Auszug
Das “Gesellschaftswissenschaftliche Forum e.V.” hat es sich zu einem seiner
Anliegen gemacht, einen Beitrag zu Würdigung der wissenschaftlichen
Lebensleistungen von Gelehrten der DDR zu leisten.
Die Art und Weise der Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands
ist mit vielen Verlusten belastet, die dem politischen Willen der machtausübenden
Elite der alten Bundesrepublik zuzuschreiben sind, jegliche Spuren der
zweiten deutschen Gesellschaft um jeden Preis auszumerzen. Objekte dieser
Politik waren und sind neben anderen gesellschaftlichen Gruppen auch die
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der DDR. Da sie überwiegend
aus dem Wissenschaftsbetrieb verdrängt wurden, werden ihnen natürlich
auch die in der Wissenschaft üblichen Würdigungen nicht zu teil,
die mit dem regulären Ausscheiden aus dem Berufsleben oder dem Erreichen
bestimmter Etappen des Lebensalters verbunden sind. Gegenüber international
bekannten und geschätzten Gelehrten wird eine coniuratio silentiae
geübt, an der bedauerlicherweise neben der Öffentlichkeit auch
die etablierte Wissenschaftlerzunft der Bundesrepublik beteiligt ist. Nur
selten oder bedauerlicherweise vor allem dann, wenn man sich in der Lage
sieht, an ehemaligen DDR-Wissenschaftlern im Einklang mit gängigen
Klischees der pauschalen Diskreditierung der DDR ein Scherbengericht zu
vollziehen, tauchen ihre Namen in den Medien auf.
Das “Gesellschaftswissenschaftliche Forum” sucht mit seinen Möglichkeiten
diesem Zustand entgegenzuwirken und ein bißchen Normalität im
Umgang mit Wissenschaftlern wiederherzustellen, die ihre Ausbildung in
der DDR erworben und ihre wissenschaftliche Leistung in diesem Lande vollbracht
haben. Damit wird der Versuch unternommen, ein wenig von dem Unrecht zu
mildern, daß einer ganzen Berufsgruppe in dieser Gesellschaft zugefügt
wurde.
Jedoch geht es in erster Linie gar nicht so sehr um Schadensbegrenzung
gegenüber Personen und einer Schicht. Vielmehr geht es darum, wissenschaftliches
Potential ins Gespräch zu bringen, daß gerade angesichts komplizierter
werdender innerer und äußerer Existenzbedingungen eigentlich
dringend gebraucht wird. Die marxistischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
aus der DDR verfügen nun einmal über spezifische Erfahrungen,
seien sie nun positiver oder negativer Couleur, die ihren Kolleginnen und
Kollegen aus den alten Bundesländern nicht zu Gebote stehen. Sie bringen
auch andere Zugriffe und Sichtweisen mit, die für die Bewältigung
neuer Probleme durchaus von Nutzen sein könnten. Eigentlich ist es
eine Binsenweisheit, daß der Austausch zwischen unterschiedlichen
Standpunkten und Überlegungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
äußerst nützlich ist. Die Mitwirkung von Clemens Burrichter
an diesem Band läßt das deutlich werden. Sein Beitrag stellt
unter Beweis, daß unterschiedliche Ausgangspunkte und Bewertungen
eine produktive ergebnisorientierte Debatte zu befördern vermögen.
Deshalb wird in dem vorliegenden Bande nicht nur über Versäumnisse
beim Umgang mit der Mitgift der DDR in der neuen Bundesrepublik lamentiert,
sondern es werden vielmehr wissenschaftliche Angebote gemacht, die die
Diskussion um eigenständige Gesichtspunkte bereichern sollen. Sie
dokumentieren nicht nur den ungebrochenen Leistungswillen marxistischer
Wissenschaftler, sondern ihre Entschlossenheit, sich aktiv in den wissenschaftlichen
Austausch einzuschalten.
Dieser Band hat Beiträge zur “Geschichte der Historiographie
nach 1945” zum Gegenstand. Sie wurden auf einem Wissenschaftlichen Kolloquium
vorgetragen, das Prof. em. Dr. habil. Gerhard Lozek gewidmet war und am
27. September 1998 in Berlin stattfand, organisiert von den Vereinen “Gesellschaftswissenschaftliches
Forum e.V.” und “Helle Panke zur Förderung von Politik, Kultur und
Bildung e.V.”. Anlaß für diese Veranstaltung war die Vollendung
des 75. Lebensjahres von Gerhard Lozek am 9. August 1998.
Schüler und Kollegen des Jubilars unterbreiteten Forschungsergebnisse
und Überlegungen zum Thema und stellten unter Beweis, daß für
dieses Fachgebiet die DDR interessante Beiträge zu bieten hatte. Noch
etwas zeichnet nach unserem Dafürhalten die Beiträge aus: Die
Redner, der Jubilar eingeschlossen, hinterfragen zugleich ihre eigenen
Positionen, nehmen kritisch zu früher vertretenen Auffassungen Stellung,
wenn sie sie von ihrem heutigen Erkenntnisstand aus nicht mehr aufrechterhalten
können.
Die Herausgeber übergeben diesen Band der Öffentlichkeit,
ohne Illusionen, aber dennoch in der Hoffnung, daß wissenschaftliche
Angebote sich auf Dauer nicht übergehen lassen. Wir wünschen
uns einen produktiven Dialog um die aufgeworfenen wissenschaftlichen Probleme
und stellen uns selbstverständlich auch einer sachlich-kritischen
Aufnahme und Auseinandersetzung.
Die Herausgeber
Berlin, im April 1999
Vorwort
Laudatio für Gerhard Lozek
Wolfgang Küttler
Zu Erfahrungen der DDR-Geschichtswissenschaft bei der Analyse und Kritik
der nichtmarxistischen Historiographie
Gerhard Lozek
Von Bochum 1990 nach Frankfurt am Main 1998 – Über das Verständnis
der Geschichtswissenschaft der Alt-BRD zur Geschichtswissenschaft der Ex-DDR.
Werner Berthold
Wissenschaftsforschung – Gestern, Heute, Morgen. – Über das systemische
Schicksal einer unbequemen Forschungsrichtung.
Clemens Burrichter
Die deutsche Geschichtsschreibung über Constantin Frantz nach 1945
Helmut Meier
Historiographie und Geschichtsunterricht in der DDR
Reinhold Kruppa
Einblicke. – Zur “Totalitarismus”-Sicht und -Diskussion in der russischen
Historigraphie (90er Jahre)
Horst Schützler
Zur Historiographie in den USA nach 1945
Alfred Loesdau
DDR-Forschung am Ziel ? – Zur historischen DDR-Forschung und politischen
Wende in der DDR
Wilfried Bergmann
Die DDR in den Jahren 1989 – 1991 in wissenschaftlichen Darstellungen
Siegfried Prokop
Anmerkungen zu Geschichtsschreibung, Politik und Ende der DDR. – Über
Macht schonungslos reden . – Gerhard Lozek
zum 75.Geburtstag
Stefan Bollinger
Über evangelische Kirchen in der DDR, Religion und Geschichtsschreibung.
Beobachtungen, Erfahrungen und Erkenntnisse.
Rolf Richter
Verzeichnis der wichtigsten Veröffentlichungen von Gerhard Lozek