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Jaschinski, Klaus / Waldschmidt, Julius

“Des Kaisers Reise in den Orient 1898”

[= Gesellschaft – Geschichte – Gegenwart, Bd. 27], trafo verlag 2002, 188 S. zahlr. Abb., Register, ISBN 3-89626-257-2

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Rezensionen

Inhaltsverzeichnis

Rückschau und Rückbesinnung (Vorwort)

Julius Waldschmidt

 

Des Kaisers Reise in den Vorderen Orient 1898, ihr historischer Platz und ihre Dimensionen

Klaus Jaschinski

 

"A most favourable impression upon all classes": Wilhelm II., Sozialdemokraten, Muslime und Nordamerikaner 1898

Wolfgang G. Schwanitz

 

Wilhelm II. in Konstantinopel. Der politische Startschuß zum Bau der Bagdadbahn

Klaus Polkehn

 

Theodor Herzls Palästina-Reise und die Vision des Judenstaates in seinem Roman "Altneuland"

Julius H. Schoeps

 

Die deutsche Militärmission im Osmanischen Reich

Wolfgang Petter

 

Verweht in den Sandstürmen der Wüste. Marsch und Kampf des Deutschen Orient-Korps 1914 bis 1918

Heinz Odermann

 

Protestantischer Pilger und Protektor von Weltreligionen. Zu Zielen und Folgen der Orient-Reise von Kaiser Wilhelm II. in kirchengeschichtlicher Retrospektive

Günter Wirth

 

Abusir, Amarna und Babylon. Die Deutsche Orient-Gesellschaft und die Wiederentdeckung alter Kulturschätze

Olaf Matthes

 

Altägyptisches Wissen und moderne Medizin. Deutsche Mediziner und ihr Beitrag zur Bekämpfung von Tropenkrankheiten im Vorderen Orient

Karl-Heinz Beckmann

 

Register

 

Bildernachweis

 

 

 

Auszug Vorwort

Warum hat ein Dutzend deutscher Wissenschaftler und Publizisten Forschungsergebnisse und neuerliches Quellenstudium gerade einer Kette von Ereignissen gewidmet, die doch gut ein Jahrhundert zurückliegen, was nun zu einem Buch zusammengefügt ist? Warum hat Klaus Jaschinski des deutschen Kaisers Orient-Reise von 1898 näher untersucht und sich bemüht, Antwort zu geben auf die Frage, ob und inwieweit verwertbare Bezüge zur Neuzeit existieren? Seit 1922 gab es das kaiserliche Erinnerungsbuch "Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878 – 1918". Aber es enthielt nur spärliche Vermerke zu jener Fahrt, da und dort eingestreut wie das höfliche Urteil des damaligen Reichskanzlers Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, er sei "erfreut über die Festigung der Beziehungen zu der Türkei" und betrachte "das daraus resultierende Projekt der Bagdad-Bahn als ein Deutschlands würdiges großes Kulturwerk". Der Buchautor im niederländischen Exil ("Haus Doorn") hatte dem voraus eine Begegnung mit Cecil Rhodes erwähnt, dem Begründer des südafrikanischen Diamanten-Konzerns De Beers, 1890 – 1896 Premierminister der britischen Kap-Kolonie und Propagandist einer Kap-Kairo-Eisenbahnlinie. Damals, vor der Wende zum 20. Jahrhundert habe Rhodes Wilhelm II. empfohlen, "die Bagdad-Bahn zu bauen und Mesopotamien (heute: Irak) unter gleichzeitiger Bewässerung zu erschließen". Der Bahnbau, dirigiert von der Deutschen Bank, war von dem deutschen Botschafter in Konstantinopel, Freiherr Marschall von Bieberstein, stets "Euer Majestät Allerhöchsteigenes Unternehmen" genannt worden.

Ist etwa Nostalgie im Spiel, wenn Wolfgang Schwanitz die Positionen der deutschen Sozialdemokratie zur Geschichte und den Besonderheiten des Vorderen Orients zu erläutern sucht, vor allem anhand von August Bebels Buch "Die Mohammedanisch-Arabische Kulturperiode".

Wird also Erinnerung an die "goldenen Jahrzehnte" des Deutschen Reiches gepflegt, das, von Bismarck politisch konstruiert, am 18. Januar 1871 bei Paris, der von deutschen Divisionen eingeschlossenen französischen Hauptstadt, im Schlosse von Versailles ausgerufen worden war? Heute ist doch Rückbesinnung gefragt, wenn es sich um Ursachen und Akteure von Geschehnissen handelt, die bis in die Gegenwart nachwirken. Wie man immer wieder erfährt, sind sie keineswegs aus dem Gedächtnis der Völker verschwunden, auch wenn nachgefertigte Hintergrundkulissen die Szene der Geschichtsschreibung und ihre weißen Flecken zeitweilig verdecken mögen.

Die Reise Wilhelms II., die 26 Tage währte und insbesondere Palästina galt, erwies sich als Leerstelle. In dem hervorragend illustrierten Buch des Schweizer Ordensgeistlichen Godfrey Kloetzli "Das Heilige Land. Auf den Spuren Jesu" (erschienen 1996 in Herzliya/Israel) ist weder von der Kaiser-Fahrt noch von deren Hauptanlaß, der Weihe der protestantischen Erlöserkirche in Jerusalem, die Rede. Mithin gab es manche Gründe, über den Aufenthalt des deutschen Monarchen nachzudenken, zu sprechen und zu schreiben. Die Möglichkeit hierfür bot eine wissenschaftliche Tagung der Deutsch-Ägyptischen Gesellschaft Berlin e.V. Die Idee dazu entstand beim Blättern in einem Kalender historisch markanter Vorgänge und in einem Schulbuch, das per Ministerialerlaß vom 4. April 1906 erschienen war, ein "Lesebuch für Brandenburg", bestimmt für mehrklassige evangelische Schulen und gültig für das 6. bis 8. Schuljahr.

Unter den 269 Beiträgen des Buches fiel ein Bericht von Ludwig Schneller ins Auge, der in geraffter Form die feierliche Einweihung der Erlöserkirche am 31. Oktober 1898, dem Reformationstag, schilderte. Höhepunkt dieser Zeremonie war, wie Schneller darstellte, die sehr religiös gestaltete Ansprache des kaiserlichen Ehrengastes, der – in der Uniform seines Gardeducorps mit goldenem Küraß am Altar stehend – u.a. erklärte: "Wie vor fast zwei Jahrtausenden, so soll auch heute von hier der Ruf in alle Welt erschallen, der unser aller sehnsuchtsvolles Hoffen in sich birgt: Friede auf Erden!.." Der illustren Gemeinde unten im Kirchenschiff rief Wilhelm II. zu, "daß alle, die den Namen des gekreuzigten Herrn tragen, in dem Zeichen dieses hochgelobten Namens ihren Wandel führen zum Siege über alle aus der Sünde und der Selbstsucht stammenden finstern Mächte."

Prof. Günther Wirth hat die kirchenpolitischen Aspekte und Konsequenzen des Auftretens des Kaisers durchleuchtet und diagnostiziert. Dabei wird der nach Inhalt und Diktion erstaunliche Briefwechsel Wilhelms II. mit dem russischen Zaren Nikolaus II. zitiert, dessen Vorgänger schon sechs Jahre zuvor Kurs auf ein Militärbündnis mit Frankreich genommen hatte, nachdem der deutsch-russische Rückversicherungsvertrag des Fürsten Bismarck in Berlin zu den Akten gelegt worden war. Wirth und andere gehen den Motiven nach, die den Kaiser veranlaßten, am 8. November 1898 in Damaskus den – damals – 300 Millionen Mohammedanern und dem als Kalifen verehrten türkischen Sultan seine Freundschaft "zu allen Zeiten" zu versichern.

Die Reiseplanung sowie die Information der Öffentlichkeit über das gesamte Unternehmen gehörten natürlich nicht zum Kompetenzbereich der Firma Thomas Cook, der die Organisation der Kaiserfahrt oblag. Hofstaat, Auswärtiges Amt und Reichsmarineamt, die Spitzen der evangelischen Geistlichkeit, besonders die deutsche Botschaft in Konstantinopel mit den ihr unterstellten konsularischen Vertretungen in Palästina und Syrien hatten dafür Sorge zu tragen, daß ausgehend vom zentralen Punkt des kaiserlichen Terminplanes, eben dem Weihegottesdienst am 31. Oktober 1898, Ablauf und Etappen der Reise zu staffeln waren. Das setzte Einladung und zeitgerechte Anreise prominenter Persönlichkeiten zu den Etappenzielen voraus. Das Gefolge Wilhelms II., dem der Volksmund den Titel eines "Reise-Kaisers" gegeben hatte, näherte sich der Stärke eines leichten Kavallerie-Regiments plus Troß.

Nach dem Aufenthalt in Konstantinopel fährt man mit der Yacht "Hohenzollern" nach Haifa, um von hier aus den Landmarsch zu beginnen. Thomas Scheffler hat seinem, eigentlich der Archäologie zuzuordnenden Report zur Kaiser-Visite in Baalbek die wichtigsten Angaben zur kaiserlichen Karawane vorangestellt; er nennt z.B. 1300 Pferde und Mulis, 100 Kutschen, 230 Zelte und 12 Gepäck-Wagen, 100 Kutscher, 12 Köche bzw. Unterköche und 60 Diener, nicht zu reden von den Begleitkommandos aus der deutschen und türkischen Leibgarde. Man zieht nach Art des Fürsten Hermann Pückler-Muskau, der 60 Jahre zuvor von Ägypten kommend dem Bosporus zustrebt, d.h. die umgekehrte Route gewählt hatte, von einer Zeltstadt zur anderen vor und nutzt die inzwischen gebauten Eisenbahnlinien von Jaffa nach Jerusalem sowie von Beirut nach Damaskus.

Auch die Trompeter sowie der Matrosen-Chor, formiert aus der Besatzung der "Hohenzollern", besteigen den Zug an der Küste, um pünktlich zum Weihegottesdienst in Jerusalem bereitzustehen. Sie "hatten aber, da unterwegs eine Lokomotive entgleist und die Bahn dadurch gesperrt war, von der Unfallstelle aus in der Nacht nach Jerusalem marschieren müssen, und man sah ihnen wohl die große Ermüdung an...", schreibt später Superintendent Adolf Meyer.

Wie man in Berlin glaubte, war die außenpolitische Situation den hohen Orient-Besuchern nicht ungünstig. Hatte nicht am 24. März 1898 das sogenannte erste Flottengesetz das Parlament durchlaufen, das bis 1904 die Marine mit 19 Linienschiffen, 42 großen und kleinen Kreuzern sowie 8 Küstenpanzerschiffen ausstatten sollte? War nicht just in jenen Märztagen dem deutschen Botschafter in London, Graf Paul von Hatzfeldt, ein britisch-deutsches Militärbündnis angeboten worden? Gewiß, England war damals voll engagiert, die Mahdisten im Sudan zu schlagen, und mußte zudem die imperialen Ambitionen Frankreichs ins Kalkül ziehen. Und tatsächlich wurde im September in Faschoda am Weißen Nil die Trikolore gehißt. Major Jean Baptiste Marchand hatte mit seinen Soldaten nach einem Marsch über 4000 km diesen Ort erreicht. General Horatio Kitchener, der eben die letzte Mahdisten-Armee bei Omdurman im Feuer von Artillerie und Maschinengewehren niedergemacht hatte, hastete mit fünf Kanonenbooten nach Süden und traf auf Marchand. Man zollte sich Respekt und überließ es den Diplomaten, das Problem zu lösen. "In Europa sprach man von Krieg, Pläne zur Mobilisierung wurden ausgearbeitet." Noch im August war der Krieg der USA gegen Spanien zu Ende gegangen. Kuba und Puerto Rico, Guam und die Philippinen, die Reste eines Reiches, in dem die Sonne nicht untergehen sollte, kamen unter die Kontrolle der Vereinigten Staaten.

Nach dem Urteil des Historikers Martin Göhring bekundete die Reise Wilhelms II., daß eine neue Phase der Orient-Politik Deutschlands eingeleitet wurde. Die Damaskus-Rede habe klar gemacht, "wohin und wie weit die deutschen Absichten zielten; denn das Osmanen-Reich umschloß ja nicht die mohammedanischen Völker insgesamt, sie waren über Afrika und den Mittleren Osten verbreitet". Der Bau der Bagdadbahn bis an die Ufer des Persischen Golfes erwies sich als wichtigstes wirtschaftspolitisches Resultat der Kaiser-Fahrt. Wie dieses Projekt geboren wurde und wer als Geburtshelfer besonders in Erscheinung treten sollte, hat Klaus Polkehn, seit 40 Jahren aufmerksamer Beobachter der Entwicklungen in der Arabischen Welt, nachgezeichnet.

Zwei Beiträge dieses Buches erinnern an das Treffen Dr. Theodor Herzls, des Begründers des Zionismus und eloquenten Propagandisten für einen jüdischen Staat auf dem Boden Palästinas, mit dem deutschen Kaiser. Er hatte 1897 den ersten zionistischen Weltkongreß organisiert und war nun bestrebt, sowohl die Unterstützung des osmanischen Herrschers wie die des deutschen Monarchen zu gewinnen. Dieser, von dem Großherzog Friedrich I. von Baden, seinem Onkel, auf Herzls Bemühungen aufmerksam gemacht und damit zunächst zögernd sympathisierend, begegnete dem Zionistenführer sowohl in Konstantinopel wie dann in der Landwirtschaftsschule "Mikwe Israel" in Palästina. Die Ergebnisse sind nachlesbar, darunter die Geschichte der Photographie, die Wilhelm II., hoch zu Roß, und seinen Gesprächspartner, den Tropenhelm in der Hand und dem Kaiser gegenüberstehend, zeigt; ein Bild, das lange Zeit unkommentiert durch die politische Literatur ging. Wie es wirklich entstanden ist, klingt wie eine kleine Ironie der Weltgeschichte.

Die kaiserlich dirigierte, oft per Marginalien kommentierte und orientierte imperiale Politik im Nahen und Mittleren Osten hatte bekanntlich starke militärpolitische Konsequenzen. Namhafte deutsche Militärs, Generale und Stabsoffiziere, haben – besonders seit 1885 – daran mitgewirkt, dem Osmanischen Reich eine moderne, ebenso verteidigungs- wie zur Offensive fähige Armee zu geben. Der damalige Kommandeur der Brigade "Pascha II" im deutschen Asien-Korps des ersten Weltkrieges, Generalmajor Werner von Frankenberg und Proschlitz, rühmt später die Popularität des Feldmarschalls Colmar von der Goltz Pascha, der ein halbes Soldatenleben in türkischen Diensten verbrachte und 1916 als Armeebefehlshaber in Bagdad an Flecktyphus starb. Frankenberg und Proschlitz nannte ihn "den Liebling des osmanischen Volkes, dessen Name in der entlegensten Bauernhütte Anatoliens mit Liebe und Ehrfurcht" erwähnt worden sei, Goltz "der klarblickende Feldherr, der kluge Politiker und der gewinnende Kamerad". Doch er wie andere ranghohe und einflußreiche deutsche Offiziere, die mit großem Einsatz, geradezu abenteuerlicher Risikobereitschaft und Improvisationsgeschick militärische Operationen bis in persisches Gebiet und ans Ostufer des Suezkanals leiteten oder begleiteten, sie sind belastet mit moralischer Schuld, weil sie den Mordfeldzug der türkischen Staatsmaschine gegen die armenische Bevölkerung des Landes tolerierten, ja deckten; eine barbarische Kampagne, die 1,5 Millionen Menschenleben qualvoll auslöschte. Wolfgang Petter und Heinz Odermann haben die mit der Orient-Reise des Kaisers sich verdichtenden deutschen Aktivitäten zwischen dem Bosporus und dem Shatt el Arab näher untersucht und hervorstechende Kapitel militärischer Kooperation interpretiert.

Vorbei bald die Zeit, da mit Pomp und martialischem Vokabular der Kaiser sich in Szene zu setzen verstand und Weltmachtträumen nachhing, die Argwohn und Feindschaft hervorrufen mußten, – Ambitionen, begraben unter den Leibern von zehn Millionen Toten des ersten Weltkrieges, bezahlt mit Kriegsschulden in Höhe von 154 Milliarden Mark, die im Inflationsjahr 1923 einen Wert von 15,4 Pfennigen des Vorkriegsstandes besaßen. "Der erste Weltkrieg war damit zu einem für den Staat billigen Krieg geworden", schreibt Friedrich Wilhelm Henning.

Vieles, was mehr als flüchtiges Erinnern herausfordert, scheint im Schnellzug durch das 20. Jahrhundert an uns vorbeigeflogen zu sein und ruht, beinahe vergessen, in Archiven, Aktenordnern, brüchig gewordenen Zeitungsbänden und Büchern. Darf man dabei die wissenschaftlichen Leistungen übersehen, mit denen sich Deutsche in die Annalen der Welt des Orients eingeschrieben haben? Dr. Karl-Heinz Beckmann, Arzt auch in Nordafrika, weiß, wovon er spricht, wenn er vom Beitrag deutscher Mediziner zur Erforschung und Bekämpfung von Tropenkrankheiten berichtet und die ärztliche Kunst im alten Ägypten dem Leser vor Augen führt. Olaf Matthes macht mit der Rolle von James Simon, des Berliner Großkaufmanns, der mit großen Summen die Ausgrabungen in Ägypten, Palästina und Mesopotamien unterstützte, bekannt, insbesondere mit Simons Engagement für die deutsche Orient-Gesellschaft und ihre Tätigkeit im Land am Nil.

Es gibt also gute Gründe und interessante Themen, die dazu berechtigen, die Lektüre des vorliegenden Buches zu empfehlen. Es will, wie eingangs angedeutet, nicht nostalgisch gefärbte Erinnerungsromantik bedienen, sondern Rückbesinnung erleichtern, die hilfreich, nützlich sein soll. Das Erleben und Betrachten dessen, was jetzt als Zeitgeschichte gilt, hat Rückschau und Rückbesinnung auf markante historische Ereignisse, die Deutsche, Türken, Araber, Afrikaner, Juden oder Armenier mit einander verbinden, zu einem aktuellen Bedürfnis gemacht.