Klinkmann, Horst / Wöltge, Herbert (Hrsg.)

1992 – Das verdrängte Jahr. Dokumente und Kommentare zur Geschichte der Gelehrtensozietät der Akademie der Wissenschaften für das Jahr 1992

[= Abhandlungen der Leibniz-Sozietät, Band 2], trafo verlag 1999, 290 S., zahlreiche Dokumente, ISBN 3-89626-179-7, 22,80 EUR 

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Vorbemerkung

Im Jahre 2000 wird die Leibnizsche Akademie in Berlin 300 Jahre alt. Der visionäre und Erinnerungsrausch, den die Jahrhundert- und Jahrtausendwende allerorts schon vorher ausgelöst hat, wird diesem Ereignis der deutschen und europäischen Wissenschaftsgeschichte in Berlin ganz sicher seinen Stempel aufdrücken, ihm aber auch einen besonderen Platz gewähren: Jubiläen dieser Zeitspanne und dieser Güte gehören in der Bundeshauptstadt und erst recht im Bereich ihrer Wissenschaft zu den absoluten Raritäten.

Wenn dieses Buch erscheint, haben Geschichtsschreibung, Wissenschaft und Politik möglicherweise das Ereignis bereits zum willkommenen Anlaß genommen, sich ihrer historischen Wurzeln zu vergewissern. Insbesondere die Politik wird versuchen, die zeitgenössische Existenz der jubilierenden Einrichtung in Gestalt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften als Ergebnis ihrer aktuellen Nachwende-Bemühungen glaubhaft zu machen. Sie ist für sie der der Asche der letzten Jahrzehnte entstiegene Phönix der Berliner Wissenschaftspolitik.

Die Geschichtsschreibung wird die Dinge nüchterner sehen. Sie wird das historische Kontinuum einer ehrwürdigen Institution vorführen, auf das wechselvolle Schicksal der Leibnizschen hochansehnlichen Gelehrtengesellschaft in den Wirren der Jahrhunderte verweisen, ihren Glanz rühmen und ihr Elend nicht verschweigen. Sie wird beschreiben, wie sie wirkte und wie sie fehlte - ausführlich, gründlich, gewissenhaft, der Suche nach der historischen Wahrheit verpflichtet.

Wenn nicht alles täuscht, wird es ein Kontinuum mit zeitgenössischen Lücken geben. An einigen Stellen läßt sich die historische Wahrheit noch Zeit. Noch sieht man wenig Bewegung bei der Entzerrung von politisch geprägten Deutungsmustern für die jüngste Geschichte der Berliner Akademie. Die hier bestehenden Defizite sind unverkennbar, die Sicht auf die tatsächlichen Vorgänge der letzten Jahre und Jahrzehnte ist noch weitgehend versperrt, das Verständnis neuer Entwicklungen belastet. Das Urteil über diesen Abschnitt der Geschichte wird weiterhin vor allem die Abhängigkeit des Urteilenden von seiner politischen Meinung über die Entwicklungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts reflektieren.

Beispielhaft ist das an den Auffassungen über die Jahre 1990/1992 abzulesen, die ganz ohne Zweifel in mehrerer Hinsicht für die Akademie ereignis- und konfliktreicher waren als viele vorangegangene Jahre und Jahrzehnte. Ihre akademiehistorischen Zäsuren waren gravierend und brachial, bei ihrer Aufbereitung steht die Geschichtswissenschaft wohl erst am Anfang und noch ganz im Banne der Politik. Entscheidende Bedeutung für das Schicksal der Akademie kam dem Einigungsvertrag zu, der dem Land Berlin 1990 mit Art. 38(2) die Aufgabe zuwies, die Gelehrtensozietät der Akademie der Wissenschaften der DDR auf landesrechtlicher Ebene fortzuführen. Der Senat, mit Rückendeckung durch das Abgeordnetenhaus, entschloß sich, den Einigungsvertrag in dieser Frage zu ignorieren und die Gelehrtensozietät mit dem Ende des Jahres 1991 für aufgelöst zu halten und eine andere Akademie in der Nach- und Erbfolge der Leibnizschen Akademie zu errichten.

Für die Berliner Wissenschaftspolitik war 1992 somit das Jahr, in dem es ihr gelang, die Berliner Akademie an ihrer jüngsten Vergangenheit vorbei an die längst in der Deutschen Akademie der Wissenschaften aufgegangene Preußische Akademie der Wissenschaften anknüpfen zu lassen. Mit der Gründung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, so die offizielle Sicht, werde die Geschichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften fortgesetzt.

Den Historikern bereitete diese Sicht erhebliche Verlegenheit in zwei Fragen. Unklar blieb erstens, wie man die Geschichte der Akademie in der Zeit seit 1945 zu behandeln und zu sehen hatte, ob sie zu dem zu bejubelnden Kontinuum gehörte oder ob sie vielleicht außerhalb der Geschichte der Leibnizschen Gründung ein noch einzuordnendes aliud darstellte, was in der gedanklichen Konsequenz im Hinblick auf das Kontinuum zu der Annahme führen müßte, daß jene Berliner Akademie, die dem Kontinuum zuzurechnen sei, über die DDR-Zeit hinweg ein abstraktes, allgemeines Dasein ohne leibhafte, reale, auf den Zweck der Wissenschaft gerichtete Existenz geführt habe - ein seltsames, bleichsüchtiges, konturloses Gebilde, aus fehlgeleiteter verwaltungsjuristischer Vorstellungskraft geboren, das nur Politiker als politisch zweckmäßig hinnehmen und begründen konnten. Beim vernunftorientierten Historiker dagegen durfte man erwarten, daß er dieses Kon-strukt nur bei ungeheurer Sympathie für die Wissenschaftspolitik des Landes Berlin eine Zeit lang tolerieren konnte.

Und zweitens blieb offen, unter welchen Umständen die Gelehrtensozietät, der Restposten aus dieser Geschichte, im Jahr 1992 "vereinigungsbedingt" verschwand.

Zur ersten Frage entwickelte sich eine bis heute nicht beendete Debatte, deren Verlauf die Hoffnung nährt, sie könne sich von aktuellen Politikbedürfnissen allmählich freimachen und sich stärker dem tatsächlichen historischen Ablauf zuwenden. Sachlichkeit setzte sich bei der historischer Betrachtung insofern durch, als das Kontinuum für diesen Zeitabschnitt von den Historikern heute nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt wird. Die Geschichte der DDR-Akademie ist Teil der Geschichte der Berliner Akademie. Aufweiche Weise sie das ist, ist umstritten und bedarf der weiteren wissenschaftlichen Meinungsbildung.

Die zweite Frage wird weiterhin offiziell verdrängt. Sie berührt die Schwachstelle des politischen Konzepts zur Fortführung der Akademie in Berlin nach der Wende. Berliner Akademiegeschichte endet zur Zeit 1990 und beginnt Mitte 1992 neu mit dem Inkrafttreten des Staatsvertrages über die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften am 1. August 1992. Selbst wenn man 1990 und 1991 als akademiehistorisch noch nicht aufgefüllte Leerstellen außer Betracht läßt, kann man nicht daran vorbeigehen, daß 1992 nicht nur die Akademie des Staatsvertrages entstand, so wichtig das als Ereignis für die Wissenschaftsgeschichte in Berlin ist.

1992 war das Jahr, in dem aus der Akademie des Einigungsvertrages, der Gelehrten-sozietät der Akademie der Wissenschaften der DDR, die Leibniz-Sozietät hervorging, jene schon vorher in banger Ahnung als unausrottbare societas! apostrophierte Wissenschaftlervereinigung, die sich auf das direkte personelle Kontinuum in der Nachfolge der Akademie der Wissenschaften der DDR und der ihr vorangegangenen Deutschen und Preußischen Akademie der Wissenschaften beruft. Für diese Ereignisse haben bislang weder Politik noch offizielle Akademiegeschichtsschreibung einen Platz in der Akademiegeschichte vorgesehen. Fakten, Ereignisse und die Schlußfolgerungen daraus sind vom offiziellen Vergessen bedroht. Das schafft Lücken, in denen sich eine selbstausschmückende Legendentätigkeit entfaltet, die historische Versatzstücke liefert und damaliges Handeln moralisch legitimieren oder delegitimieren soll.

Die Herausgeber verfolgten mit der vorliegenden Publikation zunächst die Absicht, die Reihe der Jahrbücher der Deutsche Akademie der Wissenschaften/Akademie der Wissenschaften der DDR fortzusetzen und abzuschließen. Die Reihe begann mit einem Band für die Jahre 1946–49. Zuletzt erschien ein Jahrbuch für die Jahre 1990/91 2. Ursprünglich war vorgesehen, dieses zunächst letzte Jahrbuch nicht nur für den Zeitraum 1990/91, sondern - historisch genauer — bis 1992 auszulegen. Dieses Konzept mußte auf Betreiben der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung fallen gelassen werden, da es mit der Rechtssauffassung des Senats von Existenz oder Nichtexistenz der Gelehrtensozietät kollidierte. Für den Senat galt, wie schon erwähnt, die Gelehrtensozietät 1991 als aufgelöst. Ihre Existenz noch 1992 mußte er als ein unerwünschtes und unerlaubtes Relikt der jüngsten Vergangenheit ansehen, das ihm aus ordnungs- und machtpolitischen, juristischen, vermögensrechtlichen und anderen Gründe suspekt war. Noch Zuwendungsgeber für die technischen Kosten des Jahrbuchs 1990/91, sah der Senat keinerlei Veranlassung, die Herausgabe eines das Jahr 1992 einschließenden Jahrbuches einer institutio non grata zu fördern, für das er weder einen Voraussetzungsträger noch einen historischen Anspruch erkennen und anerkennen wollte. Die letzten Monate der Gelehrtensozietät und ihre Wandlung zur unausrottbaren societas im Jahre 1992 blieben undokumentiert.

Den Herausgebern mußte es demzufolge um mehr gehen als nur darum, einer einfachen Chronistenpflicht nachzukommen und mit der Veröffentlichung von Dokumenten aus dem Jahr 1992 eine zeitliche Lücke in der Jahrbuch-Dokumentation zu schließen. Es wurde zu ihrer festen Absicht, die Ereignisse des Jahres 1992 nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und mit den Dokumenten Fakten festzuhalten, die alle Chancen hatten, nicht oder erst nach frühestens 30 Jahren publiziert zu werden. Sie hätten es für ein grobes Versäumnis und für eine kulturelle Mißachtung gegenüber der Geschichte der Gelehrtensozietät und der Berliner Akademie insgesamt gehalten, diesen Zeitraum aus politischen Gründen quasi per Dekret aus der Geschichte auszublenden und undokumentiert zu lassen. Sie betrachten ihre Veröffentlichung als Beitrag zur Objektivität einer notwendigen Urteilsfindung über diese Zeit.

Die Autoren kommen damit vor allem dem Wunsch der eigentlich Betroffenen nach, die verständlicherweise eine andere Sicht auf Art. 38(2) EV hatten als die offizielle Politik. Für sie, für ihr Leben, für ihr Wirken als Wissenschaftler, war dieser Zeitabschnitt von substantieller Bedeutung. Sie bezogen das Fortführungsgebot des Einigungsvertrages im Wortsinne auf das eigentliche Subjekt von Art. 38(2), auf die Gelehrtensozietät und ihre Mitglieder und damit auf sich selbst. Sie waren es auch, die das Bedürfnis nach einer objektiven Dokumentation der Ereignisse äußerten, die sie erlebt und zu einem Teil auch gestaltet hatten. Dies wollten sie am Ende nicht einem flachen öffentlichen Urteil überlassen, in dem sich damalige tagespolitische Beiläufigkeit und historische Legendenbildung vielfach zu sich gegenseitig stützenden Fehl- und Vorurteilen zusammenfanden.

Unsere Dokumentation übernimmt die traditionellen statistischen Bestandteile bisheriger Jahrbücher: Arbeit von Plenum und Klassen, Struktur, Personalia, Gremien der Gelehrtensozietät. Angeknüpft wird aber auch an die in Jahrbuch 1990/ 91 erstmals eingeführte chronologisch aufgebaute Dokumentation. Der von P. Th. Walther stammende und den Zeitumständen geschuldete Gedanke, eine solche Dokumentation einzufügen, damit sich der Leser ein fundiertes Urteil über die darin abgebildeten Ereignisse erlauben kann, führte zu einem wertvollen und aufschlußreichen Dokumententeil und hob das Jahrbuch 1990/91 von seinen Vorgängern ab. Allerdings ist dieser Abschnitt im Jahrbuch 1990/91 unübersichtlich, teilweise unverständlich, stark lückenhaft und außerdem der politischen und Rechtsauffassung des Zuwendungsgebers gemäß gefiltert und nur bis Ende 1991 geführt. Er bricht dort ab. Es bleibt einer späteren Arbeit vorbehalten Dokumen

tation und Interpretation des Jahrbuchs 1990/91 zu vervollständigen, soweit die bundesarchivgesetzliche Verfügbarkeit der Dokumente dem nicht Schranken setzt. Das würde einschließen, die Ereignisse dieser beiden Jahre weiter historisch aufzuarbeiten.

Die Dokumentation wird an das Jahrbuch 1990/91 anschließen und Ende 1991 einsetzen Sie wird die Entwicklung bis zur Beendigung der Tätigkeit der Gelehrtensozi etät im Sommer 1992 dokumentieren. Der Dokumententeil enthält 79 bisher zum größten Teil nicht veröffentlichte Materialien. 73 sind aus dem Jahre 1992, in fünf Fällen erfolgt ein Rückgriff auf Dokumente aus dem Jahr 1991; ein Dokument ist vom Frühjahr 1993. Hinzuweisen ist auch auf zwei Dokumente aus dem 2. Halbjahr 1992, die den Übergang eines Teils der Mitglieder der Gelehr-tensozietät zur Leibniz-Sozietät kennzeichnen. In einer ausführlicheren Einleitung wird die Problemlage der Gelehrtensozietät zu Beginn des Dokumentationszeitraumes dargestellt.

Um eine bessere Übersichtlichkeit und Handhabbarkeit zu erreichen, hielten wir es für angebracht, zwar an der chronologischen Darbietung festzuhalten, die Dokumente jedoch thematisch zu gruppieren und sie in dann chronologisch aufgebauten Abschnitten zusammenzufassen: So entstanden die Abschnitte über die Tätigkeit des Plenums und der Klassen (einschließlich des Evaluierungsverlaufes und der Arbeit des Geschäftsführenden Präsidiums), über das Verhältnis der Gelehrtensozietät zur Landespolitik (mit dem Material zur Planungsgruppe, zum Vorgehen der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung und zu den parlamentarischen Bemühungen um den Staats vertrag), weiterhin ein Abschnitt über Rechtsfragen und ein letzter Abschnitt zu Vermögens fragen. Obwohl sich Überschneidungen von der Sache her nicht vermeiden ließen, schien dies noch sinnvoller als eine nur der Chronologie verpflichtete Abfolge der Dokumente.

Die Herausgeber waren der Meinung, daß - anders als im Jahrbuch 1990/91 - das Verständnis der Dokumente und der in ihnen enthaltenen Zusammenhänge durch Erläuterungen zu unterstützen sei. So kam es zu einer z. T. ausführlichen Kommentierung einzelner Dokumente, die auch auf die Vorgeschichte der einzelnen Probleme Bezug nehmen und diese gelegentlich mit weiteren zeitgenössischen Materialien ausstatten mußte. In einem allgemeinen Kommentar zu jedem Abschnitt wird jeweils in die Dokumenten- und teilweise in die Problemlage eingeführt. Hauptabsicht blieb jedoch stets, mit Dokumentierung und editorischer Interpretation Quellengrundlagen zur Verfügung zu stellen und die weitere wissenschaftliche Bearbeitung dieses Abschnitts der Geschichte der Berliner Akademie anzuregen. Wir hoffen, daß unsere Dokumentation dem Nutzer eine Vorstellung davon vermittelt, wie sich die Dinge 1992 tatsächlich verhielten.

Es liegt den Herausgebern am Herzen zu betonen, daß sie bemüht waren, bei der Sicht auf die Dokumente eine sich anbietende Weißbuchmentalität zu vermeiden und bei der Interpretation der Dokumente Wertungen nur aus der Sache, aus den offerierten Fakten heraus zu treffen. Sie sehen Objektivität in der Darstellung des Gegenstands und seine Bewertung als notwendige Ergänzung und nicht als Gegensätze an. Wo Interpretationen Vermutungen sind, werden sie, soweit es den Autoren bewußt wurde, als solche bezeichnet, wo Fragen offen bleiben, wird nach Möglichkeit darauf verwiesen. Die Autoren müssen aber einräumen, daß dies vielleicht noch nicht in allen Teilen mit dem gebotenen Abstand vom behandelten Gegenstand geschehen sein könnte.

Das Nachwort allerdings wird nach dem Willen der Autoren den Leser aus dem Bereich der Information und Fakten in das Reich der Meinung, der rationalen wie emotionalen und moralischen Wertungen fuhren. Hier wollen die Autoren ihre sicher oft noch sehr subjektive Sicht auf die Ereignissen darstellen, deren Zeitzeugen sie waren und die sie meist selbst miterlebt und miterlitten und die sie wenigstens teilweise mitgestaltet haben. Sie werden ihre eigenen Auffassungen und Vermutungen schildern und auch auf Probleme hinweisen, die noch nicht abschließend untersucht sind. Sie werden auch ihrem Gemüt auf rational kontrollierte Weise freien Lauf lassen.

Die Herausgeber haben den vielen Mitgliedern der Gelehrtensozietät und der Leibniz-Sozietät zu danken, die sie bei ihrem Bemühen unterstützt und in ihrem Vorhaben bekräftigt haben. Insbesondere danken sie Wolfgang Eichhorn, Herbert Hörz, Samuel Mitja Rapoport, Conrad Grau, Hermann Klenner und Richard Klar, die Anteil am Fortgang der Arbeit genommen haben. Sie haben es als angenehm empfunden, einem verständigen und engagierten Verleger wie Wolfgang Weist in die Hände gefallen zu sein, der für die gewiß schwierige Drucklegung sorgte.

Rostock und Berlin, den 1. August 1999

Horst Klinkmann         Herbert Wöltge

 

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1 Die Bezeichnung stammt von dem Vorsitzenden der Planungsgruppe, Christian Meier. In einem Schreiben an die Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung vom 17. Juli 1991 äußerte er "sehr starke Zweifel, ob es gelingt, die Auflösung der bisherigen Gelehrtensozietät samt der 'Entlassung' all ihrer Mitglieder notfalls vor Gericht" durchzuhalten. In einem weiteren Schreiben vom 22. August 1991 führt er diesen Gedanken weiter aus: Im Einigungsvertrag sei "impliziert, daß die Gelehrtengesellschaft fortgeführt werden soli, nur das Wie ist einer landesrechtlichen Regelung überlassen. Wenn, wie Herr Klinkmann immer beteuert, im Entwurf des Vertrages ursprünglich sogar gestanden hat: 'ob und wie' und das 'ob' erst nachträglich gestrichen wurde, ist die Implikation noch stärker, denn die Absicht, daß über das Ob die Entscheidung nicht freigestellt werden soll, wäre damit ja deutlich manifestiert. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir ganz aus dieser Lage herauskommen. Kann man sich qua 'föderative Rechte' aus einem Vertrag lösen, dem das Land Berlin doch wohl im Bundesrat zugestimmt hat? ...Wenn aber nicht, kann man dann eine societas ohne die Socii 'fortführen'?" Mann müsse sich vorbereiten "darauf, um es genau zu sagen, daß uns ein Gericht den Tatbestand einer, aufs ganze gesehen, unausrottbaren societas beschert."

2 Jahrbuch 1990/91 der Akademie der Wissenschaften der DDR und der Koordinierungs- und Abwicklungsstelle für die Institute und Einrichtungen der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR (KAI-AdW). Herausgegeben von der Koordinierungs- und Aufbau-Initiative für die Forschung in den Ländern Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen e.V. (KAI e.V.) unter Mitwirkung von Mitgliedern und Mitarbeitern der ehemaligen Gelehrtensozietät. Akademie Verlag Berlin 1994. Im folgenden zitiert als: JB (Seitenzahl). Rezensiert in: Das letzte Jahrbuch der DDR-Akademie (Herbert Wöltge), Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät 9(1995)10, S. 113ff.