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Kritische Biographie mit einem Geleitwortwort von Gisela May und einem Nachwort von Johannes Tuchel, [= Biographien europäischer Antifaschisten, Bd. 2], 1998, 321 S., 87 Fotos und Dok., geb., Register, ISBN 3-89626-089-8, EUR 29,80
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InhaltsverzeichnisVorwort
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Alfred Schmidt-Sas, von seinen Freunden Sas genannt
(Schmidt aus Schlegel/Lausitz), war 1914 Kriegsfreiwilliger, 1918 entschiedener
Kriegsgegner, dann Sozialist und Anarchist, Metallarbeiter, Musiklehrer
in Leipzig, ein ebenso leidenschaftlicher wie eigensinniger Schulreformer,
zwei Jahre KPD-Mitglied, wegen “rechter Abweichungen” in der Frage der
“Vaterlandsverteidigung” ausgeschlossen, aber weiterhin in enger Verbindung
mit seinen Genossen.
1933: illegale Arbeit, nach kurzer Schutzhaft
Berufsverbot. Nach der Übersiedlung nach Berlin Arbeit als Musikerzieher
und allmähliche Entfernung von der Politik und vom Widerstand der
KPD.
Bei Kriegsbeginn 1941 vorsichtige Wiederaufnahme
der illegalen Arbeit. Sas bringt Lenin-Schriften von Leipzig nach Berlin
und stellt eine Verbindung zwischen dem Berliner und Leipziger Widerstand
her.
Im Herbst 1942 wegen Vorbereitung zum Hochverrat
vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, sitzt er länger als jeder
andere seinerzeit Verurteilte in der Todeszelle – mit Galgenhumor nennt
er sich “Dienstältester von Plötzensee”. In dieser Zeit schreibt
er fieberhaft gegen Angst und Verzweiflung an: Gedichte, Briefe und kleine
Melodien, die vom Gefängnispfarrer Poelchau aus der Todeszelle geschmuggelt
werden. Auf Grund der unermüdlichen Bemühungen seiner Frau sowie
von Freunden und Genossen hat er Aussicht, begnadigt zu werden. Am 5. April
1943 – obwohl sein Gnadengesuch bereits durch ist – wird er aber dennoch
hingerichtet.
Die Dokumente aus Alfred-Schmidt-Sas’ Todeszelle
sind vollständig erhalten und stellen ein erschütterndes Seelenprotokoll
eines Menschen dicht am Tode dar, mit dem nur wenige Gefängnisbriefe
anderer Häftlinge zu vergleichen sind. Sie sind zugleich Zeugnisse
eines einsamen Sieges über die Nationalsozialisten im Stalingradwinter
1942/43.
Mit dem Sas, den Volker Hoffmann in seinem Buch
porträtiert, verlieren wir das Bild eines geradlinigen kommunistischen
Widerstandskämpfers, jedenfalls jenes, das bei vielen Ehrungen zu
DDR-Zeiten gezeichnet wurde. Denn die nun zum ersten Mal vollständig
zusammengetragenen und einfühlsam interpretierten Materialien zeigen
eindeutig, daß Sas dies nicht war. Lange Zeit standen sein berufliches
Fortkommen, das eine enge Verbindung zur hitlerschen Reichsmusikkammer
einschloß, und seine künstlerische Selbstverwirklichung im Vordergrund.
Aber wir gewinnen zugleich die Kenntnis von einem
charismatischen Lehrer, Künstler und Musikerzieher, der es verstanden
hat, auch unter dem Hakenkreuz einen schöpferischen Unterricht zu
gestalten, mit dem er gegen den Strom der völkischen Musikerziehung
geschwommen ist und junge Menschen zu einem aufrechten Gang geführt
hat, wie z. B. seine erste Leipziger Musikschülerin Gisela May.
Und wir lernen einen Menschen kennen, der im
entscheidenden Moment die Kraft aufgebracht hat, seine Zurückhaltung
gegenüber der Politik aufzugeben und sich dem Widerstand wieder
zur Verfügung zu stellen. Diese Wende am Ende seines Lebens, ihre
inneren und äußeren Bedingungen und die Menschen, die sie angestoßen
und begleitet haben, stehen im Zentrum des Buches.
Gestützt auf Verfolgerakten, persönliche
Dokumente und Erinnerungen von Zeitzeugen zeichnet Volker Hoffmann Sas’
Lebensweg akribisch nach – einen Weg der Begeisterung für große
Ideale, für die Befreiung der Menschheit von Ausbeutung und Unterdrückung,
zugleich ein Weg großer Täuschungen und Selbsttäuschungen,
aber auch der selbstkritischen Lebensbilanz und des neuen Beginnens unter
dem drohenden Fallbeil.
“Das Buch hat mich nicht geschont. An manchen
Stellen habe ich mich zwingen müssen, weiter zu lesen. Aber ich habe
es getan, wenn es auch länger als ein halbes Jahr gedauert hat.
Sas’ Porträt auf meinem Korridor, aber auch
eine Bronzebüste in meinem Bücherregal, von Rose Wittfogel geformt,
die zunächst in meinem Elternhaus einen Ehrenplatz eingenommen hatte
und später als Erbe in meinen Besitz überging, sehe ich jetzt
mit anderen Augen. Sas ist mir wieder ganz nah, ganz gegenwärtig.”
(Gisela May)
© trafo verlag dr. wolfgang weist, Berlin