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Elviera Thiedemann

Gezeitentaumel. Lyrik aus zwei Jahrzehnten

2005, 92 S., zahlr. farb. Zeichnungen, Tb, ISBN (10) 3-89626-263-7, ISBN (13) 978-3-89626-263-9, 12,80 EUR     

 

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ZU DEN REZENSIONEN

 

Vorwort

Gezeitentaumel, das ist ein Taumel der Gefühle, ein Taumel der persönlichen Erlebnisse in einer Zeit von Ebbe und Flut, einer Zeit radikaler Umbrüche und tiefgreifender Wandlungen. Es ist eine Zeit, in welcher der Weg zum Ziel wird. – Es ist unsere Zeit.

Da bleibt wenig Raum zum Innehalten und In-sich-gehen, zum Nachdenken, Träumen und Fühlen. Es ist eine Zeit, die wenig Poesie in sich trägt, der Lyrik weitgehend fremd bleibt.

Dennoch – oder gerade deswegen – schreibt Elviera Thiedemann Gedichte.

Der vorliegende Band vereint Lyrik aus zwei Jahrzehnten, ergänzt durch einfühlsame und leidenschaftliche Bilder der Künstlerin.

Elviera Thiedemann führt uns mit ihren Gedichten in eine andere Welt, eine Welt der Sehnsucht nach Geborgenheit, nach menschlicher Nähe, Wärme und Liebe, nach Vertrautheit; aber in dieser Welt gibt es auch Zorn, Verbitterung und Zweifel. – Es ist unsere Welt, aber poetisch entrückt.

Diese Gedichte sind Bekenntnisse, der Versuch, persönliche Erlebnisse und Erfahrungen aufzuarbeiten und künstlerisch umzusetzen, nicht zuletzt um Zuversicht zu gewinnen, Lebenskraft in einer Zeit voller Ungewissheit und Kälte.

Sie enthalten weit mehr Fragen als Antworten. Es sind Gedichte zum Weiterdenken und Nach-Fühlen.

Bisher sind von Elviera Thiedemann Tagebücher aus den Jahren 1989–1993 in zwei Bänden erschienen. Mit diesem Büchlein ermöglicht sie dem Leser einen kleinen Einblick in ihr vielseitiges lyrisches und bildnerisches Schaffen.

Dr. Sigrid Busch

Berlin, Dezember 2004

 

Traumballade

 

Barfüßig schreit’ ich den Mondstreif ab.

Langsam. Nichts treibt mich zur Eile.

Gehüllt in die eigene Nacktheit nur,

in der ab und zu ich verweile.

 

Ich richte den Blick auf den Wust hinten an,

der mir vom Gestern geblieben:

Feigheit, Lüge und Hass – riesengroß.

Welch winziges Häufchen vom Lieben!

 

Ein Schauer legt sich auf meine Haut,

fernab von jeglichen Lüsten.

Ich taste den Mondstreif, als ob wir noch nichts

von den Wegen zu fernem Licht wüssten.

 

Schritt für Schritt geh’ ich sicher den Grat entlang.

Welch Magnet! Dies geheime Leuchten!

Ich bilde ihn mir als Jungbrunnen ein.

Mag Körper und Geist er befeuchten.

 

Doch der Tau, mit welchem die Haut beschlägt,

hinterlässt nicht Wärme, noch Jugend.

Gefühllos und kalt wend’ ich mich ab.

So wird die Not zur Tugend!

 

Auf Händen und Füßen kriech’ elend ich fort,

hab’ im Licht Grat und Seele verloren,

entkomme mit Mühe der eigenen Gier

und werde noch einmal geboren.

 

 

1988/1995

Morgen

 

 

Als ich mit dir

im Gegenlicht der Sonne stand

am Morgen noch

im Frühdunst

da am Fluss

versunken in

die Stille

und Geborgenheit

empfing ich

voller Sehnsucht jeden Kuss

 

Als ich mit dir

frühmorgens alle Liebe fand

wie sie bisher

in keinem Buch zu lesen –

war ruhig noch die Stadt.

Nur wilde Vögel

und der Morgenwind

sind dort am Fluss

ganz nah

bei uns gewesen.

 

 

1985

 

Liebesspiel

 

ich sitz’ mit dir auf einem Sonnenstrahl

schließe die Augen, dass

dein Blick mich nicht verblendet

es fließt die Wärme

deiner Haut zu mir

du schweigst

hast jede Faser

meinem Körper zugewendet

 

geschlossnen Aug’ s, seh’ ich dich immer noch

wenn deine Lippen

voller Glut und Lust mich küssen

im Universum

schwebe ich mit dir

und träum’, von hier

nicht wieder fort zu müssen

 

wir beide sind ein Stückchen Seligkeit

aus der Galaxis

und wir können es kaum fassen

welch eine Freude

uns der Sonnenstrahl geschenkt

er mag ein Weilchen noch

uns auf sich sitzen lassen

 

1985/1994