geschichte hatte ich mich schon, vom Vater gefördert, auf dem Gymnasium interessiert. Mein Geschichtslehrer war dort Dr. Wessel, Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP. Die Geschichtszahlen waren die gleichen, aber die Wertung der historischen Prozesse sehr unterschiedlich. Zum “neuen” Geschichtsbild hatte ich bei einigen Interpretationen auch ein kritisches Verhältnis. Der Weg zur Wahrheit war kompliziert!

Rudolf Lindau beschäftigte sich vorrangig mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und ihren internationalen Beziehungen. Schwerpunkt war hier die Beziehung zwischen der KPdSU und der KPD. Ich betrat Neuland. In Erinnerung sind mir dabei seine Lektionen geblieben, die sich mit dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale beschäftigten. Dieser Kongress war der erste Kongress nach dem Machtantritt Hitlers. Wie reagierten die Kommunisten auf diesen Machtwechsel in Deutschland?

Von den Gastvorlesungen zur Geschichte waren die der sowjetischen Dozenten für mich aufschlussreich. Was wusste ich schon von der Geschichte UdSSR? Was ich wusste, war nicht nur lückenhaft, sondern auch prätentiös. Ich gewann Achtung vor dem schwierigen, und opferreichen Weg, den das Land seit 1917, seit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, gegangen war. Später, und erst viel später, sollte ich erfahren, dass auch dieses, von mir damals bewunderte Bild der Sowjetunion nur sehr lückenhaft dargestellt wurde und nicht alles sagte über die entsetzlichen Geschehnisse in diesem weiten Land.

Das Lehrprogramm war vielseitig und anstrengend. Zur Entspannung griff ich nach Gedichtbänden. Hier fiel mir ein Gedicht von Johannes R. Becher in die Hand, das meiner Stimmung entgegenkam, das Gedicht: “Wo Deutschland” lag. Einige Verse prägten sich mir ein: “Doch wird man einstmals fragen: Wo Deutschland war in all der schweren Zeit? Wo Deutschland lag in jenen dunklen Tagen? … Dort, sterbensnah, lag Deutschlands neues Leben. Dort, dort lag Deutschland, um sich zu erheben, und dort lag Deutschlands künftiges Geschick”.

Ein viermonatiger Schulbesuch lag hinter mir. Es war Ende 1943, als sich im großen Lektionssaal die Lehrgangsteilnehmer der deutschen Sektion versammelten. Am Podiumstisch hatten unsere Lehrer Platz genommen. Prof. Janzen ergriff das Wort und teilte mit, dass das Oberkommando der Roten Armee dem Vorschlag des Nationalkomitees Freies Deutschland zugestimmt habe, nicht nur an der Front, sondern auch im Hinterland der Front, Gruppen deutscher Antifaschisten einzusetzen. Sie sollten den deutschen Truppen unmittelbar die Ziele des Nationalkomitees Freies Deutschland durch Flugblätter, Briefe, Plakate bekannt machen und Verbindungsleute in den deutschen Garnisonen zur Mitarbeit gewinnen, um mit ihrer Hilfe Widerstandsgruppen innerhalb der Wehrmachtseinheiten zu bilden. Die Schulleitung sei beauftragt, dem Nationalkomitee entsprechende Vorschläge zu unterbreiten. Unser Lehrer Rudolf Lindau las in folgender Reihenfolge die Namen vor: Alfred Gothe, Theodor Zimmermann, Hermann-Ernst Schauer, Hugo Bahrs, Felix Scheffler, Karl Rienagel. Ich spürte meine Erregung. Warum? War es das Überraschtsein von diesem Vorschlag oder die Ungewissheit über die bevorstehenden Gefahren? Rudolf Lindau forderte die Versammelten auf, ihre Meinung zu den Vorschlägen zu sagen. Es wurden keine Bedenken geäußert. Auf die Fragen von Prof. Janzen, ob jemand von den Vorgeschlagenen zurücktreten möchte, meldete sich niemand.

Prof. Janzen beglückwünschte uns, drückte jedem die Hand und wünschte uns “Glück und Erfolg”! Dann teilte er mit, dass wir bereits in etwa einer Stunde in Begleitung eines Offiziers der Roten Armee nach Moskau fahren würden. Alles weitere würden wir dort erfahren.

Mit einem kleinen Autobus fuhren wir durch die Vorstädte von Moskau. Ringsum lag tiefer Schnee, es war ein frostiger Wintertag. Was erwartete uns? Wir schwiegen alle, jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

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