Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages

 

Nikolai Genow (Ed.)

Continuing Transformation in Eastern Europe

(engl.) [= Social studies on Eastern Europe, vol. 2], trafo verlag 2000, 230 S., zahlr. Tab. und Abb., geb., ISBN 3-89626-216-5, 39,80 €
 

   => Lieferanfrage

 
Rezensionen  

Introduction

Helmut Steiner, Berlin

Mit dem vorliegenden Band 2 der Schriftenreihe “Social Studies on Eastern Europe” werden die Ergebnisse einer von Nikolai Genov 1998 durchgeführten internationalen Konferenz im bulgarischen Sofia einem breiten Leserkreis zugänglich gemacht. Wir übernehmen die Materialien in englischer Sprache. Herausgeber und Verlag hoffen, daß ein großer Teil der an der Thematik über Deutschland hinaus Interessierten, sich auf diese Weise mit den höchst aufschlußreichen Resultaten aus den Ländern Ost- und Südosteuropas vertraut machen kann. Eine von Nikolai Genov in deutscher Sprache verfaßte Zusammenfassung soll dem deutschen Leser den “Einstieg” und die Orientierung für das Auffinden besonderer Schwerpunkte und Aussagen erleichtern.
An dieser Stelle sei deshalb zuallererst dem Herausgeber des Bandes, Nikolai Genov, und allen Autoren für das Zustandekommen dieses Buches herzlich gedankt. Die Hans-Böckler-Stiftung ermöglichte mit einem finanziellen Zuschuß erneut den Druck und der trafo verlag war wiederum bereit, das geschäftliche Risiko für eine fundierte und sachliche Information über Osteuropa zu übernehmen. Die Leser mögen es ihnen danken.

1999 jährte sich zum zehnten Mal der Beginn der gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüche in Osteuropa. Sie erfaßte alle Gesellschafts- und Lebensbereiche, griff tief in die Lebensgestaltung von Hunderten Millionen Menschen ein und ihr Ende ist noch nicht abzusehen. Bis jetzt ist nur der Nachweis erbracht, daß das staatssozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem nicht effektiv und nicht demokratisch und damit letztendlich nicht lebensfähig war. Es mußte deshalb – wann und wie auch immer – im Wettstreit mit dem Kapitalismus untergehen. Es bedeutete aber andererseits nicht, daß das neue System besser und menschlicher ist. Das gesunkene Bruttosozialprodukt und die Massenarbeitslosigkeit im gegenwärtigen Osteuropa sind diesbezüglich “harte Fakten”. Der vorliegende Band offenbart es überzeugend. So einfach ließ sich die soziologische Modernisierungstheorie als sozialtheoretische Leitlinie des osteuropäischen Transformationsprozesses nicht verifizieren. Mehr noch: wenn wir die Mehrheit der osteuropäischen Transformationsländer betrachten, dann haben sich bisher die Grundcharakteristika der Modernisierungstheorie (Konkurrenzdemokratie, Marktwirtschaft und Wohlstandsgesellschaft mit Wohlfahrtsstaat und Massenkonsum) als Basisinstitutionen in Osteuropa in ihrer Gesamtheit bisher nicht bewährt.

Dieser Band, der Band 2 unserer Schriftenreihe, wird inhaltlich durch drei Eckpunkte charakterisiert. Erstens erfaßt er den gesamten Raum der osteuropäischen Transformation – von Leipzig bis Moskau –, wobei Bulgarien und die südosteuropäische Region im Mittelpunkt stehen. Die Entwicklungen der letzten Jahre in Südosteuropa verlangen ohnehin zusätzliche sozialwissenschaftliche Aufklärung. Zweitens bietet er mit dem vielfältig anwendbaren sozialtheoretischen ‘RISIKO-Paradigma’ eine interessante Leitidee, die am Beispiel des osteuropäischen Transformationsprozesses empirisch und theoretisch erörtert und bezüglich ihrer Erklärungskraft geprüft wird. Und drittens steht mit der Arbeitslosigkeit eine Thematik von gesellschaftlicher Sprengkraft im Mittelpunkt, die in allen diesen Ländern untrennbarer Bestandteil des allen gemeinsamen Transformationsprozesses ist und dennoch jeweils unterschiedliche nationalstaatliche Ausprägungen erfährt.

Wir wissen um die Relativität der offiziellen Arbeitslosenangaben in Deutschland. Langzeitarbeitslose und Altersübergangsgeld-Empfänger werden mit 60 Jahren Frührentner, zeitweilig als ABM-Kräfte Beschäftigte und an Umschulungsmaßnahmen beteiligte Arbeitslose, Ehefrauen und resigniert sich nicht weiter vergeblich um Arbeit Bemühende, Obdachlose und andere nicht Registrierte – erscheinen nicht in den offiziellen Arbeitslosen-Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Selbst offizielle Sprecher gehen von einer doppelten Zahl von de facto-Arbeitslosen in Deutschland aus.
Das trifft noch mehr auf die jeweils nationalen Regelungen in den ost- und südosteuropäischen Staaten zu. So sind die statistisch-methodischen Bezugsgrößen von Arbeitslosen an der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung keineswegs einheitlich und damit vergleichbar geregelt. Angesichts kaum beanspruchbarer Sozialleistungen für registrierte Arbeitslose ist auch der Drang zur Meldung als Arbeitsloser keineswegs zwingend. Und schließlich wird in Osteuropa bei der Umstrukturierung der Wirtschaft mit der Nichtbezahlung von Löhnen und Gehältern – selbst nach Einstellung von Produktionsprozessen – nicht unbedingt das formale Arbeitsverhältnis aufgelöst, so daß auch deshalb die offiziellen Arbeitslosenzahlen sich oft weit unterhalb der sozialen Realitäten bewegen. Die oben wiedergegebene Tabelle vermag deshalb nur Trends, historische Entwicklungen innerhalb des jeweiligen Landes und im begrenzten Maße einige Unterschiede in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik sowie Relationen zwischen den Ländern anzuzeigen.

In den 80er Jahren haben sich in den Auseinandersetzungen und Konflikten zwischen den Gesellschaftssystemen die Verfechter der friedlichen Lösung von Konflikten über weltanschauliche und politische Grenzen hinweg zusammengefunden. Die Realisten im Osten und Westen – und dazu gehörten auch die Herrschenden in beiden deutschen Staaten – suchten den politischen Dialog zur Konfliktlösung. Die sozialwissenschaftliche Friedensforschung hat sie darin bestärkt. Allmählich hatten die westlichen Politiker ihre Furcht vor der Aggression aus dem Osten verloren oder zumindest relativiert und die Marxisten der staatssozialistischen Länder hatten sich mühevoll die Einsicht von den Möglichkeiten der Friedensfähigkeit des Kapitalismus erarbeitet.
Ist es nur hypothetisch zu fragen, inwieweit diese breit geführte und propagierte, besorgte und argumentative Diskussion der 80er Jahre für die nicht-militärische Lösung aller Konflikte zwischen den beiden Weltmächten, Gesellschaftssystemen und Militärblöcken auch den friedlichen Übergang 1989/90 in Osteuropa mit beförderte und ermöglichte?!
Warum soll nach dem Verschwinden des Ost-West-Gegensatzes die nicht-militärische Lösung aller Konflikte nicht erst recht möglich sein? Warum mußte bzw. konnte von seiten der NATO zum ersten Mal nach 1945 mit deutscher Beteiligung eine militärische Aggression gegen Jugoslawien geführt werden? Mehr noch: hätte sich zur Zeit der Existenz des BRD–DDR-Gegensatzes die BRD an einer militärischen Aggression gegen Jugoslawien beteiligt?
Seinerzeit erklärten die politischen Repräsentanten der BRD und der DDR verantwortungsbewußt gemeinsam: “Von deutschem Boden soll nie wieder Krieg ausgehen!”
Deutschland hat im 20. Jahrhundert schon zweimal Krieg gegen die Völker Jugoslawiens geführt. Und nun beteiligt es sich am Ende dieses Jahrhunderts als wiedervereinigtes Deutschland zum dritten Mal an einem Krieg gegen Belgrad. Die letzten Monate haben die politischen Einseitigkeiten und Falschinformationen der NATO reichhaltig publik werden lassen. Die große Zahl an getöteten und verwundeten Menschen, die Zerstörung von Wohnungen, Produktionsstätten, kommunalen Einrichtungen und Verkehrslinien, die Verseuchung der Natur wurden im Namen der Wahrung der Menschenrechte durch den menschenverachtenden Krieg der NATO mit maßgeblicher deutscher Beteiligung verursacht. Die real existierenden Probleme der dort lebenden Menschen wurden weder gelöst, noch einer Lösung zugeführt.
Als Sozialwissenschaftler und Herausgeber der “Social Studies on Eastern Europe” stehe ich nach wie vor nur für nicht-militärische Lösungen und damit für einen nicht-militärischen Verlauf der gesellschaftlichen Transformationsprozesse und der damit verbundenen Konflikte ein.

Mit Nikolai Genov konnte für diesen Band 2 ein Herausgeber gewonnen werden, der sich mehr als drei Jahrzehnte auf beispielhafte Weise in der Theorie und Geschichte der Soziologie, bei der Analyse der eigenen und fremder Gesellschaften, durch seinen engagierten Einsatz bei der Organisation der Internationalen Soziologischen Sommerschule in Varna und als Vizepräsident des Internationalen Rates für Sozialwissenschaften bei der UNESCO über “Persönliche und institutionelle Strategien für die Bewältigung von Transformationsrisiken in Mittel- und Osteuropa” ausgezeichnet hat. 1975 verteidigte er an der Karl-Marx-Universität Leipzig seine Dissertation über erkenntnistheoretisch-methodologische Probleme der Soziologie verteidigt. Seitdem arbeitet er am Institut für Soziologie der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften in Sofia.
Aus der Vielzahl seiner Veröffentlichungen seien nur die Buchtitel genannt. Sie spiegeln in etwa das Spektrum seiner thematischen Interessen wider:
- Talcott Parsons und die theoretische Soziologie. Sofia 1982
- Rationalität und Soziologie. Theoretische und methodologische Probleme in der soziologischen Erkenntnis. Sofia 1986
- National Traditions in Sociology. London 1986 (Ed.)
- Gesellschaft – Struktur und Entwicklung. Sofia 1982. (Hrsg. mit W. Dobrijanow)
- Theoretische und empirische Erkenntnisse in der Soziologie. Sofia 1982 (Hrsg. mit W. Dobrijanow und G. Osipow)
- Soziologie und soziale Praxis unter den Bedingungen des Sozialismus. Sofia 1983. (Hrsg. mit W. Dobrijanow und G. Osipow)
- Society and Technology in the Balkan Countries. Sofia 1991 (Ed.)
- Society and Environment in the Balkan Countries. Sofia 1993 (Ed.)
- Stabile Entwicklung und ökologisches Risiko. Sofia 1993 (Hrsg.)
- Blick zurück im Zorn. Die Entwicklung der Soziologie in Bulgarien. Berlin 1993
- Sociology in a Society in Transition. Sofia 1994 (Ed.)
- Der Aufstieg des Drachens. Die Modernisierung Süd-Koreas. Sofia 1994
- Society and Politics in South-East Europe. Sofia 1996 (Ed.)
- Bulgaria 1960–1995. Trends of Social Development. Sofia 1999 (Ed. with A. Krasteva)
- Unemployment. Risks and Reactions. Paris – Sofia 1999 (Ed.)
- Managing Transformation in Eastern Europe. Paris – Sofia 1999

Und mehr noch als es diese bibliographische Angaben offenbaren, war und ist N. Genov mit den internationalen – und auch deutschen – Sozialwissenschaften aktiv verbunden. Die Veröffentlichung dieses Buches innerhalb unserer Reihe dokumentiert es ein weiteres Mal.
 
 
 
 
 
 
 
 

Table of Contents


Introduction  7
Helmut Steiner, Berlin

Summary 11
Nikolai Genov, Sofia

Editorial
Central and Eastern Europe: Challanges of continuing transformation 21
Nikolai Genov, Sofia
 

PART I
TRANSFORMATION: concepts and experience

Risks of Success. The special case  of  East Germany 41
Michael Thomas, Berlin

Transformation risks and human capital development  56
Zhivko Nedev, Sofia

Underestimation of complexity: A major risk in post-communist transformation  67
Michal Illner, Prague

Transformation risks: The experience of disintegrated societies 75
Aivars Tabuns, Riga

Assessment of transformation risks: The case of Macedonia 85
Mirjana Maleska, Skopje

Transformation and the threat of drug abuse 95
Yantsislav Yanakiev, Sofia
 

PART II
Unemployment as A social risk

New startegies and programmes of promoting employment and counteracting unemployment in Poland 105
Mieczyslaw Kabaj, Warsaw

The  labour market in Bulgaria 121
Oleg Chulev, Sofia

Outsiders in the labour market: Russian men and women facing unemployment 127
Elena Mezentseva, Moscow

Unemployment, political protest and radicalism: The example of East Germany 140
Karl-Dieter Opp, Leipzig

Unemployment and poverty 173
Maria Zheliazkova, Sofia

Long-term unemployment in Macedonia 183
Lidija Petkovska-Hristova, Skopje

Unemployment: Challenges to education 189
Mariana Zakharieva, Sofia

Communication problems of the unemployed. (St. Matthew’s Effect on the Unemployed) 198
Vyara Gancheva, Sofia

Unemployment and crime 205
Anna Mantarova, Sofia

Strategies of former military officiers for finding new employment 215
Peter Stoimenov, Christo Domozetov, Sofia

Prospects of the bulgarian labor market in adaption to the European Union 222
Sasha Todorova, Sofia