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Der vorliegende Sammelband verfolgt das Ziel, dem deutschen Leser einen Einblick in die laufenden Forschungen und Diskussionen russischer Soziologen der 90er Jahre zu den gesellschaftlichen Umbrüchen ihres Landes zu geben. Und obwohl sich die Herausgabe des Buches durch finanzielle, technisch-organisatorische und verlegerische Widrigkeiten ungebührlich verzögerte, die empirischen Befunde deshalb oft schon etwas zurückliegen, sind die damit verbundenen Aussagen und Feststellungen nach wie vor zutreffend und für die Fragestellung "Rußland – wohin?" höchst aktuell.
Die gesellschaftspolitische Öffentlichkeit ist seit drei Jahrhunderten mit dieser Frage beschäftigt. Politiker, Schriftsteller, Sozialwissenschaftler und andere Intellektuelle stritten und streiten über grundsätzliche und abgeleitete gesellschaftliche Entwicklungsperspektiven der Ost-Hälfte Europas. Die Hinwendung zu Mittel- und Westeuropa oder die feste Verankerung in Eurasien, das Bewahren russischer Traditionen der Obschtschina oder die Entfaltung offen strukturierter Sozialbeziehungen, kapitalistische Entwicklung oder sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsgestaltung, autoritäre Führung oder Demokratie, individualistische oder kollektivistische Verhaltensorientierungen wurden und werden derart alternativ, wie auch mit allen Übergängen und Verknüpfungen facettenreich entfaltet. Peter I. und Katharina II, Lenin und Stalin, Gorbatschow und Jelzin – repräsentieren als Politiker allen gemeinsame, jedoch grundverschiedene europaorientierte Perspektiven.
Von Alexander Puschkin und Fjodor Dostojewski über Maxim Gorki, Michail Bulgakow, Ilja Ehrenburg bis zu Aleksander Solschenizyn und Daniil Granin – haben russische Schriftsteller immer wieder soziale Gegebenheiten und individuelle Perspektiven, persönliche Schicksale in ihrem sich verändernden und beharrenden gesellschaftlichen Milieu Rußlands gestaltet. Auch die sozialwissenschaftlichen Traditionen des "Rußland – wohin?" gehen ins frühe 19. Jahrhundert auf Alexander Herzen und Nikolai Tschernyschewski zurück, erhalten bei den Volkstümlern, Russophilen, frühen Marxisten und Liberalen vor und nach der Jahrhundertwende sowie in der konfliktreichen Entwicklung der sowjetischen Soziologie nach 1917 – unterschiedliche Antworten und Ausprägungen. Aus der Neukonstituierungsphase sowjetischer Soziologie in den 60er Jahren seien nur Boris Urlanis "Geschichte einer Generation", Boris Gruschins und W. Tschikins "Beichte einer Generation" sowie Igor Bestuschew-Ladas "Fenster in die Zukunft" exemplarisch genannt. Aus der jüngsten Zeit verdienen die seit 1993 hierzu von Tatjana Saslawskaja jährlich veranstalteten sozialwissenschaftlichen Symposia sowie das 1998 von Roy Medwedew erschienene Buch "Kapitalismus in Rußland?" erwähnt zu werden.
In der aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskussion dominieren die analytischen Beiträge: von der aktuellen Tatsachenbestandsaufnahme bis zur historischen und aktuellen Verlaufsanalyse des gesellschaftlichen Umbruchs. Das "Rußland – wohin?" wird von den Sozialwissenschaften gegenwärtig nicht in projektiven Entwürfen oder gar Utopien behandelt, sondern in erster Linie aktuell beobachtet, empirisch erfaßt, soziologisch analysiert und politisch erörtert. Die theoretischen und methodologischen Herangehensweisen sind dabei vielgestaltig, ohne daß sie in jedem Fall schon voll ausgearbeitet sind. Sie ermöglichen damit auch theoretische wie empirische Einblicke in die "Werkstatt russischer Soziologen".
Für den vorliegenden Band haben wir aus dem Gesamtspektrum vier gesellschaftlich und wissenschaftlich bedeutsame Problemkomplexe ausgewählt: "Identität und Wertorientierungen der Russen heute", "Sozialstrukturen und Lebensweisen im Umbruch", "Intellektuelle, Macht und Herrschaft der Eliten" sowie "Rußland im Widerstreit der Perspektiven". Die schwerpunktmäßigen Gegenwartsanalysen gründen sich auf dem historischen Gewordensein russisch-sowjetischen Erbes und lassen Variationen, Schwierigkeiten, mögliche Konflikte und Perspektiven künftiger russischer Entwicklungen erkennen und ahnen.
Die 28 russischen Autoren kommen aus drei Altersgruppen. Die bio-bibliographischen Angaben bezeugen, daß einige von ihnen aus den Jahrgängen 1921 bis 1923 noch als Soldaten an der Verteidigung und Befreiung ihrer Heimat von der Okkupation Hitler-Deutschlands teilgenommen haben. Der weitaus größte Teil unserer Autoren wurde in den Jahren 1927 bis 1931 geboren und gehörte zu der ersten wissenschaftlichen Nachwuchs-Generation nach 1945. Gemeinsam mit den zuerst Genannten wurden sie zu den Wegbereitern und Repräsentanten der sich seit Ende der 50er und in den 60er Jahren neu konstituierenden sowjetischen Soziologie in Moskau, Leningrad und Nowosibirsk. Eine dritte Gruppe von Autoren der 40er und 50er Geburtsjahrgänge hat ihre wissenschaftliche Sozialisation schon in der neu konstituierten sowjetischen Soziologie erhalten und sich in den Jahren der gescheiterten Perestroika und im postsowjetischen Rußland mit eigenen wissenschaftlichen Arbeiten profiliert.
Zu einem großen Teil sind die Autoren dafür auch außerhalb Rußlands keine Unbekannten. In der DDR, in der Alt-BRD und in Deutschland seit 1990, aber auch über die ISA, die UNESCO, das Wiener Zentrum für Sozialwissenschaften und andere internationale Institutionen sind von ihnen in deutscher und englischer Sprache, aber auch französisch und spanisch, chinesisch und japanisch seit den 60er Jahren zahlreiche Arbeiten erschienen. Das heißt, es sind überwiegend wissenschaftlich erfahrene und international ausgewiesene russische Soziologen, die mit dem vorliegenden Buch dem deutschen Leser einen Einblick in die gesellschaftliche Problematik des gegenwärtigen Rußland und die dazu geführten sozialwissenschaftlichen Erörterungen vermitteln.
Mühsam sind in den letzten Jahren über einige kleine und ökonomisch schwache Verlage mehrere Publikationen russischer Sozialwissenschaftler auf den deutschen Markt gekommen. Noch vor wenigen Jahren, als wir das Projekt in Angriff nahmen – zeigten sich zahlungsfähige Institutionen und Verlage daran wenig interessiert. "Wen interessiert hier Rußland?" – war eine mehrfach gehörte Rückfrage, auf unsere diesbezüglichen Angebote und Bitten um Finanzierungsunterstützung. Statt sachlicher Analysen dominieren die Schlagzeilen mit Skandal- und Horrormeldungen aus dem gegenwärtigen Rußland das öffentliche Meinungsbild in Deutschland.
Um so mehr verdienen die Freunde und Kollegen unseren öffentlichen Dank und unsere Anerkennung, die sich unbeirrt und unentgeltlich als Autoren und an den Übersetzungs-arbeiten, den technischen Redaktions- und Organisationsarbeiten beteiligten. Zuallererst gilt das für die 28 russischen Autoren, die sich trotz ihrer institutionell und persönlich prekären finanziellen Situation zur Mitarbeit ohne jedes Honorar bereit fanden. Aus dem Kreis der Übersetzer und der Beteiligten an den technischen Redaktions- und Organisationsarbeiten seien namentlich Olga Beljaewa, Tiggo Eichler, Günter Feudel, Walter Friedrich, Conrad Grau, Wladislaw Hedeler, Albrecht Kretschmar, Hubert Laitko, Hannamaria Loschinski, Tatjana Meischner, Helma Nehrlich, Gerhard Neuner, Jutta Petersdorf, Harry Scharfschwerdt, Dieter Strützel, Volker Strützel, Walentina Sytschewa und Dietrich Wahl genannt. In ihrer überwiegenden Mehrheit sind sie selbst ausgewiesene Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen mit und ohne bezahlte Beschäftigung, die sich solidarisch an diesem Projekt beteiligten. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung hat mitgeholfen, die notwendigen Arbeitskontakte zwischen Berlin und Moskau zu finanzieren. Dr. W. Weist vom trafo verlag Berlin war es, der die verlegerische Betreuung der vorbereiteten Manuskripte übernahm. Die Hans-Böckler-Stiftung hat mit einer finanziellen Unterstützung entscheidend dazu beigetragen, daß dieses Buch doch noch für die deutschsprachigen Leser in die Buchhandlungen und Bibliotheken kommt.
Wir hoffen, daß der nun vorliegende Sammelband russischer Soziologen mithilft, vorhandenes Wissen über Rußland zu vertiefen, anstelle verbreiteter Klischees differenzierte Einsichten zu vermitteln sowie die komplizierten und konfliktreichen Prozesse in Rußland zu problematisieren und zu diskutieren. Vielleicht und hoffentlich ergeben sich daraus neue, weiterreichende Wissenschafts- und Forschungskontakte zwischen russischen und deutschen Sozialwissenschaftlern für das 21. Jahrhundert.
Wladimir A.Jadow, Helmut Steiner
Vorwort 7
Wladimir A. Jadow / Helmut Steiner
Einleitung: Rußlands Gesellschaft im Umbruch 11
Helmut Steiner
Probleme der soziokulturellen Reformation in Rußland. Tendenzen und Hindernisse 21
Nikolaj I. Lapin
Typologie des Verhaltens in einer instabilen Gesellschaft. Mechanismen der Stabilität und der Instabilität 38
Nina F. Naumowa
Der "Homo Sowjeticus" fünf Jahre danach: 1989–1994 54
Jurij A. Lewada
Das Problem der Identität im Prozeß der radikalen sozialen Umgestaltung Rußlands 67
Galina M. Andreewa
Die Formierung der sozialen Identität der Persönlichkeit – soziologische und sozialpsychologische Mechanismen 73
Wladimir A. Jadow
Prozesse sozialer Stratifikation in der russischen Gesellschaft 109
Sinaida T. Golenkowa / Elena D. Igitchanjan
Soziale Mobilität 1986–1993 120
Michail F. Tschernysch
Die Business- Schicht der russischen Gesellschaft 127
Tatjana I. Saslawskaja
Alternative Tendenzen der sozialen Entwicklung des russischen Dorfes 153
Andrej A. Wosmitel
Differenzierung nach Hab und Gut – Armut und Reichtum beim Übergang zur Marktwirtschaft 164
Tatjana W. Jarygina / Marina A. Moschina
Obdachlosigkeit in Sankt Petersburg: Soziologische Etüden 17
Jakow I. Gilinskij
Die Macht und die Intellektuellen 185
Gennadij S. Batygin
Totalitarismus und Technik. Die Macht der Technik und die Technologie der Macht 193
Jurij N Dawydow
Intelligenz, Intellektuelle und Politik 202
Boris W. Firsow
Die Transformation der alten Nomenklatur-Kader in die neue russische Elite 213
Olga W. Kryschtanowskaja
Der Einfluß der neuen herrschenden Elite auf den Verlauf und die Resultate der russischen Reformen 244
Rosalina W. Rywkina
Das Bildungssystem und die Reproduktion der neuen Eliten 261
Wladimir N. Schubkin
Teil IV
RuSSland im Widerstreit der Perspektiven 270
Die russische Arbeiterbewegung und das Massenbewußtsein der Werktätigen: ein Übergangszustand 271
Leonid A. Gordon / Eduard W. Klopow
Kritik des russischen Autoritarismus 298
Jurij A. Krasin / Aleksander A. Galkin
Die Rettung der Grundlagenforschung Rußlands als soziales Problem 320
Wladislaw Sch. Kelle
Sex als Spiegel der russischen Revolution 330
Igor S. Kon
Die Modernisierung Rußlands unter dem Gesichtspunkt einer Soziologie des Konflikts 343
Andrej G. Sdrawomyslow
Industrialismus und Ökologie. Rußland an der Wegscheide der Kulturen 355
Oleg N. Janizkij
Rußland im europäischen soziokulturellen Raum 371
Boris S. Doktorow
Bio-bibiographische Angaben zu den Autorinnen und Autoren 388