Klaus F. Gille: 

"Zwischen Kulturrevolution und Nationalliteratur. Gesammelte Aufsätze zu Goethe und seiner Zeit."

mit einem Geleitwort von Karl Robert Mandelkow, trafo verlag 1998, 308 S., geb., ISBN 3-89626-114-2, EUR 34,80

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In dieser Sammlung von Aufsätzen aus der Feder von Klaus F. Gille wird Goethes Klassizität als historisch rekonstruierbares Rezeptionsphänomen verstanden. Sie soll nicht einschüchtern, sondern uns aus sozialhistorischem Blickwinkel helfen, unsere eigene Zeit im Horizont der Fragestellungen zu verstehen, die die Gesellschaft in Deutschland und Europa schon um 1800 bewegten.
So werden “Werthers Leiden” im rationalitätskritischen philosophischen Diskurs der Moderne betrachtet, als kulturrevolutionärer Gegenentwurf zum damals schon alles beherrschenden Zweckrationalismus. Am Beispiel von Goethes Zeitgenossen Friedrich Nicolai, Jakob Michael Reinhold Lenz und Johann Carl Wezels wird gezeigt, wie die Konstellation von Rationalitätsdiskurs und erstrebtem “authentischen” Leben zu eigenen, mit Goethes “Werther” konkurrierenden Alternativmodellen führt.
Der “romantische” Goethe hat ebenfalls in den Rationalitätsdiskurs eingegriffen. Sehr deutlich ist dies bei Bettina von Arnim zu sehen, die sich in der Adaption von Goethes Mignongestalt ein Identifikationsmedium schafft, um in weiblicher Selbstfindung den Zwängen bürgerlicher Sozialisation zu entgehen.
Einen zweiten thematischen Schwerpunkt dieser Aufsatzsammlung bildet die Kanonisierung des Goetheschen Werkes. Goethes Weg zum klassischen Nationalautor und die damit verbundenen Verkürzungen zugunsten einer affirmativen Weimarer Klassik werden im letzten der hier vorgelegten Aufsätze nachgezeichnet.
Diese Aufnahme ins kollektive Gedächtnis der Nation verläuft nicht bruch- und widerspruchslos; das zeigt sich an einzelnen Knotenpunkten dieses Prozesses, die hier näher untersucht werden. Nach der enthusiastischen und sachkundigen Würdigung von Goethes Werken durch den Frühromantiker Friedrich Schlegel setzt sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ein zunehmend goethekritischer Diskurs durch. Einer der Gründe hierfür ist die politische Askese der Weimarer Klassik, die – in Schillers Formulierung – “die Schönheit der Freiheit vorangehen lassen” wollte.
Exemplarisch für die Kritik an dieser Haltung stehen zwei Aufsätze: Die Überlegungen zu Franz Mehrings Frage, inwieweit Goethe und Schiller für das Proletariat des 19. und 20. Jahrhunderts noch Vorbildfunktion haben können, führen über die Erbediskussion des 20. Jahrhunderts hinaus bis hin zu Rudolf Bahros “Alternative”. Als Beispiel für Klassikkritik im 20. Jahrhundert wird eine despektierliche “Tasso”-Aufführung im antiautoritären Klima Westdeutschlands der endsechziger Jahre untersucht und auf ihre hermeneutischen Voraussetzungen und Konsequenzen hin befragt.
Komplementär zu dieser goethekritischen Betrachtungsweise steht die Heimholung des Dichters: Für die ideologischen Bedürfnisse der Nation ist Faust die Leitfigur geworden, die mit ihrem Streben dem Zweiten und dem Dritten Reich sowie der DDR kulturelle Legitimation verschaffen sollte, während die alte BRD ihn auf nicht weniger problematische Weise entpolitisierte.
Neben Handlungsanleitung und Kanonisierung tritt als dritter Schwerpunkt dieser Sammlung der politische Goethe. Der Dichter war von der Französischen Revolution traumatisiert, und das bestimmte seine ablehnende Haltung gegenüber den politischen Partizipationsansprüchen der “Masse”, die sich in Deutschland während der aufkommenden Nationalbewegung artikulierten. Die Aufsätze über die “Natürliche Tochter” und “Des Epimenides Erwachen” gehen diesen Fragen nach, untersuchen das Verhältnis von hohem Stil und politischer Auseinandersetzung und analysieren Goethes utopische Alternativmodelle zu den real existierenden politischen Verhältnissen. Ergänzend zu den literarischen Stellungnahmen steht der bekenntnishafte Brief an den angehenden Diplomaten Franz Bernhard von Bucholtz aus dem Jahre 1814, der die differenzierteste unter den eindeutig authentischen nichtliterarischen Äußerungen Goethes zur Nationalbewegung darstellt. In der Analyse dieses Briefes entfaltet sich das breite Spektrum des politischen Denkens Goethes.
 
 

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort    7
Karl Robert Mandelkow
 

Die Leiden und Freuden des jungen Werthers    11

"Ein gekreuzigter Prometheus". Zu Lenz und Werther    29

"Märtyrer seines guten Herzens" - Bemerkungen zur Nicht-kanonisierung von Johann Carl Wezels Roman Belphegor    49

"Erlaubt ist, was sich ziemt ..." - Hermeneutische Überlegungen zum Umgang mit dem Klassischen    69

"Der anmutige Scheinknabe". Bettina von Arnims und Goethes Mignon    91

Die natürliche Tochter - Zu Goethes Versuch einer Kritik der Krise    111

Des Epimenides Erwachen - Goethe und die deutsche Nationalbewegung    133

Goethe an Buchholtz, 14. Februar 1814. Aspekte der Stellung Goethes zur Nationalbewegung    149

"wer immer strebend sich bemüht ..." - Überlegungen zur Faustrezeption    179

Der Autor und sein intendierter Leser - Zur textexternen Rezeptionssteuerung am Beispiel von Goethes Faust II    203

"Daß ich die Schönheit der Freiheit vorangehen lasse ..." - Zu einigen Aspekten der Antikerezeption in der Weimarer Klassik    225

Proteus in der Morgenröte - Zu Friedrich Schlegels Goethekritik in der frühromantischen Phase    245

"Nur eine wertlose Scherbe" - Zur Rezeption der Weimarer Klassik bei Franz Mehring    259

"Wann und wo entsteht ein klassischer Nationalautor?"    279

Personenregister    304

Register von Goethes Werken 308

 

Weitere Informationen über den Autor sowie seine publizistischen Arbeiten finden Sie auf der Homepage des Autors:

http://www.hum.uva.nl/kgille