Adélaïde Hautval

Medizin und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Erlebnisbericht einer französischen Ärztin, die in die KZ-Lager Auschwitz und Ravensbrück deportiert wurde und dort Häftlingsärztin war

Hrsg. von Florence Hervé und Hermann Unterhenninghofen, trafo verlag 2005, ca. 150 S., ISBN 3-89626-189-4, ca. 15,00 EUR

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

Vorbemerkung zur deutschen Übersetzung

 

Vorwort von Anise Postel-Vinay

Wer war Dr. Adélaïde Hautval (1906 - 1988)?

 

Adélaïde Hautval:

Medizin und Verbrechen gegen die Menschlichkeit

In den Lagern Pithiviers und Beaune-la-Rolande

Im KZ Auschwitz
Die pseudo-medizinischen Versuche im Block 10 in Auschwitz
Im KZ Ravensbrück

 Chronologische Bibliographie .................................................................................

 

 

Französischer Originaltitel:

Dr. Adélaïde Hautval, Médecine et crimes contre l'humanité - Témoignage.

Manuscrit Déportation écrit en 1946, revue par l'auteur en 1987

Verlag Actes Sud, Arles 1991

 

Deutsche Übersetzung: H. Unterhinninghofen, Frankfurt/Main

 

Vorwort von Anise Postel-Vinay

Wer war Dr. Adélaïde Hautval (1906–1988)?

Frau Dr. Hautval stammt aus dem Elsass. In der Zeit, als Frankreich und ganz Europa unter dem nationalsozialistischen Joch litten, bot sie bei mehreren Gelegenheiten den deutschen Behörden die Stirn, indem sie bekräftigte, dass die "Juden Menschen wie die anderen sind". 1942 tat sie dies unter Gefährdung ihrer Freiheit, 1943, im KZ Auschwitz, unter Lebensgefahr.

Sie wurde im April 1942 verhaftet, als sie versuchte, heimlich die Demarkationslinie zu überqueren (die damals das unbesetzte vom - von Nazideutschland - besetzten Frankreich trennte), um sich ans Krankenbett ihrer Mutter zu begeben. Auf dem Bahnsteig in Bourges misshandelten deutsche Uniformierte eine jüdische Familie. Dr. Hautval mischte sich ein und sagte ruhig auf deutsch "Lassen Sie sie doch in Ruhe!" - "Aber sehen Sie denn nicht, dass es nur Juden sind?", sagte der Deutsche - "Ja und, sie sind doch Menschen wie die anderen. Lassen Sie sie zufrieden."

Dr. Hautval wurde ins Gefängnis von Bourges gebracht. Kollegen erreichten ihre Freilassung. Einige Wochen später wurde sie nach einem "Zwischenfall", den sie zu Beginn ihres Berichtes erzählt, zu einem Verhör geholt. "Widerrufen Sie, was Sie bezüglich der Juden gesagt haben, und Sie sind frei" - "Aber wie könnte ich etwas anderes sagen? Die Juden sind doch sehr wohl Menschen wie die anderen." - "Also, Sie verteidigen sie? Dann werden Sie auch ihr Schicksal teilen!"

Frau Dr. Hautval  wurde zunächst in die Internierungslager für jüdische Familien in Pithiviers und Beaune-la-Rolande*) geschickt. Sie war Lagerärztin und wurde hilflose Zeugin herzzerreißender Szenen. Sechs Monate später wurde sie nach Auschwitz deportiert, und zwar nicht über Drancy**) mit den Juden, sondern über Romainville mit dem Transport vom 24. Januar 1943: 230 Frauen, die meisten "Politische".

Zweieinhalb Monate nach ihrer Ankunft sind bereits 160 von ihnen tot. Frau Dr. Hautval lebt noch, aber sie leidet unter schlimmen Geschwüren an den Beinen. Sie wird als Ärztin in den Menschenversuchs-Block verpflichtet. Sie pflegt am Anfang noch nach besten Kräften die unglücklichen Opfer, aber eines Tages erhält sie den Befehl, den SS-Ärzten direkt zu helfen. Sie weigert sich. Bald darauf wird sie zum SS-Chefarzt zitiert. Sie antwortet auf seine Fragen, indem sie ihre Überzeugungen bekräftigt. Sie wird in ihren Block zurückgeschickt und erwartet, dass sie umgehend getötet wird. Als der Tötungsbefehl kommt, wird sie von einer Kameradin versteckt, einer deutschen "Politischen", die Kapo der Krankenstation ist.

Frau Dr. Hautval verkörperte die Unbeugsamkeit und die menschliche Würde in dieser Zeit der Hoffnungslosigkeit. Alle Mithäftlinge - Griechinnen, Deutsche, Österreicherinnen, Französinnen, Belgierinnen, Holländerinnen, Tschechinnen, Polinnen, Jugoslawinnen oder Sowjetfrauen - haben hohen Respekt und Bewunderung für sie behalten.

Haïdi Hautval wurde 1906 in Hohwald im Elsass als letztes von sieben Kindern des Pastors Haas-Hautval geboren. Das Elsass war zu dieser Zeit von den Deutschen annektiert. Sie war ein fröhlicher und entschlossener Mensch. Die Grundschule absolvierte sie in deutscher, das sich anschließende Gymnasium von Guebwiller in französischer Sprache; Guebwiller gehörte seit 1918 wieder zu Frankreich. Sie studierte Medizin in Straßburg und arbeitete als Assistentin des Psychiatrieprofessors Pfersdorf im dortigen Krankenhaus. 1933 schrieb sie ihre Doktorarbeit.

Als Ärztin arbeitete sie in verschiedenen Krankenhäusern für Erwachsene und für Kinder, in Hohwald, Straßburg, Küsnacht bei Zürich und schließlich in Lannemezan (in den Pyrenäen).

Nach ihrer Befreiung 1945 aus dem Konzentrationslager arbeitete Frau Dr. Hautval als Schulärztin in Besançon und in einer nördlichen Vorstadt von Paris.

Als wir sie baten, über ihre Erfahrungen im KZ zu berichten, verweigerte sie sich nicht. Sie tat dies in verschiedenen Veröffentlichungen, vor allem in Büchern und Zeitschriften der Deportierten oder aus Anlass von Prozessen gegen verbrecherische Ärzte. Sie blieb im Dienst für ihre ehemaligen Kameradinnen wirksam, aber im Hintergrund.

Nachdem eine alte  Freundin gestorben war, mit der sie lange gelebt und die sie über Jahre gepflegt hatte, entschloß sich Frau Dr. Hautval, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie bereitete sich lange und gründlich darauf vor. Und als sie alles in Ordnung gebracht hatte, überschritt sie ruhig und freiwillig die letzte Schwelle.

Auf Bitten ihrer ehemaligen deportierten Kameradinnen hatte Frau Dr. Hautval eingewilligt, ihre Notizen über die Deportation zu veröffentlichen, die sie 41 Jahre vorher niedergeschrieben hatte und die in ihrer ursprünglichen Fassung geblieben waren. Warum hat sie sie wohl so lange unter Verschluss gehalten? War es der Wunsch, ein für alle Mal die Verirrungen der Menschheit zu begraben, auf dass man sie nie wiedersehen würde? War es ihr psychisch unmöglich, das Unsagbare ihren Nächsten weiterzusagen?

Frau Dr. Hautval war eine zurückhaltende Frau. Sie hat über das Manuskript mit niemandem gespro­chen. Aber verschiedene sehr schwerwiegende Ereignisse der Nachkriegszeit könnten sie zu dem Entschluss gebracht haben, ihr Schweigen zu brechen. Da war die Milde der deutschen Gerichte gegen verbrecherische Ärzte. Da waren Entwicklungen in der Wissenschaft und in der Medizin, in denen sie, wie sie 1972 schrieb, "unter einer versteckten Form den Nazi-Übermenschen sah, der niemand Rechen­schaft schuldig ist und der sich als der Herr über alles empfindet  - noch vor Gott .... Werden wir eines Tages von Friedens-Verbrechern sprechen müssen?"

Schließlich gab es in den 80er Jahren eine Kampagne mit dem Ziel, die Massenvernichtung in den Konzentrationslagern zu leugnen, und das erfüllte sie mit Angst. Konnte man die Wahrheit auslöschen? Sie arbeitete daraufhin aktiv an dem Dokumentationsband "Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas" (von Eugen Kogon, Hermann Langbein, Adalbert Rückerl; Frankfurt 1983) mit. Und in diesem Zusammenhang übergab sie ihre persönlichen Notizen ihren Kameradinnen zur Veröffentlichung.



*)         Ca. 80 km von Paris und 50 km von Orleans gelegen

**)       Im Lager Drancy bei Paris, dem „Vorhof des Todes“, wurden die Juden Frankreichs zusammengetrieben und dann deportiert - Anmerkung des Übersetzers