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Zur Geschichte der Historiographie nach 1945. Beiträge eines Kolloquiums zum 75. Geburtstag von Gerhard Lozek

Alfred Loesdau / Helmut Meier (Hrsg.), [= Gesellschaft – Geschichte – Gegenwart; Bd. 26], trafo verlag, Berlin 2001, 217 S., geb., ISBN 3-89626-256-4, 24,80 EUR


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Auszug

Vorwort

Das “Gesellschaftswissenschaftliche Forum e.V.” hat es sich zu einem seiner Anliegen gemacht, einen Beitrag zu Würdigung der wissenschaftlichen Lebensleistungen von Gelehrten der DDR zu leisten.
Die Art und Weise der Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands ist mit vielen Verlusten belastet, die dem politischen Willen der machtausübenden Elite der alten Bundesrepublik zuzuschreiben sind, jegliche Spuren der zweiten deutschen Gesellschaft um jeden Preis auszumerzen. Objekte dieser Politik waren und sind neben anderen gesellschaftlichen Gruppen auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der DDR. Da sie überwiegend aus dem Wissenschaftsbetrieb verdrängt wurden, werden ihnen natürlich auch die in der Wissenschaft üblichen Würdigungen nicht zu teil, die mit dem regulären Ausscheiden aus dem Berufsleben oder dem Erreichen bestimmter Etappen des Lebensalters verbunden sind. Gegenüber international bekannten und geschätzten Gelehrten wird eine coniuratio silentiae geübt, an der bedauerlicherweise neben der Öffentlichkeit auch die etablierte Wissenschaftlerzunft der Bundesrepublik beteiligt ist. Nur selten oder bedauerlicherweise vor allem dann, wenn man sich in der Lage sieht, an ehemaligen DDR-Wissenschaftlern im Einklang mit gängigen Klischees der pauschalen Diskreditierung der DDR ein Scherbengericht zu vollziehen, tauchen ihre Namen in den Medien auf.
Das “Gesellschaftswissenschaftliche Forum” sucht mit seinen Möglichkeiten diesem Zustand entgegenzuwirken und ein bißchen Normalität im Umgang mit Wissenschaftlern wiederherzustellen, die ihre Ausbildung in der DDR erworben und ihre wissenschaftliche Leistung in diesem Lande vollbracht haben. Damit wird der Versuch unternommen, ein wenig von dem Unrecht zu mildern, daß einer ganzen Berufsgruppe in dieser Gesellschaft zugefügt wurde.
Jedoch geht es in erster Linie gar nicht so sehr um Schadensbegrenzung gegenüber Personen und einer Schicht. Vielmehr geht es darum, wissenschaftliches Potential ins Gespräch zu bringen, daß gerade angesichts komplizierter werdender innerer und äußerer Existenzbedingungen eigentlich dringend gebraucht wird. Die marxistischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der DDR verfügen nun einmal über spezifische Erfahrungen, seien sie nun positiver oder negativer Couleur, die ihren Kolleginnen und Kollegen aus den alten Bundesländern nicht zu Gebote stehen. Sie bringen auch andere Zugriffe und Sichtweisen mit, die für die Bewältigung neuer Probleme durchaus von Nutzen sein könnten. Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, daß der Austausch zwischen unterschiedlichen Standpunkten und Überlegungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern äußerst nützlich ist. Die Mitwirkung von Clemens Burrichter an diesem Band läßt das deutlich werden. Sein Beitrag stellt unter Beweis, daß unterschiedliche Ausgangspunkte und Bewertungen eine produktive ergebnisorientierte Debatte zu befördern vermögen.
Deshalb wird in dem vorliegenden Bande nicht nur über Versäumnisse beim Umgang mit der Mitgift der DDR in der neuen Bundesrepublik lamentiert, sondern es werden vielmehr wissenschaftliche Angebote gemacht, die die Diskussion um eigenständige Gesichtspunkte bereichern sollen. Sie dokumentieren nicht nur den ungebrochenen Leistungswillen marxistischer Wissenschaftler, sondern ihre Entschlossenheit, sich aktiv in den wissenschaftlichen Austausch einzuschalten.
 Dieser Band hat Beiträge zur “Geschichte der Historiographie nach 1945” zum Gegenstand. Sie wurden auf einem Wissenschaftlichen Kolloquium vorgetragen, das Prof. em. Dr. habil. Gerhard Lozek gewidmet war und am 27. September 1998 in Berlin stattfand, organisiert von den Vereinen “Gesellschaftswissenschaftliches Forum e.V.” und “Helle Panke zur Förderung von Politik, Kultur und Bildung e.V.”. Anlaß für diese Veranstaltung war die Vollendung des 75. Lebensjahres von Gerhard Lozek am 9. August 1998.
Schüler und Kollegen des Jubilars unterbreiteten Forschungsergebnisse und Überlegungen zum Thema und stellten unter Beweis, daß für dieses Fachgebiet die DDR interessante Beiträge zu bieten hatte. Noch etwas zeichnet nach unserem Dafürhalten die Beiträge aus: Die Redner, der Jubilar eingeschlossen, hinterfragen zugleich ihre eigenen Positionen, nehmen kritisch zu früher vertretenen Auffassungen Stellung, wenn sie sie von ihrem heutigen Erkenntnisstand aus nicht mehr aufrechterhalten können.
Die Herausgeber übergeben diesen Band der Öffentlichkeit, ohne Illusionen, aber dennoch in der Hoffnung, daß wissenschaftliche Angebote sich auf Dauer nicht übergehen lassen. Wir wünschen uns einen produktiven Dialog um die aufgeworfenen wissenschaftlichen Probleme und stellen uns selbstverständlich auch einer sachlich-kritischen Aufnahme und Auseinandersetzung.
 

Die Herausgeber

Berlin, im April 1999
 
 

Inhalt

Vorwort

Laudatio für Gerhard Lozek
Wolfgang Küttler

Zu Erfahrungen der DDR-Geschichtswissenschaft bei der Analyse und Kritik der nichtmarxistischen Historiographie
Gerhard Lozek

Von Bochum 1990 nach Frankfurt am Main 1998 – Über das Verständnis der Geschichtswissenschaft der Alt-BRD zur Geschichtswissenschaft der Ex-DDR.
Werner Berthold

Wissenschaftsforschung – Gestern, Heute, Morgen. – Über das systemische Schicksal einer unbequemen Forschungsrichtung.
Clemens Burrichter

Die deutsche Geschichtsschreibung über Constantin Frantz nach 1945
Helmut Meier

Historiographie und Geschichtsunterricht in der DDR
Reinhold Kruppa

Einblicke. – Zur “Totalitarismus”-Sicht und -Diskussion in der russischen Historigraphie (90er Jahre)
Horst Schützler

Zur Historiographie in den USA nach 1945
Alfred Loesdau

DDR-Forschung am Ziel ? – Zur historischen DDR-Forschung und politischen Wende in der DDR
Wilfried Bergmann

Die DDR in den Jahren 1989 – 1991 in wissenschaftlichen Darstellungen
Siegfried Prokop

Anmerkungen zu Geschichtsschreibung, Politik und Ende der DDR. – Über Macht schonungslos reden . – Gerhard Lozek
zum 75.Geburtstag
Stefan Bollinger

Über evangelische Kirchen in der DDR, Religion und Geschichtsschreibung. Beobachtungen, Erfahrungen und Erkenntnisse.
Rolf Richter

Verzeichnis der wichtigsten Veröffentlichungen von Gerhard Lozek