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Mark Emanuel Amtstätter

Die Partitur der weiblichen Sprache: Sprachästhetik aus der Differenz der Kulturen bei Mechthild von Magdeburg

[=ZeitStimmen, Bd. 3], trafo verlag 2003, ISBN 3-89626-253-X, 160 S., 24,80 EUR

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Zu den Rezensionen

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

I. "Fragmente einer inneren Biographie" 71

 

II. Eine "fraulich unsystematische" Entstehungsgeschichte 14

 

III. Dynamische Pluralität der Formen 21

1. Von der "Form in statu nascendi" zur "Simultaneität" 21

2. Lyrisches 27

3. Dramatisches 33

4. Episches 35 

5. Dynamik vermischter Formen 42

 

IV. Die deutsch-lateinische Überlieferung 48

1. Vergleich der Handschriften 48

2. Zu den Hss. Rb/Ra 50

3. Zu den Hss. W und C 55

 

V. Die göttlichen Dialoge 58

1. Heiliger Geist – Die Dialoge I und II 58

2. Der Jüngling – Dialog III 63

3. Gott – Die Dialoge IV und V 69

 

VI. Spielarten der Trinität 75

 

VII. Die Partitur der weiblichen Sprache 79

 

VIII. Über die Zeit: Scheiden und Wiederfinden 89

 

Literaturverzeichnis

I. Ausgewählte Textausgaben und Übersetzungen 105

II. Ausgewählte Sekundärliteratur 106

Anhang I: Leseversion der lateinischen (im Zusammenhang überlieferten) Mechthild-Kapitel des ersten Buches 111

 

Anhang II: Formanalytische Edition des ersten Buches von Mechthilds Fließendem Licht der Gottheit 120

 

Über den Autor

 

 

Leseprobe:

 

I. Fragmente einer "inneren Biographie"

Warum ist Mechthilds Werk so modern? Weil es die früheste Autobiographie in deutscher Sprache ist (Mohr)? Weil es die vielleicht kühnste erotische Dichtung des Mittelalters ist (Mohr)? Weil es eine Differenziertheit des sprachlichen Ausdrucks kennt, die weit in unsere heutige Moderne ragt? Alles das trifft zu. Aber – wie im folgenden zu zeigen sein wird – ist Mechthils Werk vor allem deshalb so modern, weil es ein individuelles Buch ist, das sich nicht in Kategorien pressen läßt, das die Kategorien jedoch kennt und mit ihnen selbstbewußt spielt. Ein Buch, das verschiedenste kulturelle Bereiche miteinander verbindet, in einer ungezwungenen, selbstverständlichen Weise, behutsam, ohne sie zu nötigen. Ein Buch, das in dieser Weise multi- oder besser interkulturell genannt werden kann. Ein Buch schließlich, das über die Zeit handelt. Was in vielen Kunstwerken – besonders der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versucht wird – philosophisch den Zeitbegriff zu thematisieren, gelingt Mechthild aus mittelalterlicher Perspektive in unglaublich virtuoser Weise. Was Arno Schmidt beispielsweise in Zettels Traum an paralleler Lesung, auch zeitparallel als Leseakt zu inszenieren versucht, was etwa Bernd Alois Zimmermann in seiner Oper Die Soldaten überwältigend als Zeitschichtungen sicht- und hörbar macht – beides bedeutende Werke des 20. Jahrhunderts – all dies ist in Mechthilds schmalem ersten Buch aus dem Fließenden Licht bereits enthalten. Das macht es so modern.

Im folgenden wird aus dem Fließenden Licht der Gottheit von Mechthild von Magdeburg ausschließlich das erste Buch im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen.

Es wird versucht werden, die hermetische Welt dieses Textes als individuellen Schreibprozeß aufzuschließen, der verschiedene, differierende kulturelle Welten gewissermaßen interkulturell im Schreiben verbindet und dabei einen Text entstehen läßt, der gleichermaßen als hochartifizielles Sprachkunstwerk wie als direkt ansprechende, persönliche Selbstaussage zu lesen ist.

Alle Angaben zur Biographie Mechthilds von Magdeburg lassen sich ihrem literarischen Werk bzw. Zeugnissen der Überlieferungsgeschichte ihres Werkes entnehmen. Danach wurde Mechthild um 1207 in der Gegend von Zerbst bei Magdeburg geboren. Sie wuchs geprägt von höfischen Wertvorstellungen in einer wohlhabenden Familie auf und hatte im Alter von zwölf Jahren ihre erste mystische Erfahrung, der weitere visonäre Erlebnisse folgten. Sie verließ mit etwa 20 Jahren ihr Elternhaus, um als Begine ein religiöses Leben in asketischer Armut zu führen. Um 1250 begann Mechthild dem Ratschlag ihres Beichtvaters, des Dominikaners Heinrich von Halle folgend mit der Niederschrift des Fließenden Lichts. Die in den späteren Büchern vermehrt zu beobachtenden kritischen Stellungnahmen zu Kirche und Klerus brachten Mechthild ihrerseits immer wieder Anfeindungen und Kritik ihrer Schriften entgegen, die sie auch in ihrem Werk reflektiert. Von Krankheit geplagt trat sie um 1270 dem Zisterzienserinnenkloster Helfta bei, das unter der Leitung der Äbtissin Gertrud von Hackeborn zu einem Zentrum mystischer Literatur wurde. Im Kloster Helfta, wo das ganze siebente Buch des Fließenden Lichts entstand, beeinflußte Mechthild etwa die jüngeren Klosterschwestern Mechthild von Hackeborn und Gertrud die Große. Fast erblindet starb Mechthild dort um 1282.

Weit wichtiger als Mechthilds biographische Daten scheint jedoch für die folgenden Überlegungen das zu sein, was Mohr "Fragmente einer inneren Biographie" genannt hat, der zeitlich immer wieder zu fixierende Aspekt des Zeugnisablegens ihrer persönlichen mystischen Erlebnisse, die sichtbare Veränderung der Erlebnisse im Laufe der Jahre und damit auch des Aufgeschriebenen; letztlich vielleicht sogar die Veränderung des Schreibaktes, denn so wie man beispielsweise das erste Buch als kontinuierlichen, unter literarischen Vorbildern vielleicht am meisten das Hohe Lied überschreibenden Schreibprozeß verstehen kann, der einen individuellen Weg zur Liebe Gottes ins Pergament eingraviert, in diesem "Minneweg" die Unio im Schreiben nacherlebt und darin als ganzes erstes Buch aufgeht – in dieser Weise wird man die späteren Bücher nicht interpretieren dürfen, man wird nach anderen Verständnis-Modellen suchen müssen. Ferner, daß immer wieder Visionen, vor allem in den späteren Büchern, von persönlichen Erlebnissen, die erst einmal nichts mit der mystischen Erfahrung an sich zu tun haben, und von privaten Angaben durchwirkt werden, so daß sich mystische Biographie und Biographisches zur Person als doppeltes Tagebuch überlagern.

Vielleicht ist im Vergleich zum gerade Ausgeführten die Korrektur von Haas gar nicht einmal so überraschend, der demgegenüber auf die Nähe zu den augustinischen Confessiones verwiesen hat:

"Sicher jedoch – und darauf ist noch viel zu wenig Gewicht gelegt worden – ist für Mechthilds buoch die augustinische Tradition des Bekenntnisbuches, der Soliloquia und der Confessiones mit ihrer aus dem Innersten der Seele aufbrechenden locutio emphatica, die eben alle Stilebenen und Gattungsbezeichnungen von der Alltagsrede über Kurzerzählung, Dialog, Eingebung, Offenbarung, Vision, Gebet, Hymne, liturgische und vor allem biblische Reminiszenzen bis zur ekstatisch-lyrischen Rede umfaßt. Entscheidend ist dabei immer und beinahe ausschließlich das Ich, das die Gesamtheit dieser Eröffnungen verantwortet."

Im Verlaufe der Darstellung wird genau diese Vielfalt der Gattungen angesprochen werden, die das sich offenbarende Ich zusammenhält, so daß trotz aller zu postulierenden Interkulturalität oder vielleicht gerade deswegen Mechthilds "Dignität hoher Literatur nicht aufgrund der unbezweifelbaren Anleihen bei der ritterlichen Minnelyrik, sondern aufgrund der Autonomie des religiösen Subjektes, das im Medium der Sprache die reine Phänomenologie religiöser Gotteserfahrung darbietet", sich konstituiert.

Die Verbindungen von einer autonom sich äußernden Subjektivität und Individualität im Fließenden Licht lassen sich mit Gisela Vollmann-Profe folgendermaßen formulieren:

"Es ist dies eine Subjektivität, die sich äußert im Wichtignehmen der eigenen Person, in einem Selbst-Bewußtsein, das sich auch dort, wo es sich nur als Bewußtsein der eigenen Unzulänglichkeit manifestieren kann, nicht aufzugeben bereit ist und das auch um seine Bedeutung für den ‘unvergleichlichen Partner’ weiß".6 

"Was in ihm [dem Fließenden Licht] zur Darstellung kommt ist vielmehr ein aus ganz persönlichen Voraussetzungen, Möglichkeiten und Schwächen mit äußerster Anspannung bewältigtes Leben. Diese Einmaligkeit findet ihren Ausdruck in der Einmaligkeit der Form, in einem ‘persönlichen Erfahrungsstil’ und einer ‘biographischen Struktur’. Um Mißverständnisse zu vermeiden: ‘persönlicher Erfahrungsstil’ und ‘biographische Struktur’ zielen nicht auf die Frage der lebensweltlichen Relationierbarkeit des Textes. Interessant am ‘persönlichen Erfahrungsstil’ ist nicht, ob die historische Mechthild die geschilderten Erfahrungen gemacht hat, sondern die literarische Konzeptionierbarkeit persönlicher Erfahrungen. Und wenn die Aufgabe der biographischen Struktur in den Rev. [Revelationes: der lateinischen, formal neu strukturierten Übersetzung des Fließenden Lichts] als Verlust empfunden wird, so nicht, weil dadurch vielleicht Elemente der tatsächlichen Biographie verloren gingen oder verschleiert würden, sondern weil eine Form aufgegeben wurde, die – jedenfalls für die Volkssprache – etwas ganz Neues bot, indem sie ihre innere Einheit allein an der ‘persönlichen Lebensgeschichte’ der ‘Heldin’ festmachte."7 

Angesichts des Diktums einer "inneren Einheit" der Form des Fließenden Lichts sozusagen aus der "persönlichen Lebensgeschichte", einer Art Akt des prozessualen Schreibens also, stellt sich die Frage nach der Autorschaft Mechthilds, und bemerkenswerterweise rückt der Begriff der Schreiberin hier in den Mittelpunkt.

An Heinrich von Halle beispielsweise richten sich changierend zwischen got und dem súndig wip als Absender die Zeilen:

IV,12 Wie got antwúrtet einem bruodere von der schrift dis buoches

Meister Heinrich, úch wundert sumenlicher worten, die in disem buoche gescriben sint. Mich wundert, wie úch des wundern mag. Mer: mich jamert des von herzen sere sid dem male, das ich súndig wip schriben muos, das ich die ware bekantnisse und die heligen erlichen anschowunge nieman mag geschriben sunder disú wort alleine; si dunken mich gegen der ewigen warheit alze kleine.

Mechthild versteht sich gewissermaßen als Medium, eben als die Schreibende, welche die Worte Gottes in Schrift verwandelt:

wan got sprichet selber dú wort

Grubmüller8 dachte in diesem Zusammenhang an das Vorbild der Apokalypse des Johannes, aber es kann in diesem speziellen Zusammenhang mystischer Erfahrungen einer Frau auch sein, daß – nicht zuletzt auch über die Hohelied-Auslegung – möglicherweise mariologische Motive eine Rolle spielen, so etwa das Bild der Reflexion des Sonnenlichtes (Gottes) durch die Mittlerposition des Mondes (Marias): Gott und Mechthild als Sonnensprache und Mondschrift, aber vielleicht führt das auch zu weit.

Das "Werk" jedenfalls – und da gehen die Probleme um den Autor- wie auch den Werkbegriff weiter – liegt als Ganzes vollständig nur in der Einsiedler Handschrift vor und wurde angeblich von Heinrich von Halle als Redaktor ganz oder teilweise in dieser Form zusammengestellt. Wie soll man dies nun mit all den Spekulationen über die "innere Einheit" und den "Schreibprozeß" vereinbaren?

Noch in Kurt Ruhs Geschichte der abendländischen Mystik findet sich der bemerkenwerte Satz:

"Seine [Heinrichs von Halle] redaktionelle Tätigkeit beschränkte sich mutmaßlich auf Beiläufiges wie die Aufteilung des Textbestandes in sechs Bücher, Kapitelüberschriften, Schlußbemerkungen." 

Da sich alle folgenden Ausführungen dem "Beiläufigen" widmen, soll hier unter Vorgriff auf das folgende Kapitel kurz auf die Ansicht Gisela Vollmann-Profes verwiesen werden, die sich den Entstehungsprozeß des Fließenden Lichtes in Form von Veröffentlichungsstufen denkt, die der Einteilung des Werks in Büchern entspricht. Heinrich von Halle würde demnach als Redaktor die Entstehungsreihenfolge von Mechthilds Texten streng beachtet haben. Aufgrund der hier noch zu führenden Argumentation scheint jedoch – zumindest was das erste Buch betrifft – durchaus eine auf Mechthild zurückgehende Folge der Kapitel vorzuliegen, es sei denn, Heinrich von Halle war ein genialer Ordnungsstifter scheinbar zusammenhangslosen Textmaterials.

Bei dem Versuch, diese Fragen zu beantworten, kommt erschwerend hinzu, daß das Original des Fließenden Lichts, das in niederdeutscher Sprache verfaßt war, nicht mehr erhalten ist. Die besagte einzige vollständig erhaltene Version des Werks, die Einsiedler Handschrift ist eine oberdeutsche Übertragung, die um 1343–45 – also rund 80 Jahre nach Mechthilds Tod – in Basel im Kreis der Gottesfreunde um Heinrich von Nördlingen entstanden ist. Der zweitwichtigste Textzeuge ist eine lateinische Übersetzung und systematische Neuordnung des Werks in der Gestalt der ersten sechs Bücher, die entweder noch zu Lebzeiten Mechthilds oder kurz nach ihrem Tod im Dominikanerkloster Halle angefertigt wurde. Diese Version berücksichtigt zwar nicht das siebente Buch, steht dem Original aber zeitlich viel näher und ist deshalb textkritisch von großer Bedeutung.

Angesichts der Tatsache, daß man mit dem Fließenden Licht ein "Musterbeispiel für die neuen und ganz eigenen Möglichkeiten angeführt hat, die sich gerade die Volkssprache (...) eröffnet hatte", fragt man sich natürlich, was es mit der lateinischen Übersetzung auf sich hat.

"Im Bereich des Aufbaus ist dagegen das Bestreben des Übersetzers unverkennbar, das ungewöhnliche Werk in Gewohntes zu überführen. Die im wesentlichen in jahrzehntelangen Anlagerungen gewachsene Form wurde offenbar als fremd empfunden, fremd vor allem im Vergleich zu den Schriften anderer begnadeter Frauen oder zu Schriften über solche. Von hier aus boten sich die Modelle ‘Vita’ oder ‘Offenbarungsschrift’ an. Der Übersetzer entschied sich, wie gesagt, für letztere. Hier konnte er sich – man denke etwa an Hildegards ‘Scivias’ – auch Anregung holen für die beabsichtigte Neustrukturierung. Doch ging es wohl nicht nur um den Versuch, das Werk in eine Tradition einzubinden und dabei gleichzeitig dem ästhetischen Anspruch nach größerer Klarheit zu genügen, sondern auch um einen praktischen Aspekt. Suchte ein Rezipient bei der virgo sacra Antwort auf eine Frage zu einem bestimmten Thema, bot die neue Anordnung die Möglichkeit einer raschen und umfassenden Information. Es zeichnet sich hier bereits eine In-Dienst-Nahme des Werkes ab, eine Aufbereitung unter dem Aspekt eines speziellen Interesses, wie sie – in freilich ungleich radikalerer Weise – dann auch die Teilüberlieferungen vorgenommen haben."

Dieses "Heimholen ins Traditionelle" ist ein entscheidender Punkt der lateinischen Übersetzung, die das Fließende Licht als eine Art Nachschlagewerk umkonstruiert in dem "Bestreben, eine spirituell wertvolle Schrift den Seelsorgern bereitzustellen".

"Durch die mit der Umorganisation nach Sachgebieten gegebene Objektivierung tendiert das Werk zum Lehrbuch, auf das es, auch wenn in ihm viel, gern und detailreich gelehrt wird, nicht zu reduzieren ist. Das FL ist kein Werk zum Nachschlagen, sondern zum Nachleben."

Im Laufe der Untersuchungen wird deutlich werden, daß das Fließende Licht ein Werk zum "Nachleben" ist, daß es selbst gleichermaßen das Hohe Lied nachlebend oder besser nacherlebend experimentiert wie auch als Offenbarungsbuch die visionär erlebte Wirklichkeit der Unio in der Schrift, der Niederschrift nacherlebt, als Schreibprozeß eines "Minneweges" in die Unio; ja, daß es letztlich als eingeschriebener "Minneweg" vom Rezipienten selbst nacherlebt wird, denn

Lieber gottes frúnt, disen minneweg han ich dir geschriben