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Hoffmann, Volker 

Der Dienstälteste von Plötzensee. – Das zerrissene Leben des Musikerziehers Alfred Schmidt-Sas (1895–1943) 

Kritische Biographie mit einem Geleitwortwort von Gisela May und einem Nachwort von Johannes Tuchel, [= Biographien europäischer Antifaschisten, Bd. 2], 1998, 321 S., 87 Fotos und Dok., geb., Register, ISBN 3-89626-089-8, EUR 29,80

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Gisela May: Erinnerungen an meinen Sas

1. Ein musikalisches Wunderkind

2. Ein Suchender im Lehrerseminar

3. Mit Buddha in den Tod

4.  Lehrer oder Musiker?

5. Der Anarchist

6. Metallarbeiter auf Wanderschaft

7.  Der neue Lehrer

8. In der Scheinwelt der “Katakombe”

9. Sas’ Weg zu den Kommunisten

10. Der Parteiausschluß

11. Erste Haft und Berufsverbot

12. Entscheidung für die Musik

13. Musikerziehung und antifaschistische Haltung

14. Der Berliner Musikerzieher – in Italien

15. Zwischen Berlin, Leipzig und Schlegel

16. “Fühlung” mit der Reichsmusikkammer

17. Kriegsanfang und Suche nach Liebe

18. Abzugsgeräte und Flugblätter

19. Am Rande des Widerstandes

20. In der Hand der Gestapo

21. Im KZ – und wieder frei

22. Die zweite Verhaftung

23. Der Prozeß

24. Leben dicht am Tod

25. Solidarität für einen Todgeweihten

26. “Der Dienstälteste von Plötzensee”

27. Die Hinrichtung

28. Sas’ doppelter Nachlaß

29. Erinnerungen zwischen Ost und West

Schluß

Nachwort von Johannes Tuchel

Literatur und Anmerkungen

Gedichte aus der Todeszelle

Personenregister

 

Zum Inhalt

Alfred Schmidt-Sas, von seinen Freunden Sas genannt (Schmidt aus Schlegel/Lausitz), war 1914 Kriegsfreiwilliger, 1918 entschiedener Kriegsgegner, dann Sozialist und Anarchist, Metallarbeiter, Musiklehrer in Leipzig, ein ebenso leidenschaftlicher wie eigensinniger Schulreformer, zwei Jahre KPD-Mitglied, wegen “rechter Abweichungen” in der Frage der “Vaterlandsverteidigung” ausgeschlossen, aber weiterhin in enger Verbindung mit seinen Genossen.
1933: illegale Arbeit, nach kurzer Schutzhaft Berufsverbot. Nach der Übersiedlung nach Berlin Arbeit als Musikerzieher und allmähliche Entfernung von der Politik und vom Widerstand der KPD.

Bei Kriegsbeginn 1941 vorsichtige Wiederaufnahme der illegalen Arbeit. Sas bringt Lenin-Schriften von Leipzig nach Berlin und stellt eine Verbindung zwischen dem Berliner und Leipziger Widerstand her.

Im Herbst 1942 wegen Vorbereitung zum Hochverrat vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, sitzt er länger als jeder andere seinerzeit Verurteilte in der Todeszelle – mit Galgenhumor nennt er sich “Dienstältester von Plötzensee”. In dieser Zeit schreibt er fieberhaft gegen Angst und Verzweiflung an: Gedichte, Briefe und kleine Melodien, die vom Gefängnispfarrer Poelchau aus der Todeszelle geschmuggelt werden. Auf Grund der unermüdlichen Bemühungen seiner Frau sowie von Freunden und Genossen hat er Aussicht, begnadigt zu werden. Am 5. April 1943 – obwohl sein Gnadengesuch bereits durch ist – wird er aber dennoch hingerichtet.

Die Dokumente aus Alfred-Schmidt-Sas’ Todeszelle sind vollständig erhalten und stellen ein erschütterndes Seelenprotokoll eines Menschen dicht am Tode dar, mit dem nur wenige Gefängnisbriefe anderer Häftlinge zu vergleichen sind. Sie sind zugleich Zeugnisse eines einsamen Sieges über die Nationalsozialisten im Stalingradwinter 1942/43.

Mit dem Sas, den Volker Hoffmann in seinem Buch porträtiert, verlieren wir das Bild eines geradlinigen kommunistischen Widerstandskämpfers, jedenfalls jenes, das bei vielen Ehrungen zu DDR-Zeiten gezeichnet wurde. Denn die nun zum ersten Mal vollständig zusammengetragenen und einfühlsam interpretierten Materialien zeigen eindeutig, daß Sas dies nicht war. Lange Zeit standen sein berufliches Fortkommen, das eine enge Verbindung zur hitlerschen Reichsmusikkammer einschloß, und seine künstlerische Selbstverwirklichung im Vordergrund.

Aber wir gewinnen zugleich die Kenntnis von einem charismatischen Lehrer, Künstler und Musikerzieher, der es verstanden hat, auch unter dem Hakenkreuz einen schöpferischen Unterricht zu gestalten, mit dem er gegen den Strom der völkischen Musikerziehung geschwommen ist und junge Menschen zu einem aufrechten Gang geführt hat, wie z. B. seine erste Leipziger Musikschülerin Gisela May.

Und wir lernen einen Menschen kennen, der im entscheidenden Moment die Kraft aufgebracht hat, seine Zurückhaltung gegenüber der Politik aufzugeben und sich dem Widerstand  wieder zur Verfügung zu stellen. Diese Wende am Ende seines Lebens, ihre inneren und äußeren Bedingungen und die Menschen, die sie angestoßen und begleitet haben, stehen im Zentrum des Buches.

Gestützt auf Verfolgerakten, persönliche Dokumente und Erinnerungen von Zeitzeugen zeichnet Volker Hoffmann Sas’ Lebensweg akribisch nach – einen Weg der Begeisterung für große Ideale, für die Befreiung der Menschheit von Ausbeutung und Unterdrückung, zugleich ein Weg großer Täuschungen und Selbsttäuschungen, aber auch der selbstkritischen Lebensbilanz und des neuen Beginnens unter dem drohenden Fallbeil.

“Das Buch hat mich nicht geschont. An manchen Stellen habe ich mich zwingen müssen, weiter zu lesen. Aber ich habe es getan, wenn es auch länger als ein halbes Jahr gedauert hat.

Sas’ Porträt auf meinem Korridor, aber auch eine Bronzebüste in meinem Bücherregal, von Rose Wittfogel geformt, die zunächst in meinem Elternhaus einen Ehrenplatz eingenommen hatte und später als Erbe in meinen Besitz überging, sehe ich jetzt mit anderen Augen. Sas ist mir wieder ganz nah, ganz gegenwärtig.”  (Gisela May)

 

 

© trafo verlag dr. wolfgang weist, Berlin