[= Gesellschaft - Geschichte - Gegenwart, Bd. 17], trafo verlag 1999, 345 S., ISBN 3-89626-195-9, 22,80 EUR
Einen Tag vor den ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR am 18. März 1990 warf ein im Herbst 1989 politisierter DDR-Bürger einen Brief in den Postkasten. Adressat ist Hans Modrow, der vorletzte Ministerpräsident eines Staates, der sechseinhalb Monate später von der Landkarte verschwand: "Ich hatte mich im Oktober vergangenen Jahres im Rahmen des Neuen Forums nach besten Kräften für die Überwindung des alten Regimes und seitdem für eine Erneuerung unserer Gesellschaft engagiert. Nun bin ich doch recht enttäuscht darüber, daß von unseren Oktoberträumen offenbar nur eine schöne Erinnerung an Stolz und Selbstwertgefühl geblieben ist und daß Leute, die wir nicht gerufen haben, die Früchte unserer Revolution ernten werden."
Nach 1525,1848 und 1918 ging im Herbst 1989 in Deutschland zum vierten Mal das Volk für eine Revolution auf die Straße.
Mit dem Wissen um die folgende Entwicklung scheint der Lauf dieser Ereignisse zwangsläufig. Die Massen auf der Straße, an den Grenzübergängen - alle wollten die Einheit! Oder nicht? Gab es nicht die anderen Ziele für den Wandel einer selbstbestimmten, souveränen, demokratisch-sozialistischen DDR-Gesellschaft? Wirkten nicht gleichzeitig Rahmenbedingungen, Zufälle und geplante Aktionen in jene andere Richtung, die am 3. Oktober 1990 in den "Tag der Deutschen Einheit" mündete?
Der Verlauf der Ereignisse zwischen Herbst 1989 und Frühjahr 1990 im Osten Deutschlands, der DDR, war nur ein - wenn auch wichtiger - Teil eines weltweiten Umbruchs der ökonomischen, politischen und schließlich sozialen Verhältnisse. Der Wunsch, nur die Resultate zu vermelden, ist stark und verständlich. Aber diese Resultate erklären nur wenig. Was in den vier oder acht Monaten zwischen Oktober 1989 und Januar 1990 bzw. September 1989 und April 1990 auf deutschem Boden entschieden wurde, das hat über 40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte, Aufstieg, Verbrechen und Untergang des Faschismus, den Triumph des Staatssozialismus zur Voraussetzung. Darüber berichtet dieses Buch.
1. Vom schwierigen Umgang mit der Geschichte..................................9
• Geschichtsschreibung und Epochenwenden........................................................9
• Am "Ende der Geschichte" steht ihre Neubefragung........................................ 18
• Von der Vergänglichkeit der Gewißheiten.........................................................20
• Einen neuen "Historikerstreit" vom Zaune brechen?........................................24
• Eine Annäherung an die DDR...........................................................................28
• Mit der Distanz wächst die Einsicht..................................................................32
• Genetische Fehler der DDR...............................................................................52
2. Das Volk sucht einen Ausweg..........................................................63
• Ein Sonnabend im November - Aufbruch auf dem Alex.................................63
• Vom "Wir wollen raus" zum "Wir bleiben hier" -
die politische Krise bricht aus............................................................................78
• Die Opposition wird (fast) zur Gegenmacht......................................................90
3. Revolution oder Konterrevolution?............................................... 101
• Wer begann die Wende? - Die Überraschung weicht der Euphorie...............103
• Revolution contra "Wende in der Wende"....................................................... 105
• Von richtigen Verlierern und falschen Siegern.................................................111
• Die steckengebliebene Revolution - eine Zwischenbilanz............................. 116
• Wieviel Sozialismus war es?............................................................................121
• Das Perestroika-Syndrom.................................................................................132
• Die Schwierigkeit der Selbstkritik...................................................................138
• Eine zu früh gekommene Revolution?.............................................................154
• Die ausgefallene dritte Revolution..................................................................158
• Realsozialismus, Hegemonieapparat und Hegemonieverlust.........................166
4. Die Keime des Rückschlages......................................................... 175
• Ein Modell versagt...........................................................................................175
• Die politbürokratische "Demokratie" blamiert sich........................................183
• Das System geht fremd.....................................................................................185
• Der wirtschaftliche Offenbarungseid............................................................... 192
• Alles wissen und nichts verstehen...................................................................204
• Die Sowjetunion mischt mit und verspielt seine "Perle in der Krone"..........209
• Der Perestroika-Verzicht und der Verzicht auf das eigene Überleben............214
• Moskaus wankelmütige Freigabe der DDR.....................................................221
5. Die verlorene emanzipatorische Chance des Herbstes 1989.........233
• Der Thermidor..................................................................................................233
• Die leerlaufende Modrow-Reform...................................................................241
• Die Rückmeldung der nationalen Frage..........................................................256
• Kohl ergreift die Chance..................................................................................265
• Das "Wunder" von Dresden.............................................................................277
• PDS als Erbe des Herbstes 1989?....................................................................279
• Der Runde Tisch und die verpaßte Emanzipation...........................................289
• Eine Verfassung als Vermächtnis.....................................................................298
• Freie Wahlen fremdbestimmt...........................................................................302
6. Eine verkaufte Revolution?............................................................309
• Das blamierte Interesse....................................................................................311
• Was der Weg in die Einheit bringt...................................................................314
• Was verloren ging.............................................................................................315
• Mehr Markt, mehr Demokratie und weniger Lebensqualität..........................319
• Die Geschichte bleibt offen..............................................................................324
Abkürzungen und Sigel.......................................................................327
Namensregister....................................................................................335
Zum Autor...........................................................................................345