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Ohlerich, Gregor

Stephan Hermlins Verhältnis zur Arbeiterklasse: Zwischen Bürgertum und Sozialismus

[=Zeitstimmen, Bd. 2], trafo verlag 2000, 100 S., geb., ISBN 3-89626-157-6, EUR 19,80
 

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Rezensionen

 

Inhaltsverzeichnis

VORWORT 9
PD Dr. Hannelore Scholz

EINLEITUNG 11

TEIL I. DER KULTURELL-POLITISCHE RAUM IN DER DDR 17

I.1  Die Bedeutung der Kultur für die Politik der DDR 17
I.2  Der kulturell-politische Raum 22
I.2.1  Einige Modifikationen der Theorie des sozialen Raumes von Pierre Bourdieu 22
I.2.2  Die Fraktion der PolitikerInnen 25
I.2.3 Die Fraktion der SchriftstellerInnen 29
I.2.4  Die Gesamtheit des Raumes und seine Grenzen 33
I.3 Sprache als Legitimationsstrategie  34

TEIL II. STEPHAN HERMLIN – DIE PERSON 37

II.1 Einführung des Habitusbegriffes nach Pierre Bourdieu 37
II.2  Akkumulation von geerbtem und erworbenem Kapital 39
II.2.1 Geerbtes Kapital – Das Elternhaus 40
II.2.2 Erworbenes Kapital – Die Bildungseinrichtungen 43
II.3 Stephan Hermlins Habitus der Gerechtigkeit 45
II.4 Der Habituswandel als Abschied vom Bürgertum 48
II.5 Spezifische Folgen des Habituswandels 54
II.6  Der ‘neutrale Ort’ 56
II.7 Die Position des Schriftstellers Stephan Hermlin im kulturell- politischen Raum sowie die dort herrschenden Zwänge 59
II.7.1 Stephan Hermlin und sein Publikum 59
II.7.2 Das spezifische Interesse des Staates an der Literatur 61

TEIL III. STEPHAN HERMLIN – DAS WERK 65

III.1 Die Beziehung zwischen Habitus und Text 65
III.2 Analyse einer Erzählung: ‘Arkadien’ zum Beispiel 68
III.2.1 Der Intellektuelle Louis und das Feld der Arbeiterklasse 69  III.2.2 Die raumstrukturierenden Positionen ‘Arkadiens’: Der Arbeiter Charlot und eine Bäuerin 73
III.2.3 Marcel als Beispiel von Veränderung innerhalb gegebener Grenzen. Seine Entwicklung vom Kollaborateur zum Partisan 79
III.3 ‘Die erste Reihe’ versus ‘Der Leutnant York von Wartenburg’ 84
III.4 ‘Die Kommandeuse’ und der 17. Juni 1953. Ein erneuter Wendepunkt im Leben Stephan Hermlins? 89

SCHLUßBETRACHTUNGEN 95

LITERATURVERZEICHNIS 99

Über den Autor 107

* * *

Auszug

Vorwort

Der 1997 verstorbene Stephan Hermlin gehört zu den wichtigen und bekannten, aber auch umstrittenen Autoren der DDR. Die ambivalenten Bewertungen ergaben sich vordringlich aus seinen politischen Positionen. So galt er den einen als Vertreter der Bourgeoise, den anderen als Staatspropagandist.
In dem vorliegenden Buch wird anhand der biographischen Entwicklung Stephan Hermlins gezeigt, welche persönlichen und gesellschaftlichen Bedingungen zu dieser widersprüchlichen Haltungen führten. Es wird paradigmatisch an seinem zwiespältigen Verhältnis zur Arbeiterklasse entwickelt, der in der sozialistischen Gesellschaft eine ideologische Führungsrolle zugesprochen wurde. Als Mittelpunkt aller gesellschaftlichen Diskurse war das Proletariat auch für Stephan Hermlin Thema und Motiv seiner Werke. Aus diesem Grunde ist es aufschlußreich, wie Gregor Ohlerich die wissenschaftlichen Analyse schwerpunktmäßig mit dieser Problematik verknüpft.
Im ersten Teil des Buches werden, ausgehend von der Bedeutung der Kultur für die Ideologiestrategie in der DDR vom Verfasser sehr überzeugend die Aporien herausgearbeitet, die zwischen den PolitikerInnen und SchriftstellerInnen bestanden. Deutlich wird, daß die ständigen Kämpfe und Konflikte um die Autonomie im literarischen Feld nicht nur negative Folgen hatten.
Gregor Ohlerich gelingt es, entscheidende Faktoren des kulturellen Wandels in der frühen DDR darzustellen. Für diese Beschreibungen wird die “Theorie des sozialen Raumes” des französischen Soziologen Pierre Bourdieus von ihm in zweifacher Hinsicht modifiziert. Sie wird einerseits übertragbar auf sozialistische Gesellschaftsordnungen, andererseits ermöglicht sie eine literatursoziologische Analyse besonderer Art.
Im zweiten Teil entwickelt der Autor vor dem Hintergrund der sozialen Herkunft Stephan Hermlins einen Habitusbegriff. Gregor Ohlerich unterstreicht die besonderen Bedingungen einer jüdisch und bürgerlich sozialisierten Kindheit und Jugend, die im Falle Hermlins zu einem Habitus der Gerechtigkeit führten. Die Erschütterung dieses Habitus durch den Verfall bürgerlicher Werte erzwang die Hinwendung zur Sozialutopie Sozialismus.
In dieser Studie wurde eine Fülle von Material aufgearbeitet, um den Habituswandel überzeugend herauszustellen. Der Verfasser verliert sich dabei nicht in Details, sondern verfolgt eine klare Argumentationslinie. In seiner Positionierung des Autors Stephan Hermlin geht es um Ambivalenzen im kulturell-politischen Raum in Abhängigkeit von persönlichen Konditionen und “verordneter” Ideologie.
Im dritten Teil des Buches legt der Verfasser eine sehr genaue und subtile Interpretation der Texte ‘Arkadien’, ‘Die erste Reihe’, ‘Der Leutnant York von Wartenburg’ und ‘Die Kommandeuse’ vor. Auch in diesem Teil erweisen sich die ausgezeichneten Kenntnisse des Verfassers, die weit über Autor und Werk hinausweisen, als ein Fundus, von dem aus neue Perspektiven und einleuchtende Entwicklungslinien gezogen werden können.
Der literaturwissenschaftliche Ansatz, der hinter dieser Arbeit steckt, ermöglicht ein tiefes Verstehen der Zusammenhänge von Literatur und Gesellschaft. Während Pierre Bourdieus Theorie in der Literaturwissenschaft vornehmlich dazu genutzt wird, die Positionen des Autors/der Autorin im sozialen Raum zu bestimmen, wird hier eine neue Perspektive eröffnet, die Untersuchung dieses Einflusses gesellschaftlicher Positionierungen auf das Werk selbst. So lassen sich Stephan Hermlins Texte als Spuren der durch seinen Habitus ausgelösten Kämpfe und Konflikte für eine gerechtere Gesellschaft und gleichzeitig als Zeichen der Bewegung in seinem gesellschaftlichen Umfeld lesen. Literatur wird in diesem Konzept gesellschaftlich verankert.
Die Utopieentwürfe Stephan Hermlins zielen ab auf eine Antizipation zukünftiger besserer Gesellschaftszustände, die über Veränderung des Individuums durch Kunst erreichbar scheinen. Verdeutlicht wird dadurch Stephan Hermlins Eingebundenheit in die kulturellen und politischen Diskurse seiner Zeit.
Literatur wird mit Hilfe der Theorie Pierre Bourdieus in ihrer Raumverbundenheit gesehen, d. h., die Unterschiede im gesellschaftlich-kulturellen Raum werden unter Berücksichtigung ihrer Systembedingungen lokalisiert, identifiziert und analysiert. So wird der Produktionsraum ausgemessen, der den AutorInnen für ihre Dispositionen, Stellungnahmen und deren ästhetischen Reflexionen zur Verfügung stand.
Dieses Buch leistet einen grundlegenden Beitrag zum besseren Verständnis der frühen DDR-Literaturlandschaft. Denn in dieser Zeit wurden die ideologischen Bande zwischen den Intellektuellen und der Politik geknüpft, die - mit gewissen Modifizierungen - bis zum Ende des Staates 1989 ihre Gültigkeit besaßen und sich auf Literatur und ihre Produktionsbedingungen auswirkten. Die enge Verbindung zwischen diesen beiden Sphären, die gegenseitige Einflußnahme und die Auseinandersetzung um die Definitionshoheit über den Begriff Kultur werden im Leben und Werk Stephan Hermlins gespiegelt.
Das Buch überzeugt durch klare Fragestellungen, durch die engagierte Auseinandersetzung mit Leben und Werk Stephan Hermlins. Sein Werk steht paradigmatisch für eine Kulturpolitik der sowjetischen Besatzungszone und frühen DDR, denen bürgerlich sozialisierte Intellektuelle nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesetzt waren.
 

PD Dr. Hannelore Scholz
 
 

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