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Verratene Ideale. Zur Geschichte deutscher Emigranten in der Sowjetunion in den 30er Jahren

Von Oleg Dehl, unter Mitarbeit von Natalja Mussienko

Mit einem Essay von Simone Barck anläßlich einer unbekannten Bibliographie der Moskauer "Deutschen Zentral-Zeitung"

Mit einem Nachwort herausgegeben von Ulla Plener

trafo verlag 2000, ISBN 3-89626-229-7, 393 S., zahlr. Abb., 39,80 EUR

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Die Monographie reiht sich in die Auseinandersetzung mit der Geschichte der kommunistischen Bewegung und dem Stalinismus ein, der sie neue Seiten hinzufügt.

Sie besteht aus drei Teilen.

Im Ersten Teil beschreibt Oleg Dehl problemorientiert die deutsche Emigration in die Sowjetunion seit Ende der 20er und in den 30er Jahren. Im Unterschied zu anderen Monographien zum gleichen Thema, die sich vorwiegend auf die in Moskau konzentrierte politische Emigration der 30er Jahre beschränken, geht er auf deren Vorgeschichte in den 20er Jahren ein und berichtet in einem besonderen Kapitel über die auf verschiedene Industriezentren verteilten deutschen Facharbeiter und Spezialisten, die während der großen Wirtschaftskrise 1929–1932 in die SU strömten und nach 1933, soweit antifaschistisch eingestellt – und das waren die meisten von ihnen – ebenfalls zu politischen Emigranten wurden. Dabei geht es u. a. um die sozialistischen Motive vieler, vor allem kommunistischer Arbeiter für die Reise in die SU, ihre positiven und negativen Erfahrungen dort nach der Ankunft, ihre Lebensbedingungen und Wettbewerbsinitiativen, die Widersprüche im Verhältnis zu Betriebsleitungen und Sowjetorganen, die Rückkehrer nach Deutschland und schließlich die verschienen Arten des Terrors, der die deutschen Facharbeiter 1937/1938 in der Sowjetunion mit gleicher Wucht wie die politischen Emigranten traf.

Im Zweiten Teil (Autoren Oleg Dehl und Natalja Mussienko) wird ein besonders krasses Fallbeispiel des Terrors dargestellt und dokumentiert: die vom NKWD konstruierte "Operation Hitlerjugend" 1938, die auf Lügen, Fälschungen und Folter gründete und der 70 vorwiegend jugendliche Deutsche zum Opfer fielen, darunter viele Kinder deutscher Arbeiter und Mitwirkende der bekannten Agitprop- und Theatergruppe "Kolonne links". Dieser Teil enthält – neben der von beiden Autoren erarbeiteten Gesamtdarstellung der "Operation" und der tragischen Geschichte einer Facharbeiterfamilie – die von N. Mussienko zusammengetragenen Dokumente aus den Ermittlungsakten des NKWD und die von ihr eruierten Namen der 70 Opfer, von denen 40 erschossen und 20 in Strafarbeitslager eingewiesen wurden, mit Auskünften über deren Lebensdaten.

Beide Teile enthalten insgesamt 33 bisher zumeist nicht veröffentlichte Dokumente, die die Beschlußvorlagen für Repressalien sowjetischer Organe gegenüber deutschen Emigranten ebenso beleuchten wie die Folgen für diese insgesamt und für viele Ein- zelschicksale; außerdem dokumentieren fünf Schriftstücke die Versuche Wilhelm Piecks, in die Terrormaschine zugunsten einiger weniger Einzelner einzugreifen.

Der Dritte Teil ist der Moskauer "Deutschen Zentral-Zeitung" (DZZ, 1926–1939) gewidmet, die, ursprünglich für die rußlanddeutsche Minderheit in der Sowjetunion herausgegeben, seit 1929/1930 ausführlich Probleme der deutschsprachigen "Wirtschaftsemigranten" aus dem Westen behandelte und nach 1933 auch zu einem Organ der deutschsprachigen politischen Emigration in der UdSSR wurde. O. Dehl zeichnet die Geschichte der Zeitung, ihrer Chefredakteure und Mitarbeiter nach, die schließlich dem Großen Terror (und dem Hitler-Stalin-Pakt) zum Opfer fielen.

Diesem Teil ist eine bisher unbekannte, umfangreiche, von sowjetischen Forschern in den 70er/80er Jahren erarbeitete Bibliographie der Publikationen deutschsprachiger antifaschistischer Schriftsteller und Kulturschaffender in der DZZ beigefügt. Sie widerspiegelt das zutiefst antifaschistische wie durch und durch prosowjetische Engagement der Zeitung und ihrer Autoren und macht den krassen Widerspruch zwischen diesem Engagement und dem massenhaften Terror, dem Mitarbeiter und Autoren der Zeitung unterworfen wurden, augenscheinlich. Das antisozialistische und praktisch gegen den Antifaschismus gerichtete Wesen dieses Terrors wird dadurch auf eine spezifische Weise versinnbildlicht. Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Simone Barck begleitet die Bibliographie mit einem Essay über "Die DZZ als multihistorische Quelle".

Neben den 34 Dokumenten enthält der Band eine Vielzahl Fotos und Faksimile.