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Günter H. W. Preuße (Hrsg.)

“Eine Staffel Stuka's und drei Schwäne vorüber geflogen ... Rückblicke in das Jahr 1945”

[= Autobiographien, Bd. 22], trafo verlag 2005, 173, ISBN 3-89626-228-9, 13,80 EUR

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Zu den Rezensionen

 

INHALTSVERZEICHNIS

 

Ein Wort vorweg 9

 

Helga Schudde

Vom Warthegau nach Bernau 15

 

Dr. Walter Bielig

Vom Schüler zum prisoner of war 21

 

Oswald Schumacher

Die wiedereroberte Nähmaschine 41

 

Dr. Johannes Müller

Gemüsebauer im Schlosspark Bellevue 49

 

Elisabeth Dahms und Thea Schwarz

Von Lager zu Lager 57

 

Ursula Buche

Da lebt keiner mehr 67

 

Helga und Oswald Wendlik

Den Jungen da, nehm ick 77

 

Sigurd Hilkenbach

Eine Staffel Stukas und drei Schwäne vorüber geflogen 85

 

Inge Keller

Dresden bleibt ein Fragezeichen 105

 

Heinz-Jürgen Krause

Die Sache mit den Lochgurken 113

 

Jakob Heine

Ein Brief 131

 

Fritz Stamer

Tarnen, Zielansprache und Schießen – was andres braucht ihr nicht mehr 135

 

Zeittafel – 1945 163

Glossar 169

Bildnachweis 171

Quellenangaben 171

Danksagung 172

Über den Autor 173


Ein Wort vorweg

2004, vor mir liegt altes und neues Recherchematerial, darunter eine ältere Ausgabe der Berliner Zeitung, Nr. 222 vom 21. September 1994, mit der Notiz: „Straßenbauarbeiter stießen bei Groß Köris auf Kriegsmunition“. Ich lese: Baggerfahrer fanden über 49 Jahre nach Ende der letzten Kesselschlacht um Halbe, bei ihrer Arbeit neben einer Chaussee, 56 scharfe 8,8-Zentimetergranaten. Bereits Tage zuvor starben Menschen in Berlin, bei Baggerarbeiten, durch die späte Explosion einer alten Fliegerbombe, abgeworfen 1945. Aber auch in aktuelleren Pressemeldungen ist noch ähnliches zu lesen:  Am Montag, dem 22. März 2004, mussten vor der Entschärfung einer bei Bodenuntersuchungen aufgefundenen amerikanischen 500-Kilo-Bombe in Brandenburg/Havel etwa 4.300 Einwohner sowie Mitarbeiter von etwa 200 Firmen und Behörden ihre Wohnungen und Geschäftsräume vorübergehend verlassen (Berliner Zeitung Nr. 70 v. 23. März 2004).

   Heute sind es nun schon 60 Jahre her und noch immer trennt uns vom letzten Krieg auf deutschem Boden allein die Strecke bis zum nächsten Blindgänger.

   Ich wurde 1951 geboren, am Rande Berlins. Nachkriegsgeneration. Ein Abkömmling derer, die das Inferno erlebten, Bombennächte im Hauskeller, die Flucht aus der großen Stadt. Was hat das alles mit meinem Leben zu tun? Was aus jener Zeit um 1945, ragte noch in meine Kindheit hinein?

   Die so genannte Lebensmittelgrundkarte in der Schrankschublade meiner Eltern z.B.! Abschnitte davon berechtigten zum Kauf wichtiger Nahrungsmittel.

   Ich erinnere mich aber auch an heiße Sommertage über der stillen Straßenkreuzung unserer Berliner Vorortschaft am Ende der Fünfziger. Dort wurde ich mir des ersten Ausländers in meinem Leben bewusst: Ein russischer Soldat, der dort stand.

   Es ist zu vermuten, dass es sich bei dieser staubigen, sonnendurchfluteten Kreuzung um eine - aus sowjetischer Sicht - wohl strategisch „bedeutsame“ gehandelt haben muss, inmitten des Dorfes. Immerhin bildete sie die Schnittstelle zweier Straßen, von welchen die eine vom S-Bahnhof-Rahnsdorf zur Woltersdorfer Schleuse führte, hingegen die andere die Ortschaften Erkner und Rüdersdorf miteinander verband, am östlichen Rande Berlins.

   Dieser Soldat, nahezu kahl geschoren, etwa 20 Jahre alt, steckte in einer verwaschenen Kluft. Den Stahlhelm am Gürtel, die Langschäfter an den Beinen, lehnte er matt am Mast einer Laterne, das Kinn auf der Brust, die Kalaschnikow lose am Schulterriemen baumelnd. Hin und wieder wandte er sich den wenigen Vorbeikommenden zu. Kindern meist, die von der Schule kommend hier vorbeitrödelten:

„… stoi! Du, kaufen Uhr …?“

„Nee, wir ham keen Jeld …!“

Fröhliches Gekichere. Kaum jemand zeigte Bedarf. Freundlich uninteressiert ließ man ihn stehen, an der Kreuzung, den fremden russischen Soldaten mit der verlotterten Aura des Besonderen. Morgen würde wieder er oder ein anderer hier sein, vielleicht im Regen stehend, als lebendes Sieges- oder Besatzungszeichen, alliierter Verkehrsposten, Kinderfreund und Kleinhändler. Froh über jede Abwechslung. Gelegentlich, wenn ein Konvoi seiner Truppe vorbeifuhr, würde er stramm stehend salutieren und die Verkehrsreglerkelle recken.

   Nur Meter weiter schimmerte zwischen Tannen und Büschen das Rot eines Sterns. Die Spitze einer Gedenkstele, der zu Füßen etwa hundert tote russische Soldaten liegen. Grau-weißer Schotter deckte die betongefassten schmucklosen Gräber. Um die 20 Jahre alt müssen sie gewesen sein, damals. Ihr Weg endete 1945, nach letzten Gefechten, nahe der Kreuzung zwischen S-Bahnhof-Rahnsdorf und Woltersdorf/Schleuse neben einer Vorortstraßenbahnhaltestelle.

   Wenig später, am Ende der Fünfziger und Anfang der 60-er Jahre, verbrachte ich einige Zeit in der Gegend um Klein-Köris, Teupitz, Märkisch-Buchholz und Halbe ... einem Dörfchen, das vor 1945 kaum jemand kannte. Es ist die Gegend zwischen Spreewald und dem südlichen Rande Berlins. Wir Kinder sind damals gern in den Kiefernwäldern und Schonungen unterwegs gewesen. Hier warteten Entdeckungen besonderer Art. Offenbarungen, die für uns Jungen interessant und aufregend waren. Die trockene Heide hielt eine morbide Spannung für uns bereit:  Eben etwa 15 Jahre nach dem Ende der letzten Kriegshandlungen barg diese Erde noch manches Zeugnis aus den letzten Tagen des Frühlings 1945. Die Wälder waren noch nicht völlig aufgeräumt damals.

   So machten wir Jungen es uns zur besonderen Unternehmung in diesen Wäldern herumzustreunen. Rostige Stahlhelme russischer und deutscher Soldaten gehörten zu unseren Funden, oft mit einem Einschussloch. Granatsplitter, Teile von Waffen, Lederreste der Soldatenkoppel, Schnallen, zerbeulte Feldflaschen, Munitionsreste. Und gelegentlich entdeckten wir beim Stöbern im Unterholz mancher Bodensenke auch menschliche Überreste: Teile eines Schädels, einer Hand ...

   Rotarmisten, deutsche Soldaten, Angehörige des Volkssturms und Hitlerjungen waren in dieser letzten Kesselschlacht inmitten Märkischer Wälder erschossen, verbrannt und verblutet. Der Krieg war fast schon vorbei damals im April 1945. Etwa 20.000 deutsche Soldaten sind in Halbe begraben     worden, dort wo seither die Kriegsgräberstätte liegt.

   Aus den Erzählungen Einheimischer habe ich später erfahren, dass der Stab der Roten Armee den Deutschen noch angeboten hatte, zu kapitulieren und das Leben der Menschen hier zu schonen. Der befehlende General Busse, hieß es, lehnte jedoch ab und trieb mit Hilfe von SS-Einheiten und deren Vierlingsflakgeschützen die verfügbaren Kräfte zum Sturmangriff in die Feuerhölle. Ihm selbst gelang  mit überschweren Tigerpanzern noch der Durchbruch bei Halbe, stieß bis zu den amerikanischen Linien vor und konnte sich dort ergeben. Die Reste seiner Armee aber gingen jämmerlich zugrunde. Über 40.000 Menschenleben fanden hier im großen Kessel der 9. Armee einen sinnlosen und grausigen Tod. Zunächst notdürftig begraben an Waldrändern, Wegen oder den Ufern der Seen. Und selbst heute liegen, so sagt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, wohl Tausende gefallene Soldaten und Zivilisten noch immer unentdeckt in den Wäldern beiderseits der Autobahn A 13.

   Inmitten der Kiefern war dieser sandige Boden damals, etwa 15 Jahre nach Kriegsende, ein Erlebnisfeld unserer Kindheit. Der Resthauch des Krieges strömte noch immer durch die Zeit. Jahre in denen wir oft Männern mit schmalen graugrünen Schirmmützen begegneten, auf ihre Holzkrücken gestützt, mit hochgeschlagenem, den Stumpf bergenden Hosenbein. Auch solchen, denen ein prothetischer Hakengriff aus dem losen Ärmel ragte. Kriegsveteranen! Andere, körperlich unbeschadet, litten unter Hakenkreuzschmerzen. Vieles dem wir damals kaum Beachtung schenkten, gehört heute zu den Bildern meiner Kindheit. Auch diese liegt nun schon lang zurück. Jahrzehnte sind vergangen. Kleiner wird die Zahl derer, für die jene Zeit des Krieges ein Teil ihres Lebens ist. Noch aber sind sie mitten unter uns! Nutzen wir unsere gemeinsame Zeit?

   Wir kennen das: Jung und Alt sitzen bei einander, zu ganz unterschiedlichen Anlässen. Man plaudert, hört einander zu, isst und trinkt, lacht ... Dann plötzlich, fällt irgendwo im Kreise der Älteren solcher Runde ein Satz:

„... damals Fünfundvierzig .... !“

Jeder der Umsitzenden weiß nun: Ach - Mutter, Vater, Großmama oder Großvater erzählt wieder mal was vom Krieg! Und die Zuhörerschaft teilt sich.

   Verdrossen oder gelangweilt, erheitert, manchmal höflich bemüht, vielleicht auch interessiert, platziert man sich neu oder neigt sich dem Erzählenden zu. Jenen, die näher rücken und lauschen, gelangt dabei manches zu Gehör, das zuvor kaum seine Beachtung fand. Und nachdenkend wird bewusst: Wie wollen wir diese vorangehende Generation in Ehren halten, wenn wir nur Bruchstücke ihres Lebens kennen? Gehören ihre Jahre doch zum verborgenen Geflecht unserer eigenen Wurzeln. Die uns tragen!

Ihre Erlebnisse und Erfahrungen haben letztlich, auf welch geheime Weise auch immer, selbst unser Leben geprägt.

   So kann uns nichts Besseres geschehen, als dabei zu sein, wenn die Älteren die Alleen, Feldwege oder Gassen ihres langen Lebens noch einmal erinnernd zurückgehen. In dem wir ihnen zuhören, ihre Erinnerungen nachlesen und im Innern vergegenwärtigen. So setzen wir sie noch einmal ins Bild. Nur so bewahren wir diese Lebensjahre vor dem Verlöschen.

   Manchmal gerät in Vergessenheit: Menschen wie sie sind, neben unseren Kindern, der größte Schatz den wir besitzen! Möge das obere Glas ihrer Lebens-Sanduhren uns noch viel gemeinsame Zeit anzeigen! Denn nur von Menschen wie ihnen können wir lernen, in schwieriger werdenden Jahren ein frohes und kluges Herz zu bewahren.

   Dieses Buch vereint 13 Erinnerungen!

Protokollierte Erzählungen von Frauen und Männern unterschiedlicher Herkunft, verschiedenen Alters, gegensätzlichen Lebenswegen und Professionen. Sie schildern zeitgleich die letzten Kriegsmonate und jenen Moment, da der 2. Weltkrieg für sie selbst oder ihre Familien zu Ende ging. Und sie erzählen etwas vom Anfang der nachfolgenden schicksalhaften Zeit. Die Summe persönlicher Erinnerungen an nahezu dieselben Monate, Wochen und Tage. Erlebt vor sechs Jahrzehnten, an verschiedenen Orten. Manchmal erzählt in damaliger Sprachgewohnheit. Es ist ein Spiegelbild jener Zeit.

Die Niederschrift geschah unter Verwendung von Tonbandprotokollen, persönlichen Aufzeichnungen und im Bestreben die Erzählung eines jeden Gesprächspartners authentisch und in seiner Individualität zu bewahren.

   Ihnen gegenübergesessen zu haben, so wie es sich ergab oder gewünscht war: Immer war es mir ein Gewinn. Und ich bin allen dankbar, für die freundliche Bereitschaft, mir diesen Teil ihrer Lebenserinnerungen anvertraut zu haben.

   Vom Romancier Erwin Strittmatter sind in dem Buch Geschichten ohne Heimat nachgelassene Texte enthalten. In einem davon heißt es:

   „Er fühlte jetzt sehr, dass die Tatsachen und die Taten eines Menschen anfällig für die Krankheit sind, die man Vergessen nennt, und dass sie nach dem Tode des Menschen vergehn wie Schatten in der Sonne, wenn man sie nicht aufschrieb oder aufschreiben ließ, damit sie noch ein wenig länger da waren und nutzten, wenn man tot war. Und er ging sogar so weit zu denken, dass er vielleicht unter den Aufschreibern von Lebenserkenntnissen hätte einen Freund haben sollen, der ihm hätte helfen können, seine Erkenntnisse über den Tod hinauszuheben. Ja, er bereute, dass er nicht einmal den Versuch gemacht hatte, eine Freundschaft mit einem jener Aufschreiber zu riskieren.“

Vielleicht wäre die eine oder andere Erzählung dieses Buches ohne eine solche freundschaftliche Atmosphäre in der Stunde des Erinnerns nicht zustande gekommen.

Danke Ihnen allen!

Günther H.W. Preuße

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