Barrieren und Karrieren
Die Anfänge des Frauenstudiums in Deutschland
Das Jahr 1908 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Frauenstudiums in Deutschland. Endlich öffneten die preußischen Universitäten – als letzte im Reich – für Frauen ihre Tore. Deutschland lag damit im internationalen Vergleich weit hinten. Vorher hatte es für Frauen nur die Möglichkeit gegeben, per Ausnahmeregelungen den Doktorgrad zu erwerben.
1897 hatte die Veröffentlichung einer Umfrage an den Universitäten für Aufsehen gesorgt: A. Kirchhoffs Studie Die akademische Frau zeigte zwar eine wachsende Tendenz unter den Professoren, das Frauenstudium nicht mehr generell abzulehnen, aber sie verdeutlichte auch die Langlebigkeit der Vorurteile über die wissenschaftliche Befähigung des weiblichen Geschlechts, ganz im Sinne des damals herrschenden Frauenbildes.
Die Aufsätze dieses Bandes sind Beiträge einer Tagung an der Universität Bremen, die den Anfängen des Frauenstudiums in Deutschland galt. Verschiedene Universitäten und Fächer,
Biographien von Wissenschaftlerinnen und das Studentinnenleben in den ersten Jahren werden behandelt, sowie das düstere Kapitel der nationalsozialistischen Verfolgung und Vertreibung jüdischer WissenschaftlerInnen, die oft dem Vergessen anheimfielen.
Mögen sich auch am Ende unseres Jahrhunderts die Verhältnisse an den deutschen Universitäten gewandelt haben – gut die Hälfte der Studienanfänger ist weiblichen Geschlechts –, so können wir eine Erfolgsgeschichte des Frauenstudiums doch noch nicht schreiben. Der Karriereweg von Frauen endet auch heute meist vor der letzten Barriere, der Stufe zur Professur.
Inhalt
Barrieren und Karrieren des Frauenstudiums in Deutschland 9
Elisabeth Dickmann & Eva Schöck-Quinteros (Hrsg.)
Professionalisierungsprozesse akademischer Berufe und Geschlecht – ein internationaler Vergleich 13
Ilse Costas
Teil 1: Das Frauenstudium in den Sozial- und Kulturwissenschaften
Die Poetik des Verlustes. Margarete Susmann (1872–1966) als Kulturwissenschaftlerin 35
Heike Brandstädter
Die Historikerin Hedwig Hintze (1884–1942): Kein Ort – nirgends 45
Elisabeth Dickmann
Die Exilierung der Wissenschaften – weiblich. Zur Dimension der Folgen und zu ihrem Stellenwert in der Emigrationsforschung 61
Hiltrud Häntzschel
Dora Benjamin: "... denn ich hoffe nach dem Krieg in Amerika arbeiten zu können." Stationen einer vertriebenen Wissenschaftlerin (1901–1946) 71
Eva Schöck-Quinteros
Generation und Anerkennung: Wissenschaftlerinnen im frühen 20. Jahrhundert 103 Theresa Wobbe
Die Lage der Akademikerinnen in der Erziehungswissenschaft der Nachkriegszeit (1945–1955) 121
Christa Kersting
Teil 2: Medizinstudium und der Beruf der Ärztin
Die Lebensentwürfe und Reformvorschläge der Ärztin Hope Bridges Adams Lehmann (1855–1916) 143
Marita Krauss
Die Kliniken weiblicher Ärzte für Frauen in Berlin (1877–1914) 159
Kristin Hoesch
Ärztliche Schulaufsicht. Ein neues Berufsfeld für Ärztinnen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik 167
Sabine Schleiermacher
Wissenschaftspolitik im Kaiserreich entlang der Trennungslinie Geschlecht. Die ministerielle Umfrage zur Habilitation von Frauen aus dem Jahre 1907 177
Eva Brinkschulte
Teil 3: Frauen in den Naturwissenschaften
Die ersten Karriereschritte – Physikerinnen im Berliner Raum zwischen 1900 und 1945 195
Annette Vogt
"Aller Männerkultur zum Trotz": Frauen erwerben den Doktortitel in Mathematik 231
Renate Tobies
Maria Gräfin von Linden. Wissenschaftlerin an der Universität Bonn von 1899 bis 1933 253
Susanne Flecken
Zum Problem wissenschaftlicher Objektivität: Geschlechtsunterschiede aus männlicher und weiblicher Sicht 271
Tekla Reimers
Teil 4: Studentinnen
Über Faszination und Ausgrenzung der Universität in den Anfängen des Frauenstudiums 283
Wiltrud Ulrike Drechsel
"Schwestern reicht die Hand zum Bunde"? – Zum Verhältnis zwischen russischen und deutschen Medizinstudentinnen in den Anfängen des Frauenstudiums (1865–1914) 293
Anja Burchardt
Preis der Partizipation. AStA-Beteiligung der Studentinnenvereine vor dem Ersten Weltkrieg 303
Marianne Koerner
Studentinnen vor 1939 – Eine Fallstudie zur Entwicklung des Frauenstudiums 315
Heike Hessenauer
Teil 5: 100 Jahre BGB, 100 Jahre Frauenstudium der Rechtswissenschaften
Garantinnen gegen "Männerjustiz"? Die ersten deutschen Juristinnen im Zwiespalt zwischen frauenfeindlichen Rechtsnormen und Frauenbewegung 331
Beatrix Geisel
100 Jahre Frauen in der Rechtswissenschaft – Zur Beteiligung von Juristinnen am wissenschaftlichen Diskurs 343
Ursula Rust
100 Jahre BGB: Das Familienrecht als die (un)heimliche Verfassung des Patriarchats 363
Konstanze Plett und Sabine Berghahn
Personenregister 383
Weitere Informationen zur Hedwig Hintze-Gesellschaft für historische Forschung und Bildung e.V. Bremen finden Sie unter der Adresse: